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Hans-Joachim Motsch: [...] Diagnostik grammatischer Störungen

Cover Hans-Joachim Motsch: ESGRAF-R. Modularisierte Diagnostik grammatischer Störungen - Testmanual. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 68 Seiten. ISBN 978-3-497-02034-8. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 84,00 sFr.
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Thema

Mit dem ESGRAF-R legt der Autor ein Instrument zur Diagnostik grammatischer Störungen vor.

Autor

Hans-Joachim Motsch ist Professor für Sprachbehindertenpädagogik in schulischen und außerschulischen Bereichen der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Aufbau …

Das zu besprechende Werk beginnt im ersten Kapitel mit den Vorüberlegungen zur Diagnostik grammatischer Störungen. Kapitel 2 stellt die Weiterentwicklung der ESGRAF zur ESGRAF-R dar. Hier wird zunächst eine Kurzcharakterisierung der 1999 veröffentlichten ESGRAF, also der evozierten Sprachdiagnose grammatischer Fähigkeiten, vorgenommen, um dann die Nachteile des ESGRAF aufzuzeigen. Schließlich stellt der Verfasser die Vorteile des zu besprechenden ESGRAF-R vor. Kapitel 3 widmet sich dem EGRAF-R „Zirkus.“ Der allgemeinen Charakterisierung folgen Hinweise zur Durchführung, das Aufzeigen der 15 Module nebst Entscheidungshilfen, die Modulbeschreibungen und Klassenscreenings und schließlich der Nennung der auf der mitgelieferten DVD befindlichen Dokumente. Das vierte Kapitel befasst sich mit der Ableitung von Therapiezielen. Dies beinhaltet die Informationen bezüglich der Anwendung der ESGRAF-R in der Sprachdiagnostik (z. B., wenn ein Verdacht auf eine umfassende Spracherwerbsstörung besteht), die Begründung individueller grammatischer Therapieziele (z. B. bei Schwierigkeiten im Verwenden der Subjekt-Verb-Kontroll-Regel verbunden mit der Verbzweitstellungsregel im Hauptsatz), einschließlich deren Gewichtung und Interpretation der ESGRAF-R-Resultate. Die Basis der Therapie grammatischer Störungen mithilfe der ESGRAF-R wird im fünften Kapitel aufgeführt.

Es folgt am Schluss ein Anhang mit Literaturverzeichnis, Prozentranglisten der Schulanfänger, einem kommentierten Auswertungsbogen für die Schweiz (dieser befindet sich auch auf der DVD).

… und Inhalt

Normalerweise erwerben Kinder die wesentlichen grammatischen Strukturen ihrer Muttersprache bis zum vierten Lebensjahr, obwohl Untersuchungen belegen das sich dieser Zeitraum auch bis zu drei Jahre nach hinten verlegen kann. Einige Kinder verfügen jedoch nicht über dieses Leistungsvermögen. So stagniert der Spracherwerb bei Letztgenannten in einzelnen grammatischen Bereichen oft in der Primarstufe auf einem Niveau von Zwei- bis Dreijährigen. Für diese grammatische Stagnation sprechen vielfach abweichende, inhomogene Fähigkeitsprofile. Sie verfügen nicht über die so genannte Bootstrappingstrategie, eine Strategie, die das Lernen der für den Erwerb der bezugssprachlichen Grammatik erleichtert. Folglich sind die Betroffenen überfordert, jene für den Erwerb der Grammatik relevanten Merkmale in dem alltäglich auffindbaren nicht strukturierten Sprachmaterial zu entdecken sowie hypothesenbildend und hypothesentestend zur Regelerkennung zu gebrauchen.

Grammatische Störungen sind ein sprachliches Informationsverarbeitungsdefizit. Als wichtigste Instanz der Sprachverarbeitung ist die geringere Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses beteiligt und das Arbeitsgedächtnis ist die Basis fast sämtlicher höherer kognitiver Leistungen des Menschen. Das Arbeitsgedächtnis ist die Schnittstelle zwischen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Langzeitgedächtnis, kognitiver Kontrolle und Handlungsplanung. Problembehaftet ist bei Kindern mit Spracherwerbsstörungen:

  1. das Einscannen des Sprachmaterials. Selbiges erfolgt aufgrund fehlender auditiver Aufmerksamkeit gar nicht oder nur sehr verlangsamt;
  2. die deutlich verkürzte Speicherzeit – und das bedeutet wenig Zeit für die Sprachverarbeitung, welche sich häufig auf die versuchsweise semantische Analyse beschränkt;
  3. der Austausch zwischen Arbeits- und Langzeitgedächtnis.

Die aufgeführten Erkenntnisse führten zur Entwicklung des ESGRAF-R. Diese neue Fassung der 1999 erstmals veröffentlichten evozierten Sprachdiagnose grammatischer Fähigkeiten (ESGRAF) richtet sich an Kinder zwischen dem vierten und 16. Lebensjahr, die beim Erwerb des grammatischen Systems ihrer Bezugssprache Auffälligkeiten erkennen lassen. Als Ziele können bei Nutzung dieses Diagnoseverfahrens erwartet werden:

  1. die Ermittlung des Gesamtprofils sämtlicher grammatischer Fähigkeiten;
  2. die spracherwerbsorientierte Ermittlung des nächsten Therapieziels.

Vorgenanntes wird erreicht durch:

  1. eine kindgerechte Erhebungssituation, d. h. durch 15 modularisierte Spielsequenzen im Rahmenformat „Zirkus“;
  2. das Evozieren wesentlicher grammatischer Strukturen;
  3. die leicht erlernbare Auswertung der kindlichen Produktionen;
  4. die Interpretationshilfen, welche das Bestimmen der individuellen Förderschwerpunkte erleichtern

Aus den gewonnenen Informationen können dann die spracherwerbsorientierten Therapieziele abgleitet werden, die dann in Einzel- und Gruppentherapie, in Phasen des sprachtherapeutischen Unterrichts und in der Zusammenarbeit mit den Angehörigen durchgeführt werden können.

Fazit

Als Mensch mit einer im Jahre 1982 hirntraumatisch erworbenen Dysarthrophonie halte ich das besprochene Diagnoseinstrument für ein Verfahren, welches auch bei hirntraumatisierten Individuen mit Sprach- und Sprechstörungen eingesetzt werden kann. In diesem Fall würde ich die Zielgruppe dann erweitern. Zu überlegen wäre auch, ob sich der Einsatz bei Menschen im Stadium der Demenz eignet. Hier müsste sicher, da sich die Menschen mit Demenz häufig in einem höheren Lebensalter befinden, der spielerische Charakter in Form des Zirkus‘ aufgegeben werden.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 08.02.2009 zu: Hans-Joachim Motsch: ESGRAF-R. Modularisierte Diagnostik grammatischer Störungen - Testmanual. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-497-02034-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7320.php, Datum des Zugriffs 19.06.2018.


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