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Liane Pluto: Partizipation in den Hilfen zur Erziehung

Cover Liane Pluto: Partizipation in den Hilfen zur Erziehung. Eine empirische Studie. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2007. 304 Seiten. ISBN 978-3-87966-417-7. 24,00 EUR.
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Hintergrund und Fragestellung

Partizipation von AdressatInnen wird insbesondere im Bereich der Hilfen zur Erziehung diskutiert im Horizont von Kinderrechten, dem gesetzlichen Beteiligungsanspruch sowie im Horizont einer lebensweltorientierten Jugendhilfe, in der von Jugendlichen als ExpertInnen ihrer selbst ausgegangen wird und davon, dass Hilfen ins Leere laufen, wenn sie von den Jugendlichen nicht akzeptiert und mit „Eigen-Sinn“ gefüllt werden können.

Bei der Veröffentlichung von Liane Pluto handelt es sich um eine – auf Mehrperspektivität angelegte - empirische Studie, die 2007 an der Universität Jena als Dissertation angenommen wurde. Darin wird der Frage nach Partizipationsbedingungen und – möglichkeiten in den stationären Hilfen nachgegangen. Die Fragestellung ist, wie Beteiligung – über das Instrument des Hilfeplanverfahrens hinaus - realisiert werden kann und welche genutzten und nicht genutzten Möglichkeiten der Beteiligung während der gesamten Zeitspanne der Hilfen aufzufinden sind. Das erhobene empirische Material umfasst leitfadengestützte Interviews mit 27 Fachkräften aus Einrichtungen und Jugendämtern, 13 Jugendlichen sowie 15 Müttern bzw. Vätern. Des Weiteren wurden Dokumentenanalysen miteinbezogen.

Aufbau und Inhalt

Entsprechend einer Qualifizierungsarbeit wird zunächst die Fragestellung eingeführt (1) und der Partizipationsbegriff theoretisch eingebettet (2). Im dritteln Kapitel werden Struktur- und Handlungsprobleme in den Erziehungshilfen und daraus resultierende Spannungsfelder auf Beteiligung hin beschrieben (Hilfe und Kontrolle, Schutzauftrag und Autonomie etc.). In Kapitel 4 wird die methodische Anlage der qualitativen Untersuchung erläutert und begründet.

Für die Darstellung der umfangreichen Ergebnisse wurde Partizipation, so Pluto, in verschiedene Ebenen „zerlegt“. Diese Ebenen sind

  • die Deutungen von Partizipation aus Sicht der Fachkräfte (Kap. 5)
  • die Deutungen von Partizipation aus Sicht der AdressatInnen (Kap. 6),
  • das Hilfeplanverfahren (Kap. 7),
  • die Beteiligung in den Einrichtungen (Kap. 8),
  • die Beendigung der Hilfe als einer spezifischen Station im Hilfeprozess (Kap. 9)
  • die strukturellen Voraussetzungen von Beteiligung (Kap. 10).

Im abschließenden Kapitel (Kap. 11) „Auf dem Weg zu Partizipation“ verdeutlicht Liane Pluto, dass und warum nicht nur die Ergebnisse, sondern gerade auch der Prozess bedeutsam sind: Partizipation ist Weg und Ziel zugleich. Das Kapitel hat zudem den Anspruch, die Einzelaspekte der Beteiligungsanforderung zusammenzuführen und Konsequenzen für die Praxis aufzuzeigen. Ergebnisse werden hierzu in drei Überschriften gebündelt:

  1. Spannungsfeld von strukturellen und individuellen Anforderungen
  2. Dialektik von Integration und Selbstbestimmung
  3. Asymmetrische Konstellationen und wechselseitige Anerkennung

Die Autorin arbeitet dabei u.a. heraus, dass

  • sich Fachkräfte sich umso skeptischer und abwehrender äußern, je stärker sie in den pädagogischen Alltag eingebunden sind und je deutlicher sie mit widersprüchlichen Anforderungen, den komplexen und schwierigen Situationen der Adressaten sowie den daraus resultierenden Interaktionsproblemen konfrontiert sind.
  • Fachkräfte die Beteiligungsanforderung vor allem auf der Ebene des individuellen methodischen Handelns im Sinne von technischen Anforderungen und weniger in der strukturellen Dimension des Anspruches verorten.
  • Partizipationsmöglichkeiten individualisiert werden, das heißt, von den Kompetenzen der AdressatInnen und der individuellen Problemkonstellation abhängig gemacht werden. Die Beteiligungsmöglichkeiten der AdressatInnen sind damit abhängig von der einzelnen Fachkraft und - insbesondere bei Konflikten - zwischen AdressatIn und Fachkraft nicht kalkulierbar.
  • AdressatInnen beweisen müssen, dass sie zur Partizipation fähig sind oder gar, dass sie sich diese verdient haben.
  • das Unterlassen von Partizipation mit Zeitdruck begründet wird.
  • Institutionen die Voraussetzungen und institutionalisierte Verfahren (Beschwerdesysteme, Heimräte etc.) schaffen müssen, um Vertrauen in die Ernsthaftigkeit von Partizipation zu vermitteln,
  • eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung für die nachhaltige Implementierung von Partizipation zentral ist. Dies betrifft die Haltung gegenüber den AdressatInnen ebenso wie die Beteiligungskultur der MitarbeiterInnen innerhalb des Trägers.
  • Beteiligung ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags und ein Qualitätsmerkmal der Arbeit werden muss.

