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Peter Gross, Karin Fagetti: Glücksfall Alter

Cover Peter Gross, Karin Fagetti: Glücksfall Alter. Alte Menschen sind gefährlich, weil sie keine Angst vor der Zukunft haben. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 191 Seiten. ISBN 978-3-451-29938-4. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Bei aller Alters-Furcht vor Siechtum und Sinnieren über die zunehmende Altenlast wird mit dem Titel „Glücksfall Alter“ endlich einmal ein tröstliches Buch zum Entspannen vorgelegt. Altern mit Gelassenheit, im Alter Zeit haben und Kreativität mobilisieren: Das führen uns die beiden verschiedenen Generationen angehörenden Autoren Peter Gross und Karin Fagetti in ihrem bei Herder erschienenen, 191 Seiten starken Buch „Glücksfall Alter“ vor. Sie versuchen, uns ohne Drohfinger eine lockere Regieanweisung für ein Alter zu geben, das sie gar nicht mehr im herkömmlichen Sinn als Defizitsituation oder Restzeit begreifen, sondern eher als Chance zum Umsteuern durch Loslassen.

Autor und Autorin

Professor Dr. rer. pol. Peter Gross ist Emeritus der Universitäten Bamberg und St. Gallen und arbeitete auf den Grenzgebieten zwischen Soziologie und Theologie. Die etwa eine Generation jüngere Karin Fagetti publiziert als freie Journalistin in der Schweiz.

Aufbau und Inhalt

Die insgesamt 15 Kapitel ihres „Glückfall Alter“ wollen die beiden Autoren (Seite 11) in drei Abschnitte gegliedert sehen.

  1. Im ersten Abschnitt der Kapitel 1 bis 5 kehren sie sich von landläufigen Gemeinplätzen und Vorurteilen ab über defizitäres Alter und gesellschaftliche Altenlast. Sie rufen vielmehr dazu auf, neue Alters-Verhaltensweisen zu erproben und zu leben.
  2. Der zweite, die Kapitel 6 bis 10 umfassende Teil dieses Mutmach-Buchs behandelt den demografischen Wandel mit Betrachtungen über Arbeit, Generationen, Geld, Wohnen und Engagement.
  3. Im dritten Teil mit den Kapiteln 11 bis 15 werden die Fülle an Möglichkeiten der Zeitverwendung im Alter reflektiert, die aber auch den gemäßen, zuwartenden Umgang mit Sterben und Tod einschließen.

Als Gebrauchsanweisung werden am Ende noch 15 Thesen für das Alter, aber auch das entspannte Miteinander der Generationen gegeben, die als Quintessenz aus den voran gegangenen 15 Kapiteln fließen.

Diskussion

Es hat etwas ungemein Befreiendes, an das Alter einmal entspannt und gelassen heran zu gehen, wie uns das Peter Gross und Karin Fagetti vormachen: Mehr Platz, mehr Zeit, mehr Zuneigung, mehr Freiheit, mehr erlaubte Schwäche: Das alles bieten uns die schrumpfenden, postmodernen Gesellschaften.

Dass man so „gerne alt“ wird, wie die Autoren mutmaßen, unterschreibt aber dennoch wohl nicht jeder. Denn die Entpflichtungsphase nach den familialen und beruflichen Pflichtjahren sind noch nicht für alle einsehbar gefüllt und gesellschaftlich funktionabel gemacht, als dass es für die Alten keine Leere mehr gäbe. Das wird auch eingeräumt (Seite 70). Das zu beschreibende „weiße Blatt“ (Seite 23) bleibt vorerst für viele weiterhin weiß. Daraus, dass es jeder dann doch irgendwie füllt, entsteht noch keine gesellschaftliche Norm.

Die „rollenlose Altersrolle“ holt auch die Autoren ein, weil auch sie uns nicht sagen können, wohin denn nun die Reise der sinnsuchenden Alten gehen soll: In den festhaltenden Jugendwahn sicher nicht. Aber stattdessen nur zur gelassenen, loslassenden Altersweisheit? Die beiden Autoren möchten neue Tätigkeitsfelder für die Alten jenseits des Ehrenamts und der unbezahlten Freiwilligenarbeit erschließen, die die Alten mangels Bezahlung angeblich nicht wollen (Seite 82). Bloß: Welche neuen Betätigungen bleiben dann noch? Das sagen uns die Autoren auch nicht. Mehr politische Mitgestaltung, wo doch Alte auch keinem Sanktions- und Disziplinierungs-Druck mehr unterliegen, wäre eine Antwort, die man vergeblich sucht.

Im Ergebnis kommt auch „Glücksfall Alter“ nicht über den Dualismus von Aktivitäts- und Disengagementtheorie hinaus, den die Gerontologie ohnehin längst in einer individuell je unterschiedlich gewichteten Zusammenschau sieht. So wird für das „junge Alter“ eine Balance zwischen Noch-Gebraucht-Werden und Frei-Sein empfohlen. Bewusstes Auswählen unter Möglichem, wird angeraten. Das empfehlen andere auch.

Dann wird im Anschluss an Pater Anselm Grün wohl eher für die Alt-Alten das Loslassen von Überflüssigem propagiert, der „geordnete Rückzug“ als Entsprechung der Endlichkeit und Begrenztheit des Lebens. Die „offene Zukunft“ jenseits des Todes könne die Ängste vor dem Ende abbauen. Der souverän Sterbende möge sich in die Hände anderer begeben.

Bei allem Philosophischen und Transzendenten schildern die Autoren etwas irrlichternd aber auch den ökonomischen Druck in Jugendgesellschaften, von dem altersdominierte Gemeinwesen befreit seien, und die Produktivität der Roboterhilfen, die unseren entwickelten Gesellschaften zugute kämen.

Fazit

Ein optimistisches Alters-Buch wird vorgelegt. Seine Offenheit ist seine Stärke: Jeder konstruiert sein eigenes Alter. Die Unverbindlichkeit ist aber zugleich auch Schwäche: Von einem Ratgeber erhofft man sich doch etwas mehr Verbindlichkeit. Rezepte werden vom Autoren-Duo nämlich mal verworfen, denn jeder erfinde sein Alter selbst, mal anempfohlen: Loslassen, Weiterbildung, Sterben mit außerirdischen Horizonten werden vorgeschlagen. Man mag sich‘s also aussuchen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 03.03.2009 zu: Peter Gross, Karin Fagetti: Glücksfall Alter. Alte Menschen sind gefährlich, weil sie keine Angst vor der Zukunft haben. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. ISBN 978-3-451-29938-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7172.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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