socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sylvia Terpe: Ungerechtigkeit und Duldung

Cover Sylvia Terpe: Ungerechtigkeit und Duldung. Die Deutung sozialer Ungleichheiten und das Ausbleiben von Protest. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. 211 Seiten. ISBN 978-3-86764-142-5. 29,00 EUR, CH: 49,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autorin und Entstehungshintergrund

S.Terpe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Kultursoziologie an der Universität Hildesheim. Das Buch ist die Dissertation der Autorin, die sie an der Universität Hall-Wittenberg eingereicht hat.

Thema und Aufbau

In vier Kapiteln handelt die Verfasserin die folgenden Themen ab:

  1. „Ungerechtigkeit als Thema öffentlicher und soziologischer Diskurse“,
  2. „Was ist Ungerechtigkeit?“,
  3. „Dimensionen von Ungerechtigkeit“ und
  4. „Von der Schwierigkeit, etwas als ungerecht wahrzunehmen“

Grundidee des interessanten Buches ist es, die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit und die Reaktionen auf Ungerechtigkeit darzustellen. Die Autorin will einen „theoretischen Ansatz zur Analyse von Ungerechtigkeiten und ihren handlungs(de-)motivierenden Potentialen“ entwickeln und strebt an „unter Rückgriff auf sozialhistorische und –psychologische Beiträge“ einen Ansatz zu konzipieren, „der den kognitiven und emotionalen Gehalten von Ungerechtigkeitserfahrungen Rechung trägt.“

Der Klappentext verweist des Weiteren darauf, dass es insbesondere um die „alltagsweltlichen Zuschreibungen von Verantwortung für soziale Missstände einerseits sowie den Prozessen der kategorialen Grenzziehung zwischen Akteuren andererseits“ geht.

Ausgewählte Inhalte

Die aktuellen Debatten vermitteln den Eindruck, als sei „Ungerechtigkeit“ eines der großen Themen unserer Zeit. Die Autorin verweist u.a. auf die Agende 2010, die “Hartz IV“-Reformen, die Unternehmenssteuerreform, die Ankündigung von Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete, die familienpolitischen Instrumente wie das Elterngeld und dessen einkommensabhängige Bezugshöhe, aber auch die ungleiche Verteilung von materiellen Gütern und fehlende Chancengleichheit.

Im Mittelpunkt der soziologischen Forschung - so Terpe - stehe bisher aber nicht die „Ungerechtigkeit“, sondern bisher würde der Aspekt der „Gerechtigkeit“ dominieren. Die Autorin strebt deshalb an, die Ungerechtigkeit zu erfassen, sowohl in ihren „Erscheinungsformen“ als auch unter dem Aspekt „stillschweigender Missbilligung und resignativer Hinnahme“ (S.11.).

Zunächst geht die Verfasserin .auf die bisherige Gerechtigkeitsforschung kritisch ein. Kritisch deshalb, um über „alternative und (…) noch nicht erfasste Variationen von ungerechten Erfahrungen nachzudenken“ ( (S.12). Dazu wäre der Blick über die fachwissenschaftlichen Grenzen notwendig.

Im anschließenden Teil der Arbeit betrachtet die Autorin die Dimensionen von Ungerechtigkeit. Es geht um die „Dimension der Verantwortungszuschreibung“. Es soll erfasst werden, „ unter welchen Bedingungen dauerhafte soziale Verhältnisse oder kurzfristige Ereignisse überhaupt al eine moralisches Problem gedeutet werden und folglich eine Qualifizierung als (un-)gerecht zulassen“ (S.13).

Die Autorin erkennt zwei unterschiedliche komplementäre Formen von Ungerechtigkeit: Zum einen in der Tradition der Gerechtigkeitstheorien tritt Ungerechtigkeit „als die Verletzung ausdrücklicher Gerechtigkeitsvorstellungen und – ideale in Erscheinung“, „mithin Ungerechtigkeit also des Gegenpols der Gerechtigkeit bedarf“. Demgegenüber steht die von „Moore, Shklar und Honneth vorgeschlagene Sichtweise, Ungerechtigkeit als eigenständiges Phänomen zu begreifen.“ „An die Stelle gerechter Verteilungen treten bei ihnen die Normalität der Alltagswelt und die unhinterfragten Gegebenheiten des Status quo“ (. S.59).

Aus der Sicht der Verfasserin lassen sich jedoch beide theoretischen Konzeptionen miteinander verbinden. Die Kritik von Moore, Honneth und Shklar an der sozialwissenschaftlichen Gerechtigkeitstheorie negiere, dass Akteure durchaus über Vorstellungen von Gerechtigkeit verfügten und ihnen verschiedenen Gerechtigkeitsprinzipien nicht fremd seien. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass die Menschen aus Verletzungen von Gerechtigkeitsvorstellungen schließen, es würde eine Ungerechtigkeit vorliegen.

Menschen verfolgen im Prinzip Normalisierungsstrategien, sog. „accounts“, um Unstimmigkeiten einer Situation in die Alltagswelt zurückzuführen und bedienen sich der Mechanismen des „korrektiven Ausstauschs“ wie sie Goffman skizziert hat. Die Menschen suchen nach Erklärungen, Entschuldigungen, so dass nach Abschluss einer Interaktion die sozialen Beziehungen wieder intakt sind. Sie stellen dann eben fest, dass keine Ungerechtigkeit vorliege (S.34).

Die „accounts“ geben den Ereignissen einen Sinn, und führen in die Normalität der Alltagswelt zurück. Diese Normalisierungsstrategien können sich dem Charakter der Mechanismen des „korrektiven Ausstauschs“ annähern, „insofern sie dazu dienen, die sich ausbildenden positiven Gerechtigkeitsvorstellungen zu präzisieren“ (S.64). Doch dies wird insgesamt als Prozess gesehen, denn die Vorstellungen zu Ungerechtigkeit sind ein dynamischer Prozess, in dessen Verlauf sich die Einschätzung wieder ändern kann.

Die Autorin setzt sich gleichfalls mit dem Stellenwert von Emotionen, den affektiven Regungen und Kognitionen bei Ungerechtigkeitserlebnissen auseinander (S.65ff.). Hier erkennt die Verfasserin eine stärke Rolle der Emotionen als bisher in der Forschung wahrgenommen, die„ nicht nur das Resultat von Ungerechtigkeitseinschätzungen sein können, sondern, dass sie darüber hinaus ein notwendiges Bindeglied zu den potentiellen Handlungsvollzügen darstellen“(S.81). Ungerechtigkeiten, die ihren Ausgang in der Verletzung von Gerechtigkeitsvorstellungen nehmen, können als Empfindungen qualifiziert werden (S.83). Insgesamt stellen Ungerechtigkeitserfahrungen „stets eine Mischung aus kognitivem Urteil und affektiver Empfindung dar, die jeweils eine spezifische Rolle im Wahrnehmungsprozess spielen“(S.90). Dennoch kommt den Gefühlsregungen eine besondere Aufmerksamkeit zu.

Im dritten Teil des Buches wird dargestellt, „wie es den Mechanismen des korrektiven Ausstausch und der accounts gelingt, die Wahrnehmung potentieller Ungerechtigkeit abzuwenden (S.91ff.) Hier wird auch die soziale Bewegungsforschung thematisiert, sowohl unter dem Aspekt der Entwicklung einer handlungsmotivierenden Einschätzung von Ungerechtigkeitserfahrung, aber auch einer möglichen lähmenden und das Handeln blockierenden Wirkung.

Über die Erklärungsansätze sozialer Bewegungen in ihrer strukturalistischen und kulturalistischen Variante hinaus, setzt sie sich mit der „Collectiv-Behavior“-Forschung und dem „Framing-Ansatz“ auseinander und seine unterschiedlichen Varianten. In der Framing-Forschung wird insgesamt betont, einen Missstand nicht länger als nur ein individuelles wahrzunehmen (S.137).man erkennt, das andre Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben .

Die Autorin stellt einige spekulative Hypothesen auf, um die Bedeutung des identity frame, die Entwicklung einer Identifikationsrahmens im Kontext sozialer Bewegungen genauer zu erfassen und verdeutlicht, dass viele als ungerecht angesehenen Verhältnisse nicht zu einer organisierten, noch einmaligen oder spontanen kollektiven Aktion führen (S.142).

Insgesamt erkennt sie Forschungslücken in der Beschreibung und Untersuchung von Gefühlszuständen, die nicht durch individuelle Akteure, sondern durch korporative Akteure und soziale Einheiten ausgelöst werden (S.145).

Anschließend thematisiert die Verfasserin die Reichweite eines moralischen Universums und verdeutlich dies an der Diskussion um die Menschenrechte und umgrenzt die Bedeutung der Zuordnung von Menschen zu spezifischen Zugehörigkeiten, die kategoriale Grenzziehungen markieren. Es geht um das gemeinsame „universe of obligation“, die Ungerechtigkeiten hervortreten lassen können (147ff.).

In einer zusammenfassenden Darstellung präzisiert die Autorin ihre Erkenntnisse, die vor allem um die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit und ihre Verantwortungszuschreibung im Kontext der „accounts“ und deskorrektiven“ Austauschs durch die Individuen oszillieren.

Sie erkennt eine Omnipotenz des Gerechtigkeitsdiskurses, doch gleichzeitig ist es nur ein Bruchteil von Menschen, der sich gegen Ungerechtigkeit zu Wehr setzt. Es müsse deshalb darum gehen, sich mit den stillschweigenden und resignativen Formen von Ungerechtigkeit stärker auseinander zu setzen.

In den Dimensionen der Verantwortungszuschreibung, der Zuordnung zu Menschen als Verursacher eines Problems und der kategorialen Grenzziehung, der spezifischen Zugehörigkeit, lokalisiert sie zwei über die „accounts“ und den „korrektiven Austausch“ hinausgehende Mechanismen, die „in ihrer Wirkung die Chancen zur Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten beeinflussen“ (S.182).

Fazit

Die Autorin widmet sich einem Aspekt der bisher in der Forschung nur bedingt Beachtung fand, dem der Ungerechtigkeit. Im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen ist ihr Buch ein gelungener Beitrag, sich mit sozialer Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit intensiver auseinanderzusetzen. Sie wirft einen Blick auf die stillschweigende Hinnahme von Ungleichheit und gibt Hinweise auf die Mechanismen, dies es „Menschen unmöglich erscheinen lassen, sich gegen ihr Leid oder Not anderer zu Wehr zu setzen“ (S.195).

Das Buch ist systematisch aufgebaut. Die theoretischen Aspekte werden durch zahlreiche Praxisbeispiele belegt. Vielleicht hätten umfassendere gesellschaftstheoretische Ansätze, Interpretationen sozialer Ungleichheit, Ambivalenzen und deren Bewältigung, Lebenslagenanalysen in der (Post-) Moderne von Giddens bis Rosa oder der „Flüchtigen Moderne“ (Z. Bauman)noch stärker aufgegriffen werden können. Die Autorin beansprucht jedoch primär, die Bedeutungsgehalte zu erfassen, die sie in den „alltagweltlichen Auffassungen der Akteure selbst haben“ (S.183). Diese Eingrenzung ist also bewusst gewählt.

Insgesamt ein lesenswertes, ein unterschiedliche Facetten des Themas Gerechtigkeit- Ungerechtigkeit darstellendes Buch, das die Diskurse zum Thema bündelt. Dies Buch regt zum Nachdenken an.


Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
E-Mail Mailformular


Alle 56 Rezensionen von Friedhelm Vahsen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 23.07.2009 zu: Sylvia Terpe: Ungerechtigkeit und Duldung. Die Deutung sozialer Ungleichheiten und das Ausbleiben von Protest. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. ISBN 978-3-86764-142-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7355.php, Datum des Zugriffs 24.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht