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Monika Götz, Christa D. Schäfer (Hrsg.): Mediation im Gemeinwesen

Cover Monika Götz, Christa D. Schäfer (Hrsg.): Mediation im Gemeinwesen. Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation, Gemeinwesenmediation. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. 254 Seiten. ISBN 978-3-8340-0463-5. 24,00 EUR, CH: 41,30 sFr.

Reihe: Schriften zur Theorie und Praxis der Mediation - Band 2.
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Thema

Mediation im Gemeinwesen bezeichnet ein Praxisfeld der Mediation, zu dem im deutschsprachigen Raum noch wenig Literatur vorliegt, die praktische Fragen und Erfahrungen der Mediation in diesem Bereich zum Gegenstand hat.

Herausgeberinnen

Beide Herausgeberinnen sind in diesem Bereich praktisch tätig. Monika Götz arbeitet als Mediatorin und psychologische Beraterin in Berlin, sie ist dort auch am Aufbau der Stadtteilmediation beteiligt. Christa D. Schäfer leitet den Verein MediationsZentrum Berlin. Mediationspraktiker sind auch die anderen Autoren dieses Werkes. Alle Beiträge dieses Buches können nicht erwähnt werden, das besagt nichts zur Qualität der Beiträge, allenfalls etwas über das Interesse des Rezensenten.

Aufbau und Inhalt

Der Band gibt eingangs grundlegende Informationen zur Mediation, er beschreibt verschiedene Arten der Streitvermittlung und geht auf die Streitvermittlung in anderen Kulturen ein. Das Hauptthema des Buches, die Mediation im Gemeinwesen, wird - erst - ab Seite 83 in Angriff genommen.

Ein Buch, das die Mediation im Gemeinwesen in den Blick nimmt, bedarf eines analytisch geläuterten und geschärften Begriffs des Gemeinwesens, soll darunter nicht nur dass Quartier, das Stadtviertel, der öffentliche Raum oder die Nachbarschaft verstanden werden. Die Aufgabe der Begriffsklärung übernimmt Olaf Schulz in seinem Beitrag (85 – 105) mit dem gelungenen Versuch, den Begriff des Gemeinwesens im Verhältnis zur Nachbarschaftsmediation, zur Mediation im Stadtteil, zur Mediation im öffentlichen Raum abzugrenzen und mit Inhalt zu füllen. Gegenüber der Nachbarschaftsmediation die tendenziell verstanden wird als ein privater (mikrosozialer) Konflikt zwischen Nachbarn wird für die Gemeinwesenmediation die Einbeziehung der meso- und makrosozialen Ebene von Konflikten hervorgehoben. Das Gemeinwesen wird verstanden als ein Teil der Zivilgesellschaft, das den Privatbereich übersteigt, ohne im öffentlichen und staatlichen Raum aufzugehen. Gemeinwesenmediation lässt sich daher nicht einfach räumlich mit Stadtteilmediation gleichsetzen, genauso wenig wie mit Mediation im öffentlichen Raum. Was das Gemeinwesen, verstehe ich den Autor richtig, kennzeichnet ist sein zivilgesellschaftlicher Charakter, der im Gemeinwesen enthaltene Gedanke an Selbstregulation und Partizipation. In diesem Zusammenhang wird auf die Bedeutung der transformativen Mediation hingewiesen, die anders als die eher engere, am Harvard Konzept orientierte lösungsorientierte Mediation auf die Initiierung von Lernprozessen zielt. Das bestimmt nicht zuletzt die Gestaltung der Gemeinwesenmediation, in der ehrenamtliche Mediatoren immer auch einen großen Raum einnehmen ( 93 f., aber auch in dem Beitrag von Dirk Splinter 194 ff.) Damit findet, worauf an dieser Stelle hingewiesen werden sollte, die Gemeinwesenmediation Anschluss an die Gemeinwesenarbeit der sozialpädagogischen Profession, die aus „Quartieren handelnde Gemeinwesen“ (Oelschlägel) machen will.

Die Entwicklung der Gemeinwesenmediation in Deutschland wird kurz, beispielhaft an der Benennung einzelner Projekte dargestellt und in einem Beitrag von Jamie Walker am Beispiel der „Projektlandschaft in Berlin“ skizziert ( 115 ff.)

Der Hauptteil des Buches ist einzelnen Aspekte der Gemeinwesenmediationsprojekten gewidmet (130 – 234). Von praktisch besonderer Bedeutung ist der Aufbau von Projekten in der Gemeinwesenmediation, den Christa D. Schäfer am Beispiel der Stadtteilmediation Tiergarten Süd behandelt (132 – 144), Monika Götz am Beispiel der Stadtteilmediation Wedding (144 – 183). In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, betrachtet man die Konfliktinhalte mit denen die Projekte befasst sind, dass die Ärgernisse im Alltag die an die Mediation herangetragen werden Lärm und Beleidigungen sind (mit je 23 %) , dass in den meisten Fällen ein multikausales Gefüge hinter dem aktuellen Konflikt steht, das sich jeweils in der Phase der Chronifizierung des Konflikts entwickelt hat. Allesamt Ärgernisse, welche die Lebensqualität im Gemeinwesen beeinträchtigen, ohne polizeilich relevant zu sein.

Von Bedeutung ist natürlich die Finanzierung solcher Projekte, denn diese können und sollen nicht lediglich von ehrenamtlicher Arbeit leben, die einen wesentlichen Teil solcher Projekte darstellt (dazu 181 ff.). Sollen solche Projekte nachhaltig umgesetzt werden, Wurzeln im Gemeinwesen schlagen, muss daher ihre Anschubfinanzierung auch über längere Zeiträume, 3 Jahre oder gar mehr gewährt werden. Kann Gemeinwesenmediation, was der Band in Einzelaspekten belegt, die Lebensbedingungen im Gemeinwesen verbessern und aktiviert sie gleichzeitig in erheblichem Maße ehrenamtliche Aktivitäten, also bürgerschaftliches Engagement, kann man sich eigentlich nur wundern, wie zurückhaltend die öffentliche Hand mit der – nichteinmischenden - Finanzierung solcher Projekte ist.

Dirk Splinder stellt in einem Beitrag (195- 205) die Schulung der ehrenamtlichen Konfliktvermittler wohl zu Recht als „Herzstück der Aufbauphase“ 195) dar, die in jedem Fall die Dauer einer „normalen“ Mediationsausbildung (Richtwert 200 Stunden) unterschreitet aber dennoch nicht zu einer Mediation „light“ führen darf und soll. Dies ist, auch wenn Teile einer normalen Mediationsausbildung entfallen können kein einfacher Spagat, der aber gelingen kann, wenn die ehrenamtlichen Mediatoren anschließend in die Mediationspraxis eingebunden werden.

Helga Krüger verweist in ihrem Beitrag „Persönlichkeitsentwicklung durch Gemeinwesenmediation“ (206-215) auf die Entwicklungschancen der Gemeinwesenmediation für die Beteiligten, für den Mediator, für die Medianten, für die Bewohner des Gemeinwesens und Lars Andersen widmet sich der nicht uninteressanten Frage (215-226), wer – jenseits einer Anschubfinanzierung - Kosten einer Mediation übernehmen kann.

Abgerundet wird das Werk durch Stellungnahmen verschiedener an der Gemeinwesenmediation beteiligten Gruppen, zu den Vorteilen der Gemeinwesenmediation und durch ein Fallbeispiel zur Gemeinwesenmediation von Franziska Becker (S.235 – 249).

Diskussion

Zu einem Buch über die Gemeinwesenmediation wird wohl nur greifen, wer bereits mehr oder weniger grundlegendes Wissen über Mediation hat. Bei einem Buch von rund 250 Seiten sollte der Hinweis auf Seite 83, man steige jetzt erst intensiv in das Hauptthema ein, den Lektor zu der Einsicht geführt haben, dass diese lange Heranführung an das Hauptthema für den vorinformierten Leser ärgerlich ist. Die sich anschließenden Beiträge zur Gemeinwesenmediation, sind aber allesamt, trotz unterschiedlicher Qualität, für den Leser informativ und hilfreich.

Was dem Werk aus Sicht des Rezensenten gut getan hätte, wäre ein einleitender Beitrag zur Situation des Gemeinwesens, zu aktuellen Tendenzen der Stadtentwicklung und damit zusammenhängenden Steuerungsproblemen. Es ist dieser Hintergrund der für die aktuellen meso- und makrosozialen Konflikte im Gemeinwesen in den Blick kommen muss.

Fazit

Das Buch bietet einen vielfältigen Überblick über Ziele und Aufgaben der Mediation im Gemeinwesen. Seine Stärke liegt in der praxisbezogenen Darstellung der Beiträge, es verdeutlicht, dass Mediation im Gemeinwesen in der Gestaltung als transformative Mediation dazu beitragen kann, die Menschen im Gemeinwesen und damit das Gemeinwesen selbst zu stärken und zu fördern. Wer sich gegenwärtig über Gemeinwesenmediation in praktischer Hinsicht sachkundig machen will, kommt um dieses Buch nicht herum.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 07.02.2009 zu: Monika Götz, Christa D. Schäfer (Hrsg.): Mediation im Gemeinwesen. Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation, Gemeinwesenmediation. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. ISBN 978-3-8340-0463-5. Reihe: Schriften zur Theorie und Praxis der Mediation - Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7277.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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