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Ulrich Bleidick, Sieglind L. Ellger-Rüttgardt: Behindertenpädagogik - eine Bilanz

Rezensiert von Prof. Dr. Hiltrud Loeken, 12.01.2010

Cover Ulrich Bleidick, Sieglind L. Ellger-Rüttgardt: Behindertenpädagogik - eine Bilanz ISBN 978-3-17-020532-1

Ulrich Bleidick, Sieglind L. Ellger-Rüttgardt: Behindertenpädagogik - eine Bilanz. Bildungspolitik und Theorieentwicklung von 1950 bis zur Gegenwart. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 293 Seiten. ISBN 978-3-17-020532-1. 29,00 EUR. CH: 49,90 sFr.
Reihe: Heil- und Sonderpädagogik
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Entstehungshintergrund und Thema

Das 2008 erschienene Werk „Behindertenpädagogik – eine Bilanz“ wurde von Ulrich Bleidick und Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt verfasst. Prof. Dr. Dr. h.c. Bleidick lehrte bis zu seiner Emeritierung Allgemeine Behindertenpädagogik an der Universität Hamburg, Prof. Dr. Ellger-Rüttgardt lehrt Allgemeine Rehabilitationspädagogik und Lernbehindertenpädagogik an der Humboldt-Universität Berlin. Mitautoren waren außerdem Waldtraut Rath mit dem Themenschwerpunkt Sehgeschädigtenpädagogik und Karl Heinz Wisotzki mit dem Schwerpunkt Hörgeschädigtenpädagogik.

Angesichts aktueller Umbrüche ist es das Anliegen von Ellger-Rüttgardt und Bleidick, das gegenwärtige Fundament der Behindertenpädagogik sichtbar zu machen, indem sie „die bildungspolitische Entwicklung und die Theoriekonstruktion der Behindertenpädagogik vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart hinein nachzuzeichnen“ versuchen (S. 9). Besonderheit des Buches ist, dass in einem umfassenden Kapitel auch die Geschichte der Sonderpädagogik und der Rehabilitationspädagogik in der DDR untersucht wird.

Aufbau

Das Buch ist nach der Einleitung in vier große Kapitel gegliedert, wovon das erste die bildungspolitische Entwicklung in der BRD beschreibt, das zweite die theoretischen Positionen der Behindertenpädagogik der BRD nachzeichnet und das dritte die Entwicklungen der sonderpädagogischen Fachrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet. Das vierte Kapitel ist den theoretischen Positionen der Sonderpädagogik und der Rehabilitationspädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik gewidmet. Das Buch schließt mit einem Ausblick und enthält eine 38 Seiten umfassende Bibliografie sowie ein Sachwortregister.

Inhalt

Eingangs wird von den Autoren darauf hingewiesen, dass hinsichtlich der westdeutschen Entwicklung die Begriffe Behindertenpädagogik synonym zu alternativen Begrifflichkeiten wie Sonder-, Heil-, Spezial- oder Rehabilitationspädagogik verwendet werden. Der inhaltliche Schwerpunkt des Buches liegt auf der Entwicklung der schulischen Strukturen.

Kennzeichnend für alle Teile der Abhandlung ist die ausführliche Berücksichtigung historischer Quellentexte in Form von langen Zitaten.

Im Kapitel eins wird mit Blick auf die Geschichte vor der untersuchten Epoche die Entstehung eines separierten Sonderschulwesens als eine historisch zunächst notwendige Entwicklung beschrieben. Kritik an dieser Entwicklung wird zurück gewiesen.

Der Wiederaufbau des Sonderschulwesens nach dem 2. Weltkrieg wird anhand der Aktivitäten des Verbandes Deutscher Hilfsschulen (ab 1955 Verband Deutscher Sonderschulen) nachgezeichnet. Insbesondere die vom Verband erarbeitete und 1954 vom deutschen Städtetag angenommene Stellungnahme zum „heilpädagogischen Sonderschulwesen“ wird ausführlich gewürdigt und zugleich auf die lange ausbleibende Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus hingewiesen. Als Dokumente, die Zeugnis über die bildungspolitische Entwicklung und die Diskussion um die sonderpädagogische Förderung ablegen, werden die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz von 1960, 1972 und 1994 in ihren Grundzügen vorgestellt und die Veränderungen herausgearbeitet. Eingegangen wird ebenfalls auf die Empfehlungen des deutschen Bildungsrates von 1973, in der die Empfehlung zur gemeinsamen Unterrichtung behinderter und nicht behinderter Kinder ausdrücklich gefordert wurde.

Anschließend werden die Bildungsreformansätze der 1970er Jahre mit besonderem Fokus auf der Gesamtschule und die damit verbundenen Diskussionen um die Integration vorrangig von Kindern mit Lernschwächen und Verhaltensauffälligkeiten skizziert.

Die Ziele und Aktivitäten der Integrationsbewegung, inhaltliche und organisatorische Umsetzungsvarianten gemeinsamen Unterrichts und die aktuelle Diskussion um Inklusion werden unter Heranziehung von Dokumenten vor allem aus der Zeit der ersten integrativen Schulversuche dargelegt. Ein längerer Unterpunkt ist dem Einfluss internationaler Vergleiche gewidmet, wobei das Spektrum hier von Impulsen aus frühen Reiseberichten, vergleichenden Untersuchungen zu ausgewählten Gebieten über internationale Deklarationen bis zu „PISA“ reicht. Das erste Kapitel schließt mit einer Bilanz der Bildungspolitik, die die Durchsetzung des Bildungsrechts von Kindern mit Behinderung würdigt und die verschiedenen Organisationsformen der sonderpädagogischen Förderung zusammenfasst. Hier kommt es zu Überschneidungen mit disziplinären Diskursen, indem z.B. die Einflüsse der kritischen Sonderpädagogik oder der Integrationspädagogik diskutiert werden und dies verknüpft wird mit Zeitdiagnosen. So werden Entwicklungen der 1990er Jahre, wie die zunehmende Forderung nach Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung, u.a. als Ergebnis des Wandels zur postmodernen Gesellschaft und einer so genannten erlebnisorientierten Wende dargestellt (vgl. S. 63).

Das zweite Kapitel zu theoretischen Positionen der Behindertenpädagogik in der BRD beginnt mit geisteswissenschaftlichen Theorien, die nach 1945 Bedeutung hatten. Zurück gegriffen wurde zunächst auf Veröffentlichungen Schweizer Heilpädagogen wie Hanselmann und Moor. Erwähnung finden auch der christlich orientierte Entwurf einer Heilpädagogik von Bopp und die Bestimmung von Heilpädagogik als Pädagogik, die dann einsetzt, wenn mit den üblichen pädagogischen Mitteln nichts mehr bewirkt werden kann (z.B. W. Flitner, Möckel). Die Auseinandersetzung mit anthropologischen Überlegungen wird ebenso erwähnt wie auf die anthroposophische Heilpädagogik Steiners verwiesen wird.

Radikale Kritik an der etablierten Sonderpädagogik und sonderpädagogischen Institutionen ging ab Beginn der 1970er Jahre von der kritischen Sonderpädagogik aus, die vor allem den Bezug zu gesellschaftlichen Strukturen herstellte und nach der gesellschaftlichen Funktion der Sonderpädagogik fragte. Hier werden beispielhaft die Positionen von Graf und Jantzen herangezogen und zugleich die Kritik am historischen Verständnis der polit-ökönomischen Ansätze wiedergegeben (Ellger-Rüttgardt).

Eigens gewürdigt werden soziologische Ableitungen, die Behinderung als soziale Kategorie beschreiben (Jantzen) oder sich mit Stigmatisierungsprozessen auseinandersetzen (Thimm, Cloerkes). Das Normalisierungsprinzip als ursprünglich sozialpolitische Initiative zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit geistigen Behinderungen wird als bedeutendes Konzept der Behindertenhilfe behandelt. Der Unterpunkt „umfassende Theoriebildung“ beginnt mit der Einschätzung, dass „die Behindertenpädagogik den Höhepunkt und vorläufigen Abschluss ihrer allgemeinen Theoriebildung“ mit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erreicht hat und „seitdem keine grundsätzlich neuen Ansätze mehr entwickelt wurden“ (S. 84). Als bedeutsame Werke gelten den Autoren „das rationalistische Konzept“ einer „Pädagogik der Behinderten“ von Bleidick, „die materialistische Allgemeine Behindertenpädagogik“ von Jantzen, und das ökologisch-reflexive „System Heilpädagogik“ von Speck (ebd.). Besonders hervorgehoben wird das Spannungsverhältnis zwischen normativen Grundaussagen und Wertentscheidungen einerseits und rationalistischen Fundierungen der Behindertenpädagogik andererseits sowie Einflüsse systemtheoretischen Denkens auf neuere Diskurse. Abschließend gehen die Autoren von einer „Pluralität behindertenpädagogischer Theoriekonstitution“ aus (S. 90).

Ein weiterer Unterpunkt setzt sich mit der Bedeutung des Behinderungsbegriffes für die Behindertenpädagogik und unterschiedlichen Fassungen desselben sowie der grundlegenden Problematik von Klassifikationen und Kategorisierungen auseinander. Das Kapitel zwei endet mit einem Unterpunkt zur Ethik in der Behindertenpädagogik. Hier werden die Konfliktfelder aufgezeigt, in welchen ethisch begründete Positionierungen erforderlich sind, verschiedene ethische Positionen vorgestellt und die Verbindung von moralischen Ansprüchen und rechtlichen Entwicklungen herausgestellt.

Das Kapitel drei ist den sonderpädagogischen Fachrichtungen gewidmet, wie sie sich in der BRD nach 1945 entwickelt haben. Gewählt wurden die älteren, an den jeweiligen Beeinträchtigungen orientierten Bezeichnungen, die inzwischen zunehmend von der Einteilung nach Förderschwerpunkten abgelöst werden. Darstellungen finden sich zur Lernbehinderten-, Geistigbehinderten-, Sprachheil-, Körperbehinderten-, Sehgeschädigten-, Hörgeschädigten- und Verhaltensgestörtenpädagogik. Wie die Autoren angeben, handelt es sich bei den Einzeldarstellungen um „die kurz gefasste Problemgeschichte dieser Fachrichtungen, die in den Duktus der bildungspolitischen Gesamtentwicklung und in die generelle sonderpädagogische Theoriekonstruktion eingeordnet ist“ (S.118). Auf Einzelheiten der Institutionenentwicklung wurde daher verzichtet. Die Einzeldarstellungen enthalten jeweils für das Fachgebiet relevante theoretische Positionen und Diskurse, die Bestimmung der Klientengruppe und die Beschreibung der pädagogischen Aufgaben angesichts der spezifischen Beeinträchtigungen, didaktische Hinweise und die Entwicklung der wichtigsten Förderorte.

Im vierten Kapitel zu theoretischen Positionen der Sonderpädagogik und der Rehabilitationspädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik wird zunächst auf die erste Aufbauphase des Schulwesens und die Verankerung des Erziehungsrechts für behinderte bildungs- und erziehungsfähige Kinder sowie die Ausgestaltung des Sonderschulwesens in der DDR nach 1945 eingegangen. Die Autoren konstatieren, dass sich trotz einer nominellen Abgrenzung von den „tradierten Formen“ des Bildungssystems eine „verblüffende Gleichartigkeit“ der sonderschulischen Strukturen in West- und Ostdeutschland entwickelte (S. 197), indem an organisatorische Strukturen der Weimarer Republik angeknüpft wurde. Es entwickelte sich ein nach „Schädigungsarten“ ausdifferenziertes Sonderschulsystem mit Vorschulangeboten und Berufsschulteilen, das allerdings so genannte „bildungsunfähige Kinder“ ausgrenzte. Die sonderpädagogische Arbeit war „wie alle pädagogischen Bestrebungen in der DDR“ (S. 209) auf das sozialistische Erziehungsziel der „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“ (S. 203) ausgerichtet und wurde marxistisch-leninistisch begründet. Wie die Autoren weiterhin darlegen, wurde der Integrationsbegriff in der DDR in erster Linie im Hinblick auf soziale Integration in die (sozialistische) Gesellschaft verwendet, die sich z.B. im Anspruch auf Berufsausbildung und einen Arbeitsplatz konkretisiert.

