socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Cornelia Giebeler, Wolfram Fischer u.a. (Hrsg.): Fallverstehen und Fallstudien

Cover Cornelia Giebeler, Wolfram Fischer, Martina Goblirsch (Hrsg.): Fallverstehen und Fallstudien. Interdisziplinäre Beiträge zur rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 239 Seiten. ISBN 978-3-86649-207-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Rekonstruktive Forschung in der sozialen Arbeit - Band 1.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Entstehungshintergrund

In der Sozialen Arbeit haben der forschende Blick auf Fallgeschichten und damit verbundene Interventionsüberlegungen eine lange Tradition. Zu erinnern sei hier etwa an Mary Richmonds 1917 erschienene „Social diagnosis“. Aber während diese Publikation noch eher praxisbezogene Haltungen und Vorgehensweisen vermitteln wollte, als wissenschaftliche Ansprüche zu verfolgen, blieb es den etablierten Sozialwissenschaften vorbehalten, durch interpretative Zugänge und rekonstruktive Forschungsverfahren theoretisch verallgemeinerbares Grundlagenwissen von zugleich hoher Praxisrelevanz zu erzeugen.

Der vorliegende Sammelband, inzwischen in einer zweiten, durchgesehenen Auflage erschienen, reiht sich in diese Tradition ein. Er geht auf eine Tagung zum Thema „Fallverstehen und Fallstudien“ zurück, die im November 2004 an der Fachhochschule Bielefeld durchgeführt wurde. Sein Ziel ist es, zur Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der Sozialarbeitswissenschaft im Rahmen des qualitativen Paradigmas beizutragen.

Aufbau

Die 17 Beiträge sind unter folgenden Stichworten thematisch geordnet:

  • „Grundlagentheorie“,
  • „Methodisches Verstehen und professionelles Handeln“ sowie
  • „Forschendes Lernen in Studium und Beruf“

In dem den Band einleitenden Beitrag verknüpft C. Giebeler das Verfahren der rekonstruktiven Fallstudien mit sozialkonstruktivistischen Ansätzen. In Anlehnung an die feministische Genderforschung, die die soziale Konstruiertheit von Geschlechterdifferenzen unter der Bezeichnung des „doing gender“ herausgearbeitet hat, will Giebeler soziale Probleme und damit verbunden auch Fälle der Sozialen Arbeit als „Doing social problems“ bzw. „Doing social cases“ verstanden wissen. Die Fallrekonstruktion biete die Möglichkeit, die sozialen „Exklusionsprozesse nachzuvollziehen und gleichzeitig die im biografischen, interaktionellen und lebensweltlichen Konstruktionsprozess angelegten Verknüpfungen für Veränderungshandeln zu erkennen und in einen neuen Konstruktionsprozess des Sozialen umzusetzen.“ (16). Sie mache es erforderlich, „sich zu lösen von dem eigenen Blick auf den Fall hin zur Perspektive, die sich aus dem Material erschließt.“ (19), sodass „die Selbstkonstruktionen und Bedeutungszuweisungen der Menschen – auch wenn sich deren Erfahrungen dem `Verstehen` der SozialarbeiterIn entziehen (…) - nachvollzogen werden können.“ (20)

Fallrekonstruktionen, so führt W. Fischer im nachfolgenden Beitrag aus, leisten mehr als Kasuistiken, die lediglich die Anwendung eines professionellen Regelwerks illustrierten und somit das Lernen am Modell für den Ernstfall ermöglichten. Kausistiken seien „zugunsten der Profession zurechtgestutzt“ und ließen „den Klienten nicht zu Wort kommen“ (27). Die Rekonstruktion von Fällen hingegen erfüllten in „weitergehender und prinzipieller Weise eine Brückenfunktion zwischen Theorie und Praxis im professionellen Handlungsraum.“ (29), denn es gehe um die „Mechanismen der regelhaften Hervorbringung der beobachteten Phänomene.“ (31), also um verallgemeinerungsfähige Strukturanalysen und damit um die Erzeugung übergreifenden professionellen Wissens. Im Interesse einer Weiterentwicklung der Sozialarbeitsforschung bedürfe es hierfür kontrollierter Methoden. K. Kraimer benennt in seinem Beitrag Grundlagen der von U. Oevermann konzipierten Objektiven Hermeneutik und weist diese exemplarisch als einen methodischen Zugang zur qualifizierten Analyse narrativen Materials aus, der es ermögliche, „subjektive Theorien, objektive Bedeutungsstrukturen oder die Interventionslogik einer Maßnahme als Grund-Folge-Beziehung in sozialen Zusammenhängen aufzudecken und Veränderungen begründet zu initiieren.“ (36)

Neben der Objektiven Hermeneutik kommen in dem Sammelband auch Rekonstruktionsmethoden wie A. Lorenzers Tiefenhermeneutik oder ethnoanalytische Verfahren zum Tragen. Die unter der Überschrift „Methodisches Verstehen und professionelles Handeln“ gebündelten Aufsätze führen anhand unterschiedlicher Praxisfelder in eine Vielfalt rekonstruktiver diagnostischer und intervenierender Techniken ein. Anknüpfend an theoretische Diskurse werden einzelfall- und gruppenbezogene Analyseebenen und Auswertungsschritte differenziert dargestellt und innovative methodische Konzepte wie die „Dialogische Biographiearbeit“ in der Jugendhilfe diskutiert. Die Spannbreite der Beispiele reicht von klinischen Einzelfällen bis hin zu sozialpädagogischen Projekten, die die Organisationsstrukur einer Einrichtung systematisch integrierten. Über klientenzentrierten Erwägungen hinaus finden sich professionsorientierte biographische Studien, etwa zu Unternehmensgründern im sozialtherapeutischen Bereich oder SozialarbeiterInnen in den neuen Bundesländern. Sie verweisen auf die oft unbequeme Aufforderung zur lebensgeschichtlichen und professionellen Selbstreflexion, die von fallrekonstruktiven Verfahren ausgeht. Denn der Umgang mit der fremden Lebensgeschichten enthält immer auch den Rückbezug auf die eigene.

Der reichhaltige projektbezogene Diskurs mit Beispielen aus unterschiedlichen Bereichen und Kulturen setzt sich auch im dritten Schwerpunkt des Bandes, der sich auf „Forschendes Lernen in Studium und Beruf“ bezieht, fort. Qualitativ orientierte Lehrprojekte und „Forschungswerkstätten“ mit Studierenden werden als besonderer Zugang zu „Komplexität, Kontextualität und Eigensinnigkeit“ (141) von Fallgeschichten hervorgehoben. „Wer erforscht hat, wie Verhaltensmuster und Ressourcen von den subjektiven Pattern des Wahrnehmens, Erlebens und des Interpretierens abhängen, der wird daraus die Erkenntnis ableiten, dass die Soziale Arbeit mehr Rücksicht auf die Individualität ihrer Adressatinnen nehmen muss.“ (151) Dies ist die zentrale These dieses Buchsteils, ja des gesamten Bandes, die überzeugend aufgefächert und untermauert wird.

Diskussion

Leise Zweifel bleiben aber doch, ob die Kompetenz des Fallverstehens sich so wie gewünscht vermitteln lässt. Für die Studierenden und für die Professionellen mag auf diese Weise wissenschaftliche Praxis lebendig, mag erfahrene Not nachvollziehbar werden. Wie aber lässt sich eine derartige Konzeption konkret umsetzen? Und auf welche praktischen und ethischen Probleme wird sie stoßen? Zu der Abwehr gegen selbstreflexive Momente können Scheu vor dem Eindringen in fremde Lebenswelten oder auch Widerwillen gegen allzu tiefgehende Ergründungen auch der eigenen Motivstruktur hinzukommen. Mit einem Versuch, diese Fragen aus forschungsethischer Perspektive mehr zu benennen als zu beantworten, schließt der Band ab.

Für die AutorInnen steht fest, dass durch fallrekonstruktive Verfahren für die Berufspraxis wichtige Fähigkeiten erstmalig erworben oder gefestigt werden können. Sie verschweigen aber nicht, dass dieser Zugang auch auf vielfachen individuellen und institutionellen Widerstand stoßen kann.

Fazit

Das Buch enthält überaus anregende Forschungsdesigns und illustriert anschaulich die einzelnen Schritte gegenstandsbezogener Methoden am Beispiel einer Vielzahl von Zielgruppen und Praxisfeldern. Es vertritt auf dezidierte Weise die Bedeutung qualitativer Verfahren sowohl für die Weiterentwicklung der sozialarbeiterischen Theorie und Praxis als auch für die Verknüpfung dieser beiden Grundpfeiler. Insofern ist es PraktikerInnen, WissenschaftlerInnen und Studierenden gleichermaßen zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Annelinde Eggert-Schmid Noerr
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Annelinde Eggert-Schmid Noerr anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Annelinde Eggert-Schmid Noerr. Rezension vom 20.10.2009 zu: Cornelia Giebeler, Wolfram Fischer, Martina Goblirsch (Hrsg.): Fallverstehen und Fallstudien. Interdisziplinäre Beiträge zur rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-207-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7179.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht