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Katrin Höhmann, Rainer Jopp u.a. (Hrsg.): Lernen über Grenzen

Cover Katrin Höhmann, Rainer Jopp, Heidemarie Schäfern, Marianne Demmer (Hrsg.): Lernen über Grenzen. Auf dem Weg zu einer Lernkultur, die vom Individuum ausgeht. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 251 Seiten. ISBN 978-3-86649-221-9. 24,90 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

„Pädagogik der Vielfalt“ und „Pädagogik in der Heterogenität“ lauten zwei „Zauberworte“ der (auch aktuelleren) Bildungsdebatte, die anzeigen wollen, dass es ein Ende mit den „traditionellen“ Bildungsprozessen haben muss, die auf eine Kultur der „Einheitlichkeit“ der Lehr- und Lernprozesse geeicht daher kommen. Der von Katrin Höhmann und anderen herausgegebene Band leistet einen weiteren Beitrag zu dieser notwendigen Öffnung.

„Heterogenität“, heißt es dazu im Vorwort unter anderem, „ist zu einem der zentralen Themen in der deutschen Bildungslandschaft geworden. Dabei steht meistens die Frage im Mittelpunkt, wie gehe ich mit der Vielfalt einer Lerngruppe um, wenn ich den Auftrag, jede Schülerin und jeden Schüler bestmöglich zu fördern, ernst nehme“ (S. 11). In der vorliegenden Veröffentlichung werden dazu Erfahrungen und Ergebnisse eines europäischen Comenius-Projekts zusammengetragen, das dieser Frage nachgegangen ist. Das „EU-MAIL-Projekt“ („European mixed ability and individualized learning“ bzw. „Heterogenität und Individualisiertes Lernen in Europa“) vereinigt hierzu im Kern 2004 und 2005 realisierte Fallstudien in Schulen der Sekundarstufe in Nordeuropa und England sowie Nordrhein-Westfalen. „Lernen über Grenzen“ fasst die Ergebnisse nun zusammen.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Um Prof. Dr. Katrin Höhmann, Hochschullehrerin für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, hat sich ein buntes Herausgeberteam geschart: Rainer Kopp ist für das Forum Eltern und Schule/FESCH (siehe dazu auch www.forum-eltern-und-schule.de) in Dortmund tätig, Heidemarie Schäfers wirkt als schulfachliche Dezernentin bei der Bezirksregierung Düsseldorf und Marianne Demmer ist Stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft/GEW (siehe dazu auch www.netzwerk-heterogenitaet.de).

Aufbau und Inhalt

Wie Lernprozesse befördert werden können, die vom Individuum ausgehen und gleichzeitig die Anregungen nutzen, die heterogene Lerngruppen bieten - diese Frage steht im Mittelpunkt der Veröffentlichung, wobei (im Schwerpunkt) konkrete Anregungen zur Veränderung und Weiterentwicklung von Schule und Unterricht mit Beiträgen zur Klärung lerntheoretischer, psychologischer und neurobiologischer Grundlagen verkoppelt sind und dabei (musterbildend) auf die als anregend wahrgenommene Bildungspraxis der für das EU-Mail-Programm ausgewählten Länder (Großbritannien, Finnland, Schweden und Norwegen sowie – für Deutschland – NRW) Bezug genommen wird (grundsätzlich arbeitet Rainer Kopp das EU-MAIL-Projekt auf [S. 17 - 26]).

Grundlegenderer Natur sind die Beiträge von Katrin Höhmann, die eine Klärung des Begriffs „Heterogenität“ vornimmt (S. 27 – 36), von Klaus Bert Becker (mit knappen Hinweise zum bisherigen „Umgang mit Heterogenität“, S. 27 - 40), von Heidemarie Schäfers („Das lernende Individuum oder wie wird eigentlich gelernt?“; S. 41 - 66) oder Rainer Kopp, der sich der Relevanz von Vertrauen als wichtiger Voraussetzung für gelingend(re) Lernprozesse zu wendet und dabei auch reflektiert, was sich an dieser Stelle im deutschen Schulsystem ändern müsste (S. 67 - 80).

Der – auch zahlenmäßige –Schwerpunkt (d. h. rund zwei Drittel des Bandes) freilich (als Abschnitte „Blick über den Zaun“ und „Praxis konkret“ gekennzeichnet) widmet sich den im Projekt identifizierten interessanten, Schule verändernden Konzepten: Hier fragt zum Beispiel Brigitte Schumann, wie inklusiv die Schulsysteme in den EU-MAIL-Ländern sind (S. 167 – 175), oder Rainer Kopp prüft, wie die Resultate des EU-MAIL Projekts hierzulande aufgeschlossen und nutzbar gemacht werden können (S. 225 - 237). Ausführlich werden die Erfahrungen der internationalen Partner durch Brigitte Schumann, Heide Koehler, Anne Ratzki und Heidemarie Schäfers reflektiert (S. 85 – 147)

Konkret werden drei weitere Beiträge: Über (stark skandinavisch geprägte) Erfahrungen mit Teamarbeit als Grundlage für individualisiertes Lernen und individuelle Förderung schreibt Anne Ratzki (S. 189 - 194), Katrin Höhmann (S. 197 – 212) geht der Frage nach, wie Potentiale erkannt und unterrichtliche Reibungsverluste minimiert werden können („Stärken erkennen, fördern und stabilisieren“, S. 202), während Klaus Bert Becker unterrichtliche Gesprächsführungsprozesse unter Berücksichtigung der Lerngruppenheterogenität reflektiert (S. 215 - 224) und dabei ganz praktische (und dabei nur scheinbar banal wirkende) Anregungen ausspricht, wie beispielsweise Gesprächsphasen zu strukturieren sind, damit ein Thema nicht verloren geht. An dieser Stelle wird die ausdrücklich anwendungsorientierte Konzeption und Gestaltung des Bandes überzeugend erkennbar.

Zielgruppen

Vorrangig, und da ist der Ziuelgruppenbestimmung des Verlages zu folgen, wird sich der Band in den Zusammenhängen bewähren können, die in der Praxis stehen: Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen und die Einrichtungen der Lehrer/innen-Aus- und –Fortbildung. Dritte, z. B. mit Schule kooperierende Akteure (etwa aus der Kinder- und Jugendhilfe), wird das Werk ggfs. interessante Anregungen bieten, das „System Schule“ in Bezug auf dessen gegenwärtigen Status und Perspektiven noch ein wenig besser zu verstehen.

Diskussion und Fazit

Der vorliegende Band ist, nicht nur in Bezug auf die gewählte Zielgruppe, stark praxisorientiert. Die internationalen Best-Practice-Beispiele, die vielfältigen Hinweise (z. B. auf Webseiten und unterrichtlich nutzbare Medien) und Handreichungen machen den Band für die vom Verlag beschriebene Zielgruppe zweifelsohne interessant, zumal die gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse im Lichte der Hintergrund der schulischen Verhältnisse Deutschlands und der Realität von Lehrerinnen und Lehrern hier betrachtet und bewertet werden. Hierbei sind die vielen (grafisch auch besonders hervorgehobenen) Empfehlungen bzw. „Überlegungen für die Praxis“ ausgesprochen anregend. Gelungen sind auch die sog. „Denkpausen“ zum Abschluss fast aller Beiträge, kurze Einsprengsel aus dem Projekt (weitgehend unkommentierte Fotografien), die die Reflexionen dokumentieren und zum Nach-Denken anregen. Auch die lose eingestreuten Materialien (z. B. „Meine Wochenplanung und Wochenevaluation [Montagmorgen ausfüllen]“ von Katrin Höhmann) sind illustrativ und animierend. Die Schreibung der Texte lässt sich überwiegend als niveauvoll charakterisieren, ohne dabei „abzuheben“, womit eine oft gegebene Hürde bei der Rezeption von Forschungsberichten erst gar nicht aufgestellt sein dürfte. Das heißt: Eine breite Leser/innenschaft sei dem Band gewünscht.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 08.11.2010 zu: Katrin Höhmann, Rainer Jopp, Heidemarie Schäfern, Marianne Demmer (Hrsg.): Lernen über Grenzen. Auf dem Weg zu einer Lernkultur, die vom Individuum ausgeht. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-221-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7324.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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