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Thomas Klie (Hrsg.): Wohngruppen für Menschen mit Demenz

Cover Thomas Klie (Hrsg.): Wohngruppen für Menschen mit Demenz. Vincentz Verlag (Hannover) 2003. 416 Seiten. ISBN 978-3-87870-633-5. 28,80 EUR.
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Zur Thematik des Buches

Gegenwärtig ist in der stationären Altenhilfe in Deutschland ein struktureller Wandel festzustellen: Das Integrations-Konzept (gemeinsame Unterbringung von Demenzkranken und Nicht-Demenzkranken in einem Wohnbereich) wird zunehmend von dem Homogenisierungsansatz (Demenzwohnbereiche) abgelöst. Im Rahmen dieser Neuorientierung gewinnen demenzspezifische Versorgungskonzepte aus dem Ausland an Bedeutung. Das Cantou-Modell aus Frankreich, Demenzwohngruppen aus Schweden und ähnliche Konzepte aus den Niederlanden werden seit einiger Zeit in den Fachkreisen eingehend geprüft und erörtert. Im Mittelpunkt hierbei stehen Überlegungen, inwieweit diese Konzepte eventuell auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind.

Zusätzlich wird seit einigen Jahren von einigen wenigen "Experten" die Abschaffung der Heime für pflegebedürftige alte Menschen und Behinderte gefordert. Anstelle der Heime soll die ambulante Versorgung und die Schaffung von wohnortsnahen Kleinsteinrichtungen treten.

Diese beiden Strömungen bilden den Hintergrund für die vorliegende Publikation.

Es handelt sich hierbei überwiegend um Beiträge von Absolventen der Evangelischen Fachhochschule Freiburg (u. a. Extrakte aus Diplomarbeiten) und dem Herausgeber.

Inhalt

Das Buch ist in drei Teile untergliedert: Grundlagen (Teil I), Innovative Projekte (Teil II) und Recht - Finanzierung - Materialien (Teil III).

Im Teil Grundlagen werden folgende Themen erörtert: Demenz als Krankheit (Ursachen, Diagnose, Therapien u. a.), Ethik und Demenz, Versorgungssituation und Versorgungskonzepte (ambulant, teil- und vollstationär, Wohngruppenkonzepte) und pflegende Angehörige.

Der Teil Innovative Konzepte ist in drei Kapitel unterteilt. Im Kapitel "Konzepte" werden neun Wohngruppenansätze aus Deutschland, Frankreich, Schweden, den Niederlanden, der Schweiz und Finnland vorgestellt. Anhand folgender Gliederung werden die einzelnen Modelle dargestellt: Pflegephilosophie, Zielsetzung, Zielgruppe, Leistungen, Personalkonzept, bauliche Gestaltung, Finanzierung, Diskussion (Erörterung der Vor- und Nachteile) u. a.. Das Kapitel "Steckbriefe" enthält die Kurzbeschreibungen von 21 Wohngruppenmodellen aus sieben europäischen Ländern gemäß der Gliederung des vorhergehenden Kapitels. Im Kapitel "Netzwerk Wohngruppen für Menschen mit Demenz" wird das "Freiburger Modell" , eines Verbundansatzes mehrerer Wohngruppen eingehend erläutert.

Teil III der Veröffentlichung enthält die Kapitel rechtliche Rahmenbedingungen (Heimrecht, Sozialrecht u. a.), Finanzierungsoptionen (ambulant, stationär u. a.) und Materialien: das Hamburger Konzept, ein Info-Brief des Freiburger Modells und eine Übersicht der Kategorien zur Begutachtung der Pflegebedürftigkeit gemäß Sozialgesetzbuch XI.

Kritische Würdigung

Die vorliegende Veröffentlichung besteht aus unterschiedlichen Elementen: u. a. Ausführungen über Demenzen als Krankheit, Kurzbeschreibungen verschiedener Einrichtungen, Überlegungen über rechtliche Aspekte und Finanzierungsmodalitäten.

Dieser Vielfalt entsprechend wird hier der Versuch unternommen, auf verschiedenen Zugangswegen die Publikation kritisch zu erfassen:

1. Das Basiswissen der Autoren über Demenzen

Der Rezensent ist zu der Einschätzung gelangt, dass dieser Veröffentlichung ein nur recht oberflächlicher und eingeschränkter Wissensstand über Demenzen zugrunde liegt. Belegt wird dies mit den unkritischen Ausführungen über "Demenz als Lebenshilfe", "Demenz als Selbstheilungsversuch" und den "Rückzug in die inneren Welten". Diese Vorstellungen entstammen zumeist den Konzepten der so genannten "personenzentrierten Ansätze" (Validation, das Konstrukt von Tom Kitwood u. a.), die eine neue Sichtweise der Demenzen u. a. auch in Richtung einer Entpathologisierung einfordern. Es bleibt hierbei jedoch anzuführen, dass diese Vorstellungen konträr zum Stand der Forschung stehen und nur durch empirisch nicht zu belegende Gedankenkonstrukte ("Aufarbeitungsphasen" etc.) begründet werden.

2. Die Erfassung der Thematik Wohngruppe

Ebenso oberflächlich und auch unzureichend erscheinen dem Rezensenten die Ausführungen über die Versorgungseinrichtung "Wohngruppe für Demenzkranke", denn der bisherige Erkenntnisstand aus dem In- und Ausland über diese Versorgungsform wird nicht aufgearbeitet. Damit verliert die Arbeit an analytischer Schärfe und Tiefe hinsichtlich der Erfassung dieses Gegenstandsbereiches. Gerade das Wissen über die teilweise schon jahrzehntelangen Erfahrungen aus dem Ausland sind von eminenter Bedeutung für die Beurteilung dieses Ansatzes.

Die bloße Auflistung verschiedenster Wohngruppenmodelle (stationäre , vorstationäre und Alternativkonzepte) ohne eingehende Aufarbeitung der einrichtungsspezifischen Charakteristika und der versorgungs- und sozialrechtlichen Einbettung wird einer Darstellung dieses Themenbereiches nicht gerecht.

3. Problematische Empfehlungen

Geradezu abenteuerlich und unverantwortlich erscheinen dem Rezensenten die Ausführungen über die rechtlichen und versorgungstechnischen Aspekte der Wohngruppen.

Der Herausgeber, Thomas Klie, plädiert für eine offene Unterbringung Demenzkranker in Wohngruppen, die er u. a. mit ihren "Selbstbestimmungswünschen und -impulsen" begründet. Dabei verweist er auf Artikel 2 Abs. 2 GG ("Die Freiheit der Person ist unverletzlich."). Dass im selben Absatz jedoch auch ausgeführt wird: " Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit", findet bei ihm keine Beachtung. Ebenso einseitig argumentiert er bezüglich der Aufsichtspflicht gemäß § 832 BGB bei Demenzkranken, die er leugnet und als "Mythos" abtut. Laut § 832 BGB geht es jedoch um Personen, die "wegen ihres geistigen oder körperlichen Zustandes der Beaufsichtigung" bedürfen, also letztlich auch um Demenzkranke. Es besteht somit eindeutig eine Aufsichts- und Fürsorgepflicht für diese Personengruppe, egal ob nun hierbei das Betreuungsrecht angewendet wird oder nicht.

Es kann somit der Schluss gezogen werden, dass hier das einschlägige Recht sehr tendenziös ausgelegt wird.

Bezogen auf das Sozialrecht (BSHG und SGB) liegen einige Fragwürdigkeiten vor. Es lässt erstaunen, dass Demenzkranke laut Klie als "Behinderte" gelten, für die Eingliederungshilfe gemäß § 39 BSHG eingefordert werden kann. Bisher waren Demenzkranke chronisch Kranke, nicht jedoch Behinderte.

Dass Hilfen zur Weiterführung des Haushaltes gemäß § 70 BSHG eingefordert werden lässt angesichts einer Personengruppe, die u. a. nicht mehr die Fähigkeit zum Aufstehen und Toilettengang besitzt, aufhorchen.

"Kreative" Vorgehensweisen dominieren auch bei den "Finanzierungsoptionen" für Wohngruppen für Demenzkranke, um die Einrichtungen am Laufen halten zu können. So muss z. B. die verbindliche Angehörigenmitarbeit eingefordert werden, um ein "Qualitätsoptimum" in der Versorgung erzielen zu können. Des weiteren muss den Demenzkranken ein "Mieter-Status" zugewiesen werden, um das Heimgesetz als ein genuines Schutzrecht zu umgehen. Darüber hinaus müssen zwecks Finanzierung des "24-Stunden-Services" Individualleistungen nach dem Sozialrecht (§68 f BSHG) in Kollektivleistungen für die Wohngruppe "umgewidmet" werden.

Fazit

Auf die "Notwendigkeit neuer Wege" in der Demenzversorgung wird in der Einleitung des Buches hingewiesen. Doch diese neuen Wege können aus vielerlei Sicht nicht überzeugen:

Sie sind betriebwirtschaftlich und damit sozialpolitisch unvertretbar (nicht zu rechtfertigende Mehrkosten), pflege- und milieubezogen unzulänglich und rechtlich (Verbraucher- und Rechtsschutz) unzureichend eingebettet. Hier werden in aller Deutlichkeit Fehlentwicklungen aufgezeigt, die keine Alternative zum Heim bieten können.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 22.04.2003 zu: Thomas Klie (Hrsg.): Wohngruppen für Menschen mit Demenz. Vincentz Verlag (Hannover) 2003. ISBN 978-3-87870-633-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/721.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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