Die wissenschaftliche Entwicklung verlief analog zur universitären Ausbildung bereits ab 1947 an verschiedenen Standorten, wobei sich zwei zunehmend konkurrierende Schulen herausbildeten. Während sich die in Magdeburg und Rostock etablierende Sonderpädagogik eng an die Hilfsschulpädagogik und die Lehrerausbildung anlehnte, entwickelte sich in Berlin und Halle unter dem Begriff Rehabilitationspädagogik eine breiter angelegte Pädagogik mit interdisziplinärem Bezug und einem weiter gefassten „Schädigungsbegriff“, der „das soziale Bedeutsamwerden der Auswirkungen des Schadens im Bedingungsgefüge von Biotischem, Psychischem und Sozialem“ entwarf (S. 226). Als theoretisches Fundament fungierte u. a. die Aneignungstheorie. Unter der Überschrift „internationale Konzeptualisierung“ (S. 232) werden die Bezüge zur sowjetischen Defektologie und Kooperationen vor allem im Raum der „Ostblockstaaten“ herausgearbeitet. Demgegenüber war der Ost-West-Dialog nach 1945 zunächst noch durch regen Austausch später jedoch durch starke Abgrenzungsbemühungen gekennzeichnet. Abschließend wird die weitere Entwicklung im Rahmen der Wiedervereinigung nachgezeichnet.

In ihrem Ausblick gehen die beiden Autoren unter Bezugnahme auf das ‚Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung‘ davon aus, dass das „traditionelle Modell des separierten Sonderschulwesens“ der Vergangenheit angehört und sich das Verhältnis zwischen speziellen Fördereinrichtungen und integrativen Angeboten zunehmend in Richtung inklusive Schule verschieben wird, ohne dass auf spezialisierte Förderangebote verzichtet werden kann (S. 246). Eingeordnet wird die Entwicklung in Gerechtigkeitsdiskurse und es werden Desiderate der Qualitätssicherung genannt sowie die zunehmende Öffnung der allgemeinen Pädagogik angemahnt.

Diskussion

Die Autorin und der Autor haben mit ihrer Bilanz ein facetten- und detailreiches Buch vorgelegt, das sowohl Bekanntes – resümierend und mit Quellentexten unterfüttert – vorstellt, als auch in der bisherigen behindertenpädagogischen Diskussion m. E. noch zu wenig Rezipiertes – wie die Entwicklung der Sonder- und Rehabilitationspädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik – aufarbeitet. Die passagenweise sehr umfassenden Zitate verlangen vom Leser etwas Geduld. Zugleich erhält das Buch dadurch jedoch einen Wert als Nachschlagewerk, das dazu einlädt anhand der umfangreichen Bibliografie einzelne Stränge weiter zu verfolgen.

Inhaltlich ließe sich sicher über die eine oder andere Einschätzung streiten, z. B. ob es richtig ist, dass die allgemeine behindertenpädagogische Theoriebildung seit den 1980er Jahren keine grundsätzlich neuen Ansätze mehr hervorgebracht hat (vgl. S. 84). Trotz ausführlicher Würdigung durchzieht das Buch hinsichtlich der integrativen bzw. inklusiven Beschulung und der Positionen der Integrationspädagogik nach meiner Wahrnehmung eine gewisse Skepsis, auch wenn im Ausblick die zukünftige Entwicklung in einer verstärkten Inklusion und einer grundlegenden Verbesserung der Bildung und Erziehung behinderter Menschen gesehen wird.

Zielgruppen und Fazit

Das Werk ist nach meiner Einschätzung im besonderen Maße für ein wissenschaftlich interessiertes Publikum mit Interesse an der jüngeren Entwicklungsgeschichte der Behindertenpädagogik in West- und Ostdeutschland und Interesse an historischen Quellentexten geeignet.

Rezension von
Prof. Dr. Hiltrud Loeken
Evangelische Hochschule Freiburg
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Es gibt 11 Rezensionen von Hiltrud Loeken.

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Zitiervorschlag
Hiltrud Loeken. Rezension vom 12.01.2010 zu: Ulrich Bleidick, Sieglind L. Ellger-Rüttgardt: Behindertenpädagogik - eine Bilanz. Bildungspolitik und Theorieentwicklung von 1950 bis zur Gegenwart. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-020532-1. Reihe: Heil- und Sonderpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7306.php, Datum des Zugriffs 06.10.2022.


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