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Jürgen Friedrichs, Sascha Triemer: Gespaltene Städte?

Cover Jürgen Friedrichs, Sascha Triemer: Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 181 Seiten. ISBN 978-3-531-16301-7. 24,90 EUR.
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Thema

Schon der Titel als Frage lässt vermuten, dass es sich hier um eine differenziertere Analyse und Begründung der These von der Spaltung der Städte handelt, die die augenblickliche Diskussion um die Entwicklung vor allem der Großstädte beherrscht.

Autoren und Entstehungshintergrund

Jürgen Friedrichs Professor Emeritus im Forschungsinstitut für Soziologie der Universität zu Köln und Sascha Triemer, der in diesem Institut wissenschaftlicher Mitarbeiter war und jetzt in der "Planungsgesellschaft Verkehr Köln" arbeitet, legen eine mehrjährige Untersuchung in 15 deutschen Großstädten vor. Gegenstand dieser Untersuchung ist der Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung, Einkommensungleichheit und steigender Armut.

Untersuchung und Ergebnisse

Die Autoren untersuchen in diesen 15 Städten die Auswirkungen dieser Bedingungen auf die sozialräumliche Verteilung der Bevölkerung, auf die Art und das Ausmaß sozialräumlicher Segregation vor allem der Armen und der Migranten.

Die theoretische Ausgangsposition dieser Untersuchung basiert auf zwei Hypothesen:

  1. Es gibt immer noch einen Zusammenhang von sozialer und ethnischer Segregation, der sich in der Konzentration der Armen und Migranten in bestimmten Stadtquartieren zeigt.
  2. Die Homogenität solcher Quartiere - hier leben nur Arme und Migranten - führt zu spezifischen Quartierseffekten, also strukturell erzeugten Bedingungen des Lebens und Handelns, die die Autoren Kontexteffekte nennen und die sich aus der Struktur der Quartiere, aus ihre städtebaulichen Gestaltung, ihrer Anbindung an die Kernstadt etc. ergeben.

Um die Ergebnisse in wesentlichen Punkten vorwegzunehmen (S. 117):

  • Die soziale Segregation hat zwischen 1990 und 2000/2005 zugenommen, die ethnische Segregation hat abgenommen. Die Städte sind eher sozial als ethnisch gespalten.
  • Die räumliche Segregation korreliert sehr stark mit der Armutssituation oder mit der Situation als Migrant; die meisten Armen und die meisten Migranten finden wir konzentriert in solchen benachteiligten Quartieren.
  • Je höher der Anteil der Migranten in einer Stadt, desto geringer ist deren Segregation
  • Am Beispiel Kölns kann nachgewiesen werden, dass sich die - armen? - Deutschen und die Migranten ähnlicher geworden sind, die Polarisierung zwischen den Migrantengruppen aber zugenommen hat.
  • Immer noch sind solche Quartiere abgekoppelt von der ökonomischen Dynamik der Stadt, wirtschaftliches Wachstum schlägt sich bei den Armen überhaupt nicht durch, verbessert allenfalls die Chancen der Migranten.
  • Einkommensungleichheit verfestigt sich, aber die Zahl der Armen steigt und diese konnten im Zeitraum von 2001-2004 weniger Positionen in der nächst höheren Einkommensklasse erreichen.

Wie kommen die Autoren zu diesen Ergebnissen? Zunächst beschreiben die Autoren das Phänomen der Einkommenspolarisierung. Sie verstehen hierunter einen Prozess, "der sich darauf bezieht, wie sich die Einkommensverteilung oder das Ausmaß der räumlichen Verteilung von Bevölkerungsgruppen (aufgrund spezifischer Segregationsmerkmale) in einem Zeitraum verändert." (18 f). Sie unterlegen ihre Überlegungen mit weiteren Forschungsergebnissen auch im internationalen Kontext.

In diesem Begründungszusammenhang gehen die Autoren auch auf die Segregation ein, also auf die räumlichen Auswirkungen sozialer Ungleichheit und stellen sie ins Verhältnis zur sozialen Mischung. Wenn soziale Mischung ein Konzept ist, mit der negative soziale Segregationseffekte als Quartierseffekte verringert werden können, dann ist auf Stadtteilebene zu untersuchen, welche Ressourcen die Struktur eines Quartiers und seine Bevölkerung haben, die eine Mischung erlauben und das Quartier stärken, und zwar unabhängig von den individuellen Deprivationen oder Stärken der einzelnen Bewohner.

Die Autoren zitieren in diesem Zusammenhang eine Reihe von Forschungsergebnissen, die nicht alle auf einen Nenner zu bringen sind. Was aber evident ist, ist vielleicht die Erkenntnis, dass soziale Durchmischung in sozial und räumlich engen Grenzen denkbar ist. Einiges ist wohl auch über den Wohnungsmarkt steuerbar oder über die Aufwertung der Bausubstanz und des Wohnungsbestandes beeinflussbar.

Die Autoren gehen methodisch so vor, dass sie in den 15 größten deutschen Städten nicht ganze Stadtviertel untersuchen, sondern sich auf Quartiere beziehen, die sie dann Stadtteile nennen.

