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Roland Merten (Hrsg.): Sozialraumorientierung

Roland Merten (Hrsg.): Sozialraumorientierung. Zwischen fachlicher und rechtlicher Machbarkeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 222 Seiten. ISBN 978-3-7799-1097-8. 18,00 EUR, CH: 31,30 sFr.
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Einführung

Der Entstehungsimpuls für das Buch 'Sozialraumorientierung. Zwischen fachlicher Innovation und rechtlicher Machbarkeit' geht aus einer Fachtagung in Lüneburg im Sommer 2001 hervor, bei welcher kontroverse Positionen zur Sozialraumorientierung vorgestellt und "in offenen, bisweilen hitzigen Diskussionen ausgefochten" wurden. Der Herausgeber hofft in seiner Einleitung, "dass der vorliegende Band die in ihm liegenden kritischen wie konstruktiven Impulse auf die weitere Diskussion entfalten wird und auf die fortdauernde praktische Realisierung sozialräumlicher Projekte einen positiven Einfluss nimmt. Beide Hoffnungen sind außerordentlich anspruchsvoll, aber mit weniger sollte sich Soziale Arbeit nicht zufrieden geben!" (S. 16).

Hintergrund und Thema des Buches

Angesichts knapper Kassen ist überall Sparen notwendig und der Druck zur Um- bzw. Neuorientierung lastet auch auf den verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe. Eine allgemeine Verunsicherung ist spürbar. Die 'Sozialraumorientierung' erscheint vielen TheoretikerInnen und PraktikerInnen Rettungsanker und Heilmittel zugleich zu sein. Kein Wunder, dass vor diesem Hintergrund Sozialraum-Publikationen wie Pilze aus dem Boden schießen. Bedenklich ist allerdings, dass der 'Sozialraum' zu einem inflationären und, wegen seiner Unschärfe, beinahe schon unbrauchbaren Begriff geworden ist, noch bevor eine fundierte theoretische Grundlegung und Konkretisierung stattgefunden hat.

Mit dem Fokus der Erziehungshilfen und dem Umbau derselben wird im vorliegenden Band die Sozialraumorientierung im Spannungsbogen von fachlicher Innovation und rechtlicher Machbarkeit ausgelotet und konkretisiert.

Der Herausgeber

Dr. Roland Merten ist wissenschaftlicher Assistent im Fachbereich Erziehungswissenschaften am Institut für Pädagogik am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Theorien der Sozialarbeit/Sozialpädagogik, sozialpolitischen Bedingungen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik und erziehungswissenschaftliche Kinder- und Jugendforschung.

Aufbau, Gliederung und Inhalt

Roland Merten schreibt in der Einleitung zu seinem Band 'Sozialraumorientierung. Zwischen fachlicher Innovation und rechtlicher Machbarkeit': "Wer sich in diese Debatte begibt, findet sich unversehens in unwegsamen Gelände und sieht sich schnell in ein hitziges Gefecht hineingezogen, innerhalb dessen Positionierungen abverlangt werden" (S. 9f.) Ihm gelingt es, den Sammelband zu positionieren, indem er die Sozialraumorientierung auf die Diskussion um den 'Umbau der Hilfen zur Erziehung' eingrenzt. Der/die LeserIn muss sich nicht durch den Dschungel der Sozialraumpublikationen kämpfen, sondern hier wird der Status Quo dieses aktuellen Teilstrangs der Kinder- und Jugendhilfediskussion serviert.

Breit ist die Spannweite von historischen und aktuellen Entwicklungslinien sozialpädagogischer Konzepte, die im ersten Kapitel von den beiden sehr unterschiedlichen AutorInnen umrissen werden: Wolfgang C. Müller beginnt mit einigen historischen Wurzeln sozialräumlicher Konzepte, die in der gegenwärtigen Diskussion nicht berücksichtigt werden, verliert dabei jedoch die aktuelle Debatte aus den Augen. Mechthild Wolff zeigt am Beispiel der Diskussion um 'Integrierte Erziehungshilfen' den Trend von schnelllebigen Modekonzepten auf - sie sind in aller Leute Munde und schnell wieder vergessen, ohne viel zu bewirken. Dies befürchtet sie auch für die gegenwärtige Sozialraumdiskussion. Sie vertritt in ihrem Aufsatz die Forderung der verstärkten Subjektperspektive in der Jugendhilfe.

