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Werner Volkert: Die Kindertagesstätte als Bildungseinrichtung

Cover Werner Volkert: Die Kindertagesstätte als Bildungseinrichtung. Neue Konzepte zur Professionalisierung in der Pädagogik der frühen Kindheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 144 Seiten. ISBN 978-3-531-16173-0. 24,90 EUR.

Reihe: VS research - Management - Bildung - Ethik.
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Thema

Die Pädagogik der frühen Kindheit und die Entwicklung von Kindertagesstätten hin zu Orten frühkindlicher Bildung stehen im Fokus der öffentlichen Diskussion. Das Buch geht von der Prämisse aus, dass Kindertagesstätten nicht nur pädagogische Fachlichkeit, sondern auch eine strukturelle Neukonzeption nach den Vorstellungen eines (Bildungs-)Unternehmens benötigen, um den neuen Anforderungen begegnen zu können. Nach einer breiten, jedoch nicht vertiefenden theoretischen Grundlegung des Bildungsbegriffs für die frühe Kindheit verbindet der Autor die Darstellung von Ergebnissen einer selbst durchgeführten Interviewstudie von Trägern evangelischer Kindertagesstätten zu ihrem Bildungsverständnis, Leitungsbegriff und ihren Prinzipien der Mitarbeiterführung mit dem Versuch, das bekannte St. Galler Managementkonzept auf Kindertageseinrichtungen zu übertragen.

Autor

Werner Volkert ist Diplom-Religionspädagoge (FH) und Sozialmanager (M.A.). Er arbeitet in einer Kirchengemeinde mit den Schwerpunkten Religionspädagogik und Geschäftsführung und ist seit vielen Jahren für die (religions-)pädagogische Arbeit des Kindergartens zuständig.

Aufbau und Inhalt

Nach einem jeweils kurz gehaltenen Geleitwort, Vorwort und Einleitungstext ist das Buch durch die Gliederung in drei Hauptteile sehr nachvollziehbar strukturiert. Die Hauptkapitel sind in sich abgeschlossen angelegt; so ist es möglich, sie auch einzeln oder in veränderter Reihenfolge zu rezipieren, ohne dass das Verständnis beeinträchtigt wird. Innerhalb der Hauptkapitel wird differenziert gegliedert, manchmal bis zur vierten Gliederungsebene. Ein Literaturverzeichnis rundet das Buch ab. Es findet sich keine Dokumentation des für Kapitel 2 genutzten Interviewleitfadens.

Kapitel 1 trägt die Überschrift „Was die Kindertageseinrichtung zur Bildungseinrichtung macht“. Es enthält zunächst einen Abriss der zentralen Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Neurobiologie zur Frage frühkindlichen Lernens und früher Kompetenzentwicklung. Die Darstellung geht weitestgehend auf zwei Publikationen zurück, das bekannte Buch von Gopnik, Kuhl & Meltzoff (Forschergeist in Windeln, Piper 2005) sowie das ebenfalls populäre Werk von Joachim Bauer zur Funktionsweise des menschlichen Gehirns (Warum ich fühle, was du fühlst, Heyne 2006). Zur begrifflichen Bestimmung von „Bildung“ zieht Volkert im folgenden Teilkapitel zum einen die Schriften Philipp Melanchthons heran, den er als „ersten Reformpädagogen“, der „seiner Zeit weit voraus“ war, charakterisiert, außerdem den aktuellen Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg, die Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wie sie im Jahr 2003 in der Denkschrift „Maße des Menschlichen“ dargelegt wurde und die bildungsphilosophischen Gedanken Karl Ernst Nipkows. Resümierend wird festgehalten, dass alle Quellen von einem erweiterten Verständnis von Bildung ausgehen, welches Kindertageseinrichtungen zu Veränderungen nötigt, wenn sie sich als Bildungsorte etablieren sollen.

Das im Vergleich zu den anderen beiden Hauptkapiteln mit nur elf Seiten recht kurze Kapitel 2 stellt eine vom Autor selbst durchgeführte kleine Studie vor. Es wurden TrägervertreterInnen evangelischer Tageseinrichtungen unter Einsatz von Experteninterviews dazu befragt, wie sie die Stellung ihrer Kindertageseinrichtungen im Gemeinwesen und in der Pfarrgemeinde einschätzen, welchen Bildungsauftrag evangelische Kindertageseinrichtungen erfüllen und wie die Träger ihre Mitarbeiterinnenbetreuung wahrnehmen. Es folgen – für die Rezensentin unvermittelt und allenfalls in indirekter Ableitung aus den vorangegangenen Ausführungen – fünf Leitsätze für ein Managementkonzept. Ihre Funktion und ihr Stellenwert in der Publikation bleiben auch im folgenden dritten Kapitel unklar.

In Kapitel 3, überschrieben mit dem Titel „Ein Managementkonzept für Kindertagesstätten“, wird das systemtheoretisch fundierte St. Galler Managementmodell auf seine Anwendbarkeit in Kindertageseinrichtungen hin untersucht bzw. dargelegt, welchen potenziellen Gewinn Kindertageseinrichtungen hierdurch haben können. Der Autor hebt hervor, dass das Modell ein Analysesystem darstellt, das das Zusammenwirken der beteiligten Anspruchsgruppen und ihre Interaktionsthemen ebenso wie die Ordnungsmomente der Organisation (Strategie, Strukturen und Kultur) und die ablaufenden Prozesse transparent und in ihren Wirkzusammenhängen verstehbar machen kann. Die einzelnen Elemente des Modells werden nacheinander eingeführt und exemplarisch auf Strukturen und Prozesse in Kindertageseinrichtungen bezogen. Die Grundprinzipien der Kundenorientierung und des Empowerments der MitarbeiterInnen werden mehrfach als sinnvolle und positive Ansatzpunkte hervorgehoben.

Diskussion

Die Position des Autors, dass Kindertageseinrichtungen Konzepte benötigen, die pädagogisch-fachliche und organisatorische Weiterentwicklung ermöglichen, ist angesichts der Komplexität der Anforderungen, vor die sich Kindertageseinrichtungen und ihre Akteure gestellt sehen, hoch angemessen. Insbesondere das dritte Kapitel des Buches hilft zu verstehen, dass für ein erfolgreiches Kita-Management viele Faktoren, vor allem auch in ihren Wechselbeziehungen, bedacht und gesteuert werden müssen. Das St. Galler Managementmodell erscheint nach der Lektüre des Kapitels von seiner Grundphilosophie als auch von der Systematik durchaus für die Analyse, Steuerung und kontinuierliche Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen geeignet. Das Buch von Werner Volkert kann hier allerdings nicht mehr als eine erste Hinführung bieten. Dies ist bedauerlich, weil hier eindeutig die Fachkompetenzen des Autors liegen, was sich im Vergleich mit den ersten beiden Hauptkapiteln offenbart.

Das erste Kapitel zur Herleitung des Bildungsbegriffs für die frühe Kindheit bleibt fragmentarisch, auch weil die Kriterien, die zur Auswahl der Zugänge und Quellen herangezogen wurden, nicht nachvollziehbar sind. Weshalb ausgerechnet Melanchthon, der zwar unbestritten hohe Verdienste um die Reformation der Schulen erwarb, jedoch wenig zur Bildung oder Pädagogik sehr junger Kinder zu sagen hatte? Warum ausgerechnet der Orientierungsplan Baden-Württembergs, und nicht das Berliner Bildungsprogramm oder die Bildungsempfehlungen aus Rheinland-Pfalz? Für Einsteiger in diese Thematik fehlt hier die „ordnende Hand“, der allgemeine Überblick. Fachlich anspruchsvollen Lesern wird die Lektüre kaum zu einer Differenzierung oder Erweiterung des eigenen Verständnisses frühkindlicher Bildungsprozesse verhelfen können. Das zweite Kapitel, das wahrscheinlich als Überleitung zum Managementteil gedacht ist, erbringt leider für den Leser kaum Erkenntnisgewinn. Zielstellung und Design der Studie bleiben unklar, die Antworten der befragten „Experten“ (von denen man weder erfährt, wie sie ausgewählt wurden, noch wie viele es eigentlich waren) auf die vier (!) gestellten Fragen bleiben überwiegend unkommentiert und unverbunden mit den anderen Inhalten des Buches stehen. Es ist schon etwas verwunderlich, dass die wissenschaftlichen Mängel und die Brüche zwischen den Kapiteln vom Lektorat des ansonsten so professionell arbeitenden VS-Verlags anscheinend unbemerkt bleiben konnten.

Der Klappentext preist das Buch als „eine praxisorientierte Handreichung zur Professionalisierung von Kindertagesstätten, die sich als Bildungseinrichtungen verstehen“. Wird es diesem Anspruch gerecht? Wenn eine Handreichung als Anregung zur weiteren Lektüre und Beschäftigung mit dem Thema verstanden wird, kann diese Frage mit „ja“ beantwortet werden. Eine fundierte fachliche Orientierung und vertiefte Auseinandersetzung mit zentralen Fragen zur Bildungsfähigkeit junger Kinder, der Bildungswirksamkeit von Kindertageseinrichtungen und zu Möglichkeiten und Grenzen, Kindertagesstätten als lernende Organisationen umzugestalten, kann dieses Buch jedoch nicht bieten.

Zielgruppen

Der Klappentext benennt als Zielgruppen Studierende der Pädagogik und der Sozialwissenschaften, ErzieherInnen, LehrerInnen und Träger von Kindertagesstätten.

Fazit

Ein Buch, das dafür plädiert, die Bildungsqualität einer frühpädagogischen Einrichtung in Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Gesamtorganisation zu sehen und hierfür geeignete Konzepte und Methoden aus dem Managementbereich zu adaptieren. Geeignet vor allem für die gedankliche Auseinandersetzung mit dieser Sichtweise bei schwankender inhaltlich-fachlicher Qualität.


Rezensentin
Prof. Dr. Susanne Viernickel
Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Alice Salomon Hochschule Berlin


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Zitiervorschlag
Susanne Viernickel. Rezension vom 03.10.2009 zu: Werner Volkert: Die Kindertagesstätte als Bildungseinrichtung. Neue Konzepte zur Professionalisierung in der Pädagogik der frühen Kindheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16173-0. Reihe: VS research - Management - Bildung - Ethik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7231.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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