Ihr Untersuchungszeitraum umfasst die Zeit zwischen 1990 bis z. T. 2005. Die Daten stammen aus den Jahren 1990, 1995 und 2000, z. T. auch aus 2005.

Die üblichen Indikatoren für Segregation (z. B. Einkommen Berufstatus, Bildung, ethnische Zugehörigkeit) werden ergänzt durch ihren Bezug zu räumlichen Einheiten. Das Problem dabei ist, dass kleinere räumliche Einheiten auch homogener sind als größere und deshalb Segregation stärker zum Ausdruck kommt.

Soziale und ethnische Segregation

Friedrichs und Triemer gehen in zwei weiteren Kapiteln auf die zentralen Begriffe der Untersuchung ein: soziale und ethnische Segregation, um beide ins Verhältnis mit einander zu setzen.

Soziale Segregation

Fokus sozialer Segregation ist und bleibt in modernen - auch postindustriellen Gesellschaften - die Arbeit. Arbeit bleibt somit auch das zentrale Integrationsprinzip; aus der Integration in oder der Exklusion aus dem Arbeitsmarkt folgen andere zentrale Privilegierungen oder Deprivationen in anderen Handlungsfeldern.

Deshalb setzen die Autoren klassischerweise auch den Prozess der sozialen Segregation ins Verhältnis zum Prozess der Deindustrialisierung und ihren Folgen.

Dabei stellt sich Arbeitslosigkeit nicht nur als monokausale Folge des Deindustrialisierungsprozesses dar. Vielmehr wird dieser Prozess in der Regel auch begleitet von einem "mismatch" von angebotenen Stellen und qualifizierten Arbeitssuchenden.

Arbeitslosigkeit führt in der Regel zu Einkommenseinbußen und zu einer Einkommensungleichheit, die Folgen für andere Handlungsfelder hat. Zentrales Thema der Städte ist inzwischen die Wohnraumversorgung von Familien- und Einzelpersonenhaushalten, die sich nur noch Wohnraum im unteren Marktsegment leisten können - wenn überhaupt. Kommunale Wohnraumversorgung wird angesichts dieser Entwicklung das sozialpolitische Thema bleiben, zumal auch die Anzahl der Sozialhilfeempfänger steigt mit den üblichen Folgen für die Integrationskraft der Familie, für die Gesundheit und die psychosoziale Selbstwertregulation.

Die Autoren weisen an Hand einiger Untersuchungen in Städten drei relevante Entwicklungen nach (S. 34 f):

  1. in der Mehrzahl der Städte nehmen nicht nur die Armutsgebiete zu, sondern die armen Gebiete verarmen noch mehr; die Autoren verweisen auch auf Ausnahmen.
  2. Es gibt auch eine Reihe von Städten, in denen in vielen Stadtquartieren die Armutsquote gesunken ist.
  3. In allen Städten finden wir Quartiere, die über den gesamten Zeitraum relativ stabil geblieben sind, in denen sich die Armut weder erhöht noch verringert hat. Es kommt hier offensichtlich zu einer Verstetigung der Lebenslagen, die auf strukturelle sozialräumliche Bedingungen zurück zu führen sind oder aber auch auf eine Verstetigung der sozialpolitischen Unterstützungssysteme, die im Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" angelegt sind.

Wenn man versuchen wollte, soziale Segregation zu erklären, dann kann man nicht auf eine einheitliche Theorie zurückgreifen. Vielmehr kommt es auf die Verknüpfung von sozialstrukturellen Bedingungen auf der Makroebene mit Handlungs- und Kommunikationsbedingungen der sozialen Verortung auf der Mikroebene an. Auf der Makroebene sind es die Einkommensungleichheit und die Ungleichheit der Wohnraumversorgung, bedingt durch den Wohnungsmarkt.

Ethnische Segregation

Ethnische Segregation knüpft an den oben genannten Bedingungen der Makroebene an. Dazu kommt noch eine dritte Bedingung: Die Größe des Anteils von Migranten in einem Quartier. Je höher dieser Anteil ist, desto stärker ist die Segregation. Die Autoren belegen mit mehreren empirischen Studien, dass sich in Städten mit sehr hohen Migrantenanteilen die Migranten in bestimmten Stadtteilen konzentrieren.

Die Autoren konzentrieren sich auf die Makroebene, erwähnen nur rudimentär die Kommunikations- Anerkennungs- und Zugehörigkeitsprobleme auf der Handlungsebene.

Auf der Basis der Hypothese, dass die ethnische Segregation umso höher ist, je höher der Anteil der Migranten in der Stadt überhaupt ist und je höher der Anteil der Sozialwohnungen ist, analysieren die Autoren Stadtquartiere mit einem Ausländeranteil von mehr als 40%.

Da Migranten in der Regel wegen ihrer in der Regel auch niedrigen Qualifikation (Schulbildung und berufliche Ausbildung) eher auch von Armut betroffen sind, kann auch nachgewiesen werden, dass in Stadtteilen mit einem hohen Ausländeranteil auch die Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerquote relativ hoch ist. Die Autoren nehmen weiter an, dass höhere Anteile von Ausländern zu einer höheren Segregation führen und auch zu einer erhöhten Fluktuationsrate.

Für die Städte lassen sich im Wesentlichen vier Entwicklungsmuster herausschälen:

  1. Besonders Stadtteile nehmen zu, in denen es bereits schon 1990 hohe Ausländeranteile gab. Hingegen nehmen die Stadtteile mit einer sehr geringen Ausländerquote (- 10%) eher ab.
  2. In Stadtteilen mit relativ hohen Ausländerquoten nehmen die Anteile der Ausländer zu; in den anderen Stadtteilen jedoch nicht, dort nehmen sie sogar ab.
  3. Es gibt Stadtteile, in denen Ausländeranteile abnehmen.
  4. Und schließlich lässt sich beobachten, dass es in den meisten Städten ein Kerngebiet aus wenigen Stadteilen mit hohen Anteilen gibt, von dem aus sich die Anteile in benachbarte Stadtteile ausbreiten. (S. 76 f)

Der Zusammenhang von sozialer und ethnischer Segregation

Die Autoren fragen in Kapitel 5 nach der Stabilität sozialer und ethnischer Segregation. Der Zusammenhang dieser beiden Segregationstypen sei - so die Autoren - erstaunlich hoch - auch wenn man den Beobachtungszeitraum von 1990- 2005 berücksichtigt. Vor allem wenn man auf den Zusammenhang zwischen der Migrationssituation, der Arbeitslosigkeit und des Sozialhilfeempfangs abhebt, wird verständlich, warum eine niedrige Qualifizierung der Migranten Ursache auch für ihre prekäre sozioökonomische Lage ist, in die Armut führt und dann auch in einer prekäre Wohnraumversorgung.

Die Autoren greifen bei ihren Erklärungen für diese Zusammenhänge auf Hypothesen zurück, die sie auf Grund der theoretischen Zusammenhänge formuliert haben (112 f):

  1. Mit steigernder Bevölkerungsgröße nimmt auch die Segregation zu, und zwar sowohl die soziale Segregation als auch die sozialräumliche Differenzierung.
  2. Die Autoren stellen fest, dass bei einer Gegenüberstellung der Städte mit den geringsten (Dresden) und dem höchsten (Frankfurt) Anteil von Ausländern die Segregation sinkt bei steigendem Ausländeranteil. Das bedeutet:
  3. Mit einem höheren Anteil von Ausländern in einer Stadt nimmt die Segregation ab, weil auch die Ausländer untereinander um geeigneten und erschwinglichen Wohnraum ringen und nicht nur in Konkurrenz mit den Deutschen treten. Dadurch vermuten die Autoren eine höhere ethnische Mischung.
  4. Je größer der Bestand an Sozialwohnungen ist, desto stärker ist auch die Segregation. Auch dies konnte bestätigt werden, zumal - wie bereits oben erwähnt - vor allem eine ärmere Bevölkerung als Migranten auf erschwinglichen Wohnraum angewiesen ist, den gerade dann Kommunen anbieten. Diese Erkenntnis ist übrigens angesichts des Rückzugs vieler Kommunen und auch des Staates aus der Wohnraumförderung umso wichtiger, als gerade dieses Segment des Wohnungsmarktes angesichts der Nachfrage immer größere Bedeutung erhält.
  5. Mit hoher Fluktuation steigt auch das Ausmaß der Segregation. Allerdings nicht in dem Sinne, dass Deutsche wegziehen, weil Migranten nachziehen. Eher konnten die Autoren in Köln feststellen, dass es sich um eine (selektive) Zuwanderung von deutschen in Quartiere mit einem hohen Ausländeranteil handelt. Allerdings ist zu vermuten, dass es sich um solche Deutschen handelt, die in prekären sozialen Verhältnissen leben und eine ethnische Mischung damit vielleicht auch erschwert werden kann.

In einem material größeren Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der Untersuchung geographisch verortet und graphisch dargestellt und erläutert. Auch werden die Hypothesen mit den empirischen Ergebnissen konfrontiert, wie es eben klassische Sozialforschung tut.

Fazit

Die Arbeit wirft ein neues Licht auf die Segregationsforschung und auch auf die Theoriebestände der stadtsoziologischen Forschung, was die Spaltung der Städte angeht. Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, versteht man das Fragezeichen im Titel des Buches "Gespaltene Städte?".

Dieses Buch bietet dem Kenner der Materie eine Reihe von Forschungsergebnissen, die dem Leser auch die eigenen Überlegungen weitertreiben können. Zum Teil sind es auch überraschende Ergebnisse für diejenigen, die sich bisher auf einem anderen Erkenntnispfad bewegten.

Eine gelungene Arbeit, die auch die Diskussion um das Verhältnis von sozialer und ethnischer Segregation und auch sozialräumlicher Segregation in deutschen Großstädten bereichert.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 16.06.2009 zu: Jürgen Friedrichs, Sascha Triemer: Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16301-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7174.php, Datum des Zugriffs 24.02.2018.


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