Im zweiten Kapitel werden noch einmal sehr anschaulich die beiden Praxismodelle dargestellt, die so oft rezipiert werden, das manchmal der Eindruck entsteht, es gäbe keine anderen: Das Stuttgarter Modell der Reform der Erziehungshilfen und das Integra-Vorzeigeprojekt von Celle. Eine gute Gelegenheit mit den Beiträgen von Marie-Luise Stiefel (Stuttgart) und Georg Schäfer (Celle) einmal die Originalfassungen von AutorInnen, die die Umsetzung auch mitgelebt haben, nachzulesen. Im dritten Kapitel zu Pro und Contra der Sozialraumorientierung beginnen die Beiträge im Unterkapitel 'sozialpädagogische Perspektiven' sehr spannend, jedoch auch ziemlich heterogen. Sie drohen insbesondere im zweiten Unterkapitel 'rechtliche Perspektiven' genau da zu enden, wovor Merten in seiner Einleitung warnt: In einem hitzigen Gefecht. Der letzte Teil des Bandes ist geprägt von einem Grabenkampf zwischen dem gemeinwesenorientierten Ansatz von Wolfgang Hinte und den Juristen in der Debatte (hier mit Reinhard Wiesner, Albert Krölls und Jochen Baltz), ohne jedoch das Innovationspotenzial beider Positionen herauszuarbeiten. So gehen darin dann leider auch die differenzierteren Auseinandersetzungen zu Sozialraumorientierung wie die von Werner Schipmann (Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe. Kritische Anmerkungen zu einem (un)zeitgemäßen Ansatz), Mechthild Wolff (Integrierte Hilfen vs. versäulte Erziehungshilfen. Sozialraumorientierung jenseits der Verwaltungslogik) oder Ulrich Deinet ("Aneignung" und "Lebenswelt" - der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit) unter.

Zielgruppen

Der Band richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich mit dem Themenfeld der erzieherischen Hilfen und dem Umbau derselben befassen sowie an solche, die an der Konkretisierung des sozialräumlichen Prinzips in diesem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe interessiert sind. Lesenswert ist Mertens Band sowohl für die PraktikerInnen, als auch für Personen, die sich mit juristischen Fragen befassen.

Fazit

In dem Band wird eine ganz bestimmte Perspektive des Handlungsprinzips Sozialraumorientierung eingenommen: Das Feld der Hilfen zur Erziehung. Dies wird beim betrachten der Bibliografie deutlich, die für den Bereich sehr ausführlich und brauchbar ist. Originell ist, dass die Literaturempfehlungen nicht wie üblich am Schluss stehen, sondern gleich nach Mertens Einleitungstext. Damit kommt er den Lesegewohnheiten vieler WissenschaftlerInnen sehr entgegen. Der Nachgeschmack: Das Unbehagen, dass die Sozialraumorientierung doch nur Sozialraumbudgetierung bedeutet, scheint hier bestärkt - die Kinder und Jugendlichen und ihre sozialräumlichen Probleme geraten aus dem Blick.

Für weitere Ausführungen zu diesem Buch vgl. die Sammelrezension mit dem Titel ‘Sozialraumorientierung: Rettungsanker und Heilmittel‘ erschienen in der Zeitschrift Sozial Extra 1/2003 ‘Soziale Stadt und Soziale Arbeit‘, S. 45/46


Rezension von
Prof. Dr. Christian Reutlinger
Ostschweizer Fachhochschule
Institut für Soziale Arbeit und Räume IFSAR
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 25.02.2003 zu: Roland Merten (Hrsg.): Sozialraumorientierung. Zwischen fachlicher und rechtlicher Machbarkeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. ISBN 978-3-7799-1097-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/717.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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