socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kinderschutz, Kinderrechte, Beteiligung

Cover Kinderschutz, Kinderrechte, Beteiligung. Dokumentation zur Fachtagung "Kinderschutz, Kinderrechte, Beteiligung - für das Wohlbefinden von Kindern Sorgen", 15. bis 16. November 2007 in Berlin. Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf (München) 2008. 206 Seiten. ISBN 978-3-936085-63-1. 3,50 EUR.

SPI-Schriftenreihe - Dokumentation - 6.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In Deutschland rankt sich die kinderpolitische Debatte um einige Schlüsselbegriffe, in erster Linie um den Begriff des "Kindeswohls" oder "Wohls des Kindes", ein unbestimmter Rechtsbegriff, der auf die Entstehung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zurückgeht. Dieser Ausdruck wurde auch in der amtlichen Übersetzung der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 benutzt und steht hier für den weitaus deutlicheren Begriff des "best interest of the child". Neuerdings hat neben dem Kindeswohl auch der Begriff des "Wohlbefindens" Konjunktur, vor allem um der subjektiven Seite des Kindes, seinen eigenen Empfindungen und Einschätzungen Raum zu geben. Dies hängt zweifellos mit der UN-Kinderrechtskonvention zusammen, der zufolge Kinder über eigene Rechte verfügen und nicht mehr vom Wohlwollen derer abhängig sein sollen, auf deren Unterstützung sie angewiesen sind. Insofern Kinder weiterhin abhängig sind, wird diese Abhängigkeit durch eigene Rechte abgefedert, die jegliche Willkür ihnen gegenüber verhindern und Schritt für Schritt ihre Handlungsautonomie sichern sollen. Diese Absicht manifestiert sich vor allem in den sog. Partizipationsrechten, ist aber auch für die Frage relevant, wie der Kinderschutz gehandhabt wird: als zwar gut gemeintes, aber beliebiges und oft der Sozialkontrolle dienendes Handeln der Erwachsenen oder als Recht der Kinder. Bei dem hier zu besprechenden Band stellt sich die Frage, wie das Verhältnis von Kinderschutz, Kinderrechten und Beteiligung verstanden wird. 

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf eine Fachtagung des Sozialpädagogischen Instituts des SOS-Kinderdorf e.V. zurück, die unter dem Titel "Kinderschutz, Kinderrechte, Beteiligung – für das Wohlbefinden von Kindern sorgen" im November 2007 in Berlin stattgefunden hatte.

Aufbau und Inhalt

Die ersten drei Beiträge sind eher theoretisch akzentuiert.

  1. Der Rechtswissenschaftler Johannes Münder, zugleich Vorstandsvorsitzender des SOS-Kinderdorf e.V., eröffnet den Band mit einer Reflexion über das "Kindeswohl als Balance von Eltern- und Kinderrechten".
  2. Der Erziehungswissenschaftler Günther Opp folgt mit dem Plädoyer "Wohlbefinden steigern, Entwicklungs- und Erfahrungsräume öffnen, Verantwortungsübernahme ermöglichen".
  3. Der Soziologe Jörg Maywald, seit Jahren auch Sprecher der "National Coalition für die Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland", eines Zusammenschlusses von mehr als 100 Nicht-Regierungsorganisationen und Jugendverbänden, gibt detailliert und kritisch Auskunft über die bisherige Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland "als Leitbild in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen".

Die folgenden Beiträge sind eher praktischen Fragen des Kinderschutzes, zum Teil in Verbindung mit dem Problem der Heimunterbringung gewidmet.

  • Dabei geht es um "familiengerichtliche Maßnahmen zur Abwendung drohender Kindeswohlgefährdungen" (Rüdiger Ernst);
  • wird unter Bezug auf ein neues Gesetz gefragt, ob Kinderschutz "eine Aufgabe für Experten oder für alle Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe" sein soll (Christian Lüders);
  • welche neuen Aufgaben sich für den Kinderschutz "im Kontext interkultureller Öffnung" stellen (Esin Erman);
  • vor welchen Problemen der Kinderschutz bei grenzüberschreitenden Fällen, z.B. Kindesentführungen, steht (Britta Sievers);
  • welche Aufgaben sich insbesondere für den "erzieherischen Jugendschutz" im Umgang mit neuen Medien und jugendkulturellen Praktiken stellen (Gerd Engels und Klaus Hinze)
  • und vor welchen Herausforderungen der Kinderschutz in den Einrichtungen des SOS-Kinderdorf e.V. steht (Elfriede Seus-Seberich und Heike Jokisch).
  • Im Anhang wird ein Auszug aus den im Mai 2008 beschlossenen "Kinderschutzrichtlinien" des SOS-Kinderdorf e.V. dokumentiert.

Eine Sonderstellung nehmen die beiden letzten Beiträge des Bandes ein, die sich mit dem Thema Kinder- und Jugendpartizipation befassen.

  1. Wolfgang Sierwald und Mechthild Wolff stellen die Ergebnisse einer eigenen  Bestandsaufnahme der Partizipationsformen in deutschen Einrichtungen der Heimerziehung vor, wobei sie vor allem an der Sichtweise der in den Heimen lebenden Jugendlichen interessiert sind. Ihr Fazit: "Jugendliche stellen sich nicht die Frage, ob es Beteiligung geben soll. Für sie ist sehr klar, dass Heimerziehung nur gelingen kann, wenn sie sich umfassend beteiligen können. Sie erleben dabei positive Ansätze, aber auch in vielen der Einrichtungen und Gruppen, in denen sie leben, noch einen erheblichen Handlungsbedarf (S. 174). In ihren Handlungsvorschlägen plädieren sie für eine "Beteiligungskultur" in den Heimen, wozu sich Heimträger und Professionelle "auf eine weitgehende Veränderung ihrer Strukturen, Prozesse und Selbstverständnisse einlassen" müssten (S. 174).
  2. Im abschließenden Beitrag berichtet Jana Frädrich, die langjährige Kinderbeauftragte der Stadt München, in anschaulicher Weise von den Fortschritten, aber auch den Hindernissen einer weitergehenden Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der bayerischen Metropole.

Diskussion

Für den Band bieten sich zwei verschiedene Lesarten an. Zum einen, welchen Beitrag er zur Klärung des Verhältnisses von Kinderschutz, Kinderrechten und Partizipation bietet; zum anderen, in welcher Weise sich das Selbstverständnis des SOS-Kinderdorf e.V. in Deutschland entwickelt hat.

Da die SOS-Kinderdörfer vor allem verlassenen und missbrauchten Kindern eine institutionelle Alternative bieten wollen, liegt es nahe, Fragen des Kinderschutzes und der Heimerziehung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Interessanterweise wird in der internationalen SOS-Kinderdorf-Organisation seit einigen Jahren versucht, den bisherigen paternalistischen Handlungsansatz zu überwinden und Kinder als Rechtssubjekte ins Auge zu fassen. Der vorliegende Band wird allerdings diesem Anspruch kaum gerecht. Kinderschutz und Kinderrechte werden wie zwei getrennte Welten betrachtet. In den Beiträgen zum Kinderschutz finden sich zwar viele bedenkenswerte Hinweise, wie dieser kinderfreundlicher gestaltet werden könnte, aber Kinder kommen nicht als Rechtssubjekte ins Spiel. An keiner Stelle wird gefragt, inwieweit Kinder bei den Maßnahmen des Kinderschutzes selber eine aktive und eigenständige Rolle spielen könnten und wie ihre Mitwirkungskompetenzen zu erweitern wären.

In den theoretischen Beiträgen wird das "Kindeswohl" als eine problemlos zu gestaltende konfliktfreie Balance zwischen Erwachsenen und Kindern, das "Wohlbefinden" der Kinder wesentlich als pädagogische Aufgabe professioneller Erwachsener verstanden. Gleichwohl finden sich in diesen Beiträgen auch einige Erwägungen, die auf eine Stärkung der gesellschaftlichen Position der Kinder abzielen, so der Vorschlag von Münder, die Regelungen zum Kindergeld und Kinderzuschlag nicht länger als Ansprüche der Eltern, sondern als eigenständige Leistungen für Kinder zu gestalten, oder der Vorschlag von Opp, dem Konzept der "Positiven Peerkultur" in der pädagogischen Praxis mehr Beachtung zu schenken. Die Perspektive der Kinderrechte als durchgehendes Handlungsprinzip bleibt allerdings auf den Beitrag von Maywald zur Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland und auf die beiden abschließenden Beiträge zur Partizipation beschränkt. Angesichts der weltweiten Präsenz der SOS-Kinderdörfer verwundert auch der eurozentrische, auf Deutschland fixierte Blick, der internationale und interkulturelle Dimensionen nur aufnimmt, wenn es um grenzüberschreitende Kinderschutzfälle oder die Arbeit mit Migranten- und Flüchtlingskindern geht.

Fazit

Ein informatives Buch mit bedenkenswerten praktischen Hinweisen zur Kinderschutzpraxis, aber ohne weitergehende Reflexion des Verhältnisses von Kinderschutz, Kinderrechten und Partizipation.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
E-Mail Mailformular


Alle 91 Rezensionen von Manfred Liebel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 14.01.2009 zu: Kinderschutz, Kinderrechte, Beteiligung. Dokumentation zur Fachtagung "Kinderschutz, Kinderrechte, Beteiligung - für das Wohlbefinden von Kindern Sorgen", 15. bis 16. November 2007 in Berlin. Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf (München) 2008. ISBN 978-3-936085-63-1. SPI-Schriftenreihe - Dokumentation - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7266.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung