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Frank Dammasch , Dieter Katzenbach u.a. (Hrsg.): Triangulierung

Rezensiert von Prof. Dr. Margret Dörr, 02.03.2010

Cover Frank  Dammasch  , Dieter Katzenbach u.a. (Hrsg.): Triangulierung ISBN 978-3-86099-873-1

Frank Dammasch , Dieter Katzenbach, Jessica Ruth (Hrsg.): Triangulierung. Lernen, Denken und Handeln aus psychoanalytischer und pädagogischer Sicht. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. 236 Seiten. ISBN 978-3-86099-873-1. 24,90 EUR. CH: 44,00 sFr.
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Thema

Das Konzept der Triangulierung hat – nach langen Jahren der unbegründeten Vernachlässigung trotz beachtenswerter Vorläufer (u.a. Abelin 1971) – in der Zwischenzeit den Rang einer Art Leitwährung sowohl in der klinischen Psychoanalyse, in der empirischen Entwicklungsforschung als auch in der supervisorischen Theorie und Praxis gewonnen. Auch wenn eine eindeutige Klärung des Begriffs „Triangulierung“ noch aussteht, da er sich in permanenter Modifikation befindet und sich seine Geltung immer wieder neu in Abgrenzung zu anderen Konzepten (z.B. Mentalisierung) bewähren muss, so ist der heuristische Wert für ein differenzierteres Verständnis der Subjektentwicklung zunehmend anerkannt. Als Entwicklungskonzept besagt es, dass die kindliche Entwicklung von Beginn an auf das Zusammenwirken von Mutter und Vater notwendig angewiesen ist, da der emotionale Abstimmungs- und Anerkennungsprozess in der familialen Triade eine Basis für einen gesunden psychischen Strukturaufbau darstellt. Triangulierung bezeichnet hier die Entwicklungsaufgabe des Kindes (aber auch der Eltern), aus dem äußeren Beziehungsdreieck ein inneres zu machen: Das Kind internalisiert seine Beziehung zu den wichtigsten primären Bezugspersonen bereits lange vor der späteren „ödipalen Triangulierung“. Ein Prozess, der für die Entwicklung stabiler Selbst- und Objektrepräsentanzen, sowie für die Entwicklung des Denkens und Phantasierens in einem inneren Raum entscheidend ist.

Aus struktureller Perspektive ist das Triangulierungskonzept mit der Reflexionskompetenz und der Mentalisierung verwandt. Dementsprechend bezieht sich die intrapsychische Fähigkeit des Menschen zur Triangulierung auf die Kompetenz, aus der Sicht eines Dritten, eines Fremden auf das Eigene zu schauen. Diese Fähigkeit zu einer solchen triangulierenden Perspektive erweist sich nun nicht nur als eine wichtige Voraussetzung für frühe Entwicklungsprozesse (einschließlich der Fähigkeit des Denkens), sondern auch für kreative, psychische Veränderungen während des gesamten Lebens. In diesem Sinne kann auch der Supervisor/die Supervisorin als der trennende, beobachtende und reflektierende Dritte verstanden werden, der PädagogInnen dabei hilfreich sein kann, aus ihren dyadischen Verwicklungen mit ihrem Gegenüber wieder in eine dritte verstehende Position, und damit zu einer produktiven Veränderung, zu gelangen.

Herausgeber/Herausgeberin

Frank Dammasch, Prof. Dr., analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut in eigener Praxis, lehrt und forscht an der Fachhochschule Frankfurt, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Kontrollanalytiker am Institut für Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Hessen.

Dieter Katzenbach, Prof. Dr., lehrt an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M. am Institut für Sonderpädagogik.

Jessica Ruth, Diplom-Pädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M., mehrjährige Tätigkeit an Förderschulen.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band nimmt den gesellschaftlichen Tatbestand auf, dass in der Moderne die Bedeutung des Vaters und das väterliche Prinzip zunehmend an den Rand gedrängt worden ist. Durch diese Umstände sehen sich gleichermaßen Psychoanalytiker/innen wie Pädagog/innen aufgefordert, die Auswirkungen dieser Sachverhalte auf die Entwicklung von Kindern, einschließlich ihrer (eben auch misslingenden) Lern- und Denkentwicklungen zu beleuchten.

In neun Beiträgen widmen sich die Autor/innen aus entwicklungspsychologischer, pädagogischer und psychoanalytischer Forschungs- und Handlungsperspektive der Bedeutung der Triangulierung für die Subjektentwicklung und der Frage, wie die Rolle des Dritten durch pädagogische oder psychotherapeutische Institutionen übernommen werden kann. Diese Suchbewegung eröffnet zugleich neue Perspektiven für Ausbildung, Lehre und Forschung.

Aufbau

Der vorliegende Band ist in drei Teile (mit je drei Beiträgen) gegliedert:

  • Teil I diskutiert theoretische und begriffliche Grundlagen zum Konzept der Triangulierung.
  • Teil II stellt unterschiedliche psychoanalytische Forschungsprojekte im Kontext der Bedeutung von Triangulierung für die kindliche Entwicklung vor, thematisiert dabei systematisch und anschaulich die je verwendeten Forschungsmethoden und diskutiert die daraus gewonnenen empirischen Ergebnisse.
  • Teil III zeigt exemplarisch die fruchtbare Bedeutung des Triangulierungskonzepts für pädagogisches und therapeutisches Handeln.

Inhalt

  1. Den Zusammenhang von Triangulierung und Geschlecht macht Frank Dammasch in seinen theoretischen Reflexionen zum Vaterbild in der Psychoanalyse und zur psychischen Entwicklung des Jungen deutlich. Dabei erörtert er nicht nur die für Einsteiger in die Thematik interessante Geschichte der psychoanalytischen Triangulierungsmodelle, sondern skizziert auf der Basis seiner „naturalistischen Familienbeobachtungsstudien“ an der Universität Frankfurt (gemeinsam mit Hans-Geert Metzger) sein Entwicklungsmodell der Triangulierung und formuliert erhellende Gedanken zur essentiellen Bedeutung einer „Gender-Triangulierung “ für die reife Identitätsentwicklung des Jungen.
  2. Thomas Plänkers stellt der Leserin „Dimensionen des psychischen Raums“ vor, wodurch er seine Sicht auf die innere trianguläre Strukturierung deutlich machen will. Seine komprimierte Bezugnahme auf Freud, Klein und Bion macht es einem uninformierten Leser schwer, ihm ins Thema hinein zu folgen; ein Beitrag, der erarbeitet werden will. Sehr aufschlussreich ist seine Idee eines dreidimensionalen psychischen Raums (als Ort psychischer Reife), die es dem Analytiker in der klinischen Praxis ermöglicht, eine Anschauung hinsichtlich des psychischen Ortes seines jeweiligen Patienten zu gewinnen, und damit, ob dieser die psychische Voraussetzung für das Erleben und Gestalten von triangulierten Beziehungen besitzt. Diese Perspektive verhilft dem Analytiker besser zu erkennen, von welchem Ort aus der Patient eine Deutung/Intervention erlebt.
  3. Das unhintergehbare Zusammenspiel von Emotion und Kognition bei Lernprozessen ist die Fokussierung im Aufsatz von Dieter Katzenbach und Jessica Ruth. In ihrem Beitrag Lernen – Lernstörung – Triangulierung gehen sie der Frage nach, wie die fachlichen Hilfen für bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche mit gravierenden Lernschwierigkeiten weiter entwickelt werden können. In ihrer eindrücklichen Darstellung eines Forschungsprojektes gelingt es ihnen nicht nur, die Mehrdimensionalität ihres methodischen Vorgehens nachvollziehbar vorzustellen, sondern ihre empirischen Ergebnisse zeigen überzeugend den Erkenntnisgewinn des psychoanalytischen Konzepts der Triangulierung für das Verständnis der Entstehung von generalisierten Lernproblemen bei Kindern und Jugendlichen.
  4. In ihrem Beitrag Zweisamkeit vor Dreisamkeit? geben Wilfried Datler, Nina Hover-Reisner, Kornelia Steinhardt und Kathrin Trunkenpolz einen aufschlussreichen Einblick in ihre Wiener Beobachtungsstudie von Säuglingen in Alltagssituationen mit ihren Eltern. Im Zuge der Darstellung ihres Forschungsprojektes und deren Ergebnisse laden sie die Leserin nicht nur ein, die von ihnen gewählte Methode der Infant Observation (ein Tavistock-Konzept) zur Erforschung früher Triangulierungsprozesse nachvollziehend zu erfassen. Sondern ihre feinsinnige Illustration einer Einzelfallstudie lässt anschaulich werden, in welcher Weise ein Kind innerhalb des ersten Lebensjahres unterschiedliche Beziehungen zu Vater und Mutter in Abhängigkeit von den spezifischen Beziehungserfahrungen, die es mit jedem Elternteil macht, entwickeln kann und welche Folgerungen sich daraus für die Theorie früher Triangulierungsprozesse ergeben.
  5. Den Gegenstand der „Triagnostik der frühen Eltern-Kind-Beziehung“ nimmt Inken Seifert-Karb in ihrem Aufsatz Wenn drei zu zwei allein sind…in den Blick. Dabei plädiert sie erfahrungsgesättigt und gut begründet für ein systematisches Einbeziehen realer triadischer Interaktionen in die Diagnostik und Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten im Säuglings- und Kleinkindalter (frühe Regulationsstörungen), da die vom Kind entwickelten Symptome die unbewältigten Konflikte der Eltern widerspiegeln. Neben der Beschreibung der Vorgehensweise ihrer Forschungsarbeit zur Früherkennung von Belastungssituationen in der frühesten Eltern-Kind-Beziehung, diskutiert sie theoretische Überlegungen zur Intersubjektivität im triadischen Beziehungsraum.
  6. Marianne Leuzinger-Bohleber, Tamara Fischmann und Luise Läzer stellen in ihrem Beitrag Triangulierung – ein zentrales Konzept der Frankfurter Präventionsstudie? überzeugende quantitative und qualitative Ergebnisse aus ihrer interdisziplinären Studie vor, die sie auf der Folie des psychoanalytischen Triangulierungskonzepts betrachten. Damit gelingt es ihnen, die Fruchtbarkeit des Konzepts für das Verständnis früher Affekt- und Triebregulationen bzw. ihrer Störungen (z.B. ADHS) herauszuarbeiten, und den Gewinn darzustellen, wenn „Triangulierung“ als Metapher zur Beschreibung von kreativen Entwicklungsprozessen durch psychoanalytische Supervision begriffen wird. Zudem sind ihre theoretisch gut vorbereiteten Fallvignetten überaus geeignet, die Leserin dafür zu sensibilisieren, dass sich hinter der deskriptiven Diagnose ADHS ganz verschiedene je einzigartige Kinderschicksale verbergen, die es genauer in den Blick zu nehmen gilt.
  7. Der Aufsatz von Bernd Niedergesäß Das Fremde und das Dritte erörtert feinfühlig die bewussten und unbewussten Auswirkungen der enttäuschten Erwartungen von Eltern bei der Geburt eines behinderten Kindes. Unter Bezugnahme auf die Arbeiten von Monika Jonas zu dem Verlusterleben von Eltern behinderter Kinder und von Arno Gruen zum Konzept des „Fremden in uns“ legt der Autor beispielhaft die für die psychische Entwicklung des Kindes prekären Rollen der Mutter, des Kindes und des Vaters als Drittem in der Familie sowie dessen eingeschränkte Funktion im Rahmen einer Familie mit einem behinderten Kind dar. Abschließend beschreibt er überzeugend, am Beispiel aus einer integrativen Krabbelstube, die Funktionen, die Personen oder Systeme außerhalb der Familie als unterstützende Dritte für die Familie einnehmen können.
  8. Die Funktion der Triangulierung in institutionellen Kontexten thematisiert Heinz Krebs am Beispiel der Erziehungsberatung als Teil der Kinder- und Jugendhilfe. Indem er präzise die Aufgaben und Leistungen der Erziehungsberatung als ein mehrdimensionales und dynamisches Modell beschreibt, gelingt es ihm, Erziehungsberatung als ein auf Triangulierung basierendes Geschehen auszuweisen und zwar sowohl bezogen auf die Institution als auch auf den Beratungsprozess. Mit seiner praxeologischen Illustration des triadentheoretischen Ansatzes gibt er der Leserin einen Einblick in die so gewonnenen Möglichkeiten, Beobachtungen sinnvoll zu rekonstruieren sowie durch die damit verbundenen Bedeutungsverschiebungen und Neukonstruktionen ‚festgefahrene‘ Handlungs- und Konfliktmuster zu verflüssigen.
  9. Die Entwicklung pädagogischer Handlungskompetenz und die Struktur der Triangularität ist das Thema von Walter Lotz. In seinen Ausführungen lädt er die Leserin ein, Einblick in seine professionelle kommunikative Handlungskonzeption zu nehmen, die u.a. Gegenstand des Arbeitens und Lernens im Theorie-Praxis-Seminar des Studiengangs Sozialpädagogik der Fachhochschule in Frankfurt/M. ist: Durch praktische Erfahrung und systematische, an der TZI-Konzeption ausgerichteten Reflexion sollen die Novizen der Sozialen Arbeit handelnd lernen, Handlungsanlässe aufzuschlüsseln, Werturteile abzuwägen und aufgabenbezogene Grundeinstellungen und methodische Interventionsmöglichkeiten zu gewinnen. Die Entwicklungs- und Lernprozesse der Studierenden hat der Autor mit Hilfe des Verfahrens der Themenzentrierten Prozessanalyse differenziert im Hinblick auf trianguläre Kompetenzaspekte pädagogischen Handelns untersucht, deren nachdenkenswerte Ergebnisse er systematisch und selbstreflexiv darlegt.

Diskussion

Den HerausgeberInnen Dammasch, Katzenbach und Ruth ist es gelungen, mit ihrem Sammelband eine durchaus anspruchsvolle, gleichwohl gut lesbare und strukturierte Auseinandersetzung mit dem psychoanalytischen Konzept der Triangulierung vorzulegen. Alle neun Beiträge sind von ForscherInnen geschrieben, auf deren jeweiligen Untersuchungsfeldern sich sowohl der strukturelle wie der entwicklungspsychologische Aspekt der Triangulierung als außerordentlich fruchtbar bei der Konzeptualisierung der eigenen Beobachtungen und Ergebnisse erwiesen haben. Damit bestätigt der Band nicht nur die Breite der Anwendungsmöglichkeiten und die beschriebene Notwendigkeit der weiteren begrifflich theoretischen Schärfung des Konzepts der Triangulierung. Sondern er präsentiert mit seinen reichhaltigen empirischen Ergebnissen eindrücklich die gegenseitig bereichernde interdisziplinäre Kommunikation und Kooperation von PsychoanalytikerInnen, PädagogInnen und SozialwissenschaftlerInnen beim Nachdenken über den bildungstheoretischen Zusammenhang von Lernen, Denken und Handeln.

Fazit

Die vorliegende Publikation ist ein Ausweis gelungener Triangulierung unterschiedlicher Disziplinen (Sozial)Pädagogik, Psychoanalyse, Sozialwissenschaft und auch der Medizin. Alle Beiträge bestechen durch ihre je entfaltete Argumentationslogik, die im Rahmen eines elaborierten Theorierahmens erfolgt, und dies mit einem gekonnten didaktischen Geschick, so dass auch noch nicht vorgebildete Studierende und PraktikerInnen von den theoretischen Überlegungen und empirischen Ergebnissen gewiss profitieren können. Insofern bereichert der Band explizit den Fachdiskurs der Bildungs- und Erziehungswissenschaften wie der Psychoanalyse und ist besonders auch für die Kolleginnen und Kollegen empfehlenswert, die in der (Aus)Bildung von Novizen der Sozial- oder Sonderpädagogik sowie der Frühpädagogik tätig sind und dabei der selbstreflexiven Kompetenz einen hohen Rang einräumen.

Rezension von
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,’ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik’, ‚Klinische Sozialarbeit’‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie’.
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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 02.03.2010 zu: Frank Dammasch , Dieter Katzenbach, Jessica Ruth (Hrsg.): Triangulierung. Lernen, Denken und Handeln aus psychoanalytischer und pädagogischer Sicht. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-86099-873-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7215.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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