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Michael Pohl, Heinrich Fallner: Coaching mit System

Cover Michael Pohl, Heinrich Fallner: Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 249 Seiten. ISBN 978-3-531-16395-6. 34,90 EUR.
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Thema und Änderungen der neuen Auflage

In 3. und erweiterter Auflage liegt „Coaching mit System“ inzwischen vor und ist mittlerweile zum Coaching-Klassiker geworden. Für eine Reihe von Coachingweiterbildungen stellt es längst das Standardlehrbuch dar. Was macht den Erfolg des im Jahr 2001 erstmals erschienenen Bandes aus? Es sind meines Erachtens drei Faktoren: Ein gut begründetes, stimmiges und entwicklungsoffenes theoretisches Konzept, eine Praxisreflexion, die ihre Kompetenz spürbar aus umfangreichen eigenen Erfahrungen in Coachingprozessen und in Ausbildungskursen gewinnt, und eine Sammlung von methodischen Impulsen und „kognitiven Landkarten“, die für Coaches und Coachees gleichermaßen wertvoll sind. Außerdem legen die Autoren die Latte, über die Neueinsteiger springen müssen, so niedrig, dass niemand den Sprung verweigern muss. Gewiss haben theoretisch durchdachte und systematisierte Fächer ihre eigenen Fachsprachen, die helfen, die Komplexität des Gegenstandes wenigstens annähernd zu erfassen. Solche Fachsprachen sind nur um den Preis der Simplifizierung zu vermeiden. Weil aber, wie eine kleine Graphik darstellt, „unbefangene Einsteiger Allgemeinverständlichkeit fordern“ (S. 20), richten Pohl und Fallner ihre Texte an diesem Kriterium aus. Die „unbefangenen Einsteiger“ wissen das zu schätzen!

Die Autoren haben gegenüber den früheren Auflage die Plätze getauscht: bei dieser Neuausgabe wird Michael Pohl an erster Stelle genannt, vermutlich deshalb, weil durch die Erweiterung seine Anteile an dem Band größer geworden sind. Pohl ist Diplomsoziologe, Lehr-/Supervisor (DGSv), Mastercoach (DGfC) und Kommunikationsberater in Bielefeld. Heinrich Fallner ist Diakon, Lehr-/Supervisor (DGSv) und Mastercoach (DGfC) ebenfalls in Bielefeld. Beide sind Mitglieder des ISP Bielefeld (vgl. www.isp-bielefeld.de) und haben in zahlreichen Ausbildungsgängen „Coaching mit System“ sowie „Mastercoach DGfC/ISP“ zusammengearbeitet und auf diese Weise ihr Konzept in eigenen Beratungsprozessen und in der Ausbildungspraxis erprobt und weiterentwickelt.

Aufbau und Inhalt

Gliederung und Inhalt sind in der Rezension der 1. Auflage ausführlich referiert worden und können dort nachgelesen werden: www.socialnet.de/rezensionen/77.php.

Der Band ist erweitert worden um einen Beitrag von Michael Pohl: „Coachingkultur und Coachingzukunft“ (S. 131ff). Dieser Artikel reflektiert die Entwicklungen, die sich in den letzten Jahren für das Fach Coaching abzeichnen: zum einen (die bereits in der genannten Erstrezension an gemerkte) Tendenz, alle möglichen (und unmöglichen) Beratungs- oder Bildungsangebote mit dem Etikett „Coaching“ zu adeln, zum anderen das Entstehen diverser Berufsverbände, die sich jeweils um eine nachvollziehbare Qualitätssicherung bemühen und mehr oder weniger elitäre Zugangsbedingungen installieren. Pohl schlägt vor darauf zu reagieren, indem erstens das theoretische Fundament von Coaching weiterentwickelt und im Kontext anderer Bildungsformate verortet wird, zweitens die Praxis des Coaching auszubauen und drittens die Ausbildung weiter zu professionalisieren. Alle drei Perspektiven reichert Pohl in seinem Beitrag mit neuen Ideen an und spart auch nicht mit kritischen (und treffenden) Anmerkungen zur gegenwärtigen Coachingszene.

Neu in diesem Band ist auch die Darstellung des Ausbildungskonzepts der Autoren: „Eine Qualifizierung zum Coach“ (S. 111ff) Es fokussiert drei Dimensionen des Coachinglernens: Wissenslernen, Kompetenzlernen und Haltungslernen. Die Ausbildung sieht drei Stufen vor: Eine „Grundstufe Coach“, eine Aufbaustufe, die mit der „Qualifizierung zum Coach (ISP/DGfC)“ abschließt, und eine Vertiefungsstufe, an deren Ende das Zertifikat „Mastercoach (ISP/DGfC)“ steht. In diesem Modell steht das Lernen, nicht das Lehren im Vordergrund. Die Rolle der Kursleitung besteht vor allem darin, Lernsettings zu organisieren, in denen Teilnehmer voneinander lernen können, die lehrenden Elemente seitens der Kursleitung treten demgegenüber in den Hintergrund. Und: Den lernenden Teilnehmern entspricht eine „lernende Kursleitung“ (S. 115). Dementsprechend offen ist das Curriculum: Zwar gibt es eine Liste von Inhalten und Themen, die aber nicht starr eingehalten, sondern flexibel dem Prozess anpasst wird. Und es gibt konzeptionelle Weiterentwicklungen, die sich durch unterschiedliche Kooperationen der Autoren mit anderen Fachleuten ergeben haben.

Erweitert wurde der Band außerdem um „neue Handouts aus der Qualifizierung zum Coach“ - Arbeitspapiere und Graphiken, die gute Zusammenfassungen und Systematisierungen bieten und sich in der Ausbildung bestens bewährt haben (ab S. 226).

Diskussion

„Coaching mit System“ ist ein Konzept, das seine Herkunft aus dem sozialen und sozialwissenschaftlichen Bereich nicht verleugnen kann - und auch gar nicht will. Ich zitiere einen programmatischen Abschnitt von Michael Pohl: „Coaching mit System ist nicht vom Paradigma des Sieges geleitet. Es denkt nicht vorrangig kompetitiv, sondern achtet auch die ‚Beautiful Losers“. Top-Level-Coaching klingt immer gut, Qualität beinhaltet aber auch Sozialverträglichkeit. Gute Beratung hat ihren Wert, muss aber auch eine Low-Budget-Flexibilität aufweisen. Die über 400 Coaches, die bislang nach den Grundsätzen von Coaching mit System qualifiziert wurden, arbeiten in allen gesellschaftlichen Sektoren: Wirtschaft, Verwaltung, Sozialwesen, Kirche, Kunst und Wissenschaft.“ (S. 139) Ich finde es wohltuend, dass sich die Autoren nicht allein dem (prestige- und gewinnträchtigen) „Nadelstreifencoaching“ verschreiben, sondern auch da wirksam werden wollen, wo die Stundensätze bescheidener sind. Coaching ist ein erfolgreiches Entwicklungsinstrument für Professionalität in vielen Bereichen - auch, aber bei weitem nicht nur im Topmanagement. Aber auch dort wirkt „Coaching mit System“!

Durch die Verankerung des Ausbildungskonzeptes in den Standards der 2004 gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Coaching“ (DGfC) haben die Autoren viel für die Professionalisierung des Coachings getan: die Beliebigkeit der Berufsbezeichnung „Coach“ ist letztlich nur durch die Installation nachvollziehbarer und anspruchsvoller Standards zu überwinden. Es ist die Stärke des Konzepts von Pohl und Fallner, dass sie dem Lernen im System der Ausbildungsgruppe mehr zutrauen als dem Lernen durch Instruktion. Das frustriert anfangs die Sehnsucht von vielen Ausbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmern nach beratungswirksamen „tools“, öffnet aber mit der Zeit ihre Aufmerksamkeit für und ihr Vertrauen in den Prozess. Fremd ist vielen häufig auch der Einsatz kreativer Medien, der häufig von gestalttherapeutischen Methoden inspiriert ist. Aber gerade solche Medien machen das zunächst Unsagbare im Beratungsprozess präsent und der Reflexion zugänglich. Und letztlich ist es eine Grundübung für Coaching, sich auf Fremdes einzulassen und darin Lernchancen zu entdecken. Pohl und Fallner betonen, es gehe um Standards, nicht um Normierung. Standards dienen der Professionalität und ihrer Überprüfbarkeit, Normierungen hingegen oft der Monopolisierung von Zugängen. Standards sind formale Kriterien, sie allein entscheiden nicht über die Qualität eines Coachs, den anderen, weitaus größeren Teil machen Eigenschaften wie Lebenserfahrung, Berufserfahrung, Sozialkompetenz und Selbstreflexionsbereitschaft aus.

Fazit

Nach wie vor halte ich „Coaching mit System“ für ein wertvolles „Lehr-, Lern- und Werkbuch“, wie es in den früheren Auflagen der Klappentext formuliert hat. Es hat mittlerweile den Status eines Standardwerkes erreicht und wird ihn gewiss halten. Ich wünsche dem Buch noch weitere Auflagen - und immer neue Erweiterungen, die sich aus reflektierter Praxis ergeben.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 26.03.2009 zu: Michael Pohl, Heinrich Fallner: Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-531-16395-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7308.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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