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Barbara Zollinger: Spracherwerbsstörungen

Cover Barbara Zollinger: Spracherwerbsstörungen. Grundlagen zur Früherfassung und Frühtherapie. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2008. 8. Auflage. 158 Seiten. ISBN 978-3-258-07432-0. D: 18,50 EUR, A: 19,10 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema

Das Buch von Barbara Zollinger beschäftigt sich aus theoretischer und klinischer Sicht mit Spracherwerbsstörungen und macht den Versuch, den vorgefundenen Forschungsstand in einen Therapieansatz zu transformieren und diesen zu überprüfen.

Autorin

Barbara Zollinger kann auf eine abwechslungsreiche Tätigkeit sowohl im praktischen, als auch im wissenschaftlichen Bereich der Sprachheilkunde zurückblicken. 1994 gründete sie das „Zentrum für kleine Kinder“ in Winterthur (Schweiz), wo sie zusammen mit einem Team logopädische Behandlungen durchführt.

Entstehungshintergrund

Die Autorin hat während einer fünfjährigen klinischen Tätigkeit am kinderpsychiatrischen Institut der Universität Rom theoretische und klinische Daten gesammelt und verarbeitet, um – so die bekundete Intention der Autorin - den resultierenden Erkenntnisgewinn dem fachlich ausgebildeten Publikum zur Verfügung zu stellen und somit letztlich auch zu einer Optimierung der Praxis in der Behandlung von Spracherwerbsstörungen beizutragen. Ihr expliziter Wunsch ist die Nachahmung dieses Vorgehens durch andere Praktiker. Das Buch ist mittlerweile in der 8. Auflage erschienen, die Erstauflage war 1987.

Aufbau

Das Buch ist grob aufgeteilt in einen theoretischen und einen klinischen Teil, welche durch eine Einleitung und eine Zusammenfassung am Schluss umrahmt werden.

1. Theoretischer Teil

Der theoretische Teil befasst sich mit den Grundlagen des Spracherwerbs, um so einen Hintergrund für das im klinischen Teil vorgestellte und überprüfte Therapiekonzept zu liefern.

  • Zunächst wird die Ausgangslage skizziert, indem die wichtigsten Ansätze der Sprachnativisten, der Kognitivisten und Interaktionisten zueinander in Beziehung gesetzt werden.
  • Es folgt eine Auseinandersetzung mit der Rolle neurolinguistischer Prozesse für das Verständnis von Spracherwerbsstörungen. Zollinger kommt zu dem Ergebnis, dass Diagnosestellungen in diesem Bereich bisher nur bei Kindern ab dem 4. Lebensjahr möglich sind, da sich erst ab diesem Zeitpunkt die linke Hemisphärendominanz herausbildet, deren Funktion auf morphologisch-syntaktischer Ebene überprüfbar ist.
  • Als weitere Grundlage des Spracherwerbs geht Zollinger auf kognitive Prozesse ein. Dabei orientiert sie sich insbesondere am entwicklungspsychologischen Stufenmodell von Piaget, um kognitive Errungenschaften in der Entwicklung des Kindes mit sprachlichen in Verbindung zu setzen. Die Manifestation kognitiver Kompetenzen in der Triangulation „Ich-Du-Gegenstand“, in direkten, verschobenen oder verinnerlichten Nachahmungen und im Spielverhalten kristallisieren sich als wichtige Prädiktoren, aber auch als Therapieansatzpunkte für Probleme beim Spracherwerb heraus. Insgesamt bleibt die genaue Verknüpfung kognitiver Kompetenzen mit sprachlichen unklar, da die Empirie hier im Gegensatz zur Theorie ein uneinheitliches Bild ergibt.
  • Eine dritte Säule für den Spracherwerb bilden kommunikativ-interaktive Prozesse. Hier hebt Zollinger die mütterliche Anpassung an den Entwicklungsstand des Kindes, die gemeinsame Handlung im spielerischen Kontext und die kommunikative Triangulation als Träger des Spracherwerbs hervor. Zur Bedeutung des Beziehungsaspektes und des kindlichen Spiels im Spracherwerb gibt es auch eine vertiefende Publikation derselben Autorin, bei der auch Erkenntnisse der Kinderanalyse miteinbezogen werden (vgl. die Rezension).
  • Bei der Ich-Entwicklung als vierter Komponente wird die Individuation als Voraussetzung für die Entwicklung kommunikativer Intentionen herausgestellt. Die Möglichkeit diese zu verbalisieren wirkt wiederum auf den Individuationsprozess zurück.
  • Das Sprachverständnis spielt nach Zollinger eine Schlüsselrolle beim Spracherwerb und wird gleichwohl häufig übergangen, da es nicht direkt beobachtbar ist. Es hat aber eine Brückenfunktion im Übergang von der nonverbalen zur verbalen Kommunikation inne.
  • Zum Schluss des theoretischen Teils behandelt Zollinger die Integration der zuvor behandelten spracherwerbsbestimmenden Prozesse und bringt diese in einen chronologischen Zusammenhang. Im Kontext ihrer Untersuchung betont sie besonders die Bedeutung von Koordinations- und interaktiven Prozessen, aber auch die Rolle des expressiven versus referenziellen Sprachstils.

