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Frank Früchtel, Gudrun Cyprian u.a.: Sozialer Raum und Soziale Arbeit: Textbook

Cover Frank Früchtel, Gudrun Cyprian, Wolfgang Budde: Sozialer Raum und Soziale Arbeit: Textbook: theoretische Grundlagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 228 Seiten. ISBN 978-3-531-15143-4. 19,90 EUR.

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Thematischer Rahmen

Sozialraumorientierung hat sich als Handlungsansatz in der Sozialen Arbeit durchgesetzt (vgl. hierzu auch die Eckpunkte des Deutschen Vereins zur sozialräumlichen Ausgestaltung kommunalen Handelns vom 18. Juni 2008). Im Anschluss an Überlegungen zur Lebenswelt- bzw. Gemeinwesenorientierung spielt der Sozialraum – angefangen vom technokratischen Steuerungsbegriff in mancher Konzeption zur Jugendhilfeplanung bis hin zum sozialen Nahraum, der Nachbarschaft oder dem Kiez – in nahezu allen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit eine besondere Rolle. Daher besteht auch ein Bedarf an niveauvollen Darstellungen und Einführungen in die unterschiedlichen Ansätze und Konzepte sozialer Arbeit im sozialen Raum. Die vorliegende (zweibändige) Einführung (bei dem zweiten Band handelt es sich um das sog. „Fieldbook“, vgl. die Rezension) zählt zu dieser Kategorie von Literatur und ist vom VS Verlag für Sozialwissenschaften damit zutreffend als „Lehrbuch“ etikettiert.

Autorin und Autoren

Das Autorenkollektiv ist geschlossen am Fachbereich Soziale Arbeit an der Universität Bamberg tätig: Dr. Frank Früchtel (Sozialarbeiter und Sozialwissenschaftler) als Professor für Ethik, Theorie und Praxisentwicklung der Sozialen Arbeit, Wolfgang Budde, (Sozialarbeiter und Supervisor) als Dozent und Dr. Gudrun Cyprian als Professorin für Soziologie.

Inhalt

Mit dem ersten Band des Lehrbuchs wird das Thema systematisch angegangen: In ihrem Einführungskapitel entwickeln Frank Früchtel, Wolfgang Budde und Gudrun Cyprian ihr Konzept der Sozialraumorientierung nach dem sog. „SONI-Modell“ bzw. –schema (Sozialstruktur – Organisation – Netzwerk – Individuum): „Sozialstruktur“ meint den z. B. in räumlichen Segregationen oder in sozialrechtlichen Vorschriften objektivierten Kontext, der sich in sozialpolitischen Leitvorstellungen, Normalitätserwartungen oder Fachlichkeitsskripten öffentlicher Verwaltungen äußert. „Organisation“ hebt auf den institutionellen Kontext ab. „Netzwerk“ sieht die sozialen Beziehungen, Bezüge und Verflechtungen der Akteure bzw. Bürger/innen eines gegebenen Sozialraums. „Individuum“ nimmt z. B. die subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen, den Lebensstil und die Lebenslage der Menschen und deren sozialen Netze in den Blick.

Dieser Systematik folgend breiten die Autorin und die Autoren relevantes Wissen zur Sozialraumorientierung und den hierzu erheblichen Erklärungskonzepte aus (so z. B. auf der Ebene der Sozialstruktur u. a. das Prinzip der Einmischung oder Ansätze lokaler Ökonomie bzw. auf der Ebene der Netzwerke das Sozialkapitalmodell im Anschluss an Robert D. Putnam, James S. Coleman und auch Pierre Bourdieu), um schließlich Schnittmengen im Konzept der Lebensweltorientierung in Folge der Überlegungen von Hans Thiersch und der Stadtteilarbeit als spezifischem Konzept der Gemeinwesenarbeit zu sehen und darzustellen.

So eingestimmt thematisieren Früchtel, Budde und Cyprian anschließend die vier Bereiche ihres SONI-Modells, wobei stets Fallbeispiele vorangestellt werden, an deren Tiefenstruktur die thematischen Aspekte aufgearbeitet werden. So wird zum Beispiel der Bereich „Individuum“ an einem „typischen“ Fall aus der Kinder- und Jugendhilfe („Mirko stört“) abgearbeitet und die referierte Fallstruktur aus der Arbeit des Allgemeines Sozialdienstes (ASD) in Bezug zu theoretischen Modellen (z. B. Stärkemodell, „Krise als Chance“, Ressourcen- statt Defizitorientierung, Betroffene als Fachleute ihrer Lebenswelt) diskutiert und in einen Rahmen mit anderen Ansätze (z. B. Empowerment, Aktivierung der Ressourcen des sozialen Raums) gestellt.

Einer ähnlichen Argumentationslogik (Fallbeispiele und Theoriebezug) folgen die weiteren Kapitel, wenn die Autorin und die Autoren die Rahmenkonzepte im Kontext sozialräumlicher Organisation (z. B. Flexibilisierung, Wirtschaftlichkeit/Fachlichkeit, Output-Demokratisierung), die Einfluss- und Aktivierungsmethoden auf der Ebene der Sozialstruktur (z. B. Einmischung, Aktivierung) oder die Theorie des Sozialen Kapitals im Zusammenhang von Netzwerken ausführlicher reflektieren.

Abschließend leiten sie zum zweiten Band über, dem „Fieldbook“, das konkrete Verfahren und Methoden Sozialer Arbeit im Sozialen Raum skizziert und exemplarisch deren Einsatz im Alltag beleuchtet.

Zielgruppen

Die Veröffentlichung richtet sich, so der Verlag, an Studierende der Sozialen Arbeit, Erziehungswissenschaft und Soziologie, Geographie und Architektur sowie an Lehrkräfte dieser Disziplinen und an Praktikerinnen und Praktiker (in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, Stadtplanung, Sozialgeographie und Architektur). Als Lehrbuch freilich dient es wohl doch in erster Linie den in der Ausbildung bzw. im Berufseinstieg befindlichen Nachwuchskräften der Sozialen Arbeit; den übrigen Disziplinen kann es helfen, zu verstehen, wie Fachkräfte des Sozialen mit Sozialem Raum umgehen.

Fazit

Der Band ist bildhaft und verständlich formuliert, das Autorenkollektiv argumentiert insgesamt in einer Art und Weise, die es Studierenden ermöglich, aufgrund ihrer eigenen (biografischen Vor-) Erfahrungen in die Darstellungen einzusteigen (das Intro „Punks in C.Stadt“ motiviert, mehr erfahren zu wollen). Die Veröffentlichung erfüllt die Ansprüche an ein Lehrbuch, grundsätzlich eine Materie auszubreiten. Die vorangestellten Fallbeispiele sind gut und repräsentativ für Themen der Sozialen Arbeit ausgewählt und erlauben eine exemplarische Behandlung im Kern. Doch kommt das Textbook kaum ohne den zweiten Band, das Fieldbook, aus – vielleicht wäre eine Integration in einem Werk besser gewesen; warum also zwei Bände? Eine Verdichtung im Sinne einer engeren Koppelung der theoretischen Grundlegung an praktische Methoden und Verfahren (und umgekehrt) wäre möglich, für ein Lehrbuch womöglich sogar wünschenswert gewesen.

Angemessen, wenn nicht zwingend, wäre es auch gewesen, den aktuellen Diskurs zum bürgerschaftlichen Engagement und die sich für Fachkräfte (Soziale Arbeit, Stadt- und Regionalplanung, Architektur) damit (neu) stellende Funktionszuschreibung als Moderatorinnen und Moderatoren im Sozialen Raum deutlich stärker zu akzentuieren (ein Hinweis, der so auch für das Fieldbook gilt).

Und es bleibt auch die Frage: Warum müssen beiden Bände Textbook bzw. Fieldbook heißen? Beziehungsweise: Muss diese Referenz an den Zeitgeist wirklich sein? Der Soziale Raum wird damit jedenfalls nicht realer.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 07.07.2009 zu: Frank Früchtel, Gudrun Cyprian, Wolfgang Budde: Sozialer Raum und Soziale Arbeit: Textbook: theoretische Grundlagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15143-4.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-18432-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7319.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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