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Uwe Sielert: Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker, 28.01.2003

Cover Uwe Sielert: Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit ISBN 978-3-7799-0261-4

Uwe Sielert: Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 3., völlig überarbeitete Auflage. 238 Seiten. ISBN 978-3-7799-0261-4. 13,00 EUR.

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Hintergrund des Buchs und Einführung in das Thema

Uwe Sielert hat 1989 den "Klassiker" der deutschen Jungenarbeit publiziert und hat nun nach fast 15 Jahren eine völlig neue zweite Auflage des Buches erstellt. Darin verarbeitet er 15 Jahre Diskussion und Praxisentwicklung in der Jungenarbeit, die er selber entscheidend mitgestaltet hat. Als Uwe Sielert die Erfahrung machen musste, dass sein altes Buch bereits als "abschreckendes Beispiel" für essentialistische Positionen zitiert wurde, kam der Entschluss, seine aktuelle Position und die Entwicklungsgeschichte dahin in einer komplett neuen Auflage des Buches zu dokumentieren.

Diese "Ideengeschichte" der Jungen- und Männerarbeit in Deutschland referiert Uwe Sielert in einer sehr verständlichen und nachvollziehbaren Sprache. Die unterschiedlichen Paradigmen und Diskurszweige der Debatte werden vorgestellt: vom Essentialismus der Maskulinisten und Mythopoeten (die Sielert sehr kritisch sieht) bis hin zum radikalen Dekonstruktivismus der "Queer-Theorie" (aus der er wertvolle Anregungen für die Jungenarbeit übernimmt).

Aufbau und Inhalte

Diese theoretische Selbstvergewisserung des Entwicklungsweges der deutschen Jungenarbeit ist aber nur der Einstieg des Buches, das in einem zweiten Teil eine ausführliche "Didaktik der Jungen- und Männerarbeit" enthält, in dem sehr praxisnah Arbeitsprinzipien der Jungenarbeit ausführlich erläutert werden (Kapitelüberschriften sind z.B.: "Der Mitarbeiter als Beispiel in der Jungenarbeit; Wie gewinne ich meine Kollegen und die Einrichtungen für Jungen- und Männerarbeit?; Wie initiiere und betreibe ich Jungen- und Männerarbeit in der Praxis?; Schwierige Situationen, Konflikte und Störungen in der Praxis von Jungenarbeit" usw.).

Im dritten Teil werden konkrete Praxishilfen vorgestellt von der Planung und Reflexion der pädagogischen Situation mit Jungen und Männern bis hin zu konkreten Übungen zu Themenbereichen wie "Gesundheit und Körperbewusstsein, Biografie, Beziehungserfahrung, Sexualität, Machtaggression und Gewalt, Lebensplanung, Vaterschaft, Kinder und Haushalt". Das Buch schafft die Leistung, von der Theorie bis zur konkreten Praxis einen Zusammenhang herzustellen. Die Sprache ist sehr verständlich und nachvollziehbar. Man merkt ihr an, dass Uwe Sielert viele Erfahrungen aus Fortbildung und Praxisberatung hat. Er weiß, was in der "Praxis der Jungenarbeit" los ist und kann ihr wertvolle Reflexionsanregungen, wie konkrete Handlungsanregungen geben. Das Buch ermutigt und stärkt die Praktiker, Jungen- und Männerarbeit wirklich zu machen.

Das "Triadenmodell balancierter Persönlichkeit"

