socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Helge Peters: Soziale Probleme und soziale Kontrolle

Cover Helge Peters: Soziale Probleme und soziale Kontrolle. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 217 Seiten. ISBN 978-3-531-13668-4. 19,90 EUR.

Studienskripten zur Soziologie.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in das Thema

Soziale Probleme, gesellschaftliche Sachverhalte also, die Leiden produzieren und die Lebensqualität der Betroffenen mindern, sind ein zentrales Thema der soziologischen Theoriebildung. Die Analyse dieser gesellschaftlichen Missstände, insbesondere die Untersuchung ihrer Genese in Prozessen des sozialen Wandels sowie ihrer Thematisierung in öffentlich-medialen Diskursen - dies ist das Programm der Sektion "Soziale Probleme und soziale Kontrolle" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die im Jahr 1975 aus der Taufe gehoben wurde. Einer der "Gründerväter" dieser Sektion, Helge Peters (Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg), hat nun ein Studienbuch vorgelegt, das den Versuch unternimmt, die Argumentationslinien des deutschen Wissenschaftsdiskurses nachzuzeichnen und den 'Stand der Dinge' im Hinblick auf die zentralen Konzepte "Soziale Probleme" und "Soziale Kontrolle" zu markieren.

Gliederung und Inhalt

Das vorliegende Buch ist als "Studienskript" konzipiert, das den Leser in kompakter Form durch das bisweilen unübersichtliche Terrain der theoretischen Positionsbestimmungen führen möchte. Das Buch gliedert sich in zwei Teile:

Im ersten Teil steht das Konzept "Soziale Probleme" auf dem Prüfstand. Am Beginn der Argumentation steht ein 'Klassiker' der social-problems-Forschung - Robert Merton, der soziale Probleme definiert als "...eine signifikante Diskrepanz zwischen sozialen Standards und sozialer Realität" (S. 15). In der kritischen Diskussion dieses Konzeptes gibt der Autor dem Leser eine Einführung in den grundlegenden paradigmatischen Streit, der die Soziologie sozialer Probleme bis heute spaltet: auf der einen Seite eine "objektivistische" Position, die davon ausgeht, dass gesellschaftliche Sachverhalte, die als Schädigung, Missstand oder Minderung von Lebensqualität wahrgenommen werden, einer distanziert-empirischen Analyse zugänglich sind; und auf der anderen Seite eine "konstruktivistische" Position, die ihren Blick weniger auf schädigende Lebenslagen, denn vielmehr auf die Definitionen und Aktionen kollektiver Akteure richtet, durch die soziale Probleme auf der Bühne der medialen und politischen Inszenierung allererst thematisiert und konstruiert werden. In der weiteren Argumentation werden sodann zentrale Bausteine einer konstruktivistischen Theorie sozialer Probleme vorgestellt. Zum einen referiert der Autor die unterschiedlichen Phasenmodelle (Blumer; Spector/Kitsuse; Schetsche), die jene Prozesse deuten, welche soziale Probleme von der ersten öffentlichen Wahrnehmung über ihre mediale und politische Thematisierung bis hin zu gegensteuernden sozialpolitischen Massnahmen durchlaufen (23-45). Zum anderen diskutiert der Verfasser Befunde zu den "sozialen Bewegungen", die durch ihre bunte und eigensinnige Konfliktkultur wesentliche Beiträge zur Sensibilisierung der öffentlichen Aufmerksamkeit für soziale Probleme leisten und die Agenda der sozialpolitischen Reform mitbestimmen (45-61). Zum Abschluss des ersten Teils greift der Autor den Grundlagenstreit der Soziologie sozialer Probleme noch einmal auf und verteidigt das "konstruktivistische Programm" gegen seine Kritiker (91ff.).

Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf die Programme der sozialen Kontrolle, mit denen unsere Gesellschaft soziale Missstände und normabweichendes Handeln 'in den Griff' nimmt. In seiner Darstellung des Konzeptes "Soziale Kontrolle" greift Peters auf Argumentationsmuster zurück, die bereits in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch (Soziale Kontrolle. Zum Problem der Nonkonformität in der Gesellschaft. Opladen: Leske&Budrich) zu lesen sind. Informativ und mit Gewinn zu lesen ist hier insbesondere das Kapitel "Arten sozialer Kontrolle" (143-180). Drei Varianten sozialer Kontrolle werden vorgestellt: (1) die Sanktionsdrohungen des Strafrechts, die Konformität und Regelanpassung bestärken; (2) der Vollzug von strafrechtlichen Sanktionen (Geld- und Freiheitsstrafen), denen eine resozialisierende Wirkung zugemessen werden; und (3) die kontrollierende Sozialarbeit, die die psychosozialen Folgen von Ausschliessung und Desintegration durch die Verknüpfung von Disziplinierung und Verbesserung von Lebenslagen zu bewältigen versucht. Einige Anmerkungen zur Zukunft der öffentlichen sozialen Kontrolle, insbesondere zur Ausweitung und Privatisierung der sozialen Kontrolle durch Präventionsräte, Sicherheitspartnerschaften und kommerzielle Sicherheitsdienste, beschliessen die Argumentation (180-198).

Diskussion

Zielgruppen des Buches sind Lehrende und Studierende der Soziologie, der Sozialen Arbeit und anderer sozialwissenschaftlicher Studiengänge sowie interessierte Praktiker.

Das vorliegende Buch ist in der Reihe "Studientexte zur Soziologie" erschienen. Entsprechend diesem Selbstanspruch führt der Autor den Leser in einer sehr verknappten Darstellungsweise durch die wissenschaftliche Basisliteratur zum Thema, er wägt ab, kommentiert und gibt eigene Positionsbestimmungen. Dies ist hilfreich und instruktiv. Was jedoch zu kurz kommt, das ist eine breiter angelegte, referierende Darstellung jener Basistexte, denen die Kommentierung und Kritik gilt. (Hilfreich wäre es m.E. gewesen, wenn die Essentials der Basistexte durch Auszüge 'im Originalton' bebildert worden wären). Aufgrund des Umstands aber, dass der Verfasser den Originalbeiträgen wenig Raum lässt, verlieren viele Kommentierungen die Bodenhaftung und sind insbesondere für einen Leser, der sich dem Thema 'soziale Probleme' erstmals studierend nähert, wohl nur mit Mühe nachvollziehbar. Zu vermerken ist zudem, dass die Literaturbasis, auf der die Argumentation aufruht, recht alt ist. Vor allem im ersten Teil werden aktuelle Diskurslinien zu einer politischen Soziologie sozialer Probleme in den USA und neuere bundesdeutsche Beiträge zu einer Soziologie sozialer Bewegungen (vgl. z.B. Klein, A. u.a. (Hg.): Neue soziale Bewegungen. Wiesbaden 1999) nicht aufgegriffen.

Eine letzte kritische Anmerkung: Die beiden oben skizzierten Teile des Buches stehen nahezu unverbunden neben einander. Die Auseinandersetzung mit dem Konzept der sozialen Kontrolle thematisiert ausschliesslich die Formen des gesellschaftlichen Umgangs mit Kriminalität und ist damit ein Beitrag zur Devianzsoziologie. Was dem Autor hingegen nicht gelingt, das ist es, die Brücke zurück zu dem umfassenderen Konzept der sozialen Probleme zu schlagen und damit gesellschaftliche Reaktions- und Kontrollmuster jenseits von Strafrecht und justizieller Sozialarbeit zu thematisieren. Mit dieser 'Sichtblende' aber gerät der gesamte Bereich des aktuellen sozialpolitischen Diskurses über eine zukunftsweisende kompensatorische Bearbeitung der Armutsproblematik und der hieraus ableitbaren sozialen Probleme aus dem Blick - ein Umstand, der den 'Nutzwert' des hier rezensierten Buches deutlich einschränkt.

Fazit

Die Lektüre des Buchs hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: es ist für Experten mit Gewinn zu lesen ist, in den Händen von Studienanfängern kann es wohl eher Verwirrung stiften.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit


Alle 7 Rezensionen von Norbert Herriger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Norbert Herriger. Rezension vom 13.05.2003 zu: Helge Peters: Soziale Probleme und soziale Kontrolle. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. ISBN 978-3-531-13668-4. Studienskripten zur Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/719.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung