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Wilhelm Heitmeyer, John Hagan (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung

Cover Wilhelm Heitmeyer, John Hagan (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 1583 Seiten. ISBN 978-3-531-13500-7. 99,90 EUR.
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Konzept

Der Titel des knapp 1.600 Seiten umfassenden Bandes verspricht eine Zusammenschau der wichtigsten Forschungserträge der Gewaltforschung in internationaler Perspektive. Andererseits ist Gewalt als omni-präsentes Phänomen zu umfassend, um es in historischer, geographischer und inhaltlicher Perspektive vollständig abzuhandeln. So beschränkt sich das Handbuch im Wesentlichen auf Gewaltphänomene in westlichen Gegenwartsgesellschaften, wobei - trotz eines relativ breiten Gewaltbegriffs - ein Schwerpunkt auf personale Gewalt und auf Gewalt von Gruppen gelegt wird. Die Mehrzahl der Beiträge ist aus einer soziologischen oder sozialpsychologischen Perspektive geschrieben; einzelne stärker psychologische oder kriminologische Texte kommen hinzu, aber es ist zu betonen, dass der Band vor allem die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung resümiert. Und auf diesen Gegenstand bezogen ist der vorgelegte Band die umfassendste Zusammenstellung des Forschungsstandes seit Jahrzehnten, und geht in der Bedeutung sogar noch über das Gutachten der Gewaltkommission der Bundesregierung von 1990 hinaus.

Inhalt

Das Handbuch besteht aus 62 Einzelbeträgen zu thematisch geschnittenen Facetten der Gewaltforschung, deren Titel und Autoren an dieser Stelle nicht alle einzeln aufgeführt werden können. Der Band besteht aus drei Hauptteilen:

(I) Zu Beginn steht eine Rahmenbeschreibung, in der der sozialwissenschaftliche Ansatz der Gewaltforschung sowie der zu Grunde gelegte Gewaltbegriff diskutiert werden. Weiter enthält dieser Teil einen Überblick über die langfristige Entwicklung der Gewalt.

(II) Es folgt der eigentliche Hauptteil, in dem (II.1) sozialstrukturelle Bedingungen und staatliche Akteure thematisiert werden (Holocaust, Militär, Gefängnis/Folter, Polizei). (II.2) Anschließend geht es um die zwischen Kollektiven und Gruppen auftretende Gewalt (Terrorismus, Bürgerkriege, Vigilantismus, Pogrome, rechte und linke Gewalt). Es folgt (II.3) eine Block mit Texten über individuelle Gewalt und vor allem über die Entstehungsbedingungen individueller Gewalt (Lern-, sozialisationstheoretische und sozialpsychologische Konzepte, evolutionspsychologische Ansätze, Erlernen in Familie, Peer Group, Erlernen durch Medien, Schusswaffen, organisierte Kriminalität). Der vierte Abschnitt des Hauptteils (II.4) beschäftigt sich mit den Gewaltopfern (Kinder, Suizid, Partnerschaft, ethnische und religiöse Minderheiten, Hate Crimes). Schließlich werden (II.5) Institutionen und Räume beschrieben, in denen die Gewalt auftritt (Familie, Schule, Arbeitsleben, Sport, Straßenverkehr, Stadt). Es folgt ein Abschnitt (II.6) mit Beiträgen über Ideologien und Rechtfertigungen von Gewalt (politische Kultur, Rolle der Eliten, heilige Kriege, Gewalt und Literatur, staatliches Gewaltmonopol, Demonstrationen und Widerstandsrecht, individuelle Rechtfertigungsstrategien). Abschließend (II.7) in diesem Hauptteil werden Eskalations- und Deeskalationsmechanismen diskutiert (Furcht, öffentliche Meinung, Gruppen und Gangs).

(III) Der dritte Hauptteil enthält zwei methodisch orientierte Beiträge, in denen aus qualitativer und quantitativer Perspektive die methodischen Standards und ihre Stärken bzw. Schwächen diskutiert werden.

