socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Maike Plath: Biografisches Theater in der Sekundarstufe

Cover Maike Plath: Biografisches Theater in der Sekundarstufe. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. 160 Seiten. ISBN 978-3-407-62638-7. D: 19,95 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,80 sFr.

(Beltz Praxis).
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Maike Plath hat zu einem wichtigen pädagogischen Komplex ein gut handhabbares Buch über den Umgang mit dem kreativen Medium "Theater" geschrieben. Sie führt den Pädagogen eindringlich den Aspekt vor, dass Lernen und Interesse entwickeln einen biografischen Zusammenhang braucht, um aus Lernen auch Lernerfolge zu erzielen. Der Hinweis auf den neurobiologischen Hintergrund, wie neuronale Speicherungen von biografischen Ereignissen funktionieren, ist zeitgemäß und äußerst hilfreich.

In der Publikation zeigt sich, dass Schule wieder stärker an der Identitätsbildung ihrer Schüler arbeiten sollte, weil es offenbar immer schwerer wird, eine ausgewogene Identität der Kinder und Jugendlichen über belastete Eltern, uferlose Medien und ein Sinn suchendes Schulsystem erfolgreich aufzubauen. Hier können theaterpädagogische Grundprinzipien auch hilfreich für Lehrer anderer Fächer sein und gerade für solche Lehrer, die die Inhalte ihrer Fächer gar nicht in der Nähe von Theateraktivitäten vermuten würden. Fortlaufend entwickelt sich dann das Buch zu einem praktischen Leitfaden mit vielen hilfreichen Übungen und extra eingefärbten Kästen, die konkrete subjektive Erfahrungen der Verfasserin aus ihrer eigenen Theaterarbeit enthält. Der Nutzer des Buches kann sich daran orientieren, um heikle Punkte zu vermeiden oder Schwerpunkte auch entsprechend herauszuarbeiten.

Autorin

Die Autorin Maike Plath kommt aus der Praxis. Sie ist seit vier Jahren an einer Hauptschule in Berlin-Neukölln tätig, also einem sozialen Schwerpunkt mit einem extrem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Sie bietet Weiterbildungen und Vorträge an und arbeitet im Vorstand des Bundesverbandes Darstellendes Spiel auch an der strukturellen Weiterentwicklung von Theaterspielen im schulischen Kontext.

Entstehungshintergrund

Das Buch hat einen überzeugenden Entstehungshintergrund; denn für Kinder und Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsstand oder einem fremden kulturellen Hintergrund sind spezielle Theaterformen wirkungsvoll, die aus der Sicht des Rezensenten bisher nur unzureichend publiziert worden sind. Die oft schwer zu motivierenden und in ihren Haltungen der mittelschichtorientierten Bildungsarbeit an Schulen nicht unbedingt zugewandten Jugendlichen, deren Probleme auch oft ihre Unsicherheiten, ihre Ängste und ihre mangelnde soziale Eingebundenheit sind, brauchen bei dem Versuch einer kulturellen Aktivierung über das Medium Theater sehr eigene Bedingungen, die Maike Plath multiperspektivisch und einfühlsam erläutert.

Aufbau und Inhalt

Der 160 Seiten umfassende Band stellt seine Inhalte in zwei Abteilungen vor: 50 Seiten widmen sich einer kritischen Betrachtung des schulischen Umfeldes, der dort aufzufindenden pädagogischen Grundhaltungen der beteiligten Lehrer, speziell auch die Haltungen der Spielleiter, zum Beispiel mit ihrer Nähe zu Opferhaltung, ihren Neigungen, sich als Therapeut zu begreifen oder ihrem Anspruch, sich als Regisseur aufzuspielen.

Auf 110 Seiten werden nach einem knapp überschaubaren Grundrepertoire theater-ästhetischer Mittel fünf Module vorgestellt. Sie sind nicht als strenge Module, wie etwa in den neuen Bachelorstudiengängen konzipiert, sondern eher als praxisnahe Unterrichtseinheiten mit beispielhaften methodischen Wegen und ausreichend vielen Varianten, aus denen die unterschiedlichen Spielleitertemperamente ihre Entscheidungen auswählen können. Das Buch bietet dem noch unerfahrenen Spielleiter gute Einstiegs- und Durchführungshinweise. Beim gegenwärtigen Wissens- Zuwachs der Theaterpädagogik sollte grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass Theater (oder Darstellendes Spiel) unterrichtende Lehrer (auch in Arbeitsgemeinschaften) mindestens über eine zweijährige Theater-Weiterbildung verfügen können. Dann scheinen sie in der Lage zu sein, mit den Hinweisen von Maike Plath gute Ideen in ihre Arbeit integrieren zu können. Der Deutsch-oder Musiklehrer ist meist für eine solche Arbeit ohne theaterspezifische Aus-oder Weiterbildung noch nicht ausreichend qualifiziert. Die Fachkollegen dieser Disziplinen würden das umgekehrt für ihre Fächer auch ablehnen.

Wenn es endlich soweit ist, dass die lange Probenarbeit in einer Abendaufführung einer größeren Öffentlichkeit gezeigt wird, dann sitzen oft auch Lehrer anderer Fächer im Publikum. Für sie ist das Erleben mancher Schüler, die sie aus ihrem Mathe-oder Biounterricht kennen, ganz oft ein überraschendes Erlebnis. Sie spüren plötzlich Seiten, Fähigkeiten, und Ressourcen mancher Schülerinnen und Schüler, die sie bisher nicht wahrgenommen haben. Es ist ein besonderes Verdienst der Verfasserin, dass sie diesen Lehrern zeigt, dass auch sie Möglichkeiten haben, ihren Unterricht mit wenigen theatralischen Mitteln qualitativ spürbar zu verändern. Hauptsächlich baut Maike Plath diese veränderte Lehrerhaltung über die Anwendung eines variablen Statusverhaltens auf. Sie nutzt hier die eindrucksvollen Erkenntnisse von Keith Johnstone aus dem Improvisationstheater.

Weiterhin wird in dem allgemeinen Teil des Buches deutlich, dass alte pädagogische Erfahrungen über die Bedeutung der Motivationssysteme und der ehrlichen persönlichen Wertschätzung wieder stark an Bedeutung gewinnen. Über den biografischen Weg zeigt Plath, wie die elementaren Erkenntnisse in die (theater-) pädagogische Konkretion gebracht werden können. Und wenn Pädagogen die Bedeutung dieser Grundhaltungen nicht sehen, dann wäre es wichtig zu hinterfragen, welchem Bildungsideal sie eigentlich dienen und ob dies noch Sinn macht. Wie im Ingo Scheller schon gezeigt hat, gilt dies für die Hauptschule und das Gymnasium gleichermaßen. Es sollte möglich sein, dem biografischen Bezug überall mehr Raum zu geben. Ein Hinweis auf die Arbeit von Scheller wäre nützlich gewesen, zumal er auch die Bedeutung der Theaterarbeit an Hauptschulen ausdrücklich hervorgehoben hat. (Scheller 1998)

Im praktischen Teil des Buches beschreibt die Autorin zunächst, was Spielleiter und Spielleiterrinnen wissen sollten. Dazu gehört die Aufzählung verschiedener theater- ästhetischer Mittel sowie die Einführung allgemeiner Feedback-Verfahren. " Es ist wichtig, mit den Jugendlichen zu trainieren, zunehmend konkrete Aussagen zu machen und auch ihre Beobachtungsfähigkeit dahingehend zu schärfen." (S. 59) Danach folgen Vorschläge, um Warming-ups zu gestalten, die Verbesserung der Konzentration zu fördern und an der grundsätzlichen Sensibilisierung sowie der Körperpräsenz zu arbeiten. Wirkungsvoll ist auch die Auftrittsübung 1 (S. 70)

