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Herbert Haslinger: Diakonie

Cover Herbert Haslinger: Diakonie. Grundlagen für die soziale Arbeit der Kirche. UTB (Stuttgart) 2009. 456 Seiten. ISBN 978-3-8252-8397-1. D: 27,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: UTB - 8397.
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Thema

Lehrbücher zur Diakonie stoßen seit einigen Jahren auf eine verstärkte Nachfrage. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass das ehemalige wissenschaftliche „Orchideen“-Fach der Caritas- und Diakoniewissenschaft inzwischen an den Universitäten und Fachhochschulen angekommen ist und sich der Bereich der Diakonie wissenschaftlich als eigene Disziplin etabliert hat. Schon allein darum benötigt das Fach Diakoniewissenschaft literarische Standardwerke, die im wissenschaftlichen Lehrbetrieb Verwendung finden können. Das vorliegende Buch zur Diakonie von Herbert Haslinger liefert ein solches Grundlagen- und Standardwerk, das durch den Untertitel: „Grundlagen für die soziale Arbeit der Kirche“ die Verknüpfung von Sozialarbeitswissenschaft und Diakonie thematisiert. Das ist vom Konzept her mutig, aber sehr begrüßenswert, denn leider hat die Fachwissenschaft der Sozialen Arbeit ihrerseits in ihrem Diskurs bei weitem noch nicht gemerkt – oder verdrängt zumindest die Erkenntnis als nicht ideologiekonform –, dass die konfessionelle und Freie Wohlfahrtspflege einen wichtigen institutionellen Teil in der Beschreibung ihrer Arbeit ausmacht. Anders lässt sich die in der breiten Literatur konzedierbare Ambivalenz der Sozialarbeit zur Diakonie kaum erklären. Lehrbücher der Sozialarbeit streifen das Gebiet der konfessionellen Wohlfahrtspflege allenfalls und auch ein Blick in die Curricula staatlicher BA-Studiengänge der Sozialarbeit zeigt jedenfalls ein Mangel an inhaltlicher Verknüpfung zwischen Sozialarbeitswissenschaft und Diakonie. Eine Auseinandersetzung mit den normativen Grundlagen der konfessionellen Wohlfahrtspflege oder ihre Darstellung fehlt auf der Seite der Sozialarbeit bis heute. Die Diakonie als eigenständigen, aber integrativen Teil der Sozialen Arbeit zu beschreiben, verweist zumindest auf einen blinden Fleck, den die Sozialarbeitswissenschaft bislang noch hat. Es könnte aber auch sein, dass der Titel in der Intention des Autors lediglich nur eingrenzend das Feld einer sozialen Arbeit der Kirche im Blick hat. Die Konnotation von „sozialer Arbeit“ als Handlungsfeld und Kirche als einem Akteur macht aber in jedem Fall neugierig.

Entstehungshintergrund

Der Verfasser Herbert Haslinger greift mit seinem Buch nach eigenen Angaben auf Kernaussagen seiner älteren Dissertation zurück und überarbeitet sie grundlegend, indem die Darstellung ergänzt und aktualisiert sowie neue Literatur eingefügt wird. Das Literaturverzeichnis umfasst jedenfalls eine sehr breit angelegte Palette wissenschaftlicher Arbeiten bis zum Jahr 2007 und stellt eine große Stärke der Arbeit dar.

Aufbau und Inhalt

Bereits das Inhaltsverzeichnis des Buches zeichnet einen gedanklichen Spannungsbogen, der sich von der Darstellung historischer Zusammenhänge bis zu einer Beschreibung der Theologie der Diakonie (Kapitel 5) und der Kennzeichnung der „christlichen Qualität diakonischen Handelns“ (Kapitel 6) erstreckt. Bildet die Theologie den Kern und die offene Mitte des gesamten Buches, so kann die Einbindung der Diakonie in Veränderungsprozesse der Gesellschaft mit Recht als ein „Epizentrum“ der Überlegungen des Buches gelten. Dem Stil und dem Duktus nach bleibt der Autor einer theoriezentrierten Darstellungsweise verbunden, wie sie für Promotionen und Habilitationen üblich ist. Nicht nur Studierenden, sondern auch interessierten Praktikerinnen und Praktikern wird damit eine konzentrierte Lektüre abverlangt, die an vielen Stellen zum Verstehen bereits Detail- und Fachkenntnisse erfordert. Über weite Strecken argumentiert der Verfasser hierbei analytisch und erst auf der Grundlage seiner soziologischen Analyse und der normativen theologischen Darstellung gelangt er zum Ende des Buches auf eine Ebene positioneller Beschreibung, indem er das diakonische Handeln auf der Ebene der Beziehung (Kapitel 7) und das diakonische Handeln auf der Ebene der Gesellschaft (Kapitel 8) als zwei Grundkategorien zusammen führt. Was dem Lesenden nach der Lektüre von über 400 Seiten Gesamttext am Ende allerdings im Sinne eines Diakoniekompendiums fehlt, ist ein Epilog bzw. ein Summarium, das die Fakten bündelt und einen wissenschaftlichen Ausblick gewährt. Unter formalen Gesichtspunkten ist an dieser Stelle ebenfalls anzumerken, dass Autor und Verlag durchaus besser beraten gewesen wären, den unübersichtlichen Zweispaltensatz zugunsten eines großzügigeren Satzspiegels zu ersetzen, der eine größere Lesefreundlichkeit gewährt hätte. Dies hätte beim Lesen die Übersicht gesteigert, zumal der Autor mit einer in sich stark differenzierten Gliederung über mehrere Ebenen operiert.

