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Astrid Messerschmidt: Weltbilder und Selbstbilder

Cover Astrid Messerschmidt: Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. 272 Seiten. ISBN 978-3-86099-395-8. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Wissen & Praxis - 151.
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Der doppelte Widerspruch der Bildung

Weil Bildungsprozesse überwiegend nicht im luftleeren Raum geschehen, auch nicht als „Gabe Gottes“ über uns kommen, sondern in Institutionen, wie Familie, Kindergarten, Schule und außerschulischen Bildungseinrichtungen initiiert und vermittelt werden, deshalb setzt sich das Individuum eines doppelten Widerspruchs aus – den von Befreiung und Herrschaft und den von Gleichheit und Herrschaft. Dabei wird die Konstante „Herrschaft“, etwa in den Beziehungen zwischen Kind und Erwachsenem, Schüler und Lehrer, Zögling und Meister, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Bürger und Staat, in Beziehung gesetzt zu den Variablen „Befreiung“ und „Gleichheit“. Das ist die Grundvariante der kritischen Bildungstheorie; gewissermaßen als unaufhebbarer Widerspruch und gleichzeitig als ein zu überwindender. Darin liegt eben auch das Phänomen, dass ein Lernender gleichzeitig Lehrender und umgekehrt ist, einer, der Einfluss nimmt und empfängt. Soweit der Diskurs, wie er in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft geführt wird, wenn auch nach wie vor vielfach vom Postulat der Herrschaft, der Hierarchie, Paternalismus und Über- und Unterordnungsverhältnissen bestimmt. Wie sonst könnte es die unsäglichen Bildungs- und Erziehungsratgeber, etwa Buebs „Lob der Disziplin“ (2006), in bestsellerverdächtigen Auflagenhöhen geben?

Da ist es gut, dass sich die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt daran macht, die Selbst- und Weltbilder von Menschen in der sich immer interdependenter, entgrenzender, globalisierten Welt zu untersuchen, und zwar überwiegend von pädagogisch Handelnden beim Umgang mit den Entwicklungen und Problemen der Globalisierung, von Migration und den Nachwirkungen von zeitgeschichtlichen Gewalterfahrungen und –ausübungen. Im Mittelpunkt der mit dem Instrumentarium der bildungstheoretischen Widerspruchsanalyse durchgeführten Arbeit steht wiederum der Widerspruch, dass „nicht die Unterwerfung unter Herrschaftsverhältnisse…, sondern … die eigene Beteiligung an und das eigene Profitieren von Herrschaftsverhältnissen, die durch fundamentale Ungleichheiten stabilisiert werden“ die Mittäterschaft an Herrschaft bedingen. Dabei sind es einerseits die Selbstbilder, die die eigene soziale Position in den globalisierten Verhältnissen in der hiesigen Einwanderungsgesellschaft bestimmen; andererseits die Weltbilder, wie das Individuum und die Gesellschaft über die „Anderen“ wahr nehmen. Astrid Messerschmidt formuliert aus diesen Widersprüchen ihre These: Es sind involvierte Bildungsprozesse, wenn sich Lernende und Lehrende mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte befassen! Was heißt das? Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als sich der eigenen Verstrickungen in Machtverhältnisse bewusst zu werden, „im Nachdenken über Bildungsprozesse und in der Entwicklung von Bildungskonzeptionen genau dieses eigene In-Beziehungsein zu den Problemen und Thematiken zu betonen und als eine Bedingung für Bildung als kritische Selbstreflexion anzusetzen“. Mit anderen Worten: Ich, als Lehrender und gesellschaftlich Agierender kann andere über Globalisierung nicht aufklären, ohne meine eigene Verwicklung in globalisierte Verhältnisse deutlich zu machen. Genau so wenig kann ich andere über Ursachen und Folgen von Migration belehren, ohne meine eigene Sichtweise von Gesellschaftsstrukturen offen zu legen. Und ebenso wenig kann ich zeitgeschichtliche Aufklärung betreiben, ohne den Zusammenhang zu meinen eigenen Geschichtsauffassungen und sozialen Positionierung herzustellen.

Aufbau und Inhalt

Es sind die hochgradig sich entwickelnden, scheinbar nur global steuerbaren Formen von internationaler Vergesellschaftung, die das Individuum wie die nationalen und internationalen Kollektive mit bisher nicht gekannten Herausforderungen konfrontieren. Das gilt auch und in besonderem Maße für die Pädagogik. „In der Auseinandersetzung mit Globalisierung werden lernende Subjekte mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Rolle konfrontiert und mit der Bedeutung des Lernens für die Bestätigung, wie auch Infragestellung bestehender gesellschaftlicher Ordnungen“. So sind Globalisierung und Bildung zwei Seiten der einen Medaille, weil Internationalität, interkulturelles und globales Lernen an die Individuen Verhaltens- und Leistungsanforderungen stellt, die die Selbst- und Fremdbilder im tatsächlichen und virtuellen Zusammenleben der Menschen herausfordern und bestimmen. Die Visionen, wie sie etwa von den Vereinten Nationen mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) als Möglichkeiten der Weltvergesellschaftung gesetzt werden, erzeugen Brüche, Irritationen und die Notwendigkeit zum Perspektivenwechsel; und zu einer Reflexion der Bedeutung der „Pädagogik in vermittelten Unterdrückungsverhältnissen“, wie die Paulo Freire mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ zum Ausdruck bringt (vgl. dazu auch: Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann u.a. (Hrsg.): Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis, 2008; socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/6090.php).

Migration, als der zweite Analyse-Aspekt, wird mit dem Kapitel „Befremdungen und Differenzierung – Bildungsprozesse in der Einwanderungsgesellschaft“ umschrieben. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden in den vielfältigen Formen von personaler, kultureller und virtueller Begegnung, verdeutlicht sich in den Herausforderungen, wie sie mit den verschiedenen Integrationserwartungen, zuvorderst einer „Einbahnstraßen-Forderung“ und der negativen Blickrichtung hin zu den Defiziten der in die Mehrheitsgesellschaft zu Integrierenden. Die etablierte „interkulturelle Pädagogik“ bedarf eines Paradigmenwechsels hin zur pädagogischen Betrachtung der Differenz (vgl. dazu auch: Rudolf Leiprecht, Anne Kerber (Hrsg.): Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Handbuch. Wochenschau Verlag (Schwalbach) 2005; Socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen.

Das Spannungsfeld in der Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte bestimmen in gleichem Maße die Selbst- und Weltbilder der Menschen. Deshalb sind Bildungsfragen immer auch bestimmt von Formen der unabgeschlossenen Geschichte und der diskontinuierlichen Gegenwart. Im metapädagogischen Diskurs, wie in der konkreten erziehungswissenschaftlichen und didaktischen Reflexion sind unter den Gesichtspunkten der historischen Auseinandersetzung gesellschaftliche Entwicklungen von Bedeutung; z. B., „Rassismus als Analysekategorie“ zu verwenden und die Wirkungen und Auswirkungen von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und des postnationalsozialistischen Umgangs mit der NS-Vergangenheit in den Bildungs- und Erziehungsprozess hinein zu nehmen (vgl. dazu auch: Maureen Masiha Eggers, u.a., Mythen – Masken – Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, 2005).

Dazu bedarf es einer „Kritik der Kritik“ der Kritischen Theorie und der kritischen Pädagogik, die dazu Anlass bietet, über eine „selbstkritische Bildung“ nachzudenken; angesichts der in den drei Denkfeldern – Globalisierung, Einwanderungsgesellschaft und Zeitgeschichte – reflektierten, virulenten Herausforderungen, ein Zurechtrücken der Widersprüchlichkeit von (bürgerlicher) Bildung: „Wenn der Widerspruch der Bildung nur gelehrt und nicht auch einmal `eingelegt` wird, dann wird die Widerspruchsanalyse leer, und kritische Bildungstheorie erledigt sich durch Belanglosigkeit“. Mit diesem Verdikt gipfelt Astrid Messerschmidts Entwurf tatsächlich in dem auszuhaltenden Widerspruch: Weil kritische Pädagogik darauf zielt, den Menschen zur kritischen Selbstreflexion zu befähigen, „durch die kein der Kritik entzogener gesicherter Standpunkt einzunehmen ist, die sich aber auch nicht darin einrichten kann, unfähig zur Kritik unhaltbarer und nicht zu begründender Verhältnisse zu sein“.

Fazit

Die aus dem Forschungsprojekt zum pädagogischen Umgang mit Globalisierung, Migration und den zeitgeschichtlichen Nachwirkungen von Nationalsozialismus und Kolonialismus entstandene und weiter entwickelte Arbeit von Astrid Messerschmidt erhebt den Anspruch, pädagogisches Lehren und Lernen „als etwas zu erfahren, das mich persönlich angeht“. Denn es liegt „in der Verantwortung der pädagogisch Handelnden selbst, die persönliche Beziehung zum Gegenstand erfahrbar zu machen, indem sie ihre eigene Auseinandersetzung als unabgeschlossenen und unzureichenden Prozess repräsentieren“. Eine Brücke zu dem (unaufhebbaren) Widerspruch von Theorie und Praxis, von Lehren und Lernen? Die metatheoretische Arbeit wird somit zur Praxiseinmischung und damit zu einem wichtigen Baustein im Diskurs über Bildung und Pädagogik in den Zeiten der Globalisierung.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.05.2009 zu: Astrid Messerschmidt: Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-86099-395-8. Reihe: Wissen & Praxis - 151. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7256.php, Datum des Zugriffs 17.02.2019.


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