2. Klinischer Teil

Im klinischen Teil findet die Überprüfung der vor dem Hintergrund der theoretischen Bearbeitung generierten Hypothesen statt.

Zunächst werden Spracherwerbsstörungen in den Focus gestellt und eine Überprüfung der vor dem Hintergrund der theoretischen Bearbeitung generierten Hypothesen vorgenommen.

  • Die erste Hypothese betrifft die Chronologie des Spracherwerbs. Es ist zu erwarten, dass je nach dem, welche Komponenten betroffen sind, sich eine Spracherwerbsstörung entsprechend früh oder spät manifestiert.
  • Die zweite Hypothese betrifft die hierarchische Anordnung und gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Komponenten des Spracherwerbs, so dass etwa beim Ausfall früherer Komponenten die jeweils später erworbenen ebenfalls nicht ausreifen können. So ergeben sich bei mangelhaften kommunikativen Kompetenzen auch Probleme auf der semantischen uns syntaktischen Ebene.
  • Die dritte Hypothese besagt, dass Spracherwerbsstörungen auch durch eine mangelhafte Koordinierung der einzelnen Komponenten zustande kommen können.
  • Die vierte Hypothese geht davon aus, dass das Sprachverständnis ein wichtiges Kriterium zur Diagnose und Prognose von Spracherwerbsstörungen darstellt.
  • Die fünfte Hypothese geht von einer nicht angemessenen Strategiewahl bei der Integration kommunikativer und symbolischer Kompetenzen als Ursache für Spracherwerbsstörungen aus.

Eine eng an den theoretischen Hintergründen konzipierte Therapie, die mit 9 spracherwebsgestörten Kindern durchgeführt wurde, ergab die Bestätigung der Hypothesen 1,2 und 4 und die Falsifizierung der 3. Hypothese. Hypothese 5 konnte nach einer Modifikation ebenfalls bestätigt werden.

Es folgt eine Betrachtung der während desselben Therapiedurchgangs und einer parallel angebotenen Elterngruppe gewonnen Daten und Analysen der mit den Spracherwerbsstörungen in Zusammenhang stehenden Interaktionsstörungen. Hier konnten einige detailliertere Erkenntnisse hinsichtlich der Wechselwirkung von Interaktion und Spracherwerbsstörung gewonnen werden.

In einer Zusammenfassung werden die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal rekapituliert und weiterführende Fragestellungen formuliert.

Im Anhang findet sich noch eine tabellarische Zusammenfassung der in der Untersuchung gewonnenen Beobachtungen.

Diskussion

Das vorgestellte Therapiekonzept ist nicht nur entwicklungsproximal, sondern auch „theorieproximal“. Es erscheint sehr gut in den theoretischen Vorüberlegungen der Autorin verankert und seine Wirkweise erschließt sich dem Leser durchaus als plausibel. Die empirische Evidenz der Wirksamkeit fiel allerdings noch etwas mager aus und damit weitere Untersuchungen wünschenswert erscheinen.

Das Buch eignet sich für ambitionierte Leser, die möglichst bereits einige Vorkenntnisse mitbringen. Es gibt den Forschungsstand zu Spracherwerbsstörungen im Rahmen der Untersuchung im theoretischen Teil adäquat wieder und eignet sich insofern auch, um sich zunächst einmal mit entsprechenden Informationen zu versorgen. Es liefert aber zudem auch interessante, weiterführende Forschungsergebnisse und leistet einen Beitrag zur besseren Kenntnis von Spracherwerbsstörungen und gibt Impulse für weitere Forschungsvorhaben. Weiterhin stellt es eine exemplarische, nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Untersuchung dar, die etwa als Anregung für Doktoranden dienen könnte. Wer praktisch mit Kindern mit Spracherwerbsstörungen arbeitet, findet im Buch wichtige Anhaltspunkte für einen Therapieplan.

Fazit

Das Buch vereinigt praktische Erfahrung mit theoretischer Kompetenz und ist daher für alle fachlich Interessierten und Praktiker zu empfehlen, die Wert darauf legen, ein besseres Verständnis von Mechanismen von Spracherwerbsstörungen zu gewinnen.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 13.02.2009 zu: Barbara Zollinger: Spracherwerbsstörungen. Grundlagen zur Früherfassung und Frühtherapie. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2008. 8. Auflage. ISBN 978-3-258-07432-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7239.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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