Würdigung

Die Stärke des Bandes liegt für einen deutschen Leser zunächst darin, dass er oder sie neben Zusammenfassungen der deutschen Forschung einen fundierten Einblick in die Theorieansätze, Perspektiven und Forschungserträge der Gewaltforschung in Nordamerika und Großbritannien erhält. Auch wenn dies nicht in jedem thematischen Block gleich gut gelingt, bietet das Handbuch in der Zusammenschau eine exzellente Grundlage für internationale Diskussionen und es gelingt mehr als nur ansatzweise eine gegenseitige Erschließung der Forschungstraditionen und Befunde. Durch die getrennte Behandlung einzelner Gewaltphänomene aus Täter- und Opferperspektive und durch die Schneidung nicht exklusiver Räume (z.B. Stadt und Schule) ergeben sich einzelne Redundanzen (z.B. in den Bereichen Gewalt von und gegen Kinder, in Familien, in Partnerschaften), insgesamt aber ist die Schneidung der einzelnen thematischen Artikel relativ trennscharf.

Ein Blick auf die Liste der Autoren zeigt eine erstaunliche breite der Länder (Autoren aus 10 Ländern), wobei allerdings ein Schwerpunkt in Deutschland und den USA liegt. Mehrere Autoren und Autorenteams kommen aus Großbritannien und Kanada; einzelne Beiträge stammen aus Italien, Spanien, Frankreich, der Schweiz, Norwegen und Israel. Gut die Hälfte der Autoren versteht es, die nationale Perspektive abzustreifen - oder zumindest neben die national orientierten Darstellungen Erweiterungen in internationaler Perspektive vorzunehmen - und so die in verschiedenen Ländern vorliegenden Ergebnisse zusammenzutragen (z.B. Hageman-White, Eisner, Tedeschi, Hodges und Klewin et al.), bei anderen spürt man hingegen deutlich die nationale Orientierung.

Die einzelnen Beiträge folgen - entsprechen dem Handbuchcharakter - überwiegend einem einheitlichen Aufbau: Begriffliches, theoretische Perspektiven empirische Befunde, Desiderata, Prävention. Leider haben sich nicht alle Autoren daran gehalten, dennoch gelingt über weitere Strecken eine kohärente, leserfreundliche Darstellung. Die Stärke liegt dabei in der Regel in den Teilen theoretische Perspektiven und empirische Ergebnisse. Die Abschnitte über Präventions- und Interventionsstrategien sind häufig mit einer schmalen Literaturbasis versehen oder kommen ohne Verweise auf empirische begründete Evaluationen der empfohlenen Strategien aus - was aber nicht den Autoren sondern wohl eher der Forschungslage angelastet werden muss.

Die Übersetzungen der fremdsprachigen Texte für die hier besprochene Deutsche Ausgabe scheint im Wesentlichen gelungen zu sein, wenn auch einzelne Beiträge besser bzw. schlechter lesbar sind (z.B. Martino). Auf jeden Fall ist erfreulich, dass neben der angekündigten englischsprachigen Edition (Westview Press) auch die hier besprochene deutsche Edition existiert, wodurch der Forschungsstand einer breiteren Leserschaft und Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum zugänglich wird.

Fazit

Es würde zu weit führen (und würde meine Fachkompetenz übersteigen), jeden einzelnen Beitrag einer separaten Würdigung zu unterziehen. So soll es bei der zusammenfassenden Bewertung bleiben, dass der Band trotz kleinerer Einschränkungen ein Muss für jeden mit der Gewalt und Devianz Beschäftigten darstellt. Viele Beiträge bieten eine so umfassende Präsentation und Diskussion, dass sich auf absehbare Zeit jede weitere Überblicksdarstellung erübrigt (z.B. Heitmeyer, Albrecht oder Eisner).


Rezension von
Prof. Dr. Marek Fuchs
Universität Kassel, FB Gesellschaftswissenschaften
Professur für empirische Sozialforschung


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Zitiervorschlag
Marek Fuchs. Rezension vom 30.06.2003 zu: Wilhelm Heitmeyer, John Hagan (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. ISBN 978-3-531-13500-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/728.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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