Ein wichtiges Element der Praxisorientierung ist Sielerts "Triadenmodell balancierter Persönlichkeit". Dieses baut auf einem anderen "Hauptwerk" der deutschen Jungenarbeit, der BZGA-Studie von Reinhard Winter und Gunter Neubauer von 1998 und ihrem Variablen-Modell "balancierten Jungen- und Mannseins" auf. Winter und Neubauer hatten ein Modell vorgelegt mit der Absicht, Persönlichkeit und Handlungsmuster von Jungen möglichst ausgewogen beschreiben zu können, d. h. ohne in einseitig bewertende Dualismen zu verfallen. Sielert hat nun die Begriffspaare von Winter und Neugebauer jeweils um einen dritten Aspekt ergänzt, den er "energetisch" nennt (z. B.: Konzentration/Integration,/Flow; Aktivität/Reflexivität/Erschütterung; Präsentation/Selbstbezug/Spiritualität; Konflikt/Schutz/Achtsamkeit usw., so dass nun "Triaden der Identitätsbalance" entstanden sind. Sind die ergänzten Begriffe als Überschriften nicht sofort einleuchtend, so erschließen sie sich doch besser im Text und werden plausibel. (Seinen Energetik-Begriff erläutert Uwe Sielert leider nicht näher, das birgt das Risiko, ähnlich unklar zu wirken, wie der Androgyniebegriff in der ersten Auflage.) Die verschiedenen begrifflichen Dreiecke sollen in der Jungenarbeit dazu dienen, beobachtete Prozesse bei Jungen und Männern besser deuten zu können und damit auch deren Selbstreflexion anzuregen. An den verschiedenen biografischen Phasen der Entwicklung der Geschlechtsidentität im Lebenslauf zeigt Uwe Sielert, dass die Triadenaspekte hier in jeder Phase zu einem besseren Verständnis beitragen könnten. Kritisch ließe sich hier fragen, ob nicht mit den Triadenmodell nach den postmodernen Multioptionen des Dekonstruktivismus (dessen Argumentationsmustern sich Sielert durchaus nicht verschließt) nun doch letztendlich wieder ein normativ positives Modell gelingender Männlichkeit eingeführt werden soll, das dann allerdings angesichts der realen Vielfalt von Männlichkeiten wiederum so allgemein menschlich sein muss, dass es schon (fast) nichts mehr mit dem Geschlecht, sondern nur noch mit der Persönlichkeit zu tun hat. Ist es denn so schwer auszuhalten, dass es kein "Leitbild Männlichkeit" gibt? Aus fachlicher Sicht der Jugendhilfe ließe sich fragen, ob ein inhaltlich normatives Modell (und sei es noch so allgemein) Praktiker nicht dazu (ver)führen könnte, die unumgehbaren Verstehens- und Dialoganstrengungen mit ihren konkreten Jungen zugunsten des Rückgriffs auf ein vorgegebenes Interpretationsschema zu vernachlässigen und nicht mehr mit den Jungen in der ihnen jeweils eigenen Sprache die spezifischen Chancen und Risiken ihrer individuellen Versuche der Entwicklung von Geschlechtsidentität zu reflektieren. Nutzt man das Modell allerdings als eine unter vielen verschiedenen möglichen reflexiven Anregungen (und nichts anderes schlägt Sielert vor), kann es die Praxis sicherlich bereichern.

Zielgruppen und Verwendung

Wirklichen Profit ziehen Praktiker der Jungenarbeit aus den ausführlichen Hinweisen zu den konkreten Fragen und Problemstellungen des Alltags in der Jungenarbeit. Sie können das Buch als konkrete Handreichung nutzen, um Jungenarbeit in einer Institution zu initiieren, Handlungsweisen für spezifische Jungen und ihre Gruppen zu entwickeln, die eigene Geschlechtsidentität sowie die eigene theoretische Orientierung zu reflektieren und schließlich auch im Rahmen von Gendermainstreaming gemeinsam mit den KollegInnen eine geschlechtsbewusste Pädagogik in einer Einrichtung zu entwickeln. Auch für die konzeptionelle Debatte ist das Buch eine wichtige Positionierung.

Fazit

Uwe Sielert ist es gelungen, seinen Klassiker - und damit auch die Jungenarbeit - auf den neuesten Stand zu bringen und so wird auch dieses Buch ein unverzichtbarer Bestandteil der Praxis- und Theorieentwicklung in der Jungenarbeit werden.

Rezension von
Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker
Universität Hamburg Fakultät für Erziehungswissenschaft Fachbereich 2, Arbeitsbereich Sozialpädagogik/Außerschulische Bildung
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Es gibt 7 Rezensionen von Benedikt Sturzenhecker.

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Zitiervorschlag
Benedikt Sturzenhecker. Rezension vom 28.01.2003 zu: Uwe Sielert: Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 3., völlig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-0261-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/722.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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