Diskussion

Der US-amerikanische Zukunftsforscher John Naisbitt formulierte eine naheliegende Konsequenz, nämlich, dass Menschen, deren Leben durch eine Entscheidung berührt und verändert wird, an dem Prozess, der zu dieser Entscheidung führt, beteiligt sein und gehört werden müssen. Verschiedene Studien zu Wirkungen in den Erzieherischen Hilfen haben bislang zeigen können, dass Erfolg daran gekoppelt ist, dass AdressatInnen etwas zugetraut wird, sie sich selbst auch etwas zutrauen und ihnen neue Deutungen für ihre Lebensthemen eröffnet werden. Die besonderen Verdienste der Studie von Liane Pluto liegen darin, ein breit angelegtes empirisches Material anzubieten und dabei verschiedene Perspektiven und Strukturhemmnisse aufzuzeigen. In großer Deutlichkeit wird sichtbar, was die Fachkräfte noch zu lernen haben um eine „Kultur der Anerkennung“ zu schaffen, welche Abwehrmuster wirksam werden, wie sie Partizipation verengen, reduzieren, individualisieren und – und dies ist besonders interessant – wie Partizipation gar als Bedrohung oder zumindest Verunsicherung in der eigenen Professionalität empfunden wird. Gerade im Aufzeigen der sich daraus ergebenden Lern- und Entwicklungsnotwendigkeiten – nicht zuletzt in der Ausbildung der Fachkräfte und Leitungskräfte - sehe ich die besondere Stärke dieser Veröffentlichung. Dabei wird eine feine Differenzierung geleistet zwischen organisatorisch- strukturellen Notwendigkeiten und der Entwicklung einer stabilen Fachlichkeit, die Partizipation und ein Begegnen auf gleicher Augenhöhe nicht nur „aushält“, sondern befördert und gar offensiv herausfordert. Bei der Aufbereitung der Adressatinnenperspektive hätte ich mir jedoch eine systematischere Differenzierung zwischen der Perspektive von Eltern und der Perspektive der Jugendlichen und darin liegenden Interessensunterschieden gewünscht. An dieser Stelle wurde meiner Meinung nach das große Potenzial vergeben, das im Material durchaus aufscheint.

Fazit

Die Arbeit von Liane Pluto ist ein wichtiger Bestandteil und Bezugspunkt in der Demokratisierung und Umsetzung von Beteiligung in den Erziehungshilfen. Empirisch fundiert werden Stellschrauben auf den verschiedenen Ebenen benannt und damit der Komplexität des Themas Rechnung getragen. Ergebnisse werden zudem jeweils eingebettet und in Bezug gesetzt zu anderen zentralen Untersuchungen, was von hoher Kenntnis des Gegenstandsbereichs zeugt. Gewünscht hätte ich mir, dass die Perspektive der AdressatInnen differenzierter und in ihrem kritischen Potenzial deutlicher herausgearbeitet bzw. bilanziert wird. Auch hätte sich die Autorin durchaus trauen können, Ergebnisse in ihrem jugendhilfekritischen Gehalt deutlicher zuzuspitzen. Insgesamt ein sehr anregendes Buch mit vielen Facetten und konkreten Ansatzpunkten auf verschiedenen Ebenen. Werden die Ergebnisse der Arbeit genutzt und die angebotenen Ansatzpunkte umgesetzt, so kann sich die formulierte Perspektive der Fachkräfte „Wir können natürlich an dem Wollen der Betroffenen nicht vorbei und manchmal muss man einbißchen diskutieren“ zu einem umfassenderen Partizipationsverständnis und einer ebensolchen Partizipationspraxis weiterentwickeln.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 11.01.2010 zu: Liane Pluto: Partizipation in den Hilfen zur Erziehung. Eine empirische Studie. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2007. ISBN 978-3-87966-417-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7230.php, Datum des Zugriffs 23.01.2021.


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