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Kirsten Sander: Profession und Geschlecht im Krankenhaus

Cover Kirsten Sander: Profession und Geschlecht im Krankenhaus. Soziale Praxis der Zusammenarbeit von Pflege und Medizin. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. 484 Seiten. ISBN 978-3-86764-164-7. 49,00 EUR, CH: 83,00 sFr.
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Profession und Geschlecht im Krankenhaus

Das Zusammenspiel von Medizin und Pflege und hiermit verbunden der Geschlechter im Krankenhaus ist durch tradierte Rollenmuster geprägt, die im Rahmen der Qualifizierung weitgehend unverändert weitergegeben werden. Deshalb ist ein Aufzeigen dieser tradierten Rollenmuster interessant, um sie zu verdeutlichen und Änderungen herbeizuführen. Eine besondere Bedeutung spielen die Ergebnisse bzgl. der Akademisierung der Pflege. Frau Sander stellt nicht nur das Verhältnis von Medizin und Pflege dar, sondern beurteilt im ersten empirischen Teil die untersuchten Bereiche auch hinsichtlich der Professionalisierung der Pflege, die Bestandteil der Akademisierung sein muss. Dadurch gibt sie interessante Ansatzpunkte für die Entwicklung akademischer Tätigkeitsfelder in der Pflege. Gleichzeitig zeigt Sie auf, wie Professions- und Geschlechterstrukturen verwoben sind. Um gleichberechtigte Professionen zu entwickeln, ist die Betrachtung der Verknüpfung von Profession und Geschlecht im Krankenhaus ein interessanter Ansatzpunkt. Aus der vorliegenden Untersuchung können wichtige Hinweise abgeleitet werden, welche Maßnahmen die Differenzen zwischen Profession und Geschlecht im Krankenhaus verringern können.

Autorin

Die Autorin war zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Buches wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften der TU Dresden. Das Buch „Profession und Geschlecht im Krankenhaus. Soziale Praxis der Zusammenarbeit von Pflege und Medizin“ ist ihre Promotion.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach der Einleitung in fünf inhaltliche Teile.

Im ersten Teil wird die Methodologie der Studie dargelegt.

Die folgenden drei Teile widmen sich der empirischen Untersuchung, die jeweils mit einem zusammenfassenden Zwischenstand abschließen. Das Thema wird über die (Re-)Konstruktion von drei eigenständigen sozialen Praxisformen erarbeitet, den „Zuständigkeitsgrenzen“, den „räumlichen und körperlichen Grenzziehungen“ und den „diskursiven Grenzen von Profession und Geschlecht“. Allen Praxisformen nähert sich die Autorin zunächst theoretisch, dann empirisch.

In der abschließenden Schlussbetrachtung werden die drei Praxisformen miteinander in Verbindung gebracht, indem untersucht wird, ob und ggf. wie das formulierte Geschlechterwissen im dritten empirischen Teil auf die Praxis der Herstellung von Zuständigkeits-, Raum- und Körpergrenzen wirkt oder ob es eher als Ergebnis von anderen sozialen Praxisformen zu verstehen ist.

Methodologie der Studie

Die soziale Praxis der Zusammenarbeit von Pflege und Medizin und Männern und Frauen im Krankenhaus wird als eine Praxis aufgegriffen, die vor allem durch Face-to-Face-Interaktionen der beiden Berufsgruppen erzeugt wird. Entsprechend werden konkrete Face-to-Face-Interaktionen im Krankenhausalltag durch teilnehmende Beobachtung (mehrfach perspektivisch organisiert) und fokussierte Interviews der Professionellen untersucht. Die Daten für diese Untersuchung stammen aus dem DFG-Forschungsprojekt „Interaktion von Pflege und Medizin im Krankenhaus. Konstruktionsprozesse von Geschlecht, Hierarchie und beruflicher Sozialisation“. Eine Gesamtübersicht über die erhobenen Daten befindet sich in diesem Kapitel. Für die Untersuchung der Zuständigkeitsgrenzen und Raum- und Körpergrenzen werden aus den erhobenen Daten eigenständige soziale Praxisformen durch eine triangulierende Zusammenfassung von Ausschnitten aus der teilnehmenden Beobachtung und den fokussierten Interviews entwickelt. Im Kapitel Methodologie der Studie wird abschließend eine im Verlauf des Forschungsprozesses entwickelte ethnographische Reflexion der teilnehmenden Beobachtung vorgestellt.

Zuständigkeitsgrenzen

Als theoretischer Rahmen werden zunächst vier sensibilisierende Konzepte vorgestellt (Jurisdiktion, Negotiated Order, Boundary-Work, Doctor-Nurse-Game), die für die Herstellung von interprofessioneller und praxistheoretischer Zuständigkeit anregend sind. In der empirischen Untersuchung geht es um alltägliche Fragen der Zusammenarbeit und Zuständigkeit, die in besonderer Weise das Professions- und Geschlechterverhältnis thematisieren. Die Analyse ergibt vier Praxen (Austausch von Gefälligkeiten, Ärztliche Entscheidungen, Dokumentation, sprechen mit PatientInnen), die jeweils aus Medizin- und Pflegeperspektive dargestellt und Auffälligkeiten bzgl. der Geschlechterrollen herausgearbeitet werden. Abschließend wird darauf eingegangen, inwieweit die Praxen zur Professionalisierung der Pflege beitragen.

Raum- und Körpergrenzen

Als Basis dieses Kapitels wird die Konstruktion Raum soziologisch fundiert. Dafür werden drei Konzepte/Ansätze entwickelt bzw. vorgestellt: ein theoretisch sensibilisierendes Denkinstrumentarium zu Raum (Ziel dieses Instrumentariums ist es, die räumliche Praxis der alltäglichen Zusammenarbeit daraufhin zu untersuchen, wie in ihr Professions- und Geschlechtergrenzen markiert oder auch verräumlicht werden), interaktionstheoretische Ansätze, die die sozialkonstruktivistische Perspektive auf Geschlechterkonstruktionen und Raum aufgreifen (sie begreifen Körper als Inszenierungs- und Darstellungsmedium des Sozialen und stellen einen unmittelbaren Zusammenhang von Face-to-Face Interaktionen und Raum- und Geschlechterkonstruktionen her) und konzeptionelle Überlegungen, die Körper als Verkörperung des Sozialen beschreiben.

Die empirische Untersuchung gliedert sich in fünf Teile: Zunächst wird die Krankenhausstation ethnographisch erkundet, indem verschiedene Interaktionsräume und Raumkonstruktionen definiert werden, auf die die weiteren empirischen Untersuchungen zurückgreifen. Im folgenden Kapitel wird der Frage nachgegangen, wie Geschlechter- und Professionen in (Un-)geteilten professionellen Räumen (Schwestern- und Arztzimmern) Grenzen leben und setzen. Anschließend wird die spezifische Praxis des Aufräumens in gemeinsam genutzten Stationsräumen untersucht. Im Fokus stehen die Ordnungspraxis (betrieben von der Pflege) und die Erziehungspraxis (leitende Schwestern gegenüber Stationsärzten). Die letzten beiden Abschnitte beschäftigen sich mit sozialen Räumen, als Stimmungsräume bezeichnet. Der erste Stimmungsraum sind die gemeinsamen Pausen. Bei der Frage wie Stimmung entsteht wird das Essen-Teilen und das „Gelächter der Geschlechter“ in den Pausen als wichtige unterschiedliche Praxisform der Geschlechter und Professionen herausgearbeitet. Als zweiter Stimmungsraum wird die Praxis der Chefarztvisite als spezifischer Machtraum analysiert.

Diskursive Grenzen von Geschlecht und Profession

In diesem Kapitel werden die Vorstellungen der interviewten Ärztinnen, Ärzte, Schwestern und Pfleger zur Relevanz des Geschlechts bei der Arbeit aufgegriffen und als diskursive Grenzen von Profession und Geschlecht interpretiert.

Im theoretischen Teil werden Konzepte vorgestellt, die die wechselseitigen Verweisungen von Geschlechterwissen und Erfahrung und Handeln aufschlüsseln, Überlegungen dargestellt, die das Schweigen im Sprechen über geschlechtliche Differenzen gesellschaftstheoretisch zu erklären sucht und Differenzkonstruktionen zu geschlechtlichen Minderheiten einer Berufsgruppe konkretisiert.

Im empirischen Teil wird das Interviewmaterial bzgl. Geschlechterwissen zu Ärztinnen und anschließend zu Pflegern kontext- und situationsspezifisch aufgefächert und mit dem Ziel interpretiert, Professions- und Geschlechterkonstruktionen herauszuarbeiten. Abschließend werden die zunächst getrennt gehaltenen (Re-)Konstruktionen zu „geschlechterhierarchischen Wissenskonstruktionen“ des Feldes zusammenführend diskutiert.

Schlussbetrachtungen

Im letzten Teil werden für den sozialen Raum Krankenhaus zweigeschlechtliche Gelegenheiten für (inter-)professonelle Praxen beschrieben und bzgl. ihrer institutionalisierten und gesellschaftlichen Herkunft untersucht. Basis sind die empirischen Ergebnisse mit Bezug auf vielfältige Literatur. Abschließend wird festgestellt, dass das Interaktionsverhältnis von Pflege und Medizin mit widersprüchlichen und eindeutigen Verweisungen auf Zweigeschlechtlichkeit durchzogen ist und dass die im Buch herausgearbeiteten Professions- und Geschlechtergrenzen helfen die sozialen Mehrfachbindungen und deren Festigkeit zu verstehen und gleichzeitig das Veränderungspotenzial aufzeigen.

Zielgruppen

Zielgruppe dieses Buches sind Wissenschaftler, fortgeschrittene Studierende der Soziologie, Studierende im Gesundheitswesen mit soziologischem Interesse und Menschen, die sich mit der Professionalisierung der Pflege beschäftigen. Die Ergebnisse sind auch für Praktiker im Krankenhaus interessant, wenn sie sich nicht durch die soziologischen Termini abschrecken lassen.

Diskussion

Die Ausführungen des Buches beschreiben eine empirische Untersuchung und deren Ergebnisse umfassend und ausführlich, inkl. einer fundierten wissenschaftlich, soziologisch begründeten Darlegung der Methodologie. Dadurch sind das Vorgehen und damit das Entstehen der Ergebnisse sehr gut nachvollziehbar. Die empirischen Ergebnisse werden schrittweise sehr gut zu Zwischenergebnissen zusammengefasst. Dadurch werden die LeserInnen in dem ausführlichen Untersuchungsprozess sehr gut bei der Verdichtung zu den Endergebnissen mitgenommen. Die Ergebnisse der Untersuchung geben Interessante Hinweise für die Professions- und Geschlechterbeziehungen im Krankenhaus, aus denen abgeleitet werden kann, welche Maßnahmen zur Beseitigung der Professions- und Geschlechterdifferenzen hilfreich sein können.

Fazit

Eine fundierte soziologische Betrachtung (Theorie und Empirie) des gestellten Themas, aus dem interessante Hinweise zu Veränderungen abgeleitet werden können.


Rezension von
Prof. Dr. Christine Güse
Professorin an der Fakultät für Gesundheit und Pflege der Evangelischen Hochschule Nürnberg, verantwortliche für den Studienschwerpunkt Krankenhausmanagement
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Zitiervorschlag
Christine Güse. Rezension vom 22.06.2011 zu: Kirsten Sander: Profession und Geschlecht im Krankenhaus. Soziale Praxis der Zusammenarbeit von Pflege und Medizin. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. ISBN 978-3-86764-164-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7354.php, Datum des Zugriffs 03.07.2020.


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