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Roland Becker-Lenz, Silke Müller: Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit

Cover Roland Becker-Lenz, Silke Müller: Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen eines Professionsideals. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. 419 Seiten. ISBN 978-3-03-911759-8. D: 46,20 EUR, A: 47,50 EUR, CH: 67,00 sFr.

Reihe: Profession und Fallverstehen - 1.
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Thema, Autorin/Autor und Entstehungshintergrund

Die seit Jahren geführte intensive Debatte um Professionalität in der Sozialen Arbeit konnte bislang wenig benennen, welches Handeln als professionell angesehen werden kann. Die vorliegende Studie zu Handlungsproblemen und Habitusbildungsprozessen bei Studierenden der Sozialen Arbeit geht den Fragen nach, welche Kompetenzen Professionelle der Sozialen Arbeit haben müssen, auf welche Handlungsprobleme sich diese Kompetenzen beziehen und wie die Aufgaben der Ausbildung darin aussehen müssen. Auf dieser Grundlage wird ein Professionsideal der Sozialen Arbeit entwickelt.

Roland Becker-Lenz ist als Professor mit den Schwerpunkten Bildungs- und Professionsforschung sowie Sozialisationsforschung und Silke Müller als Diplomsoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin mit den Schwerpunkten Professionsforschung, sozialer Wandel und Religionssoziologie an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig.

Von den Autoren wurde eine viereinhalbjährige empirische Untersuchung zu Handlungsproblemen und Habitusbildungsprozessen bei Studierenden der Sozialarbeit/Sozialpädagogik an einer Schweizer Fachhochschule mit einem dualen Ausbildungsmodell (studienbegleitende Praxisausbildung) durchgeführt. Ulrich Oevermann unterstützte die Studie mit Ratschlägen. Finanziert wurde die Untersuchung durch die Fachhochschule Nordwestschweiz und publiziert mit Hilfe des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel stellen Roland Becker-Lenz und Silke Müller die Ziele ihrer Untersuchung sowie die Forschungsfragen vor: Besteht Unklarheit darüber, was professionelles Handeln ist? Was sind die typischen Handlungsprobleme der Praxis die Novizinnen und Novizen haben und welche Probleme liegen dabei auf der Ebene des Habitus? Die Untersuchung will Problemlösungen für die Handlungsprobleme rekonstruieren und aufzeigen, wie Habitusbildungsprozesse verlaufen um anschliessend daraus Vorschläge zu entwickeln wie die Habitusbildung unterstützt werden kann.

Im zweiten Kapitel legen die Autoren den Habitusbegriff von Pierre Bourdieu (1974) und Ulrich Oevermann (2001) dar. Sie beziehen sich in ihrer Studie auf den Habitusbegriff von Ulrich Oevermann. Die Autoren reflektieren im Anschluss daran die Notwendigkeit eines professionellen Habitus in der Sozialen Arbeit und beziehen sich darauf, dass der Habitus als „Gesamtheit einer verinnerlichten Struktur gelten kann, die auf der Ebene des Unterbewussten zentrale Persönlichkeitsmerkmale enthält und, als generative Grammatik, Wahrnehmen, Denken und Handeln bestimmt“ (22). Der professionelle Habitus ist demnach Bestandteil des Gesamthabitus. Die Autoren erachten es als zentral, dass für die Bildung des professionellen Habitus im Rahmen der Ausbildung die Bewusstmachung von Haltungen, die Veränderungen bestehender eigener Haltungen und die Verinnerlichung einer professionellen Grundhaltung als wichtig. Dabei sind für sie ein „spezifischer Berufsethos“ (23), die „Fähigkeit zur Gestaltung eines Arbeitsbündnisses“ (24) und die „Fähigkeit zum Fallverstehen“ (26) grundlegend.

Im dritten und vierten Kapitel werden von den Autoren Beiträge der berufsspezifischen Habitusbildung im Studium sowie Konzepte und Modelle professionellen Handelns vorgestellt und diskutiert. Danach wird die Habitusbildung von den meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Hochschulausbildung als zentral angesehen (u.a. Vosgerau 2005; Schweppe 2001; Thole et al. 2005). Was professionelles Handeln ist, so die Autoren, bleibt hier jedoch offen. Konzepte und Modelle professionellen Handelns sollen anschliessend klären, was unter Professionalität verstanden wird. Dazu werden Oevermanns strukturtheoretische Professionstheorie (1996), Fritz Schützes interaktionistisches Professionsmodell (1992), Maya Heiners Entwurf beruflichen Handelns auf empirischer Basis (2004) und Ulrike Nagels Professionalität als engagierte Rollendistanz (1997) hinzugezogen, ebenso wird der Diskurs in der Sozialen Arbeit dazu in Beziehung gesetzt.
Die Autoren arbeiten hier Übereinstimmungen und Differenzen heraus und stellen fest, dass es Gemeinsamkeiten in der Aufgabe der Autonomieförderung, dem hermeneutischen Fallverstehen und der Bedeutung von Paradoxien gibt. Mehrheitlich bestehen jedoch Differenzen, so dass nicht von einem Modell sozialarbeiterischer und sozialpädagogischer Professionalität gesprochen werden kann. Dies gilt für die Disziplin wie auch für die Berufspraxis und sie leiten daraus ab, dass dies für die Hochschule eine besondere Herausforderung darstellt, da „kein bestimmtes Modell von Professionalität“ (72) vorliegt.

Im fünften und sechsten Kapitel stellen die Autoren das methodische Vorgehen ihrer Studie vor. Es handelt sich um eine Längsschnittuntersuchung von Handlungsproblemen bei Studierenden der Sozialen Arbeit, ergänzt durch eine querschnittliche Untersuchung die allgemeine Handlungsprobleme von Studierenden mit einbezogen hat. Untersucht wurde eine Gruppe von neun Studierenden, die Fallauswahl folgte dem Kriterium des maximalen Kontrasts. Die Datenanalyse wurde mittels der objektiven Hermeneutik durchgeführt.
Im Kapitel 6 stellen die Autoren ihre Analyseergebnisse vor. Probleme die in der Handlungspraxis immer wieder sichtbar wurden, traten in den Bereichen der Klärung von Auftrag und Zuständigkeit, der Deutung der Fallproblematik unter Einbezug von theoretischem und empirischem Wissen, der Kompetenz zur Interpretation von Äusserungen der Klienten, geringe Kenntnisse in diffusen und spezifischen Sozialbezügen kompetent zu handeln, der Einschränkung von Selbstbestimmung und Methoden adäquat einzusetzen, auf. Die Autoren kommen deshalb zu der Feststellung, dass es im Studium nicht entwickelt wurde, den Aufbau von habituellen Kompetenzen zu ermöglichen. In der Ausbildung wurde demnach wenig auf Komponenten des professionellen Habitus geachtet und ebenso wenig auf eine angemessene Berufsethik. Die Autoren sehen insgesamt „eine geringe Bildungswirkung des Studiums auf dieser Ebene“ (331), deren Ursachen jedoch auch in der Praxisausbildung liegen.

Diese Erkenntnisse führen die Autoren dazu, sich im siebten Kapitel der Analyse des Berufskodex zuzuwenden. Zum Schutz der Klienten und der Verpflichtung der Professionellen die körperliche und seelische Integrität der Klienten zu wahren, müsste die Praxis einem Berufsethos und einer Berufsethik folgen. Die Autoren stellen fest, dass der Berufskodex des Schweizerischen Berufsverbandes den Auftrag und die Ziele der Sozialen Arbeit nicht explizit erwähnt, ebenso enthält der Kodex keine verbindliche Grundhaltung, so dass die Autoren zu der Aussage gelangen, „dass es dem Berufsstand an Autonomie und fachlicher Sicherheit mangelt“ (356).

Im achten Kapitel zum Professionsideal leiten Roland Becker-Lenz und Silke Müller aus den Untersuchungsergebnissen ab, dass es keinen verbindlichen, gültigen und angemessenen Bezugsrahmen für das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit gibt. Sie machen einen Vorschlag für einen Bezugsrahmen, der eine Grundlegung eines Professionsideals darstellt. Eine solche Grundhaltung sehen die Autoren in den Punkten der Entwicklung bzw. Wiederherstellung von Autonomie und/oder Integrität, die eigeninteressierte Mitwirkung des im Zentrum stehenden Menschen. Die Soziale Arbeit ist somit den Interessen der Gemeinschaft und zugleich den des konkreten Gegenübers verpflichtet.

Das neunte Kapitel beinhaltet die Empfehlungen der Autoren für die Gestaltung der Ausbildung. Roland Becker-Lenz und Silke Müller sehen die Aufgabe der Hochschulen darin, einen professionellen Habitus zu ermöglichen. Bereits vor dem Studium bilden sich Haltungen die im Studium bewusst gemacht werden, die teilweise korrigiert und neue habituelle Komponenten (Versuch und Irrtum) erarbeitet werden müssen. Sie plädieren für ein einheitliches Professionskonzept, da unterschiedliche Professionskonzepte auf der Habitusebene schwierig sind für die Orientierung der Studierenden. Auch wenn die Fähigkeit zum Fallverstehen bei den Studierenden und auch in der Praxis anzutreffen ist, stellt sich für sie die Frage, wie der Habitus gebildet werden muss. Ein solcher Habitus existiert ihrer Meinung nach noch wenig bei Lehrenden und bei den Fachkräften der Sozialen Arbeit. Die Autoren plädieren in Bezug auf die Bildungsprozesse an der Hochschule u.a. dafür, dass Aufnahmeprüfungen durchgeführt und Inhalte wie Methodik des Fallverstehens, die Gestaltung von Arbeitsbündnissen, kontinuierlich laufende Fallwerkstätten angeboten werden. Da sich die Habitusbildung primär in der Praxis vollzieht, kommt der Zusammenarbeit zwischen Praxisausbildung und Hochschule eine besondere Bedeutung zu. Die Praxis sollte die Grundprobleme des Berufs und bewährte Standpunkte und Handlungsmodelle anbieten, die Hochschule hingegen den Bildungsprozess überprüfen.

Fazit

Den Autoren ist es sehr gut gelungen, empirisch gestützt die Notwendigkeit eines professionellen Habitus in der Sozialen Arbeit aufzuzeigen und daraus Aufgaben abzuleiten, die sich für die Hochschule stellen. Die Verbindung von Konzepten und Modellen professionellen Handelns, diskutiert mit Stellungnahmen zu Fragen des beruflichen Handelns (Doppeltes Mandat, Dienstleistung) und den Strittigkeiten des Fachdiskurses (Verhältnis von Theorie und Praxis), liegt in der Form bisher nicht vor und ist deshalb ein weiterer positiver Beitrag der Autoren.

Gerade vor dem Hintergrund veränderter ökonomischer Bedingungen und daraus resultierender Anforderungen an die Soziale Arbeit ist die Entwicklung eines Habitus unabdingbar und bietet die Ausgangslage dafür, Autonomie und Integrität von Klienten zu unterstützen und dies gegenüber anderen Professionen zu vertreten. Die Frage die sich wohl eher stellt ist, ob durch veränderte Rahmenbedingungen im Studium der Sozialen Arbeit Grundlagen für die Bildung des professionellen Habitus ausreichend vermittelt werden können und ob die Kooperation zwischen Hochschule und Praxisausbildungsorganisationen weiterentwickelt wird.

Das Buch von Roland Becker-Lenz und Silke Müller gibt Fachpersonen aus Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, wenn sie am Thema Zusammenarbeit von Hochschule und Praxis interessiert sind, wertvolle Anregungen. Studierende die einen vertieften Einblick in das professionelle Handeln der Sozialen Arbeit erhalten möchten, kann das Buch ebenfalls empfohlen werden.


Rezensentin
Prof. Sigrid Schilling
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Studienzentrum HSA FHNW


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Zitiervorschlag
Sigrid Schilling. Rezension vom 04.02.2010 zu: Roland Becker-Lenz, Silke Müller: Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen eines Professionsideals. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. ISBN 978-3-03-911759-8. Reihe: Profession und Fallverstehen - 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7367.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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