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Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt u.a.: Bildung Älterer. Chancen im demografischen Wandel

Cover Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt, Simone Schnurr, Simone Sinner, Catharina Theisen: Bildung Älterer. Chancen im demografischen Wandel. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-7639-1971-0. 44,90 EUR, CH: 76,00 sFr.

Reihe: DIE spezial.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band dokumentiert Ergebnisse eines Forschungsprojektes das an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in den Jahren 2006 bis 2008 durchgeführt wurde. Mit dem Projekt sollten Bildungsverhalten und Bildungsinteressen der 45- bis 80-Jährigen in Deutschland umfassend untersucht und damit eine Wissenslücke geschlossen werden, die vor dem Hintergrund der bekannten demografischen Entwicklung in modernen Gesellschaften an Dringlichkeit zunimmt. Neben der Beteiligung an formaler und informaler Bildung standen vor allem die Anforderungen an Bildungsmaßnahmen im Hinblick auf didaktische Handlungsfelder – Programmplanung, Beratung, Kursgestaltung etc. - im Mittelpunkt.

Ausgangspunkt und Anlage der Studie

In Kapitel I werden Ausgangspunkt und Anlage der Studie expliziert. Die sehr große Altersgruppe der 45- bis 80-Jährigen wird unterteilt in die Gruppe der 45- bis 65-Jährigen, die überwiegend noch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, und der Gruppe der 66- bis 80-Jährigen, für die ein weiter gefasstes Verständnis von Weiterbildung (etwa Gesundheitsprävention, soziale Aktivitäten, ehrenamtliches Engagement) anzunehmen sei. Der sich daraus ergebenden Breite der Fragestellungen begegnete das Forschungsteam mit einem komplexen, multimethodischen, vierstufigen Untersuchungsdesign, das quantitative und qualitative Zugänge kombinierte: In den dreizehn Interviews mit ExpertInnen aus Gerontologie und Erwachsenenbildung sollte Insiderwissen für die dann folgenden quantitativen wie qualitativen Erhebungen gewonnen werden. (Nur zwei kleine Bemerkungen am Rande: Bei der Sichtung der interviewten ExpertInnen (S. 23f) fällt auf, dass hier viel akademische Prominenz versammelt ist. Hier wäre auch eine stärkere Beteiligung von pädagogischen MitarbeiterInnen aus Volkshochschulen und anderen Institutionen der Erwachsenbildung denkbar gewesen, solchen Personen also, die im Alltag Bildungsarbeit gestalten. Und: Der auf S. 23 für den Anhang versprochene Gesprächsleitfaden fehlt leider). In der als zweitem Schritt folgenden Repräsentativerhebung konnten 4.909 Interviews realisiert werden. Auf der dritten Ebene wurden 16 Gruppendiskussionen durchgeführt, wobei neben dem Alter weitere Dimensionen (Wohnformen, Schulabschluss, Geschlecht etc.) umsichtig berücksichtigt wurden. Als vierte Ebene folgten 73 Tiefeninterviews, deren TeilnehmerInen ebenfalls nach ausgewiesenen Kriterien rekuriert wurden.

Überblick über die Ergebnisse

Die folgenden Kapitel stellen Ergebnisse der Untersuchung nach zentralen thematischen Feldern dar:

  1. Bildungsverhalten Älterer
  2. Lernfelder
  3. Didaktische Gestaltung von Bildungsangeboten
  4. Zielgruppendifferenzierung.

In diesem Rahmen kann unmöglich die Fülle der Daten auch nur annähernd wieder gegeben werden. Es sollen hier nur einige Streiflichter folgen:

  • Deutlich wird in der Studie die Fortsetzung der Bildungsteilnahme bis in das hohe Alter; die hohe Korrelation zwischen Schulabschlüssen und Weiterbildungsaktivitäten lässt einen Anstieg der Bildungsbeteiligung Älterer erwarten. Bildungsträger sind aufgefordert, hierauf zu reagieren, indem sie sowohl altershomogene als auch generationenübergreifende Angebote vorhalten.
  • Bisherige Forschungsbefunde untermauernd erwies sich das Bildungsniveau als wesentliche gesundheitspräventive Größe. Ältere Männer nehmen deutlich seltener an organisierter Gesundheitsbildung teil.
  • Zusammenhänge zwischen Bildungsprozessen und sozialen Netzwerken zeigen sich in dreierlei Form: Das nähere soziale Netzwerk (Familie, Freunde) wird als wesentliches Lernfeld beschrieben; Menschen aus dem sozialen Umfeld sind häufig Initiatoren für eine Bildungsteilnahme; der Aufbau neuer Kontakte ist für manche Ältere ganz offensichtlich ein wichtiges Motiv, an Bildungsangeboten teilzunehmen.

Formal fällt vor allem auf, dass die Ergebnisse sehr ansprechend, gut gegliedert, anschaulich und nachvollziehbar präsentiert werden. Hilfreich ist bei der vorgelegten Datenfülle auch das das jeweilige Kapitel abschließende kurze Fazit (ca. ein bis zwei Seiten). Das letzte Kapitel formuliert Forschungsdesiderate und Handlungsempfehlungen.

Fazit

Die vorgelegte Studie stellt eine anspruchsvolle und breit und sorgfältig durchgeführte Untersuchung zu einem bislang vernachlässigten Thema dar. Der Band bietet eine Fülle interessanter Einblicke in das Bildungsverhalten und Bildungsbarrieren älterer Menschen.

Irritierend ist das systematische Ignorieren sozialpädagogischer Erkenntnisse und Zugänge zum Bildungsdiskurs. In der umfangreichen Literaturliste sucht man einschlägige Publikationen etwa von Lothar Böhnisch, Franz Hamburger und Hans Thiersch u.a. vergeblich. Dies ist umso erstaunlicher, als ja die Studie selbst völlig zu Recht klassische Felder der Erwachsenenbildung überschreitet und Formen informeller Bildung in den Bereichen Gesundheitsbildung, Soziale Netzwerke und freiwilliges Engagement mit einbezieht. Gerade in diesen Bereichen aber liegen seit längerem fundierte sozialpädagogische Erkenntnisse vor. Leider reproduziert der Band damit die versäulte Landschaft in der Erziehungswissenschaft, in der es zwischen Erwachsenenbildung und Sozialpädagogik kaum Berührungspunkte gibt; und dies obwohl der Gegenstand - die Perspektive lebenslangen Lernens, die stärkere Verschränkung von Bildung und Lebensbewältigung im Lebenslauf - dies dringlicher erfordert denn je.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 07.11.2009 zu: Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt, Simone Schnurr, Simone Sinner, Catharina Theisen: Bildung Älterer. Chancen im demografischen Wandel. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-7639-1971-0. Reihe: DIE spezial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7373.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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