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Peter Herschbach, Pia Heußner: Einführung in die psychoonkologische Behandlungspraxis

Rezensiert von Prof. Dr. Margret Dörr, 17.02.2010

Cover Peter Herschbach, Pia  Heußner: Einführung in die psychoonkologische Behandlungspraxis ISBN 978-3-608-89071-6

Peter Herschbach, Pia Heußner: Einführung in die psychoonkologische Behandlungspraxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 207 Seiten. ISBN 978-3-608-89071-6. 26,90 EUR. CH: 49,00 sFr.
Reihe: Leben lernen - 215
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Thema

Angst, Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Erschöpfungszustände sind häufige Begleiterscheinungen einer Krebsdiagnose und -behandlung. Peter Herschbach, Pia Heußner zeigen, dass und wie sich psychotherapeutische Unterstützung bei Krebserkrankung auf die Lebensqualität der PatientInnen positiv auswirken kann. Um hinreichend auf die spezifischen Bedürfnisse von KrebspatientInnen eingehen zu können, benötigen ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen besondere Wissensbestände, die in diesem Buch zur Verfügung gestellt werden sollen.

Autor und Autorin

Prof. Dr. Peter Herschbach, Diplom-Psychologe, ist Leiter der Sektion „Psychosoziale Onkologie“ der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Dr. med. Pia Heußner, Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie und Psychotherapeutin, ist Leiterin der Psychoonkologie der Medizinischen Klinik III, Klinikum der Universität München, Campus Großhadern.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch basiert auf dem Hintergrund und den Erfahrungen einer psychoonkologischen Fortbildungsveranstaltung für ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen, die erstmals 2005 in München stattgefunden hat. Anlass war die Notwendigkeit, ein Fortbildungsangebot für diese Berufsgruppen zu schaffen: Um psychoonkologische Begleitung zukünftig als Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherungen etablieren zu können, müssen für niedergelassene und in Kliniken tätige PsychotherapeutInnen Weiterbildungsinhalte in psychosozialer Onkologie angeboten werden. Das Ziel des Fortbildungscurriculums soll vergleichbar mit dem Ziel des Buches sein: Im Sinne von Basismodulen sollen Einstellungen, Wissen und Grundfertigkeiten vermittelt werden die geeignet sind, das psychische Befinden und die Bewältigungsressourcen von TumorpatientInnen einzuschätzen und ihnen eine basale psychosoziale und psychotherapeutische Unterstützung für die Krankheitsbewältigung anbieten zu können. Entsprechend dieser Zielformulierungen ist das Buch in der Klett-Cotta Reihe „Leben lernen“ erschienen. In dieser Reihe werden Bücher veröffentlicht, die auf wissenschaftlicher Grundlage Ansätze und Erfahrungen moderner Psychotherapien und Beratungsformen vorstellen. Folglich wendet sich die Reihe – auch dieses Buch – an „Fachleute aus den helfenden Berufen, an psychologisch Interessierte und an alle nach Lösung ihrer Probleme Suchenden.“

Aufbau

Das Werk ist als Handbuch konzipiert und ermöglicht durch seine Gliederung in 15 Kapiteln (sowie einem Anhang mit diversen standardisierten Fragebögen und psychoonkologischen Basisdokumentationen) eine voneinander unabhängige konzentrierte Erarbeitung einzelner Themengebiete, die den AutorInnen als wesentliche Bausteine für eine gute psychische Versorgung von Krebspatienten gelten und von ihnen praxisnah (durch Fall-Vignetten untermalt) und sachhaltig dargestellt werden.

