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Huberta von Voss: Arme Kinder, reiches Land

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 24.03.2009

Cover Huberta  von Voss: Arme Kinder, reiches Land ISBN 978-3-498-07064-9

Huberta von Voss: Arme Kinder, reiches Land. Ein Bericht aus Deutschland. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2008. 223 Seiten. ISBN 978-3-498-07064-9. D: 14,90 EUR, A: 15,30 EUR, CH: 27,30 sFr.
Mit einem Vorwort von Eva Luise Köhler.

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Thema

Wie immer Armut gemessen wird, in Deutschland wächst die Zahl der Kinder, die in Armut leben, beharrlich. Mittlerweile sind es nicht weniger als drei Millionen. Auch die Bundesregierung bestreitet dies nicht länger: „Obwohl die Bundesrepublik Deutschland zu den reichen Ländern dieser Erde gehört, werden bei uns immer noch zu viele Kinder in prekären materiellen Verhältnissen groß“, bekundet sie im „Nationalen Aktionsplan für ein kindergerechtes Deutschland“. In Deutschland geht es nicht wie bei vielen Kindern in ärmeren Ländern ums schiere Überleben, sondern um den überdurchschnittlichen Mangel an Ressourcen, die für ein unter hiesigen Bedingungen mögliches befriedigendes Leben erforderlich sind; deshalb wird von relativer im Unterschied zu absoluter Armut gesprochen. Aber die Auswirkungen auf die Kinder sind gleichwohl enorm: Sie sind in ihrer gesundheitlichen Entwicklung beeinträchtigt, haben wesentlich geringere Bildungschancen und leiden vor allem unter sozialer Isolierung, Demütigung und Diskriminierung. Dies alles ist inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt und nachzulesen. Wozu also ein weiteres Buch?

Inhalt

Es handelt es sich um eine Sammlung von Sozialreportagen im klassischen Sinn. Die Autorin ist quer durch Deutschland gereist, hat mit Kindern, Müttern und, soweit vorhanden, auch mit Vätern gesprochen und sie ein Stück weit in ihrem deprimierenden und oft aussichtslosen täglichen Leben begleitet. Sie hat Suppenküchen in „sozialen Brennpunkten“, ein „Haus der Hilfe“ in der brandenburgischen Provinz und Kindernotdienste in Großstädten besucht, mit Pfarrern und anderen sozial engagierten Menschen gesprochen, lässt uns teilhaben an ihrer aufopferungsvollen Arbeit, die nur selten soziale Anerkennung und so gut wie nie staatliche Unterstützung findet. Das Buch bringt dem Leser und der Leserin die brutale Wirklichkeit des täglichen Überlebenskampfs, von Verzweiflung, Wut und Resignation der in Armut geratenen Menschen in einer Weise nahe, wie es keine wissenschaftliche Untersuchung bisher geschafft hat. Und sie zeigt dabei nicht zuletzt eine bewundernswerte Einfühlsamkeit in die Erfahrungswelt und das Empfinden der Kinder selbst, die menschliche Wärme und Geborgenheit vermissen, aber oft auch ihren geplagten und überforderten Müttern zur Seite stehen.

Das Buch lenkt den Blick auf Aspekte der Kinderarmut, die gewöhnlich eher in der Dritten Welt vermutet und von den meisten Politiker/innen und sonstigen „Verantwortlichen“ gerne verdrängt werden. Es zeigt eindringlich, wie die Regelsätze von „Hartz IV“ Kinder selbst dann zum Hungern zwingen, wenn ihre Mütter sich für sie aufopfern. Es zeigt, wie den Kindern Würde und Selbstvertrauen geraubt wird, weil sie ihre Not vor Mitschüler/innen verbergen oder sich von diesen als „Mülltonnenfresser“ beschimpfen lassen müssen, weil sie mit ihren ohnmächtigen Erziehungsberechtigten zwangsgeräumt werden und nicht einmal ihre Kuscheltiere mitnehmen können oder weil ihren Müttern nichts anderes übrig bleibt, als ihnen mit scheinbarer Gleichgültigkeit und tatsächlicher Härte zu begegnen. Das Buch zeigt an handfesten Beispielen, wie die Armut der Misshandlung und selbst dem sexuellen Missbrauch der Kinder Vorschub leistet, wie sie Kinder bereits mit 11 oder 12 Jahren zu sog. Intensivtätern werden oder einen Ausweg in exzessivem McDonald-Fraß oder Drogen suchen lässt. Schließlich macht die Autorin auch auf die kaum sichtbaren, aber letztlich zerstörerischen Folgen des Alkoholismus für Neugeborene aufmerksam.

Bei allem Horror zeigt die Autorin auch an einigen Beispielen, wie den Folgen der Armut mit persönlichem Engagement begegnet werden kann. Ihre Botschaft lautet: „Wir alle sind gefragt“, und der Armut lässt sich ein Schnippchen schlagen, wenn sich in der deutschen Gesellschaft statt „Entsolidarisierung“ mehr Mitgefühl und Bürgersinn breitmacht.

Diskussion

Genau hiermit fordert die Autorin aber kritische Fragen heraus. Zwar kriegen gelegentlich Politiker (auffälliger Weise ausschließlich SPD-Leute wie Wowereit und Platzeck) für vermeintlich gedankenlose Bemerkungen ein bisschen Fett ab, und es wird darauf hingewiesen, dass die „soziale Vererbung“ von Armut auch mit der geringen „Durchlässigkeit“ des Schulsystems zu tun hat, aber an keiner Stelle des Buches wird die Frage gestellt, worin die Armut (als Kehrseite des einseitig und mit Macht angeeigneten Reichtums) denn nun gründet und wer dafür die politische Verantwortung trägt. Der Abbau der staatlichen Sozialsysteme wird zwar hin und wieder beklagt, aber letztlich als unvermeidlich hingenommen. Im Buch geht es nicht darum, die Armut zu bekämpfen, sondern mit ihren Folgen besser fertig zu werden.

Der Lobgesang auf Suppenküchen und andere Manifestationen von Bürgersinn verdeckt, dass Armut ein integraler und „von oben“ vielfach sogar gewollter Bestandteil des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist und nur mit einer grundlegenden Veränderung desselben aus der Welt zu schaffen wäre. Dass auch noch die bessere Hälfte des Bundespräsidenten, immerhin ein neoliberaler Verfechter dieses Systems, in einem Vorwort auf die Tränendrüse drücken darf, legt den Schluss nahe, dass es sich bei dem Buch um ein Stück „einfühlenden Konservativismus“ handelt. Der wurde bekanntlich erfunden, um mit demonstrativem Mitgefühl der Kritik am Skandal den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Fazit

Ein Buch, das das Leben in Armut in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Konsequenzen für Kinder hautnah miterleben lässt, dem aber die gesellschaftskritische Analyse und eine politische Perspektive fehlt, wie der Armut ein Ende zu machen wäre.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 24.03.2009 zu: Huberta von Voss: Arme Kinder, reiches Land. Ein Bericht aus Deutschland. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2008. ISBN 978-3-498-07064-9. Mit einem Vorwort von Eva Luise Köhler. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7209.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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