Die anschließenden fünf Module, die auf 9 bis 21 Seiten dargestellt sind, orientieren sich an der Arbeit folgender Inhalte:

  • Modul 1: Körper, Bewegung, Ausdruck
  • Modul 2: Theaterästhetische Mittel
  • Modul 3: Tanz und Bewegung - von der Improvisation zur Komposition
  • Modul 4: Autobiografisches Material gewinnen und Ästhetisierung
  • Modul 5: Methoden des Inszenierens anhand einer textgebundenen biografischen Produktion

Im Modul 4 werden außerordentlich gute Hinweise gegeben, wie die biografische Vorarbeit an einem Theaterstück praktisch erfolgen kann. So sind z.B. die Assoziationskarten, die Körperlandkarte oder auch die Narbengeschichten solche Möglichkeiten. Bei Letzteren ist jedoch eine psychologische Führung der Spielleiter wichtig, was die Verfasserin in vorausgehenden Darstellungen jedoch eher ablehnen möchte. In der gründlichen biografischen Arbeit kommt der Spielleiter an derartigen Qualifikationen wohl nicht vorbei. Es wäre hilfreich gewesen, die Biografiearbeit etwas grundlegender vorzustellen, weil es hier im Bereich der Altenarbeit und auch in der neurobiologischen Forschung wichtige Grundlagen gibt, die an dieser Stelle nützlich sein könnten, z.B. K. Reich u.a. So könnte ein Ergebnis sein, biografische Erlebnisse im Arbeitsprozess nicht nur zu reproduzieren, sondern am Umbau bestehender neuronaler Verschaltungen zu arbeiten, also an der Bildung neuer Synapsen, die den Umbau bestehender Netzwerke einleiten könnte.

Obwohl es so aussieht, dass die Autorin der selbst entwickelten, biografisch geleiteten Theaterarbeit den Vorzug einräumt, ist das ausführlichste Modul des Buches die Inszenierung des Höhlengleichnisses von Platon. Dieser Teil ist in der Darstellung seiner methodischen Arbeitsschritte, der Übungen und Arbeitsimpulse, der Reflexionen und Anregungen sowie der Ergebnisse so animierend dargestellt, dass einerseits der Eindruck vertieft wird, welche Möglichkeiten die biografische Arbeitsweise bietet und andererseits viele Leser bestimmt Lust bekommen, mit ihren Schülern eine solche Inszenierung ebenfalls durchzuführen. Und es liegt in diesem Gleichnis so viel drin! „Ich bin über die Äußerungen der Schüler positiv überrascht. Wir redeten lange darüber, wie es kommt, dass die Menschen lieber an ihren ‚Schattenwahrheiten‘ festhalten, als die tatsächliche Wahrheit zu erfahren." Plath beschreibt sehr ausführlich, wie viele Assoziationen zu diesem Fragenkomplex kommen. Offensichtlich haben Schüler dieses Alters eine ganz hohe Empfindlichkeit gegenüber den Lügen, also den Schatten, die sie in ihrem Leben als ungeklärte Widersprüche schon erfahren haben. Es ist kein Zufall, dass Böhm, Schiefelbein und Seichter (2008) in ihrem Lehr- und Lernbuch „Projekt Erziehung“ das Höhlengleichnis an den Anfang stellen, aber nicht andeutungsweise so hilfreich auswerten, wie Maike Plath dies über den Ansatz des biografischen Theaters in der Schule aufzeigen kann.

Fazit

Das Fazit liegt auf der Hand: Theater unterrichtende Lehrer können sich freuen, einen Arbeitsansatz gezeigt zu bekommen, mit dem entwicklungsfördernde und identitätsstiftende Projekte geplant, strukturiert und durchgeführt werden können.


Rezension von
Prof. Edgar Wilhelm
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Edgar Wilhelm anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Edgar Wilhelm. Rezension vom 15.06.2009 zu: Maike Plath: Biografisches Theater in der Sekundarstufe. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. ISBN 978-3-407-62638-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7362.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung