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Eberhard Warns (Hrsg.): "Ich will Freiheit beim Malen"

Cover Eberhard Warns (Hrsg.): "Ich will Freiheit beim Malen". Kunst als autonome Kommunikation eines Menschen mit Demenz. EB-Verlag (Hamburg Schenefeld) 2008. 116 Seiten. ISBN 978-3-936912-87-6. 19,80 EUR.
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Thema

In dem Buch schildert die Herausgeberin und Mitautorin den gemeinsamen Weg, den sie mit ihrem Mann durch die Demenz gegangen ist. Dieser gemeinsame Weg war von der künstlerischen Tätigkeit ihres Mannes geprägt, durch welche die Autorin immer wieder neu einen Zugang zu ihrem Mann finden konnte. Neben der Schilderung ihrer Erlebnisse und Erfahrungen geht es in dem Buch um die Möglichkeiten des selbstbestimmten und authentischen Lebens in der Demenz und wie dieses unterstützt werden kann.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 10 Abschnitte, welche von unterschiedlichen Autoren verfasst sind.

  1. Vorwort (Harald Düspohl). Hier werden die zentralen Fragen des Buches und der Inhalt in knapper Form skizziert.
  2. Bis heute spricht er durch seine Bilder – Die Geschichte der Krankheit und der abstrakten Malerei meines Mannes. (Else Natalie Warns) Die Autorin beschreibt chronologisch ihren gemeinsamen Weg durch die Demenz. Dabei beginnt sie mit einem kurzen Rückblick auf ihr gemeinsames Leben, welches Grundlage für ihren Weg durch die Demenz ist. Sie beschreibt, wie im Jahre 1990 ein erster wahrgenommener Schlaganfall, das erste sichtbare Ereignis und Beginn einer Demenz, die sowohl vaskulär- wie alzheimerbedingt war. Frau Warns nimmt den Leser mit auf ihren gemeinsamen Weg durch die Demenz, verschont ihn nicht vor der Dramatik und der sich einstellenden Verzweiflung und dem Leiden. Gleichzeitig zeigt die Autorin auf, wie reich das gemeinsame Leben in der Demenz sein kann, wenn es ein unterstützendes soziales Umfeld gibt. So beschreibt sie, wie ihr Mann weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben und auch in seine vertraute Rollen gehen kann. Sie setzt sich kritisch mit ihrer eigenen Rolle als Begleiterin und Unterstützerin auseinander. Erst als sie sich öffnen kann für die von ihrem Mann ausgedrückten Bedürfnisse, kann sie ihm eine freie künstlerische Arbeit ermöglichen. Diese künstlerische Arbeit wurde im weiteren Weg zum Mittelpunkt ihres gemeinsamen Lebens. Sie geht im Weiteren auf die Bedeutung der künstlerischen Arbeit ihres Mannes für sie selbst ein, wie auch auf die positiven Reaktionen der Umwelt, die ihr Mann dadurch erfahren konnte.
  3. Demenzielle Erkrankung und künstlerische Entwicklung – Begleitung während dreier Jahre künstlerischer Arbeit (Beate Wefel) Die Autorin setzt sich in diesem Abschnitt mit der künstlerischen Arbeit Herrn Warns auseinander, zieht dabei Parallelen zu ihrer eigen künstlerischen Arbeit. Die Bedeutung der künstlerischen Arbeit als authentisches Ausdrucksmittel und Möglichkeit zur sozialen Teilhabe wird herausgearbeitet. Dabei wird das künstlerische Tun nicht therapeutisch eingeordnet, sondern als Bestandteil des gestalteten und sinnerfüllten Alltags. Jedoch auch die sich durch den fortschreitenden dementiellen Prozess ergebenden Herausforderungen und ihr Umgang damit, werden beschrieben. Ihre Ausführungen zu einzelnen Werken des Künstlers Herrn Warns sind dann auch nicht medizinisch deutend, sondern erfolgen aus einer künstlerischen Perspektive, worüber sie den Blick auf die Werke erweitert.
  4. Bilddokumentation (Eberhard Warns) In diesem Abschnitt des Buches werden in einem Bildteil 33 farbige Abbildungen der Werke Eberhard Warns gezeigt. Die Abbildungen sprechen aus sich heraus und benötigen keine weitere Kommentierung. Diese Abbildungen werden durch weitere in den Text eingestreute Schwarzweißabbildungen ergänzt und vermitteln ein Bild von dem, mit was Herr Warns sich im Verlauf seines künstlerischen Schaffens auseinandergesetzt hat. Da der Bildteil zeitlich chronologisch aufgebaut ist, ermöglicht dieser einen Nachvollzug der künstlerischen Entwicklung.
  5. Kunst als autonome Kommunikationsform eines demenziell Erkrankten (Else Natalie Warns) In diesem zweiten inhaltlichen Beitrag setzt sich Else Natalie Warns mit der Kunst als autonome Kommunikationsform bei Demenz auseinander. Sie plädiert für das Gespräch über die Werke, welche sie als autonomen Ausdruck des Menschen mit Demenz ansieht. Dabei setzt sie sich auch kritisch mit der Reminiszenzarbeit auseinander und fragt, ob ein wiederbeleben verlorengehender Erinnerungen der einzige Weg sei, die Persönlichkeit eines Menschen zu erhalten und ob nicht das Vergessen bestimmter Lebensereignisse, wie Krieg und Gefangenschaft nicht auch gesund seien. Sie plädiert für die Suche nach Begegnungsmöglichkeiten im Heute und diese hätte sie in den Werken ihres Mannes gefunden. Denn im bildnerischen Ausdruck ihres Mannes sieht sie seinen Versuch, sich aktuell mitzuteilen. Das Bildnerische ist ihrer Überzeugung nach zu seiner Sprache geworden, da seine verbalen Fähigkeiten verloren gegangen waren. So wird das Künstlerische zum Ausdruck im Hier und Jetzt und damit Ausdruck der Persönlichkeit, Ausdruck des Selbst eines Menschen. Ihre Sichtweisen begründet sie auf den philosophischen Betrachtungen Rudolf Prinz zur Lippe und verdeutlicht sie immer wieder an einzelnen Werkabbildungen aus dem Bildteil.
  6. „… Und es war gut“. Genesis 1,12 – Eberhard Warns bei den Sommerateliers im Burckhardthaus, Glenhausen (Christoph Riemer) In einem kurzen Beitrag beschreibt Christoph Reimer seine Begegnungen mit der Familie Warns und die künstlerische Ausdruckssuche Herrn Warns in der Sommerakademie. In diese Beschreibung eingebettet stellt er dar, nach welchem Konzept in der Sommerakademie gewirkt und gearbeitet wird.
  7. Eine Brücke zwischen Krankheit und Kunst – Beobachtungen des behandelnden Arztes (Michael Klemm) Nicht etwa eine medizinische Abhandlung zur Demenz, sondern eine sehr persönliche Schilderung über die eigene Verunsicherung in der Begegnung mit Herrn Warns nimmt einem mit durch diesen Abschnitt des Bandes. Michael Klemm schildert seine ersten Begegnungen, seine vorsichtige den Menschen wahrende erste Diagnostik. Sowie seinem Versuch gleichzeitig den verschiedenen Bedürfnissen, seines Patienten und denen seiner Frau nachzukommen. Immer wieder schildert Michael Klemm seine Empfindungen in der Begegnung. Beschreibt, wie er diesen Prozess als Mediziner und Mensch begleitet hat und verliert dabei auch die Angehörige nicht aus dem Bewusstsein.
  8. Sag mir wer ich bin? Eberhard! – Persönliche und theologische Überlegungen zur Krankheit seines Freundes (Heiner Aldebert) Sehr persönlich und bildhaft wird geschildert, wie Herr Warns erlebt wurde, der Leser wird mitgenommen zu einer Situation in der die Demenz für die Umwelt das erste Mal in Erscheinung tritt. Die Spannung der Situation ist fühlbar und auch der Bruch der durch diese entsteht. Heiner Aldebert stellt aus der Schilderung dieser Situation die Frage, ob der in diesem Moment entstandene Riss, einer bei Herrn Warns war, oder einer zwischen ihm und seinen Mitstreitern. Hieran schließt sich die Frage nach der Persönlichkeit eines Menschen an und ob diese verloren gehen kann und hier schließt sich unweigerlich die Frage nach der aktiven Sterbehilfe an. Was verbirgt sich hinter dem allgemeinen Schreckenbild der Demenz? Die eigene Erfahrung, dass der nicht mehr sprachfähige Eberhard Warns über seine Werke zu dem Autor sprach und ihm neues eröffnen konnte, überzeugen. Nicht als Forderung, sondern als Notwendigkeit wird formuliert, dass es unabdingbar sei, in der Begleitung eines Menschen mit Demenz offen zu sein für andere Ausdruckswege, sowie die Bereitschaft immer wieder neue Sprachen zu lernen. Mit einer am Psalm 139 orientierten Betrachtung des dementiellen Prozesses, wird der Blick auf die Veränderungen im Verlauf der Demenz geweitet.
  9. Du hast mich angesprochen – Eberhard Warns Bilder als Ausdruck transrationaler Intelligenz (Wolf Büntig) Wolf Büntig setzt sich in seinem Beitrag mit der Autonomie und dem Bewusstsein eines Menschen mit Demenz auseinander. Diese Überlegungen zur Autonomie konkretisiert er an seiner realen Erfahrung im Betrachten der Werke Herrn Warns und überführt diese dann wieder in allgemein gültige Aussagen. Die Werke sind ihm eine Brücke zu dem Menschen dahinter, denn es sind nicht die Bilder die zu ihm sprechen, sondern die Person dahinter, welch ihn in einen inneren Dialog führen würden. In seiner Auseinandersetzung mit der Demenz wird die Frage nach dem Sinn einer Demenz gestellt. Hierbei wird dem Gedanken nachgegangen, welche neuen Ressourcen die Demenz im Menschen freisetzen kann und wie diese in den Ausdruck kommen können und welche Bedeutung diese für die Gesellschaft haben können. In knapper Form führt er dabei den Gedanken der transrationalen Intelligenz ein.
  10. Kleine Biografie für Eberhard Warns. Ist eine kleine chronologische Auflistung wichtiger Lebensereignisse.

Diskussion

Der Titel des Buches „Ich will Freiheit beim Malen“ ist der eines Nachts herausgeschrienen Aussage ihres an Demenz erkrankten Mannes entliehen und dieser Ausruf fasst den gesamten Inhalt des Buches in prägnanter Weise zusammen. Die Autorin und Herausgeberin setzt sich in dem Buch mit der Frage des autonomen Ausdrucks und dessen Bedeutung für den von Demenz Betroffenen und dessen Angehörige auseinander. In einem Perspektivenwechsel erfolgt diese Betrachtung aus der Sicht der Angehörigen, wie auch mit dem distanziert reflektiven Blick der Theaterpädagogin und Lehrbibliodramatikerin. Erweitert wird die Betrachtung durch die Artikel der Mitautoren. Dieser Wechsel der Perspektiven erlaubt einen umfassenden Blick auf die Frage nach der Autonomie in der Demenz. Das Buch basiert auf der persönlichen Begleitung des eigenen Ehepartners, wie auch alle Mitautoren einen persönlichen Bezug zu dem an Demenz erkrankten Eberhard Warns haben. Dadurch sind die Betrachtungen und Schlussfolgerungen in sich sehr gut nachvollziehbar und bildhaft verständlich, was auch darin begründet ist, dass alle Autoren sich einer bildhaften Sprache bedienen. Bedacht werden muss, dass viele der geschilderten Erfahrungen aufgrund spezifischer Lebensumstände möglich waren und nicht so ohne Weiteres für allgemeingültig erklärt werden können. Nichts desto trotz steckt das Buch von Frau Warns voller gedankeninspirierender Überlegungen, die den Leser in die Verantwortung nehmen, diese auf andere Demenzverläufe und Lebenssituationen zu übertragen. Dies gilt auch für die künstlerische Tätigkeit Herrn Warns. Diese hat ihm nachvollziehbar einen Raum für den authentischen Ausdruck geöffnet, was nicht bei jedem Menschen mit Demenz so sein wird. Das Prinzip lässt sich jedoch auf andere nichtsprachliche Ausdrucksräume übertragen.

Fazit

Das Buch „Ich will Freiheit beim Malen“ setzt sich erfrischend anschaulich und kritisch mit mehreren grundlegenden Fragen in der Begleitung von Menschen mit Demenz auseinander. Dabei nimmt sie den Leser auf ihren gemeinsamen Weg durch die Demenz mit, verschont ihn nicht vor der Dramatik und der sich einstellenden Verzweiflung und dem Leiden. Und doch sind ihre Darstellungen der Situationen sehr hoffnungsvoll, zeigen sie doch gleichzeitig auf, wie reich das gemeinsame Leben in der Demenz sein kann, wenn es ein unterstützendes soziales Umfeld gibt. Es gelingt ihr, weiterhin mit ihrem Mann am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Das Buch macht Mut, individuelle Wege zu gehen in denen das Bedürfnis nach Autonomie der Menschen mit Demenz seinen Platz findet. Mich hat das Buch tief berührt, da es in seiner Sprache die tief verankerte Liebe Frau Warns zu ihrem Mann spiegelt.


Rezensent
Dipl.-Gerontologe Michael Ganß
Dipl.-Kunsttherapeut. Mitarbeiter der Demenz Support Stuttgart gGmbH
Homepage kunstdialog.com
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Zitiervorschlag
Michael Ganß. Rezension vom 01.02.2009 zu: Eberhard Warns (Hrsg.): "Ich will Freiheit beim Malen". Kunst als autonome Kommunikation eines Menschen mit Demenz. EB-Verlag (Hamburg Schenefeld) 2008. ISBN 978-3-936912-87-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7357.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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