Ellen Lang-Langer: Trennung und Verlust
Rezensiert von Dr. Christian Brandt, 09.01.2010
Ellen Lang-Langer: Trennung und Verlust. Fallstudien zur Depression in Kindheit und Jugend.
Brandes & Apsel
(Frankfurt) 2009.
360 Seiten.
ISBN 978-3-86099-376-7.
36,00 EUR.
CH: 61,00 sFr.
Reihe: Schriften zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen - 18.
Thema
Das multiaxiale Klassifikationssystem psychischer Störungen für Kinder und Jugendliche erfasst als eine mögliche psychosoziale Belastung eine „abweichende Elternsituation“, wenn ein junger Mensch nicht bei seinen leiblichen Eltern lebt. In der klinischen Praxis bedeutet diese nüchterne Beschreibung immer eine komplexe Vernetzung belastender sowie lösender Gefühle und Gedanken, die mit der Lebenstatsache „abweichende Elternsituation“ verknüpft sind. Nicht immer muss ein therapeutischer Prozess dieses Feld elementaren bindungsbezogenen Erlebens durchdringen, um hilfreich sein zu können. Wo es nötig ist, entwickelt die therapeutische Begegnung meist eine besondere Intensität. Ellen Lang-Langer zeichnet solche Begegnungen, die sie als psychoanalytische Kinder- und Jugendlichentherapeutin machte, in ihrem Buch nach. Ihre Fallbeschreibungen wollen beitragen, die Ahnung davon wach zu halten, welch hohe psychische Bedeutsamkeit die Tatsache der abweichenden Elternsituation beinhaltet, auch wenn diese notgedrungen als alltäglich gewordene Lebenstatsache erscheint.
Entstehungshintergrund
Elllen Lang-Langer arbeitet als Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin und Supervisorin in eigener Praxis. Im Grundberuf ist Dr. phil. Lang-Langer Diplom-Pädagogin, sie leitet den Ausbildungsbereichs am Institut für Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Frankfurt am Main. Die Fallstudien, die den Kern des Buches ausmachen, entstammen psychoanalytischen Langzeitbehandlungen aus der eigenen Praxis der Autorin. Die Entscheidung, die Fallgeschichten der behandelten Kinder und Jugendlichen einer Veröffentlichung zugängig zu machen, beschreibt Lang-Langer in der Einleitung ihres Buches als Reaktion auf einen wahrgenommenen psychosozialen Mangel: „Es gibt keine gewachsene gesellschaftliche Anerkennung für die Bedeutung der Erfahrungen von Trennung und Verlust in der Kindheit. Es gibt, so schien es mir oft, eine Art von flachem Bewusstsein über diese Art der Vorgänge. Die Flachheit besteht darin, dass etwas zwar faktisch anerkannt, aber nicht gefühlt werden kann, vielmehr abgewehrt bleiben muss in dieser Flachheit des flüchtigen Anerkennens“.
Aufbau
Der Band umfasst drei Teile.
Teil 1 Diagnostik und theoretischer Bezugsrahmen
Teil I des Buches geht auf etwa 70 Seiten auf die Diagnostik und theoretischen Bezugsrahmen der Fallstudien ein. Entsprechend dem grundlegenden Modus psychoanalytischen Verstehens wird auf die Bedeutung der biographischen Ereignisse vorwiegend aus dem Prozess der therapeutischen Beziehung geschlossen, die im Bezugsrahmen von „Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand“ reflektiert wird. Auf zwei dieser konzeptionellen Eckpunkte psychoanalytischer Arbeit geht die Autorin am Schluss des ersten Buchteils in dem Kapitel Übertragung und Gegenübertragung bei der Behandlung von Patienten mit Trennungs- und Verlusterfahrungen ein. Der Einführungsteil des Buches macht anschaulich, welche Schwierigkeiten das deskriptive konzipierte Diagnosesystem des International Code of Disease ICD-10 dem psychoanalytischen Ansatz entgegensetzt. Aus dem psychoanalytischen Reflexionsprozess heraus erkennt Lang-Langer das Vorliegen einer Depression auch in Fällen, in denen diese Diagnose gemäß ICD nicht gestellt werden könnte. Berechtigt beschreibt Lang-Langer die Unzulänglichkeiten des ICD-10 bei der Diagnose kindlicher und jugendlicher Depressionen und entwicklungstraumatischer Störungen. Aus klinischer Sicht ist zu bedauern, dass diese Thematik nicht breiter diskutiert, sondern relativ rasch im psychoanalytischen Sinne aufgelöst wird. „Hinter den sehr verschiedenen Symptomen, die die Patienten ausprägten, drängte das Depressive an“, wird im folgenden Kapitel verallgemeinernd festgestellt.
Der Abschnitt Symptombildung aus psychoanalytischer Sicht stellt diese für die Fallstudien zentrale diagnostische Einschätzung in einen elaborierten theoretischen Rahmen. Ohne Erörterung bleibt die Frage, wie das praktizierte psychoanalytische Fallverständnis sich davor schützt, den eigenen Standpunkt absolut zu setzen, und die Möglichkeit einer Falsifikation der diagnostischen Hypothese im Einzelfall offen hält.
Teil 2 Fallstudien
Teil II des Buches enthält 21 Fallstudien über Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Trennungs- oder Verlusterfahrungen. Die Darstellung unterscheidet vier Teilgruppen, abhängig von der Form des kritischen Ereignisses:
- Verlust eines Elternteils durch Tod
- Verlust der Eltern (Adoption und Heimunterbringung)
- Trennung von einem Elternteil durch Scheidung der Eltern
- Passagere Trennung vom versorgenden Objekt.
In den einzelnen Fallstudien verknüpfen sich biographische Daten, Verhaltens- und Verlaufsbeobachtungen und die Resonanz der Therapeutin zu einem Reflexionsprozess, der die beschriebenen psychoanalytischen Behandlungen transparent und konkret werden lässt.
Teil 3 Psychoanalyse der Depression im Kindes und Jugendalter – Erfahrungen von Trennung und Verlust
Die Generalisierungen in Teil III des Buches stehen unter dem Titel Psychoanalyse der Depression im Kindes und Jugendalter – Erfahrungen von Trennung und Verlust. Zentrale Bezugspunkte der theoretischen Betrachtung sind die Schriften Melanie Kleins und Heinz Kohuts.
Die Diskussion bleibt eng an diesen beiden klassischen Konzepten und schöpft ihre metaphorische Kraft aus.
Fazit
Das vorliegende Buch ist in der Schriftenreihe zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen erschienen. Die elementaren psychoanalytischen Begriffe werden in dem Buch nicht diskutiert, sondern als Bezugspunkte fallbezogenen Verstehens angewendet, insofern ist es eine Schrift für Insider, ein „Werkstattbericht“. Die Transparenz der Studien lädt auch psychoanalytische Laien zu einem konkreten Nachvollzug psychoanalytischer Behandlungsprozesse ein. Die therapeutische Solidarität mit den belasteten Kindern und Jugendlichen bleibt dabei immer spürbar. Schade ist, dass die theoretische Auswertung der Fallstudien keinen Bezug mehr zu den aktuellen Bemühungen setzt, die Diagnose einer Entwicklungstrauma-Störung zu operationalisieren und in das ICD zu integrieren. Eine Frage, die sich beim Lesen des Buches aufdrängt, ist, wie eine günstige, resiliente Bewältigung der beschrieben Lebensereignisse verlaufen kann und was eine solche Verarbeitung im Alltag fördert. Eine explizite Auseinandersetzung mit dieser Frage hätte das Verständnis der Fälle durch einen zusätzlichen Bezugspunkt unterstützt.
Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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