Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jörg Wiesse (Hrsg.): Psychoanalyse und Kindheit

Rezensiert von Prof. Dr. Ariane Schorn, 11.06.2009

Cover Jörg Wiesse (Hrsg.): Psychoanalyse und Kindheit ISBN 978-3-525-46027-6

Jörg Wiesse (Hrsg.): Psychoanalyse und Kindheit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. 144 Seiten. ISBN 978-3-525-46027-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.
Reihe: Psychoanalytische Blätter - Band 28.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Wiesse möchte mit dem Buch einen „kurzen“ Überblick über die Entwicklung der psychoanalytischen Therapie bei Kindern und Jugendlichen geben. Die Beiträge des Bandes beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte und Fragen der psychoanalytischen Theorie und Arbeit mit Kindern.

Inhalt und Aufbau

Nach einem kurzen Einleitungstext des Herausgebers schließen sich acht Beiträge an.

  1. Dieter Bürgin beschäftigt sich in dem das Buch eröffnenden Aufsatz mit der Frage: „Wie reden Kinder mit uns, wie reden wir mit Kindern?“ Hierbei stehen Spezifika des Austausches zwischen Kind und Analytiker bzw. Analytikerin im Mittelpunkt, die anhand von zwei klinischen Vignetten entfaltet werden.
  2. Es folgt ein Beitrag von Michael Günter („Die Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung – Neurotransmittererkrankung, Modediagnose oder komplexe Problematik?“), der sich mit der Ätiologie und Pathogenese der ADHS auseinandersetzt. Günter hebt die Bedeutung psychosozialer Faktoren für die Entstehung besagter Erkrankung sowie deren Relevanz für die Behandlung hervor. Für das psychoanalytische Verständnis beschreibt er drei Hauptlinien: 1. ADHS als Abwehrformation früher Objektbeziehungsstörungen, 2. Störungen in der Triangulierung, 3. Emotionale Belastungen und traumatische Erfahrungen. Der Beitrag schließt mit einer Fallgeschichte, in der die enge Verschränkung psychischer, sozialer und somatischer Faktoren in der Genese von ADHS illustriert wird.
  3. Jörg Wiesse benennt seinen Aufsatz: „Depressive Verstimmungen in der Kindheit“. Er wendet sich den Erscheinungsformen und Hintergründen dysphorischer Zustände im Säuglingsalter, der frühen Kindheit sowie im mittleren und späteren Kindesalter zu. Seine Ausführungen legen nahe, Symptome depressiver Verstimmungen im Kindes- und Jugendalter im Kontext entwicklungspsychologischer Zusammenhänge zu betrachten und mit der Diagnose „Depression“ eher zurückzuhalten.
  4. Kai von Klitzing setzt sich in seinem Beitrag „Elternarbeit im Rahmen der analytischen Kindertherapie“ mit einem Stiefkind der kinderanalytischen Literatur auseinander. Hierbei geht er zunächst auf mögliche Gründe für die randständige Behandlung dieses Themas ein, um dann mit Verweis auf neuere entwicklungspsychologische Literatur, die ja den Zusammenhang zwischen Eltern-Kind-Interaktionen und kindlicher Entwicklung betont, die Notwenigkeit der Elternarbeit – oder vielmehr eines Bündnisses zwischen Eltern, Kind und Analytiker/in – für den diagnostischen und therapeutischen Prozess herauszuarbeiten.
  5. Der fünfte Beitrag des Buches – „Frühkindliche Entwicklungsstörungen bei postnataler Depression der Mütter“ – stammt von Fernanda Pedrina. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Schilderung und Reflexion der psychoanalytischen Arbeit mit der aufs dritte Lebensjahr zugehenden Anna und ihrer Eltern. Exemplarisch entfaltet sie hier den Zusammenhang zwischen Belastungen der frühen Eltern-Kind-Beziehung und der Entstehung einer kindlichen Entwicklungsstörung.
  6. Das Spiel und sein Material als Grundlage von Symbolisierung und Übertragung in der analytischen Kinderpsychotherapie mit Fallbeispielen“ lautet der dann folgende Artikel von Dieter Meier. Meier entfaltet ausgehend von der These, dass dem Spiel per se therapeutisches Geschehen innewohnt, die Grundgedanken psychoanalytischer Spieltherapie. Meier versteht das kindliche Spiel als eine Art Sprache bzw. die „Spieltherapie (…) als die Möglichkeit, schrittweise das innere konflikthafte Geschehen nach außen zu bringen“ (S. 99). Spiel und Spielmaterial übernehmen ihm zufolge die Funktion, die innere Welt des Kindes affektiv und kognitiv in Szene zu setzen.
  7. In einem zweiten Beitrag beschäftigt sich Jörg Wiesse mit einem weiteren Krankheitsbild, nämlich dem kindlichen Autismus. Hierbei geht es ihm nicht darum, einen umfassenden Überblick über das Krankheitsbild und Möglichkeiten der psychoanalytischen Behandlung zu geben, sondern „Facetten zu betrachten, um in diese Störung hineinzufinden und etwas von dem Fremden zu verstehen, das dem Autismus so tief anhaftet“ (S. 114). Wiesse skizziert hier ferner anhand zweier Fallvignetten Aspekte der therapeutischen Arbeit mit autistischen Kindern.
  8. Das Buch schließt mit einem Beitrag von Friedl Früh, der „Infantile Sexualität und Autoerotik“ heißt. Früh geht dabei zunächst eingehend auf besagte Begriffe bzw. auf zentrale Aspekte und Charakteristika infantiler Sexualität und Autoerotik ein, um dann im Weiteren die Bedeutung dieser Konzepte – beispielsweise für die Entstehung der sexuellen Phantasie – zu diskutieren.

Diskussion

Leserinnen und Leser, die den Titel des Buches ernst nehmen, werden vermutlich enttäuscht sein. Die durch den Titel „Psychoanalyse und Kindheit“ geweckten Erwartungen eines breit angelegten, die Lebenslage und Lebenswelt von Kindern mit in den Blick nehmenden Diskurses findet in diesem Buch nicht statt. Das Anliegen des Buches ist enger gefasst: Es geht um Themen, Fragen und Aspekte der Kinderpsychoanalyse. Der Herausgeber verspricht einen knappen Überblick über den gegenwärtigen Diskurs in der Kinderanalyse; eine Ankündigung, die m.E. ebenfalls nicht glücklich gewählt ist. Zum einen hätte man sich unter dieser Überschrift auch ganz andere und/oder weitere Beiträge vorstellen können (so wird z.B. nicht kommentiert, warum die Krankheitsbilder Autismus, Depression und ADHS ausgewählt wurden), zum anderen scheint mir der gegenwärtige Diskurs in und um die Kinderanalyse weitaus breiter und bunter zu sein, als sich dies in dem vorliegenden Band abbildet oder auch in einem Band abbilden ließe. Die Konzeption des Buches lässt sich je nach Blickwinkel bzw. Ausgangsinteresse als Stärke oder auch als Schwäche beschreiben; ein Umstand, der mir für viele Bände zu gelten scheint, in denen eine Vielfalt an Themen unter einem Dach zusammengeführt wird. Eine solche Konzeption bietet dem Leser/der Leserin Aspekte einer Schatzkiste, zugleich haftet ihr aber eine gewisse Beliebigkeit an, da eben Beiträge versammelt werden, die für sich genommen, interessant und anregend sind, aber im „Draufblick“ unverbunden nebeneinander stehen.

Fazit

In dem Band werden gelungene Einzelbeiträge zu grundlegenden und zugleich aktuellen Themen- und Fragestellungen der Kinderanalyse zusammengeführt. Hervorheben möchte ich, dass mir das Lesen der einzelnen Artikel nicht nur Freude gemacht hat, weil ich diese zumeist als gehaltvoll und anregend erlebt habe, sondern sicherlich auch, weil die vielen Fallbeispiele, mit denen gearbeitet wurde, zur Anschaulichkeit und Lebendigkeit der Beiträge beitragen.

Zu empfehlen ist das Buch m.E. in erster Linie Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen, aber auf psychoanalytisch vorgebildeten (Sozial-)PädagogInnen und ErzieherInnen. An dem Thema „Kinderpsychoanalyse“ interessierte Laien sollten Kenntnisse der psychoanalytischen Theorie mitbringen.

Rezension von
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
Mailformular

Es gibt 19 Rezensionen von Ariane Schorn.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 11.06.2009 zu: Jörg Wiesse (Hrsg.): Psychoanalyse und Kindheit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-525-46027-6. Reihe: Psychoanalytische Blätter - Band 28. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7282.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht