socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jochen-Christoph Kaiser (Hrsg.): Evangelische Kirche und sozialer Staat

Cover Jochen-Christoph Kaiser (Hrsg.): Evangelische Kirche und sozialer Staat. Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 304 Seiten. ISBN 978-3-17-020163-7. 34,00 EUR, CH: 58,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Entstehungshintergrund und Thema

In dem zu besprechenden Band hat Volker Herrmann anlässlich des 60. Geburtstags von Jochen-Christoph Kaiser eine exemplarische Auswahl von Beiträgen zur Diakoniegeschichte des Protestantismus zusammengestellt. Der Band bietet einen Querschnitt grundlegender Arbeiten Kaisers, den Herrmann in seinem Vorwort als „gleichermaßen Motor wie Mentor der diakoniehistorischen Forschung“ (S. 14) würdigt.

Angesichts einer nach wie vor in der allgemeinen Geschichtsschreibung verbreiteten Ausblendung oder zumindest Marginalisierung der christlichen Traditionen bei der Entwicklung sozialer Arbeitsfelder sowie des Sozialstaates generell zielen die Arbeiten Kaisers darauf ab, die Bedeutung kirchlicher Netzwerke und Milieus seit den Anfängen sozialer Arbeit im vormärzlichen Deutschland aufzuzeigen. Dabei arbeitet Kaiser, dies unterscheidet ihn von den Vorgängergenerationen der Diakoniegeschichte wie Martin Gerhardt und Erich Beyreuther, die Ambivalenzen der handelnden Akteure und ihre Verstrickungen in die Unrechtstraditionen deutscher Geschichte ebenso heraus wie die innovativen und wegweisenden Aspekte der christlichen Beiträge zur Entwicklung sozialstaatlicher Traditionen. Indem Kaiser vor vorschnellen „Wertungen geschichtlicher Prozesse und Strukturen“ (287) warnt, betont er um so eindrücklicher die Notwendigkeit geschichtlichen Wissens, nicht zuletzt um die Handlungsspielräume der Gegenwart angemessen zu verstehen und „sensibel für aktuelle Herausforderungen“ (288) zu werden.

Aufbau ...

Die insgesamt sechzehn Beiträge des Bandes – darunter ein unveröffentlichter Beitrag – thematisieren grundlegende Anliegen und Herausforderungen evangelischer Diakonie im Zeitraum von 1848 bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

... und Inhalt

Im Blick auf die Gründungsphase der Inneren Mission hebt Kaiser hervor, dass neben der Erweckungsbewegung auch die in Deutschland weithin christlich geprägte Spätaufklärung als wichtige Wurzel diakonischen Handelns berücksichtigt werden muss. Diese Tradition ist nicht zuletzt für den häufig nur am Rande thematisierten „kulturellen Formierungsanspruch“ (31) wegweisend, wie er die Innere Mission insbesondere im 19. Jahrhundert bestimmt hat. Neben dem sozialen Hilfehandeln richtete sich das Interesse der Inneren Mission stets auch auf kulturelle Arbeitsbereiche, um eine christlich geprägte Kunst- und Literaturpolitik in volksmissionarischer Absicht umzusetzen. Innere Mission im 19. Jahrhundert war in gleicher Weise auf das „geistig-kulturelle und soziale Leben der Zeit“ (43) ausgerichtet, um hier Defizite der verfassten Amtskirche auszugleichen. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts haben die evangelischen Landeskirchen viele der im Umfeld der Inneren Mission entwickelten kulturpolitischen Initiativen aufgegriffen und als eigene Handlungsfelder entdeckt und ausgebaut.

Die bis heute sehr starke Stellung der kirchlichen Sozialverbände im deutschen Sozialsystem resultiert wesentlich aus den Gründungsimpulsen des 19. Jahrhunderts, in denen es beiden Kirchen gelang, auf der Grundlage funktionierender kirchlicher Netzwerke und Milieus sowie durch die Rekrutierung engagierten, insbesondere weiblichen Personals in religiösen Gemeinschaften eine solide Basis sozialen Hilfehandelns aufzubauen. Das seit der Weimarer Republik für Deutschland typische duale System sozialer Sicherung, das ein Nebeneinander von öffentlichen und privaten Trägerorganisationen beinhaltet, räumte und räumt bis in die Gegenwart den konfessionellen und anderen freien Verbänden eine Vorrangstellung ein, wie sie erstmals in der Reichsfürsorgepflichtverordnung von 1924 formuliert und durch das Bundessozialhilfegesetz von 1961 festgeschrieben worden ist. Die Konstruktion dieses Modells und die auf diese Weise errungene zentrale Bedeutung der seit 1926 öffentlich anerkannten Reichsspitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege wird in dem Beitrag „Freie Wohlfahrtspflege im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Ein Überblick“ äußerst kenntnisreich und prägnant dargestellt. Die Darstellung dieser Entwicklungen, die für ein angemessenes Verständnis der Stellung von Diakonie und Caritas im bundesdeutschen Sozialstaat grundlegend ist, indem die „Aufgabe und Leistung intermediärer Systeme“ (84) jenseits von Markt und Staatshandeln herausgestellt werden, komprimiert wichtige Thesen von Kaisers Standardwerk „Sozialer Protestantismus im 20. Jahrhundert. Beiträge zur Geschichte der Inneren Mission 1914-1945“ (München 1989).

Das umfangreichste Kapitel der hier zusammengestellten Studien widmet sich den Herausforderungen, vor die sich die Innere Mission in der Zeit des Nationalsozialismus gestellt sah. Die Tendenzen von Anpassung an den Zeitgeist und partiellem Widerstehen werden im Blick auf die eugenischen Programme des Nationalsozialismus ebenso wie im Blick auf die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung der Juden im Dritten Reich bezogen, wobei sich Kaiser hier auf die nur begrenzt realisierten diakonischen Unterstützungsinitiativen für die sogenannten „christlichen Nichtarier“ konzentriert. Resümierend fällt er diesbezüglich ein „deprimierendes Fazit“ (189), da eine Wechselwirkung von obrigkeitshörigen Traditionen, antijüdischen Ressentiments und Rücksichtnahmen auf Verbandsinteressen im gleichgeschalteten NS-Staat wirksame und nachhaltige Hilfsmaßnahmen nicht zustande kommen ließ. In dem systematisierenden Beitrag „Distanz zum Unrecht. Das Beispiel der protestantischen Diakonie (1933-1945)“ stellt Kaiser die „großen ethischen Konfliktzonen außerhalb der Kriegsgeschehnisse“ (220) während der NS dar, in deren Kontext das Handeln der Diakoniker jener Zeit zu interpretieren ist. Die Staatsnähe der Diakonie im deutschen dualen System ließ die Verantwortlichen stark an einem Erhalt ihrer Organisationen und der Arbeitsfähigkeit ihrer Handlungsfelder orientiert sein, was durch die generationsbedingten Prägungen der führenden Männer der Diakonie dieser Zeit – viele von ihnen gehörten dem Jahrgang 1877 an – und der damit verbundenen Mentalität hoher Staatsloyalität verstärkt wurde. Dennoch kam es zu bedeutenden einzelnen Akten von Widerständigkeit, wobei insbesondere die Euthanasiedenkschrift von Paul G. Braune hervorzuheben ist. Trotz der Dramatik dieser Jahre haben die Erfahrungen der NS-Zeit das Handeln in der Diakonie nach 1945 zunächst nur wenig bestimmt. Erst seit dem Ende der 1970er Jahre kam es zu einer systematischen Aufarbeitung der Verstrickungen der Diakonie in der NS-Zeit, wie Kaiser in einem weiteren Beitrag darlegt.

Einen wichtigen Neuanfang der Diakonie nach 1945 bedeutet der Aufbau des „Kirchlichen Hilfswerks“ unter Eugen Gerstenmaier. Kaiser rekonstruiert die Bedeutung Gerstenmaiers, indem er zunächst dessen Wirken im Rahmen des „Kirchlichen Außenamtes“ unter Bischof Heckel während der NS-Zeit rekonstruiert. Seine diakoniegeschichtliche Bedeutung erlangte Gerstenmaier in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als er – so die These Kaisers – am Vorbild der seit 1930 praktizierten und ab 1933 von den Nationalsozialisten dominierten „Winterhilfe“ ein Kirchliches Selbsthilfewerk aufbaute, das gleichzeitig aufgrund der guten ökumenischen Kontakte umfangreiche Hilfsleistungen von Auslandskirchen erhalten konnte. Die zeitweilig auch in der Öffentlichkeit äußerst starke Stellung des Hilfswerks veranlasste Gerstenmaier zu weitreichenden theologischen wie gesellschaftspolitischen Plänen. So hielt er angesichts der „Proletarisierung der gesamten deutschen Nation“ in der Nachkriegszeit die bewusste Annahme eines politischen Auftrages der Kirche für unumgänglich und propagierte diesbezüglich die Notwendigkeit der Schaffung eines diakonischen Amtes, das den kirchlichen Sozialauftrag in der Öffentlichkeit deutlich wahrnehmbar organisieren sollte. Unter dem von Gerstenmaier rhetorisch prägnant formulierten Motto „Wichern Zwei“ – hier berief er sich auf den zweiten Teil der Denkschrift Wicherns von 1849 und die Gedanken zur „Selbsthilfe der Hilfebedürftigen in christlichen Assoziationen“ – propagierte er faktisch eine Abkehr von den integrativen volksmissionarischen, kulturellen und sozialen Programmen der Inneren Mission, indem er die theologische Bedeutung der „absichtslosen Liebe“ hervorhob und somit einer klaren Ausdifferenzierung von Verkündigungsauftrag und diakonischem Hilfehandeln das Wort redete. Wenngleich die politischen Implikationen dieser Vorstellung kritisch aufzudecken sind, wie Kaiser im Anschluss an Degen betont (253f.), wird man dennoch die weitergehende Frage stellen müssen, ob nicht in der weiteren Entwicklung des 1957 gegründeten „Diakonischen Werkes der EKD“ die „Doppelspitze von Volksmission und sozialer Dienstleistung“ (29) letztlich aufgegeben wurde und so das diakonische Handeln spätestens seit den 1960er Jahren immer stärker von den Verkündigungs- und kulturellen Formierungsanliegen der traditionellen Inneren Mission abgekoppelt worden ist. Zwar wird man, wie Kaiser zu Recht betont, gegenüber der Forderung Gerstenmaiers nach einer „absichtslosen Liebe“ kritisch bleiben, allerdings haben sich die Zielsetzungen der seit den 1960er Jahren modernisierten Diakonie deutlich von denen der Inneren Mission unterschieden.

Äußerst interessant ist ein Seitenblick auf die Entwicklung der Diakonie in der DDR, wobei Kaiser exemplarisch die Strategien staatlichen Zugriffs auf diakonische Einrichtungen in den krisenhaften Jahren 1952/53 thematisiert und zeigt, wie durch mediale Skandalisierungen und offene staatliche Repression ein immer stärkerer Druck auf die Handlungsspielräume der Diakonie unter den Bedingungen des SED-Staates ausgeübt wurde.

Abgerundet wird der Band durch verschiedene biographisch orientierte Studien, welche anhand von Friedrich Naumann und Fritz von Bodelschwingh exemplarisch die politischen Dimensionen diakonischen Handelns, anhand von Friedrich-Albert Spieker die Bedeutung industriellen Mäzenatentums sowie anhand von Constantin Frick und Bodo Heyne die Problematik der Anpassung des diakonischen Leitungspersonals an die Rahmenbedingungen des NS-Staates thematisieren.

Fazit

In seiner systematischen Konzentration auf die Bedeutung der Diakonie für den deutschen Protestantismus wie die bundesdeutsche Sozialstaatsentwicklung sowie durch den Facettenreichtum der behandelten Zeitkonstellationen und Akteure vermittelt dieser Band einen exzellenten Eindruck in die diakoniegeschichtlichen Arbeiten von Jochen-Christoph Kaiser. Diakoniegeschichte wird hier in enger Verknüpfung mit den allgemeineren Tendenzen der Geschichte von Kirche, Staat und Gesellschaft dargestellt und so – wie Vorwort von Volker Herrmann prägnant formuliert – „auf den aktuellen Stand der historischen Forschung gebracht.“ (15) Die Beiträge dieses Bandes beweisen nachdrücklich die innovative und herausragende Leistung von Jochen-Christoph Kaiser auf dem Gebiet der Diakoniegeschichtsforschung, für deren weitere Entwicklung er Maßstäbe gesetzt hat.


Rezension von
Prof. Dr. Traugott Jähnichen
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Traugott Jähnichen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Traugott Jähnichen. Rezension vom 29.06.2009 zu: Jochen-Christoph Kaiser (Hrsg.): Evangelische Kirche und sozialer Staat. Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-020163-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7229.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung