socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jan Wehrheim: Der Fremde und die Ordnung der Räume

Cover Jan Wehrheim: Der Fremde und die Ordnung der Räume. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 254 Seiten. ISBN 978-3-86649-234-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Fragestellung und Kontext

„Die Soziologie des Fremden ist auch eine Soziologie der Großstadt. Große Städte zeichnen sich dadurch aus, dass sie Orte des Fremden sind. Die Heterogenität und Anonymität der Anwesenden ist eines ihrer herausragenden Merkmale. Das produktive, innovative und emanzipatorische Potential, wie es großen Städten zugeschrieben wird, beruht aber nicht schlicht auf der Ansammlung von Fremden. Ausschlaggebend sind die sozialen Beziehungen dieser Fremden zueinander.“ (11)

Mit diesen Sätzen beginnt die Einleitung des vorliegenden Buches. Der Autor hat damit treffend den Rahmen der von ihm vorgestellten Untersuchung umrissen, die im Kontext des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes „Kontrolle im öffentlichen Raum“ entstanden ist. Den Hintergrund dieser Studie bilden zwei aktuelle Diskurse in den Sozialwissenschaften.

Zum einen knüpft die Auseinandersetzung mit Fremdheit im öffentlichen Raum an die Überlegungen Georg Simmels zum Fremden und dem sich daran anschließenden Diskurs über Fremdheit als Charakteristikum von Städten an. Dieser wird bezogen auf die seit längerem währende Diskussion um die Bedeutung und Ausgestaltung öffentlicher Räume in der Stadt und die These von der zunehmenden Privatisierung öffentlicher Räume durch soziale Kontrolle und Segregation („Die Stadt als Beute“). Fremdheit „variiert mit den Räumen. Damit variiert auch die Verunsicherung durch Fremde und Fremdes mit den räumlichen Kontexten.“ (12)

Um diese verschiedenen Ausprägungen zu beschreiben, werden zwei unterschiedliche (sozial-)räumliche großstädtische Settings analysiert und vergleichend gegenüber gestellt: eine innerstädtische Geschäftsstraße einerseits und eine am Stadtrand gelegene Shopping Mall andererseits. Dabei geht der Autor davon aus, „dass im öffentlichen Raum immer eine prekäre Balance zwischen Verunsicherung einerseits und einem Zuviel an Kontrolle andererseits austariert werden muss, damit der Raum seinen Öffentlichkeitscharakter und seine Qualität als Ort von Fremdheit erlangt oder bewahrt.“(13)

Um die Prozesse und Instrumente dieses „Balanceaktes“ angemessen verstehen zu können, ist es notwendig, die sozialen Konstruktionsprozesse von Fremdheit auf der einen Seite und die darauf bezogenen Mechanismen sozialer Kontrolle auf der anderen Seite beobachtend und analytisch zu erschließen. Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen mithin zwei Fragestellungen:

  • „Wie beeinflussen unterschiedliche Formen sozialer Kontrolle und unterschiedliche Produktionsweisen von Raum die Wahrnehmung von und den Umgang mit Fremden?
  • Welche Bedeutung hat dies für den Öffentlichkeitscharakter der Räume und welche Schlussfolgerungen sind daraus für großstädtische Öffentlichkeit zu ziehen?“ (ebd.)

Aufbau und Inhalt

In seinem ersten Abschnitt „Die Stadt, der Raum und der Fremde“ entfaltet der Autor ausführlich und differenziert die theoretischen Grundlagen seiner Studie. Er weist darauf hin, „dass sich spezifische Räume durch spezifische Formen sozialer Ordnung auszeichnen“, und expliziert diese These in der Gegenüberstellung öffentlicher und privater Räume und deren spezifischer Merkmale. Daneben referiert er aktuelle Befunde zur Konstruktion des Fremden in der Stadt und verweist auf die durch Fremdheit ausgelöste Verunsicherung im städtischen Raum, die sich für ihn als Ambivalenz darstellt: Fremdheit und Fremde erscheinen als Gefahr und Potential zugleich. Auf den Gefahrenaspekt wird im großstädtischen öffentlichen Raum mit formeller sozialer Kontrolle reagiert. Damit ergibt sich ein scheinbar paradoxer Doppeleffekt: „Der Fremde wird zwar mit Kriminalität in Verbindung gebracht, aber er ist gleichzeitig ein Garant für Sicherheit.“ (43)

Ähnlich ambivalent sind die gesellschaftlichen Verarbeitungsformen im Umgang mit Fremdheit: der Integration von Fremdem in verschiedenen Spielarten steht deren Auslösung durch Exklusion gegenüber. Die Mechanismen und Konsequenzen dieses unterschiedlichen Umgangs werden im Vergleich der beiden Räume innerstädtische Geschäftsstraße und suburbane Shopping Mall eindrucksvoll herausgearbeitet.

Die dabei eingesetzten empirischen Methoden erläutert der Autor in seinem zweiten Abschnitt „Forschungsdesign“. Dabei handelt es sich um einen breiten Methodenmix aus leitfadengestützten Experteninterviews, Beobachtungen mit anschließenden Kurzbefragungen, standardisierten Interviews mit Passanten, Sekundäranalysen vorfindbarer statistischer Daten sowie Kartografierungen der Untersuchungsorte.

Im darauf folgenden Abschnitt werden die Ergebnisse beider Fallstudien ausführlich und detailliert beschrieben. Im Zentrum der Darstellung stehen dabei entsprechend der formulierten Fragestellungen

  • eine genaue Skizzierung der konstituierenden spezifischen Merkmale jedes Untersuchungsortes,
  • die jeweilige Konstruktion des Fremden am jeweiligen Ort und der Umgang damit.

Ohne an dieser Stelle auf die interessanten Befunde im Einzelnen eingehen zu können, sei doch ein wichtiges Ergebnis festgehalten, das den bisherigen Diskurs über die Gestaltung des öffentlichen Raumes um einen neuen Aspekt ergänzt: die sozialräumlichen Orte Einkaufsstraße und Shopping Mall lassen sich nicht hinreichend entlang der Polarität privat-öffentlich beschreiben. Vielmehr ist die Shopping Mall „Ausdruck einer neuen räumlichen Strukturierung von Gesellschaft und einer neuen gesellschaftlichen Strukturierung von Raum…Sie zeichnet sich…durch einen spezifischen Umgang mit Fremdheit aus. Im Wechselverhältnis zwischen sozialer Produktion und sozialer Konstruktion von Raum wird die Wahrnehmung von Fremdheit und damit ihre soziale Bedeutung lokal nivelliert. Idealtypisch ist Fremdheit nicht mehr existent.“ (169) Der Autor bezeichnet die in der Shopping Mall praktizierte Bearbeitung von Fremdheit als „institutionalisierten Normalismus“. Die diesem zugrunde liegenden Mechanismen erläutert der Autor mit Rückgriff auf Kaufmann (1987): „Institutionen definieren mit Bezug auf die von ihnen regulierten Lebensbereiche erstens typische Handlungsmöglichkeiten verschiedener Akteure, die man analytisch als „Positionen“ und „Rollen“ fassen kann. Sie klären damit zweitens grundlegende Machtverhältnisse und sie begründen damit drittens den Sinn der in ihrem Einflussbereich zugelassenen Verhaltensweisen und legitimieren sich selbst als Einheit.“ (171)

In seiner „Vergleichende Schlussfolgerungen“ überschriebenen Gegenüberstellung beider Konsumorte sieht der Autor diese als „diametrale Typen öffentlich zugänglicher Orte“ (175). Die innerstädtische Geschäftsstraße ist in ihrer Vielfalt und prinzipiellen Offenheit „…das Produkt einer diffusen Struktur, die den Hintergrund des Straßen- und Marktlebens bildet und öffentlichen Raum schafft. Kern dieser Struktur ist die Vielzahl der Akteure, die an der Produktion des Raums – also der Herstellung des materiellen Substrats, seiner Symbolik und der Zuweisung seiner Funktionalität als Produkt sozialen Handelns dieser Akteure und als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse – beteiligt sind.“ (175) Deren Interessen und Chancen ihrer Durchsetzung sind vielfältig und unterschiedlich, keiner der beteiligten Akteure verfügt über alle diesen Ort betreffenden Informationen. Die Raumgestaltung und die Konstitution des Fremden werden daher jeweils partikulär und situativ immer wieder neu ausgehandelt.

Demgegenüber ist in der Shopping Mall „eine vollständig kontrollierte Umwelt …das Kernelement des Ordnungstypus institutionalisierter Normalismus, und eine Stadt ohne Unannehmlichkeiten das Ziel der Produktion von Raum.“ (178f) Rollen, Positionen und institutionelle Rahmenbedingungen werden zentral vom Management festgelegt und die soziale Konstruktion des Fremden und der Umgang mit ihm werden dadurch determiniert. Auch die Raumproduktion an beiden Orten unterscheidet sich in dieser Weise entsprechend der jeweils spezifischen Herrschaftsstrukturen. Ähnlich diametrale Gegensätze ergeben sich zwischen beiden Orten hinsichtlich ihrer baulichen Gestalt, ihres eigentumsrechtlichen Status, ihres Entstehungs- und Planungsprozesses und ihrer Funktionalität.

Während die innerstädtische Einkaufsstraße einen Ausschnitt der Vielfalt und Spielformen urbanen Lebens real widerspiegelt, bemüht sich die Shopping Mall, eine auf Konsum ausgerichtete Urbanität ohne Gefährdung und Verunsicherung zu simulieren.

Freilich gibt es trotz aller Gegensätzlichkeit beider Orte auch Angleichungsprozesse. So wird auch die innerstädtische Einkaufsstraße durch den Einfluss des Immobilienmarktes und die lukrativere Vermietung der Geschäftsräume an Filialen großer Ladenketten zunehmend homogener. Die steigenden Grundstückspreise und Mieten im innerstädtischen Bereich führen außerdem zu einer Homogenisierung der Anwohner (und damit der NutzerInnen der Einkaufsstraße). Zudem liegen den Aktivitäten der Quartierentwicklung ähnliche Überlegungen zugrunde, die auch das Mall-Management umtreiben: Erhöhung der Attraktivität, Sicherheit und Sauberkeit, Corporate Identity als Stärkung lokaler Identität.

Beide Orte unterscheiden sich allerdings deutlich durch das Ausmaß und die Formen sozialer Kontrolle. “Können für die Mall die einzelnen Maßnahmen als Maßnahmen zur Kontrolle über Raum und den darin (re-)agierenden Individuen beschrieben werden, so stellt die Summe der Maßnahmen…eine neue Dimension dar…Sie bedeutet Kontrolle durch Raum. Die ganze Symbolik der Mall, Sprache und Zeichen, sollen in dem Kontext für alle eindeutig interpretierbar sein. Individuelle, „private Codes“ der Anwesenden, die erst Fremdheit erzeugen könnten, sind kaum wahrnehmbar.“ (201) Dagegen besteht „im öffentlichen Raum der Geschäftsstraße…nicht die Macht, die Produktion des Raumes so weit zu bestimmen, dass der physisch-materielle Raum, seine Atmosphäre, seine gezielte Bespielung etc. dessen Wahrnehmung, das raumgebundene Handeln und damit seine soziale Konstruktion weitgehend determinieren kann.“ (203)

Entsprechend sind auch die Spielräume und Möglichkeiten der NutzerInnen Individualität zu produzieren in der Einkaufsstraße deutlich größer: Die Zusammensetzung der NutzerInnen ist hier heterogener, die Varianz individueller und (sub-)kultureller Selbstdarstellung breiter. „Mit einem eingeschränkten Rollenrepertoire sowie einer tendenziellen Homogenisierung von Verhalten und optischer Erscheinung (keine Subkulturen, keine „Kittelschürzen“) reduziert sich die Individualität in Malls weitgehend auf distinguierenden Konsum.“ (206) Gerade diese Reduktion aber macht die Mall für bestimmte Nutzergruppen attraktiv. „Die Mall ist ein Ort der weniger Etablierten und derjenigen, die weniger Distinktion wünschen als vielmehr Stabilität verleihende Sicherheit. Ihnen kommt die Ausrichtung auf „die Masse“ entgegen. Sie schätzen die Mall, weil sie überschaubar und eindeutig ist sowie Teilhabe ermöglicht.“ (214)

In seinem abschließenden Ausblick „Die Öffentlichkeit der Stadt“ ordnet der Autor seine Befunde in die aktuellen Diskurse der soziologischen Stadtforschung und vorherrschender Positionen der Stadtentwicklung ein. Er plädiert dafür, von einer ideologisch aufgeladenen Überhöhung der Öffentlichkeit in der aktuellen Diskussion Abschied zu nehmen und angesichts veränderter empirischer Realitäten neue Formen der Öffentlichkeit, wie sie durch das Modell der Mall beschrieben wurden, zur Kenntnis zu nehmen. Die Attraktivität dieses Settings relativer Überschaubarkeit und Sicherheit steigt in dem Maße, wie gesellschaftliche Unsicherheiten zunehmen. „Es besteht ein Widerspruch zwischen dem öffentlichen Raum als Ort von politischer Öffentlichkeit, die mehr bedeutet als die einseitige Artikulation politischer Positionen, und dem öffentlichen Raum der gleichzeitig Ort von verunsichernder Fremdheit ist… Verunsicherung und öffentliche Distanznormen sind kaum geeignet, konsensorientierte politische Diskussionen voranzutreiben“ (218) Der Autor votiert deshalb dafür, sozialräumliche Unterschiede neu vor dem Hintergrund zu bewerten, welche spezifischen Funktionen sie für die jeweiligen NutzerInnen haben. Der öffentliche Raum stellt sich dann dar als die Summe räumlicher Differenzierungen und Teilöffentlichkeiten, als ein sich beständig veränderndes Mosaik.

Fazit

Die besondere Qualität der vorliegenden Untersuchung besteht in dem gelungenen Versuch des Autors, sozialwissenschaftlich-kriminologische und stadtsoziologische Theorien gleichermaßen zur theoretischen Grundlegung seiner Untersuchung einerseits und der theoriegeleiteten Interpretation seiner empirischen Ergebnisse andererseits systematisch aufeinander zu beziehen. Der Autor erweist sich so als produktiver Grenzgänger zwischen unterschiedlichen Disziplinen, zumal er außerdem noch stadtentwicklungspolitische Positionen einbezieht. An dieser Schnittstelle gelingt es ihm in hervorragender Weise, die voran schreitende Differenzierung von Öffentlichkeit jenseits einer vereinfachenden Polarisierung von Öffentlichkeit auf der einen und Privatem auf der anderen Seite herauszuarbeiten und empirisch zu belegen. Indes kommt der im Titel des Buches genannte „Fremde“ (als Person) in den Ausführungen des Autors vorrangig als Konstrukt von „Fremdheit“ allgemein und eher implizit vor. Eine abschließende vergleichende explizite Betrachtung der konkreten ortspezifischen Umgangsformen mit dem Fremden hätte die Analyse noch abgerundet.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP, www.hiip-hamburg.de)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
E-Mail Mailformular


Alle 58 Rezensionen von Willy Klawe anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 15.01.2010 zu: Jan Wehrheim: Der Fremde und die Ordnung der Räume. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-234-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7254.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung