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Hans Graßl: Ökonomisierung der Bildungsproduktion

Cover Hans Graßl: Ökonomisierung der Bildungsproduktion. Zu einer Theorie des konservativen Bildungsstaats. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. 237 Seiten. ISBN 978-3-8329-3851-2. 34,00 EUR, CH: 58,90 sFr.

Schriftenreihe Studien zur politischen Soziologie - Band 1.
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Autor und Thema

Der Verfasser bietet in der durchgehend gut lesbar und verständlich gehaltenen Überarbeitung seiner Habilitationsschrift (Habilitation im Oktober 2007, Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg) eine pointierte Kritik am „heimlichen Lehrplan“ (Jackson; Zinnecker) der politischen Ökonomie des deutschen Bildungswesens, die wenige Gewinner, ein wachsendes Prekariat und eine sich ausweitende Bildungsarmut hervorbringt. Die soziologischen Analysen erstrecken sich vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart der Debatten um PISA und den Bologna-Prozess. Hans Graßl entwickelt seine Kernthese im Sinne einer Erklärungsformel für die alltäglich konstatierbaren Varianten bundesdeutscher Bildungsbeschränkung. Durch historische und politische Koinzidenzen vor dem Hintergrund nie überwundener Muster einer ständischen Gesellschaft mit ihren statuellen Barrieren, habituellen Distinktionen und meritokratisch verklärenden Chiffren erfährt, so Hans Graßl, das alte Strukturprinzip der Dreigliedrigkeit im Bildungswesen im Rahmen der deutschen Umsetzungen des Bologna-Prozesses Aktualisierungen und Perpetuierungen, die zunehmend in einer selektiven, nach Stand und Herkunft gegliederten Hochschule einmünden.

Aufbau und Inhalt

Einleitend wird darauf verwiesen, dass in Deutschland das Bildungswesen im Gegensatz zu seiner Bedeutung und abweichend von ausländischen Sichtweisen nicht als Kernelement von Sozialpolitik verstanden wird. Aus der zentralen Bedeutung von Erziehung und Bildung und den einhergehenden Fragen der Finanzierung und Teilhabe wird der Rahmen für die Analysen des „konservativen Bildungsstaats“ konturiert.

Kapitel 2 dient einer Übersicht der Strukturen und Kernelemente, die nach Hans Graßl den konservativen Bildungsstaat kennzeichnen. Ein Nachzeichnen zentraler Entwicklungsphasen schließt an. Die neo-liberale Transformation wird in einem eigenen Kapitel verhandelt, bevor dann im fünften Kapitel die bisherigen Sondierungen und Positionierungen eingehender auf das das Hochschulsystem bezogen werden, wobei Hans Graßl neo-liberale Positionsaussagen, die neuen Steuerungsmodelle sowie ihre Instrumente wie Puzzlesteine aneinanderfügt und kritisch betrachtet. Im letzten Kapitel zeichnet der Verfasser rückblickend noch einmal seine Studie nach und hebt besonders bedeutsame Aussagen hervor. Diagramme mit Informationen aus Befunden der Bildungsberichterstattung veranschaulicht zudem die von Hans Graßl als Leitthese ausgewiesene soziale Polarisierung im Bildungswesen in Bologna-Zeiten.

Diskussion

Festzuhalten bleibt, dass Hans Graßl ein verständliches und leicht nachvollziehbares ‚update‘ der durch Bourdieu geprägten Kritik an den bildungspolitischen Chiffren gelungen ist und so der Bologna-Prozess in Deutschland als Umverpackung alter Denkmuster hervortritt, in der ohne ein entschiedenes Gegensteuern Altlasten zu Konfliktkulminationen neuer Dimensionen führen. Mit der prägnanten Grundlegung durch Rückbezüge auf alte und neue Klassiker, u.a. Marx, Weber und Bourdieu, sowie durch Einbindung zentraler Positionen aus den Diskussionen um die Zukunft des Sozialstaats bietet die Darstellung eine Synopse jüngerer Debatten. Die Eindrücke nach der Lektüre bleiben jedoch wegen vielfacher Brüche ambivalent. Der zornige Tenor dieser Schrift lässt die Darlegungen an keiner Stelle „hölzern“ wirken, produziert jedoch phasenweise dogmatisch anmutende Schatteneffekte des „Belehrens“, hierzu nachfolgend drei kritische Anmerkungen.

  1. Nach Hans Graßl scheint es, als wären beispielsweise der Konflikt zwischen Bildung und Herrschaft (u.a. bekanntlich thematisiert bei Diesterweg, Heydorn, Klafki) samt zahlreicher bildungssoziologischer Anbindungen, die soziale Dimension der Selektionsproblematik oder das Verhältnis von Elite, Volk und sozialer Sicherung bislang noch nicht hinreichend Themen kritischer Verhandlungen gewesen. Dass hierzu in den Erziehungswissenschaften zumindest seit Jahrzehnten durchaus die Konturen für begriffliche und theoretische Analyserahmen vorliegen, bleibt ausgeblendet, wenn Hans Graßl pauschal von einem „blinden Fleck“ (S.15) und davon spricht, dass es weder in Bildungswissenschaften noch in Bildungsökonomie theoretische und analytische Modelle gäbe, die Erziehung und Bildung auf Modelle von Sozialstaat und Wohlfahrt bezögen. Gerade in zahlreichen ‚alten‘ Studien zu den Problemen von Bildungsreform und den keinesfalls wenigen kritischen neuen erziehungswissenschaftlichen Analysen im Umfeld des Bologna-Prozesses wurde bekanntlich herausgearbeitet, dass nicht das Fehlen begrifflicher und analytischer Instrumente zur Erfassung der sozialen Dimension das Kernproblem im Entwickeln von Reformmodellen ausmachen, sondern in Deutschland schlicht das Problem im Fehlen einer politischen Kultur der Bildungsdemokratie liegt und dass, als eine der Folgen, wissenschaftliche Studien jenseits des mainstreams weitgehend ohne Wirkung bleiben.
  2. Weniger analytisch scharf denn stärker romantisierend wirkt die Stilisierung Schwedens als positiver Alternative. Anlehnend an die Unterscheidungen unterschiedlicher Konzepte des Sozialstaats nach Asping-Anderson wird der skandinavische Weg als Gegenmodell ausgewiesen, wobei Hans Graßl in die sog. „Schwedenfalle“ tappt, denn der kulturell grundlegend andere, wesentlich stärker auf Konsens und Konzilianz ausgerichtete Umgang mit Kritik bleibt bei ihm ebenso unberücksichtigt wie die Befunde aus den Vergleichenden Erziehungswissenschaften, in denen auf schwedische Unzufriedenheiten, Dysfunktionalitäten und soziale Disparitäten als Folge massiver Verwerfungen im schwedischen Bildungssystem verwiesen wird. Gerade die Passagen von Hans Graßl über Schweden ließen bei der Lektüre den Eindruck entstehen, dass hier in Teilen mehr konstruiert als analysiert wurde, um angesichts ausgesprochen ernüchternder Standortbestimmungen zur Situation in Deutschland durchaus nachvollziehbaren Bedürfnissen einer erkennbaren Richtung für Reformen zu erwünschten Konturen zu verhelfen.
  3. Wenig überzeugend wirken die Konklusionen. Das, was als Ertrag ausgewiesen wird, bleibt deutlich hinter dem zurück, was entwickelt und verhandelt wurde. Durch beständig wiederkehrende Verweise auf das, was der Verfasser geleistet hat, werden die herausgearbeiteten Kernaussagen durch „Belehrungen“ überlagert, die durch ihre Häufung und in ihrer Apodiktik letztlich beim Rezipieren sogar stören.

Trotz ihrer Brüche beleuchten die Darlegungen von Hans Graßl ohne Zweifel den Bologna-Prozess und helfen bei Standortbestimmungen zur „Soziale Frage“ im Bildungswesen heute. Nur sind die „feinen Unterschiede“, anlehnend an Bourdieu, auch eine Frage des Stils in Politik und Wissenschaft. Und im Hinblick auf Politik, soziale Verantwortung somit auch für die Reichweite einer kritischen Theorie dürfte eine große Differenz und darum auch ein Bedarf für feine Unterscheidungen darin liegen, ob Politik problematische Entscheidungen trifft, weil, wie Hans Graßl hervorhebt, die Bildungswissenschaften und die Bildungsökonomie „keinen theoretischen und begrifflichen Analyserahmen entwickelt“ (S.15) haben, oder aber, weil erziehungswissenschaftlicher Expertise bei bildungspolitischen Entscheidungsprozessen in der Bundesrepublik strukturell nur eine bestenfalls marginale Bedeutung zukommt.

Fazit

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Kritik an der nicht gelingenden Einbindung der sozialen Dimension in bildungspolitisch dominierende Konzepte reiht sich die Schrift von Hans Graßl in die zahlreichen Schriften zur Forderung nach Strukturreform ein. Das besondere Potential dieser Darstellung dürfte erstens darin liegen, dass sie einen leicht lesbaren Einstieg eröffnet, der vor allem Studierenden der Sozial- und Erziehungswissenschaften Zugänge zu einer ‚klassisch‘ ausgerichteten Kritik am neo-liberalen Funktionalismus bietet. Zweitens dürfte eine Stärke in der pointierten, zornigen Ausrichtung zu sehen sein, mit der auf Legitimationsprobleme verwiesen wird; und wohl vor allem den Studierenden bei der Konturierung ihrer Kritik helfen kann, die den Bologna-Prozess vorrangig als ‚Verschulung‘ und ‚Vermarktung‘ sowie als Häufung weiterer Bildungsbarrieren erleben. Für diejenigen, denen die Klassiker (noch) vertraut sind, sich noch an Hochschule vor dem Bologna-Prozess und alte Kontroversen um Schulreform erinnern, bietet die Erklärungsformel der neuen Gliedrigkeit mit Sicherheit Stoff für Diskussionen. Wer enger vertraut mit der Geschichte des Bildungswesens, Reformversuchen und ideologiekritischen Ansätzen der Erziehungswissenschaften ist, wird sich wohl auch an zurückliegende Diskussionen erinnern. Rückblickend bleibt daher vielleicht noch anzumerken, dass beispielsweise Lenhardt vor etwa 25 Jahren in seiner breiter angelegten Rekonstruktion der „bürokratischen Rationalität“ von Schule analytisch trennschärfer bereits eben die Grundzüge der politischen und ökonomischen Funktionslogik im Bildungswesen herausarbeitete, die Hans Graßl zu seiner These der Ausweitung des Prinzips der Gliedrigkeit auch auf die Hochschule in Bologna-Zeiten führen.


Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 10.08.2009 zu: Hans Graßl: Ökonomisierung der Bildungsproduktion. Zu einer Theorie des konservativen Bildungsstaats. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. ISBN 978-3-8329-3851-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7240.php, Datum des Zugriffs 03.08.2020.


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