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Sabine Weidert: Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz

Cover Sabine Weidert: Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz. Zum Umgang mit anspruchsvollen Pflegesituationen im Klinikalltag. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2007. 156 Seiten. ISBN 978-3-938304-79-2. 24,00 EUR.
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Zielsetzung und Zielgruppen

"Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz" ist eine eher an der Praxis orientierte Publikation in der Arbeit mit Demenzkranken, die eine bisher wissenschaftlich wenig beachtete Thematik "die Leiblichkeit" in den Mittelpunkt der Betrachtungen in der Pflege stellt. Die Ausführungen basieren auf der Diplomarbeit der Autorin zum Thema: "Zwischenleiblichkeit in der Begegnung Pflegender mit an Demenz erkrankten Menschen – sozialpädagogische und ästhetische Beiträge". Sabine Weidert ist Krankenschwester und Diplom Sozialpädagogin, sie ist selbst Gestalterin der Praxis in der Pflegedienstleitung der Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikums Bergmannsheil in Bochum. Interessenten des Buches dürften AltenpflegerInnen, auch Ergo- und PhysiotherapeutInnen sein sowie alle, die ehrenamtlich oder privat mit der Pflege demenzkranker Menschen betraut sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn Kapitel mit weiteren zwei bis sieben Unterkapiteln unterschiedlicher Länge untergliedert. Nach einem Vorwort von Gernot Böhme wird in der "Einleitung", als erstes Kapitel bezeichnet, durch die Herausgeberin in die Thematik eingeführt, wobei auf die methodische Herangehensweise der zugrunde liegenden Forschung hingewiesen wird. Sie möchte das Unausgesprochene mitteilen und auf die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten für Pflegende hinweisen.

Im zweiten Kapitel "Pflegende berichten über den Umgang mit demenzkranken Patienten – eine qualitative Voruntersuchung" beschreibt die Autorin die Methodik der von ihr durchgeführten Untersuchung in einer chirurgischen Abteilung eines Krankenhauses mit auffallend vielen an Demenz erkrankten PatientInnen. Sie interviewte sechs Pflegefachkräfte (zwei Männer, vier Frauen) mit einer Berufserfahrung von einem bis 22 Jahren und bildete aus den Ergebnissen sechs Kategorien, die die Belastungen des Pflegealltags verdeutlichen sollen (S. 21ff.). Aus den zusammengefassten Ergebnissen formuliert die Autorin einen so genannten belastungssteigernden Zirkelschluss (S. 29), der den Umgang und die Kommunikation mit Dementen erschwere.

Kapitel drei, ein nur zwei Seiten umfassendes, ist mit dem Titel "Leiblichkeit als Basismodus der Kommunikation" überschrieben. Im Umgang mit den genannten Patienten sei es wesentlich, dass die Pflegepersonen ihre eigene leibliche Präsenz in die Pflege einbringen, diese leibliche Anwesenheit sei die Grundvoraussetzung, der Basismodus jeglicher Kommunikation.

Die "Leibphilosophie" ist das Thema des folgenden Kapitels. Die Autorin wendet sich einigen Vertretern der Leibphilosophen und deren spezifischen Herangehensweise wie bspw. Maurice Merleau–Ponty, Hermann Schmitz, Thomas Fuchs und Gernot Böhme zu und schließt dadurch den Zirkelkreis zu den durchgeführten Interviews (S. 52).

Das fünfte Kapitel ist den "Leib – Erfahrungen in der Pflege" gewidmet. Hier wird thematisiert, dass der Kontakt mit an Demenz Erkrankten oft ein dissonantes Erleben bei den Pflegepersonen hervorrufe und mit Ironie begegnet würde. In einem weiteren Abschnitt dieses Kapitels wird das Ausbrennen in der Pflege beschrieben, das durch Überbelastung, geringe Autonomie in den Arbeitsabläufen und den Mangel an Belohnung ausgebildet werden könnte.

"Die Besonderheiten der Demenzerkrankung aus medizinischer und leibphilosophischen Sicht" werden im sechsten Kapitel des Buches thematisiert. Interessant ist hier die Aussage der Autorin, dass es bei der Degeneration des Gehirns bei Demenzkranken auch ein Mehr gäbe- das leibliche Erleben (S. 79) als gelebte Erfahrungen, die im Leib gespeichert seien. Sie verweist auf die auf Funktionalität und Hygiene ausgerichtete Arbeit im Krankenhaus, die den Zugang zu impliziten Erinnern erschwere.

Kapitel sieben "Atmosphäre und neue Ästhetik" setzt sich zunächst mit der Auffassung Böhmes (1995, 7) zur so genannten Naturästhetik auseinander, die mehr sei als ein Kunstwerk zu betrachten, sondern die die alltägliche Umgebung, die Gestaltung des Lebensraumes mit einbeziehe, die aber auch bei bestehender Ortlosigkeit eine eigene Räumlichkeit besitze. Es folgen danach Ausführungen zur Atmosphäre als potentiell förderndes Element leiblicher Kommunikation. Pflegende müssten erkennen, dass die eigene leibliche Betroffenheit mit dem atmosphärischen Ausstrahlen verbunden sei, die auf die Ebene der Atmosphäre verschoben werden sollte, weil dadurch eine schützende Distanz geschaffen werden könne, ohne die leibliche Kommunikationsbasis verlassen zu müssen (S. 97).

Das folgende Kapitel acht widmet sich der "Entscheidung zur Leiblichkeit mit Hilfe Ästhetischer Bildung". Weidert geht davon aus, es gäbe keinen anderen Weg beim Zulassen leiblichen Spürens als es am eigenen Leib zu erfahren. Möglichkeiten seien selbst ein Bild zu malen, eine Anregung, die wohl nicht von allen geteilt werden dürfte, verlangt sie doch bestimmte Fähigkeiten, sich auf diese Weise auszudrücken zu wollen und zu können. Des Weiteren erscheint es mir wenig Erfolg versprechend, weil sinnliche Erfahrungen weiter reichen und schwer erlernbar zu sein scheinen.

Das vorletzte Kapitel beschäftigt sich mit "Ästhetische Erfahrungsfelder in der Qualifizierungsmaßnahme für Pflegende im Umgang mit demenzkranken Patienten" (S. 103). Hier wird ein einwöchiges Seminarkonzept zur ästhetischen Bildung in Bezug auf die Krankenpflege vorgestellt, das die Pflege eines an Demenz Erkrankten über die eigene Körperwahrnehmung erleichtern soll.

Die Ausführungen des letzten und damit zehnten Kapitels "Resümee" versuchen zu verdeutlichen, dass persönlich bedeutungsvolle Leiberfahrungen ein erster Schritt seien, diese auch anderen gegenüber eingestehen zu können. "Ästhetische Erfahrungsfelder bieten durch die objektivierbare Auseinandersetzung mit dem Erlebten eine neue handlungsentlastende Basis zur Begegnung mit demenzkranken Menschen" (S. 126).

Fazit

Die vorliegende Publikation ist insofern empfehlenswert, als sie eine neue Perspektive in der Bewältigung der Arbeit mit an Demenz Erkrankten aufzeigt. Wenn sich diese Patienten nicht mehr verbal ausdrücken können, sollte der Schwerpunkt auf das Spüren der eigenen Leiblichkeit mit Hilfe ästhetischer Bildung gelegt werden, um Verständigung erreichen zu können. Dieser Schluss greift mir insgesamt zwar etwas zu kurz, obgleich diese Bildung eine wichtige Säule darstellt, neue Zugangsweisen zu Erkrankten und eine höhere Sensibilität zu entwickeln. Psychische Verarbeitungsprozesse der Konfrontation mit dem eigenen Krank- und Altsein im Spiegelbild der an Demenz Erkrankten bleiben in den Ausführungen völlig unberücksichtigt, die viele der auftretenden Ängste und eigenen Körperblockierungen aufklären könnten. Dennoch ist diese Publikation ein wichtiger Schritt, sich der Krankenpflege von bisher ungewohnten und wenig erprobten Erfahrungen aus zu nähern.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 21.01.2009 zu: Sabine Weidert: Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz. Zum Umgang mit anspruchsvollen Pflegesituationen im Klinikalltag. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-938304-79-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7327.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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