socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Franz Schultheis u.a. (Hrsg.): Humboldts Albtraum. Der Bologna-Prozess [...]

Cover Franz Schultheis u.a. (Hrsg.): Humboldts Albtraum. Der Bologna-Prozess und seine Folgen. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2008. 195 Seiten. ISBN 978-3-86764-129-6. 19,90 EUR, CH: 35,90 sFr.

Originaltitel: Le chauchemar de Humboldt.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In Deutschland ist die Hochschulstrukturreform bereits irreversibel fortgeschritten. Die Forderungen des Bologna-Prozesses, der von den entsprechenden Akteuren als Allheilmittel gegen vorgefundene und konstruierte Problemlagen gesehen wird, finden jeweils nationale Niederschläge und führen zu spezifischen, aber auch zu allgemeinen Schwierigkeiten, die in diesem Sammelband mit einer durchweg kritischen Sichtweise aufgezeigt werden. Es fällt auf, dass bei allen nationalen Besonderheiten einige Kritikpunkte übergreifend vorzufinden sind, die sich auf die ökonomistische Dekonstruktion des Humboldt‘schen Bildungsideals, das der Publikation ihren Namen gibt, beziehen.

Herausgeber

  • Franz Schultheiß habilitierte 1994 bei Pierre Bourdieu und ist aktuell Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen.
  • Paul-Frantz Cousin ist Soziologe und Forschungsassistent an der Université de Genève.
  • Marta Roca i Escoda arbeitet derzeit als Postdoktoranden-Stipendiatin des SNF an der Universität Brüssel.

Entstehungshintergrund

Der Band geht aus einer 2004 stattgefundenen interdisziplinären Tagung „Bildungssysteme und nationale Denkkategorien“ des europäischen Netzwerkes ESSE „Für einen europäischen Raum der Sozialwissenschaften“ hervor.

Aufbau

Nach einer thematischen Einführung werden im ersten Teil allgemeine Charakteristika der Hochschulstrukturreformen aufgezeigt, während im zweiten Teil nationale Blickwinkel fokussiert werden. Ein Resümee stellt einen übergreifenden Bezug her.

Bei der Einführung Konstruktion und Folgen eines europäischen Hochschulsystems von Franz Schultheis, Paul-Frantz Cousin, Marta Roca i Escoda handelt es sich um eine thematische Einleitung, die zugleich schon die kritische Sicht auf den Bologna-Prozess betont. Es werden die einzelnen Vorträge kurz dargestellt.

Erster Teil: Eine Harmonisierung im Gewaltmarsch

  • Insider-Geschäfte aus dem universitären Markt der USA: Mechanismen der Eliteproduktion von Rick Fantasia. Hierbei handelt es sich um einen sehr gut informierten Aufsatz über die Strategien der sozialen Elite in den USA, die eingesetzt werden um über Beziehungsgeflechte und spezielle Bildungsinstitutionen und inneruniversitären Einrichtungen wie Clubs die transgenerationale Weitergabe der gesellschaftlichen Spitzenpositionen zu sichern. Es wird sehr deutlich, dass das US-amerikanische Hochschulsystem nicht nur von Marktmechanismen dominiert wird, sondern latent noch von Relikten des Ständewesens beeinflusst wird und insofern auch die an sich kritikwürdige konkurrenzgesteuerte Leistungsideologie noch keine Umsetzung gefunden hat.
  • Universitätsreform und Begriffspolitik von Christian de Montlibert. Mittels eines diskursanalytischen Verfahrens wird hier kritisch darauf aufmerksam gemacht, wie etwa durch Begriffe wie „Ohnmacht“, „Schwäche“, „Immobilität“ und „Ineffizienz“ das alte Hochschulsystem eine Diffamierung erfährt, die schließlich zu konkreten Handlungen führt um die mit Begriffen wie „Vorrangstellung“, „Effizienz“, „Innovationsbereitschaft“ und „Beweglichkeit“ konnotierte neue Art Universität herbeizuführen. Diese kennzeichnet sich wiederum mit Begriffen aus dem semantischen Feld des Managements und wird durch die Expansion entsprechender Vokabeln wie „Unternehmenskultur“, „Kompetenz“ und „Optimierung des Managements der Humanressourcen“ schließlich zu einem Leitbild in der universitären Vorstellungswelt stilisiert.
  • Nomaden des wissenschaftlichen Feldes. Über die neue Geometrie des Wissens und die Kunst des Navigierens von Felix Keller. Hier geht es um die Frage, ob sich die durch das ECTS-Punktesystem erzwungene Quantifizierung von Wissen als sinnvoll erweisen kann. Zudem wird das Bologna-Ziel der Mobilität von Studierenden kritisch beleuchtet, da einige Daten die Vermutung nahelegen, dass Auslandsaufenthalte nicht aus den von den Initiatoren entsprechender Programme gewünschten Motiven stattfinden, sondern eher touristischen Charakter haben.
  • Die Konstruktion des europäischen Hochschulraums von Sandrine Garcia. Dieser Aufsatz ist aus französischer Perspektive geschrieben, die behandelten Phänomene jedoch sind durchaus im gesamten europäischen Hochschulraum präsent. Interessant und für eine Analyse des Bologna-Prozesses erhellend ist insbesondere die Verortung der Hochschullehrer zwischen einem weltlichen und wissenschaftlichen Pol, wobei die Zugehörigkeit innerhalb einer Karriere wechseln kann. Die Vertreter des weltlichen Pols, die mit Politik und Wirtschaft kooperieren und Aufgaben in der Hochschulverwaltung übernehmen, schaffen sich über die Implementierung von Verfahren zur „Qualitätssicherung“ Instrumente zur Kontrolle der noch wissenschaftlich orientierten Professoren.

Zweiter Teil: Nationale Kontexte

  • Der Siegeszug des Management-Denkens und der neue Streit der Fakultäten von Charles Soulié. Hier wird an der Situation Frankreichs, das im europäischen Vergleich besonders hohe Studierendenzahlen aufweist, aufgezeigt, in welcher Weise die universitär vermittelten Inhalte in Richtung instrumentalisierbares Wissen geändert werden. Disziplinen, deren Umstellungsspielraum hier gering ist, konnten wesentlich geringere Zuwächse nach den Expansionen der Studierendenzahlen verbuchen. Anwendungsorientierung als Maßstab verändert aber auch die inhaltliche Ausrichtung innerhalb von Studienfächern, so dass beispielsweise in der Soziologie das Feld zunehmend von der mehr instrumentellen Soziologie dominiert wird.
  • Über die Reform der Universität in Italien: Kräfteverhältnisse und strukturelle Paradoxien von Stuart Woolf. Hier wird auf die italienische Situation der Hochschulen eingegangen, die hinsichtlich einer höheren Lenkung durch den Staat und den dort vorhandenen Lobbyisten vom europäischen Durchschnitt abweichen und mit spezifischen Koordinationsproblemen zu kämpfen haben.
  • Eine Transformation des universitären Feldes: der Bologna-Prozess in Deutschland und seine Vorgeschichte von Ulf Wuggenig. Die Deutsche Situation wird durch spezifische Probleme gekennzeichnet, die sich durch die föderalistische Staatsform, eine besonders starke Beschränkung des Zugangs zu den Master-Studiengängen, die deutsche Verfahrensweise der Akkreditierung, eine fundamentale Reform der Curricula und durch die nach Bologna schwierig gewordene Abgrenzung von traditionellen Universitäten und Fachhochschulen ergeben. Die Kontinuität der Forderungen, die durch Bologna nur an Präsenz gewonnen haben, wird aufgezeigt. Ein Einblick in die Inhalte und Vertreter von Kritik speziell an der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses wird gegeben.
  • Bologna: Veränderung oder Widerstand von Paul Aron. Dieser recht spezielle Beitrag betrachtet sie Situation der belgischen Sprach- und Lieraturwissenschaften im Kontext des Bologna-Prozesses.
  • Der Geist von Bologna: „Wenn die Universitäten sich nicht anpassen, wird es auch ohne sie gehen“ von Yves Winkin. Dieser im Band nur vier Seiten umfassende Beitrag macht prägnant zentrale Befürchtungen, die mit der Hochschulstrukturreform einhergehen, deutlich: Die neuen Universitäten nach „Modell 2“, die sich nach dem Vorbild von Unternehmen konzipieren, korrumpieren die Hochschullandschaft; die Forderung nach Exzellenz befördert ein darwinistisches Wettbewerbsprinzip. Der Widerstand fällt angesichts solcher Umstände aus Sicht Autorin nur enttäuschend schwach aus.
  • Ein Resümee: Welche Universität für welches Europa? von Franz Schultheis. Hier wird betont, dass „Bologna“ letztlich als Etikett für ohnehin vorhandene Tendenzen dient und sich als „Trojanisches Pferd“ erweist. Es werden noch einmal die Hauptkritikpunkte herausgearbeitet und die Beiträge somit in einen gemeinsamen Kontext gestellt.

Diskussion

Dieses Buch ist empfehlenswert für solche Personen, die sich mit der aktuellen Hochschulpolitik auf europäischer Ebene kritisch auseinandersetzen wollen. Neben der Multiperspektivität, die durch Vertreter verschiedener Länder gegeben ist, machen insbesondere Beiträge, die sich durch analytische Klarheit auszeichnen, die Publikation lesenswert. Insbesondere der erste Teil ist sehr erhellend und exzeptionell in den Argumentationsweisen und Blickrichtungen. Aber auch im zweiten Teil finden sich immer wieder interessant Impulse, wie etwa der Verweis von Winkin auf das Konzept der „Modell 1“- und „Modell 2“-Universitäten nach Limoges et al. Keiner der Vortragenden hat Banalitäten von sich gegeben, so dass der Band insgesamt durchweg aufschlussreich und weiterführend für den Leser ist.

Fazit

Mit diesem Sammelband haben sich Kritiker des Bologna-Prozesses aus verschiedenen europäischen Ländern zusammengefunden, deren Argumente hoffentlich Beachtung finden und von einer allzu eifrigen Umsetzung der politischen und wirtschaftlichen Vorgaben etwas abrücken lassen.


Rezension von
Dr. Lena Becker
E-Mail Mailformular


Alle 43 Rezensionen von Lena Becker anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 13.02.2009 zu: Franz Schultheis u.a. (Hrsg.): Humboldts Albtraum. Der Bologna-Prozess und seine Folgen. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2008. ISBN 978-3-86764-129-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7252.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung