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Manuel Schroeder, Werner Schönig: Objekt Eigelstein. Sozialfotografische Betrachtung [...]

Cover Manuel Schroeder, Werner Schönig: Objekt Eigelstein. Sozialfotografische Betrachtung eines Kölner Stadtteils. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 156 Seiten. ISBN 978-3-938094-76-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Schriften der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Band 6.
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Thema

Ein Bilder-Portrait des Kölner Eigelsteinviertels als Sozialstudie – mit Reflektionen zum Sujet der Sozialfotografie, ihren Abgrenzungen und ihren Chancen für die Wissenschaft

AutorIn oder HerausgeberIn

Manuel Schroeder ist Lehrbeauftragter für „Sozialfotografie“ an der Katholischen Fachochschule NRW in Köln; Prof. Dr. Werner Schöning lehrt an der selben Hochschule.

Entstehungshintergrund

Die Einführungstexte haben die Autoren des Werkes geschrieben, die Bilder jedoch haben Studierende der Fachhochschule beigesteuert. Bei der „Erkundung mit Haltung“ (Originalzitat) sollten die Studenten ihren Blick auf ein Kölner Stadtviertel lenken und das soziale Leben in qualitätsvollen Fotos festhalten.

Aufbau

Neben zwei recht übersichtlichen Einführungstexten „lebt“ dieses Buch von den unkommentierten Bildern, die die Studierenden im Kölner Eigelsteinviertel gefertigt haben.

Inhalt

Gegensätze springen ins Auge: Auf der einen Seite ein nobles Hotel, das eine Wellness-Oase anbietet, auf der anderen Seite Berber auf der Straße oder ein mausgraues Mietshaus, dessen Bewohner sich den Besuch des Hotels wohl kaum leisten können. Hochglanz-Werbung neben Sperrmüll, Handytelefonierer am Juwelierladen neben Flaschensammlern an öffentlichen Abfalleimern: Die zahlreichen Bilder des Buches zeigen eine Vielfalt des sozialen Lebens, das sich für die meisten der abgebildeten Menschen nicht gerade auf der Sonnenseite abzuspielen scheint. Ein „Mangel an Originalität“ umgebe dieses Stadtviertel, notieren die Autoren nach einem Blick in verschiedene Reiseführer, und gerade deshalb ist es zum Gegenstand ihrer fotografischen Sozialraum-Analyse geworden.

Einleitend wird von den Autoren ausgeführt, was sie unter moderner Sozialfotografie verstehen. Für sie ist es eine Art der authentischen Kommunikation, bei der sich der Beobachter persönlich einbringen muss. Sie fordern eine „praktizierte Haltung, die von Empathie getragen wird und eine aktive Teilhabe an der Lebenswelt anderer umfasst“. Ziel dieser Herangehensweise sei es, eine Aussage über gesellschaftliche Verhältnisse zu machen. Dazu sei es wichtig, ein hohes Maß an Vertrautheit und Interaktion in der (fotografisch) beobachtenden Arbeit zu gewinnen: „Das Besondere einer sozialen Situation verbirgt sich immer häufiger hinter unauffälligen Fassaden und in konventionellen Hüllen“. Technische Authentizität und individuelle Gestaltung sollen zusammentreffen, man soll willenlos starren und tief berührt sein.

Mit Berufung auf Lewis Hine, der Kinderarbeit, Armut und Arbeitslosigkeit gezeigt und politische Wirkungsmächtigkeit erlangt hat, fordern die Autoren hochwertige und relevante Bilder. Die Forderung wird in den Dutzenden Abbildungen des Eigelsteinviertels eingelöst. Man sieht, dass die Studierenden sich mit Muße und Empathie der Erkundung des Sozialraums hingegeben haben. Sie haben der Versuchung widerstanden, in schneller Folge Schnappschüsse aus dem Viertel zu machen. Stattdessen haben sie den Rat der Autoren beherzigt, wonach sie ihre eigene Kreativität (die zwangsläufig zu subjektiven Zerrbildern führe) einschränken sollten: „Entfremdung kann durch Ruhe geheilt werden, sofern man nur wartet, dass die Bilder zu einem kommen.“

Das vormalige Sanierungsgebiet Eigelsteinviertel mit seiner „komplizierten Sozialstruktur“ vermittelt sich in einer spannenden Mischung aus Kunst und Wissenschaft. Aus den Bildern ist das soziale Interesse derjenigen abzulesen, die sie gefertigt haben. Einzelne Straßenzüge, aber auch die beklemmende Situation unter Bahnbrücken, werden authentisch eingefangen. Oft sind die Bilder nur Andeutungen von Traurigkeit oder gar Elend. Sie erfassen soziale Situationen nur im „Augen-Blick“, eine tiefere (wissenschaftliche) Aufnahme des Gesamtbildes fehlt. Trotzdem lenkt diese Art der künstlerischen Darstellung den Blick auf Phänomene, die erst einmal sichtbar gemacht werden müssen, um sie zur Kenntnis zu nehmen und damit erst zum möglichen Gegenstand von Analysen und Diskussionen machen zu können. Auf diese Weise äußern die Autoren zurecht die „Hoffnung, dass durch die studentischen Positionen das kollektive Kölner Bildgedächtnis empfindlich gestört und damit belebt werden kann.“

Diskussion

Die Konzentration auf bloße Einführungstexte und die kommentarlose Wiedergabe der Bilder vermittelt zwar einen interessanten Einblick in die Welt eines Kölner Viertels, sie ist aber keine vollständige Schilderung eines Sozialraums. Die streng subjektive Sicht als Stilmittel wissenschaftlicher Beobachtung wird in dieser Herangehensweise gut illustriert, und durch die begleitenden Ausführungen der Autoren auch ordentlich eingeordnet. Neben dem (sozial-) fotografischen Blick in Leben und Stillstand des Eigelsteinviertels eröffnet sich dem Leser aber keine systematische Erkenntnis. Man muss sich auf Betrachtung und Analyse der präsentierten Bilder im Kontext des zu beobachtenden Sozialraums selbst einlassen, unterstützende Texte dazu fehlen.

Fazit

In Fotos wird das Kölner Eigelsteinviertel aus sozialer Sicht präsentiert. Gleichzeitig ist das Buch ein Plädoyer für die Anwendung (sozialer) Fotografie in der (sozialen) Wissenschaft, sie referiert Positionen zu dieser Haltung und gibt einen Überblick über die Entwicklung dieses Genres. Das behandelte Viertel als das eigentliche Sujet kommt vor allem durch die zahlreichen abgedruckten Fotos des Bildbandes zum Ausdruck. Mit streng subjektivem Blick haben Studenten Situationen und stille Momente im Leben eines auf den ersten Blick reizlosen Sozialraums heraus gearbeitet.


Rezension von
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 16.11.2009 zu: Manuel Schroeder, Werner Schönig: Objekt Eigelstein. Sozialfotografische Betrachtung eines Kölner Stadtteils. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-938094-76-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7285.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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