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Heike Kamel: "Das schaffen Sie schon!" (Kinder- und Jugendhilfe)

Cover Heike Kamel: "Das schaffen Sie schon!" - Schnittstelle Kinder- und Jugendhilfe. Eine explorative Studie zum Spannungsfeld öffentlicher und privater Erziehung am Beispiel alleinstehend erziehender Mütter in Berlin. Logos Verlag (Berlin) 2008. 276 Seiten. ISBN 978-3-8325-1881-3. D: 40,50 EUR, A: 41,60 EUR, CH: 72,10 sFr.
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Thema

Ausgehend von der These, dass insbesondere die Gruppe der alleinstehend erziehenden Mütter nicht nur in erhöhtem Maße von Exklusionsprozessen betroffen ist, sondern sich auch aufgrund der hohen Erwartungen der Gesellschaft an die Leistung von Familien sich „einer aus professioneller Sicht idealisierten Anspruchshaltung an private Erziehung“ (S.60) gegenübergestellt sieht, problematisiert die Verfasserin mögliche „Schnittstellen“ zwischen einer solchermaßen privaten und der öffentlichen Erziehung, d.h. durch die Jugendämter vermittelten Erziehungshilfen. Dazu führt sie Interviews mit 7 alleinstehend erziehenden Müttern und 5 Expert/innen aus dem Bereich der Jugendämter / Familienprojekte in Berlin mit dem Ziel der Typenbildung durch. Dabei kann sie zeigen, dass sich die Einstellungen und Verhaltensstile der Beteiligten auf wenige aussagekräftige Muster reduzieren lassen, die für die jeweilige Schnittstellenproblematik positiv bzw. negativ bedeutsam sein können.

Autorin

Prof. Dr. Heikel Kãmel arbeitete langjährig im Rahmen der Jugendhilfe mit Familien, Kindern und Jugendlichen. Seit 1998 ist sie als Dozentin für Theorien, Konzepte und Handlungsmethoden an der Alice Salomon Hochschule Berlin und seit 2006 im Studiengang Gesundheits- und Sozialwesen an der FH Nordhausen tätig.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches gliedert sich in 3 Teile.

  1. In einem ersten Teil (Kap.1, 2 und 3) entwickelt die Verfasserin die theoretischen und methodischen Grundlagen für ihr empirisches Forschungsprojekt. Dazu stellt sie wichtige Forschungsergebnisse, die für die Charakterisierung der Situation alleinstehend erziehender Mütter relevant sind, vor (Kap.1) und erläutert die Problematik des öffentlichen Erziehungshilfesystems, die ihrer Ansicht nach darin besteht, dass „ungenaue Differenzierungsmodalitäten von Prävention und bedenkliche Sparzwänge mit einhergehend sozialstaatlichen Umbauprozessen“ (S.61) zu einer Vielzahl an Schnittstellenproblemen führen können (Kap.2). Diese Schnittstellenprobleme werden dann an verschiedenen Beispielen (wie etwa Zugangs-, Steuerungs-, Finanzierungs-, Interaktionsproblematiken im Bereich der Hilfemaßnahmen) näher ausgeführt (Kap.3).
  2. Im zweiten Teil (Kap. 4 – 6) wird die methodische Vorgehensweise (Durchführung von problemzentrierten Interviews und anschließend qualitative Inhaltsanalyse, etc.) erläutert und werden dann die Ergebnisse der Befragungen der Mütter und der Expert/innen vorgestellt. Schwerpunkt der Auswertung der vielen inhaltlich interessanten Ergebnisse (z.B. für die Bereiche der Alltagsroutinen, Werte, Erziehungsziele, etc. der Mütter) bildet (aus Sicht der Mütter) die Identifizierung von zwei unterschiedlichen Interaktionstypen seitens der Jugendbehörden. Demnach lassen sich die Mitarbeiter/innen in den Typus des „Emphatischen“ und des „Distanzierten“ einteilen. Demgegenüber unterscheiden die Expert/innen aufgrund der Datenanalysen zwischen dem „internalisierten Konflikttypus“ (d.h. der Mutter, die sich selbstreflexiv mit ihrer Situation auseinander setzt) und dem „externalisierten Konflikttypus“ (d.h. der Mutter, die keine persönliche Mitverantwortung an der Situation sieht)
  3. Im dritten Teil (Kap.7 Diskussion) fasst die Verfasserin ihre Untersuchungsergebnisse noch einmal zusammen. Insgesamt sieht sie ihre These bestätigt, die wie folgt lautet: „Zu den Antagonismen öffentlicher Erwartungen und lebensweltlicher Realitäten (bei alleinstehend erziehenden Müttern, P.E.) summiert sich die Inkompatibilität rhetorisch empathischer Offerten präventiver Leistungen der KJH gegenüber ihrer tatsächlichen Ausführungspraxis. Erziehungshilfe weist hier trotz gegenläufiger Forderungen eine deutlich hochschwellige Silhouette auf, die durch Intransparenz über Rechts- oder Angebotslagen und Verfahrenswege konstruiert ist, ebenso über strukturelle, finanzielle bis hin zu fachlichen Restriktionen beschreibbar wird, was in sich Spannungen vorprogrammiert. Für eine Orientierung an einer privaten und öffentlich gemeinsam zu verstehenden Erziehungsverantwortung zeigt sich ein Abbau widersprüchlicher Rahmenbedingungen als unabdingbar.“ (S.247)

Zielgruppe

Da es sich bei diesem Buch um eine empirische Forschungsarbeit handelt, eignet sich die Lektüre eher für fortgeschrittene Studierende, die sich mit diesem Themenbereich explizit befassen sowie für Lehrende und Forschende im Bereich der Sozialen Arbeit.

Diskussion

Die Verfasserin hat sich mit einer zugleich verdienstvollen und höchst interessanten Problematik beschäftigt. Denn ihrer Argumentation über die gesellschaftlich problematische Situation von alleinstehend erziehenden Müttern kann genauso bedenkenlos zugestimmt werden, wie ihrer These, dass der institutionell-professionelle Bereich der Erziehungshilfen (aufgrund von Vorurteilen, Arbeitsabläufen, finanziellen Restriktionen, etc.) kaum zu einer optimalen und bedarfsorientierten Hilfeleistung für diese Gruppe in der Lage ist. Insofern müssen „Schnittstellenprobleme“ die natürliche Folge dieser Konstellation sein. Leider richtet die Verfasserin ihr Untersuchungsdesign nicht zielgenau an dieser Perspektive aus, sondern bleibt, aus welchen Gründen auch immer, sehr allgemein. Sie will nicht nur die Schnittstellenproblematik beleuchten und damit verbundene Typologien herausarbeiten, sondern auch die Lebenslagen und Einstellungen der Mütter sowie die Interpretationen und Denkweisen der Expert/innen herausarbeiten. Dafür aber reicht das Datenmaterial nicht wirklich aus, so dass die einzelnen Teilaspekte nicht wirklich fundiert diskutiert werden können.

Fazit

Die Verfasserin hat ein höchst interessantes und wichtiges Thema im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe beleuchtet und dabei Thesen zur „Schnittstellenproblematik“ entwickelt, die nicht nur von großem Interesse für die Praxis sein müssten, sondern die es Wert sind, weiter und detaillierter beforscht zu werden.


Rezension von
Prof. Dr. Peter Erath
Professor für Theorien der Sozialen Arbeit, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Fakultät für Soziale Arbeit.


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Zitiervorschlag
Peter Erath. Rezension vom 04.04.2009 zu: Heike Kamel: "Das schaffen Sie schon!" - Schnittstelle Kinder- und Jugendhilfe. Eine explorative Studie zum Spannungsfeld öffentlicher und privater Erziehung am Beispiel alleinstehend erziehender Mütter in Berlin. Logos Verlag (Berlin) 2008. ISBN 978-3-8325-1881-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7288.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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