Auf der Ebene der inhaltlichen Darstellung überzeugt der Verfasser bereits in Kapitel 2 mit einer historischen Rekonstruktion diakonischer Denkzusammenhänge, die über eine christliche Herleitung im engeren Sinne weit hinausgeht und die sehr ausführlich außerchristliche Quellen der Barmherzigkeitskultur mit einfügt. Neben der Einbeziehung jüdischer Quellen, die sich in der Tradition der hebräischen Bibel finden lässt, greift der Verfasser auf ägyptische und antike Traditionen griechischer und römischer Provenienz zurück. Dadurch entsteht ein Bild, dass einen Zusammenhang zwischen einer Gesellschaftsstruktur und dem ihr inhärenten sozialen Ethos zeichnet. Dem lange Zeit im europäischen Christentum durch die Kultursynthese von Kirche und Gesellschaft vertretenen Monopolanspruch einer christlichen Barmherzigkeitskultur ist damit wohltuend der Abschied gegeben. Stattdessen wird deutlich, dass Begriffe wie „Wohltätigkeit“ und „Solidarität“ als Prinzipien sozialer Inklusion bereits in Ägypten eine große Rolle spielten. Soziale Fürsorge ist eine Funktion einer sozialen Gesellschaft, wobei deutlich wird, dass schon in Ägypten die religiöse Deutung den Begriff des Helfens prägt. Insgesamt zeigt das Kapitel über die historische Entwicklung der christlichen Diakonie viele detailreiche Erörterungen (schade ist, dass die Bebilderung im späteren Teil des Buches nicht pointiert fortgesetzt wird). Wenn man dem Buch an einer Stelle die konfessionelle Prägung seines Verfassers anmerkt, dann betrifft es in gewisser Weise die Darstellung der Wurzeln der verfassten Diakonie im 19. Jahrhundert. Hier fehlt mir in der Gesamtdarstellung die Würdigung protestantischer Schlüsselfiguren der Verbandsdiakonie wie Joh. Hinrich Wichern, Theodor Fliedner oder Friedrich von Bodelschwingh, von denen – etwa im Falle Fliedners – auch entscheidende Impulse zur Reform des Krankenhauswesens ausgingen. Insgesamt ist mir an dieser Stelle schmerzlich das Defizit einer kompakten ökumenischen Darstellung der „christlichen“ Kultur des Helfens deutlich geworden, die auf ihre Abfassung noch wartet. Ebenso fehlt letztlich die Thematisierung des Feldes des sozialen bürgerschaftlichen Engagements im 19. Jahrhundert, das die Grundlage für das Verständnis des Ehrenamtes bildet.

Im 3. Kapitel wendet sich der Verfasser den gesellschaftlichen Trends zu. Der gesellschafts-analytischen Beschreibung der Phänomene Armut und Reichtum, deren Konzedierung als Ausgangssituation bzw. soziale Herausforderung gewertet wird, gesellt sich neben der Darstellung der Theoreme Individualisierung und Pluralisierung von Ulrich Beck die Beschreibung von Erwartungshorizonten und Erwartungshaltungen an die Diakonie. Hier werden beim Leser/Leserin die Vertrautheit mit religionssoziologischen Kenntnissen etwa der Mitgliedschaftsstudien der EKD vorausgesetzt. Indem sich der Verfasser dann im Verlauf des Kapitels der Verbindung von Systemtheorie und Diakonie zuwendet, vermag der Fachwissenschaftler als Leser der Argumentation zwar gut zu folgen, verliert aber der Leser ohne tiefere Kenntnisse von Religionssoziologie den Zusammenhang. Am Ende löst sich die Schärfe eines Luhmann‘schen Diktums, das der Verfasser klar benennt, nämlich das der äußeren (gesellschaftlichen) Erwartungshaltung an die Diakonie, womit das stellvertretende Handeln für Andere und Diakonie also als „Leistung der Religion“ gemeint ist (S. 117), im Gestrüpp der verästelten Darstellung auf. Und gerade mit Luhmann gelingt es aber auch dem Verfasser zu zeigen, weshalb dann die Diakonie in die Aporien ihrer Selbstlegitimierung gerät, denn aufgrund des Außendrucks gerät die Diakonie leicht in die Gefahr, „die Rolle einer staatlichen Agentur zu übernehmen“ (S. 124) Zusammenfassend hat mich an der Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklungen die Verbindung von Diakonie mit den soziologischen Megatrends überzeugt, wobei besonders die Benennung der Folgen der Individualisierung auf soziale Notlagen überzeugt, die der Verfasser durch den doppelten Trend kennzeichnet: a) Not als privates Schicksal und b) Prozess der Entsolidarisierung. Die kritische Note, die der Autor gegenüber der Diakonie und deren z.T. unreflektierten Selbstbildern in der Aufnahme der Argumentation von Luhmann anschlägt, bildet für mich einen innovativen und weiterführenden Aspekt. Die Begriffe der „Fremdsteuerung“, „Kritiklosigkeit“, der „Kompensation“ und der „Systemstabilisierung“ zeigen die beharrende und eben nicht die innovative Kraft diakonischen Handelns unter den Gesetzmäßigkeiten von Marktorientierung und Wohlfahrtsstaatlichkeit. Diakonie ist eben mit Haslinger kein „Alternativprogramm“ (S. 140); sie ist z.T. kritiklos und ideologieanfällig. Das „mehr“, das die konfessionellen Träger sich im Profilkampf der Ökonomisierung auf die Fahnen geschrieben haben, bleibt ein ideologisches Postulat.

Von dieser kritischen Pointe aus betrachtet ist es natürlich spannend zu verfolgen, wie der Verfasser dann in Kapitel 5 seine Überlegungen zur Theologie der Diakonie einfädelt (S. 205ff), nachdem in Kapitel 4 die traditionelle Zuordnung der theologischen Dimensionen von diakonia, martyria und leiturgia besprochen hat und ausgehend vom Proprium der Diakonie die Theologie als „Corporate Identity“ einzuführen versucht. Haslinger schlägt den Weg einer sozialphilosophischen Kurve ein, die er – da treffen sich in ökumenischer Begründung katholische und evangelische Begründungsversuche neuerdings – durch die Kategorie des „Anderen“ bei E. Levinas findet. Erst anschließend kommt er auf die Zielgerade biblisch-theologischer Verifikation, indem er alttestamentliche und neutestamentliche Begründungsmuster sehr ausführlich und im exegetischen Abschreiten nahezu aller relevanten biblischen Texte analysiert. Die Falle steckt hier allerdings wieder im Detail, denn es ist schade, dass durch das gewählte methodische Vorgehen die Impulse von Levinas über die „Humanität des Anderen“ so unverbunden neben den biblischen Texten stehen bleiben. Für Haslinger liegt der Ertrag des diakonischen Denkens von Levinas in der Verantwortung für den Anderen, die vor allem in der Anerkennung des Anders-Seins begründet wird. Diese Linien werden dann aber im späteren Durchgang durch die biblischen Texte nicht explizit wieder aufgenommen. Im Ganzen überzeugt indes die Geschlossenheit des gesamten Kapitels, das in exegetischer Hinsicht sehr fundiertes Wissen bietet, indes für den nicht-christlich geübten Leser einen dornigen Weg hin zur „diakonischen Praxis“ bedeutet, denn diese ist – so Haslinger – ein „theologiegenerativer Ort“ (S. 308).

Und die diakonische Praxis, die am Ende der Studie in den Blick kommt, ist konstituiert durch die ästhetischen Wahrnehmungsebenen der Betroffenheit und des Mitgefühls. Die Stärke des Kapitel 7 liegt deshalb für mich in der Beschreibung der die Diakonie und ihr Handeln „leitenden Begriffe“ wie „helfen“, „dienen“, „lieben“. Hier findet der Leser/ die Leserin eine gute Zusammenfassung der Forschungsdiskussion z.B. zum Begriff „Dienen“ und diese Teile des Kapitels eignen sich sehr gut im Kontext der Hochschullehre zur Lektüre. Eine zweite Kehre zur Gesellschaft nimmt die Studie dann mit dem letzten Kapitel zum diakonischen Handeln auf der Ebene der Gesellschaft. Die Herausforderung der Diakonie wird ausgehend vom Begriff der Solidarität in der sog. „Option“ für die Armen gesehen, wodurch sich der mandatorische Charakter der Diakonie begründet.

Fazit

Geht es darum, meine Lektüre des Buches auf den Punkt zu bringen, so bleibt mir am Ende nur Respekt übrig für die wissenschaftliche Detailarbeit und die Geschlossenheit der Gesamtdarstellung. Die Diakoniewissenschaft hat mit der Arbeit von Herbert Haslinger in der Tat ein Standwerk erhalten und es ist überaus erstaunlich, wie anschlussfähig konfessionelle Argumentationen evangelischer und katholischer Provenienz in Sachen Diakonie sind. Vielleicht wäre es an der Zeit, den Versuch einer ökumenischen Theologie zur Diakonie zu wagen, um dann aus einer Gesamtperspektive einer christlichen Kultur des Helfens in die Diskussion einer Anschlussfähigkeit von Sozialarbeit und Theologie voran zu bringen, der von Seiten der Sozialarbeit leider noch in den Anfängen steckt.


Rezension von
Prof. Dr. Ralf Hoburg
Lehrstuhl für Diakoniewissenschaft und Wohlfahrtsökonomie Hochschule Hannover
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Zitiervorschlag
Ralf Hoburg. Rezension vom 14.07.2009 zu: Herbert Haslinger: Diakonie. Grundlagen für die soziale Arbeit der Kirche. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-8397-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7206.php, Datum des Zugriffs 16.09.2021.


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