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Hans Peter Krüger: Politische Partizipation Jugendlicher in der Gemeinde

Cover Hans Peter Krüger: Politische Partizipation Jugendlicher in der Gemeinde. Ein internationaler Vergleich: Leipzig - Lyon. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2008. 362 Seiten. ISBN 978-3-631-58253-4. 56,50 EUR.

Europäische Hochschulschriften - Reihe 31, Politik - Band 565.
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Thema

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um eine Dissertation. Er analysiert das kommunale Jugendforum „VOICE“ Leipzig und den Jugendgemeinderat CMJ de Lyon, Hans Peter Krüger vergleicht die Partizipationsstrukturen der deutsch-französischen Partnergemeinden anhand einer Untersuchung, die zwischen Februar 2004 und April 2005 durchgeführt wurde.

Das Thema Jugendpartizipation wurde vor allem in den 1990-iger Jahren von der Kommunalpolitik als Allheilmittel gegen Politikverdrossenheit gehandelt. Projekte dieser Art galten als Prestige bringend und wurden deshalb generell gerne und teilweise unhinterfragt gefördert. Inzwischen hat sich das Thema Jugendbeteiligung etwas entzaubert, Partizipationsprojekte wurden teilweise aufgegeben, andere wurden inzwischen institutionalisiert. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, Strukturen und Methoden auf deren Wirkung empirisch zu untersuchen, um Partizipationsstrukturen Jugendlicher zu hinterfragen, zu festigen oder allenfalls zu optimieren.

Autor/Hintergrund

Der Verfasser Hans Peter Krüger ist Lehrer und Politikwissenschaftler, er war als Leiter eines Jugendzentrums und als Sachgebietsleiter im Jugendamt Leipzig tätig. Hans Peter Krüger wurde 2001 an die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig abgeordnet und arbeitet seit 2009 als Leiter der Erziehungshilfe der Arbeiterwohlfahrt Halle (Saale).

Aufbau

Das vorliegende Buch ist in acht Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel bietet eine Einleitung. Im zweiten Kapitel geht Hans Peter Krüger auf die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen für Jugendbeteiligung in Deutschland und Frankreich ein. Nachdem er im dritten Kapitel die Methodik seiner Erhebungen offen legt, geht er im vierten Kapitel spezifisch auf die untersuchten Jugendgremien VOICE Leipzig und CMJ de Lyon ein. Anschließend führt Krüger in den Kapiteln fünf und sechs die Ergebnisse seiner Befragungen der Beteiligten Jugendlichen und Erwachsenen aus. Die letzten beiden Kapitel nutzt Hans Peter Krüger für eine Zusammenfassung seiner Erkenntnisse, sowie für Empfehlungen für die Arbeit in kommunalen Jugendgremien.

Rahmenbedingungen für Jugendpartizipation in Deutschland und Frankreich

Hans Peter Krüger beschäftigt sich in einem ersten Schritt mit den Bedeutungen der Begriffe politische Partizipation und Citoyennete. Der Begriff der politischen Partizipation wird in Frankreich wesentlich enger umrissen als im deutschsprachigen Raum. In Frankreich wird diese Bezeichnung ausschließlich auf die direkte Einflussnahme auf das politische System bezogen. Hans Peter Krüger sieht eine größere begriffliche Nähe zur politischen Partizipation, wie sie in Deutschland definiert wird, in dem Begriff Citoyennete. Sie umreißt eine Fülle von Konzepten und Herangehensweisen von der Förderung demokratischer Handlungsweisen als Bildungsprozess, bis hin zu Jugendbeteiligung zur Sicherstellung einer Verteilungsgerechtigkeit.

Anschliessend werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen politischer Partizipation Jugendlicher in Deutschland und Frankreich behandelt: Kinder und Jugendliche sind in beiden Ländern aufgrund der UN-Kinderrechtskonvention Träger von Grundrechten. Das aktive Wahlrecht liegt in der Regel bei achtzehn Jahren, wobei einige Bundesländer in Deutschland das aktive Wahlrecht bei kommunalen Abstimmungen auf sechzehn Jahre abgesenkt haben. Unterschiede bestehen auch beim passiven Wahlrecht: während es in Deutschland bei achtzehn Jahren liegt, können sich junge Erwachsene in Frankreich erst ab 21, auf nationaler Ebene erst ab 23 Jahren wählen lassen. Hans Peter Krüger geht weiterhin auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede gesetzlicher Bestimmungen und deren Ausführung in Bezug auf die Beteiligung Minderjähriger ein. Eine wichtige Gemeinsamkeit der beiden Länder ist die Tatsache, dass Jugendpartizipation durchgängig konsultativer Natur ist, dass die Entscheidungsmacht immer in den Händen der Erwachsenen aus Politik und Verwaltung bleibt.

Im folgenden Abschnitt beschäftigt sich Hans Peter Krüger mit verschiedenen Formen der Jugendbeiteiligung, wobei er anführt, dass es weder in Frankreich noch in Deutschland eine einheitliche Systematisierung von Beteiligungsformen Jugendlicher gibt. Krüger legt seinen Fokus auf zwei Arten der Beteiligung: Jugendforen als offenere, flexiblere Form und Jugendgemeinderäte als stärker institutionalisierte, kontinuierlichere Form. Hans Peter Krüger beschreibt, wann und unter welchen Bedingungen Gremien dieser Art in Deutschland und Frankreich entstanden sind und wie sich diese im Laufe der Zeit entwickelten. Bemerkenswert ist beispielsweise, dass ein erster französische Jugendgemeinderat (obwohl dieser dann nicht zustande kam) bereits 1944 von der Exilregierung in Algier geplant worden war.

Zugänge zum Untersuchungsgegenstand (Methoden)

Hans Peter Krügers Dissertation hat die Form einer deskriptiven Studie. Er untersucht die beiden Jugendgremien VOICE Leipzig und CMJ de Lyon auf deren charakterisierende Merkmale und ordnet diese in ihren jeweiligen Handlungskontext ein. Seine empirischen Erhebungen vor Ort fanden zwischen Februar 2004 und April 2005 statt. Er wählte einen Methoden-Mix aus leitfadengestützten mündlichen Befragungen, teilnehmender Beobachtung und standardisierten schriftlichen Befragungen.

Charakteristik der Jugendgremien VOICE Leipzig und CMJ de Lyon

Krüger vergleicht die beiden Jugendgremien nach Entstehungsgeschichte und Ausgestaltung. Während VOICE Leipzig von einer Gruppe Jugendlicher selbst angeregt wurde, entstand das CMJ de Lyon auf Anregung des Oberbürgermeisters von Lyon. Beide Gremien verstehen sich als Demokratie fördernd und geben Jugendlichen die Möglichkeit eines Zugangs zu Politik und Verwaltung. Sie beschäftigen sich mit Themen, welche direkt mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu tun haben, wie Schule, Freizeit, Sport, Umwelt oder Gesundheit.

Das CMJ de Lyon wurde 1996 gegründet und arbeitet bis heute, im Gegensatz dazu arbeitete VOICE Leipzig lediglich zwei Jahre bis zu seiner vorläufigen Auflösung. In Lyon wird die Kontinuität und Vernetzung der Arbeit durch Erwachsene sichergestellt. Im Leipziger Modell hingegen übernehmen die Jugendlichen neben der Projektarbeit vermehrt auch Verwaltungs- und Moderationsaufgaben. Hans Peter Krüger sieht darin einen Grund für die relativ kurze Lebensdauer des Jugendgremiums: Die Aufgabenvielfalt sei für Jugendliche schwer zu bewältigen.

Hans Peter Krüger geht in den verbleibenden Abschnitten dieses Kapitels auf die Arbeitsabläufe ein und er vergleicht die Abläufe bei Wahlen für VOICE Leipzig und CMJ de Lyon. Dabei fällt auf, dass der Jugendgemeinderat CMJ de Lyon wesentlich formeller strukturiert aufgebaut ist, als das Jugendforum VOICE Leipzig.

Sichtweisen der Jugendlichen von VOICE und CMJ auf ihr Jugendgremium

Krügers Befragungen der beteiligten Jugendlichen in Leipzig und Lyon ergaben eine Fülle an interessanten Informationen darüber, welchen Hintergrund die Beteiligten haben, welche Überzeugungen und Weltbilder bei Ihnen vorherrschen und wie sie sich zu ihrem Jugendgremium positionieren. Es zeigt sich zum Beispiel, dass Jugendliche, die sich in VOICE und CMJ beteiligen, deutlich überdurchschnittlich aus bildungsnahem Elternhaus stammen.

Besonders interessant ist auch, dass sich Jugendliche von VOICE alle politisch Links verorten, während bei CMJ das ganze politische Spektrum vertreten ist. Den Grund für diesen Unterschied sieht Krüger in den Unterschiedlichen Zugängen zu den Jugendgremien, VOICE rekrutiert vor allem über Freundeskreise, die Mitglieder von CMJ werden hingegen gewählt.

Ein dritter Punkt, der hier herausgegriffen werden soll ist die Zufriedenheit der Jugendlichen bei der Arbeit in ihrem Gremium. Es fällt auf, dass sich die Beteiligten von CMJ in den Befragungen als sehr zufrieden mit der Arbeit in Ihrem Gremium geäußert haben, die Jugendlichen von VOICE hingegen wünschen sich Verbesserungen an verschiedenen Punkten und äußern sich nicht explizit positiv zur Arbeit im Gremiumallgemein.

Sichtweisen der Erwachsenen (Politik, Verwaltung, freie Träger, ehemalige Mitglieder des CMJ) auf die Jugendgremien

Bei der Befragung der Erwachsenen hat sich unter anderem gezeigt, dass die Jugendgremien nur wenig Einfluss auf die lokale Politik nehmen können. Krüger hat in diesem Kapitel verschiedene Maßnahmen aufgeführt und analysiert, die Erwachsene aus dem Umfeld der Jugendgremien angegeben haben.

Zusammenfassung und Empfehlungen für die Arbeit kommunaler Jugendgremien

In den letzten beiden Kapiteln der Dissertation fasst Hans Peter Krüger die zentralen Fragen und Erkenntnisse seiner Untersuchung noch einmal sehr übersichtlich zusammen. Besonders das letzte Kapitel besticht durch Klarheit: Krüger führt darin eine Vielzahl von Zielgrößen und möglichen Maßnahmen für Kommunen an, die sich zum Beispiel mit den Rahmenbedingungen, der politischen Legitimation oder der nötigen Vernetzung solcher Jugendgremien beschäftigen.

Diskussion

Hans Peter Krüger leistet einen Beitrag von außerordentlichem Wert für Kommunen, die sich um einen fundierten Einbezug von Jugendlichen bemühen. Beim Thema Jugendpartizipation werden viel zu häufig Glaubenssätze über Datensätze gestellt. Durch die wissenschaftliche Herangehensweise dieser Arbeit und die klare und sinnvolle Nachvollziehbarkeit der Studienanlage kommt Krüger zu handfesten Ergebnissen, die er auch direkt zu Handlungsempfehlungen weiterverarbeitet. Besonders gewinnbringend ist dabei der Vergleich zwischen unterschiedlichen Jugendgremien in Frankreich und Deutschland: dabei zeigt sich, wie unterschiedlich die Partizipation von Jugendlichen auf kommunaler Ebene umgesetzt werden kann. Hans Peter Krüger gelingt es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten auszuleuchten, so dass die beiden Ansätze voneinander profitieren und optimiert werden könnten. Wünschenswert wäre nur, dass diese Studie wiederholt, und auf weitere Länder ausgeweitet würde.

Fazit

Dieses Buch gewährt einen vertieften Einblick in Geschichte, Funktionsweise und Wirkung von Jugendforen und Jugendparlamenten. Es ist besonders geeignet für Fachleute, die sich bereits mit dem Thema auseinandersetzen und sich um Verbesserung der Jugendpartizipation anhand von empirisch belegten Daten bemühen.


Rezension von
Line Boser
Soziokulturelle Animatorin FH Projektleiterin Mega!phon, Kinder- und Jugendpartizipation Stadt Zürich


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Zitiervorschlag
Line Boser. Rezension vom 25.02.2010 zu: Hans Peter Krüger: Politische Partizipation Jugendlicher in der Gemeinde. Ein internationaler Vergleich: Leipzig - Lyon. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2008. ISBN 978-3-631-58253-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7201.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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