Inhalt

  • Nach einer knappen Einleitung erörtern die AutorInnen häufig ausgeblendete Besonderheiten der psychoonkologischen Therapie. Dabei akzentuieren sie die Unterschiede zwischen Krebspatienten und Patienten mit neurotischen und/oder psychosomatischen Störungen, thematisieren (gesellschaftlich verankerte) Mythen und Grundhaltungen von TherapeutInnen, die einer wirksamen Arbeit mit Krebspatienten entgegen stehen, skizzieren abstrakt allgemein die Erkrankungssituation der PatientInnen sowie die – trotz Verschiedenheiten der Arbeitsplätze im Gesundheitswesen – notwendigen Setting-Bedingungen sowie Therapieinhalte und -ziele einer psychoonkologischen Praxis und erläutern sensibel den Bewältigungsmechanismus der „Verleugnung“ als Spezifika in der Onkologie.
  • Das folgende Kapitel stellt wesentliche medizinische Grundlagen dar: Dabei werden sowohl die Epidemiologie der Krebserkrankungen, Risikofaktoren, Pathologie, Symptomatik, Diagnostik und Prinzipien der Tumortherapie komprimiert und sachhaltig dargelegt.
  • Kapitel 4 umfasst den Stand der psychoonkologischen Forschung. Darin wird der Leserin nicht nur onkologisches Wissen vermittelt, sondern sie wird auch auf die Gefahr esoterischer und paramedizinischer Beeinflussung hingewiesen. Zudem wird sie nachhaltig und überzeugend darüber aufgeklärt, dass ein direkter und spezifischer Zusammenhang zwischen psychologischen Variablen und der Verursachung von Krebserkrankungen nicht nachgewiesen ist. Mit anderen Worten, der sich eklatant in verschiedenen Diskursen reproduzierenden Rede von einer Krebspersönlichkeit muss dringend widersprochen werden. Des Weiteren betonen die AutorInnen, dass es bisher keinen statistischen Nachweis darüber gibt, dass psychologische Faktoren den somatischen Verlauf der Krebserkrankung (im Hinblick auf die Überlebenszeit) beeinflussen, heben den hohen Rang einer hinreichend gelungenen subjektiven Krankheitsbewältigung für die Lebensqualität der PatientInnen hervor und stellen Untersuchungen über die Belastungen von Fachkräften in der Onkologie vor.
  • Die „Psychodiagnostik in der Onkologie“, die sich in der Regel auf das psychoonkologische Erstgespräch stützt, ist – so Herschbach und Heußner – wie in jedem anderen Bereich der Medizin und klinischen Psychologie ein integraler Bestandteil der wissenschaftlichen und klinischen Tätigkeit. In diesem Kapitel werden diverse Instrumente bzw. Testverfahren skizziert und je ihre Objektivität, Reliabilität und Validität gewürdigt.
  • Das Kapitel 6 Psychotherapie in der Onkologie informiert über verschiedene psychotherapeutische Interventionen, die als relevant und typisch für die Arbeit mit KrebspatientInnen gelten und die sich wissenschaftlichen Evaluationen unterzogen haben. Als zentrale Leitlinie aller therapeutischen Interventionen wird die „Unterstützung des Patienten bei der Bewältigung der Erkrankungs- und Behandlungsfolgen“ hervorgehoben. Auch in diesem Kapitel betonen die AutorInnen die therapeutische Grundhaltung der unbedingten Orientierung am subjektiven Empfinden der PatientInnen und nicht an einem objektiven Krankheitsbefund.
  • Nachdem in knapper Weise auf Psychopharmakologische Spezifika in der Onkologie eingegangen wurde, gibt das folgende Kapitel grundsätzliche Hinweise bezüglich einer fachspezifischen Kompetenz Kommunikation und Aufklärungsgespräche in der Onkologie.
  • Jeweils eigene kurze Kapitel sind den Problemschwerpunkten Angst“; „Depression und Anpassungsstörung“; „Fatigue“; „Schmerz“ und „Familie und Kinder“ gewidmet. Die AutorInnen plädieren konsequent und begründet für eine am Einzelfall orientierte Intervention und zugleich gelingt es ihnen, verallgemeinerbare Fallstricke in der onkologischen Therapie feinfühlig und praxisnah kenntlich zu machen.
  • Ihre grundsätzlich anerkennende, respektvolle und haltgebende Haltung gegenüber den KrebspatientInnen bringen Herschbach und Heußner auch in Kapitel 14 Psychoonkologische Begleitung am Ende des Lebens fachkompetent zum Ausdruck, indem sie Bedingungen und Möglichkeiten entfalten, wie den unheilbar erkrankten PatientInnen ein hinreichend sicherer Raum eröffnet werden kann, der die Thematisierung von Ängsten, Erschrecken, Wut, Wünschen und Sehnsüchten bezüglich des bevorstehenden Todes ermöglicht.
  • Das Buch schließt mit der Darstellung einiger Sozialrechtliche Aspekte in der Psychoonkologie.

Diskussion

Peter Herschbach und Pia Heußner haben ihre Module einer psychoonkologischen Fortbildungsveranstaltung präzise und sachhaltig zusammengestellt, und dabei ihre dialogische Haltung im Umgang mit krebserkrankten Menschen auch durch Hinweise für die Beziehungsgestaltung kenntlich gemacht. Damit gelingt es ihnen aber nur ansatzweise, die Nachteile einer „einsamen Lektüre“ gegenüber einer Fortbildungsveranstaltung aufzufangen, die ja neben theoretischer Wissensvermittlung auf Diskussionen, Erfahrungsaustausch und praktischen Übungen mit Selbstreflexionen setzt. Die Zielvorstellungen im Hinblick des Fortbildungscurriculums und des vorliegenden Buches sind erkennbar nicht zu analogisieren: Einstellungen und Grundfertigkeiten im Umgang mit TumorpatientInnen formieren sich eben nicht über das Lesen von theoretischen Wissensbeständen und empirischen (insbesondere quantitativen) Forschungsergebnissen z.B. über die Lebensqualität von KrebspatientInnen, und erst recht nicht über den Einblick in diverse standardisierte psychologische Test- bzw. Screeningverfahren. Die von den AutorInnen postulierte offene Suchhaltung für die onkologische Psychotherapeutin, die den anderen ganzheitlich wahrzunehmen versucht und sich der eigenen Grenzen bewusst wird, wird auch durch die Vielzahl von Bruchstücken aus Fallvignetten nicht wirklich anschaulich.

Fazit

Das vorliegende Buch vermittelt Grundwissen über Onkologie, psychoonkologische Forschung sowie onkologiespezifische (diagnostische und therapeutische) Interventionen. Hauptzielgruppen sind PsychotherapeutInnen (unabhängig ihrer spezifischen Ausrichtung) und Onkologen, die von diesem kompetenten Werk zweier erfahrener PsychoonkologInnen profitieren können.

Rezension von
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,’ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik’, ‚Klinische Sozialarbeit’‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie’.
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Es gibt 25 Rezensionen von Margret Dörr.

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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 17.02.2010 zu: Peter Herschbach, Pia Heußner: Einführung in die psychoonkologische Behandlungspraxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-608-89071-6. Reihe: Leben lernen - 215. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7192.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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