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Christiane Thompson: Bildung und die Grenzen der Erfahrung

Cover Christiane Thompson: Bildung und die Grenzen der Erfahrung. Randgänge der Bildungsphilosophie. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. 280 Seiten. ISBN 978-3-506-76721-9. 36,90 EUR, CH: 63,00 sFr.

Reihe: Theorieforum Pädagogik - 1.
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Inhalt

Die Autorin versucht in der Publikation, den Bildungsbegriff mit dem der Erfahrung zu konfrontieren und hierdurch neue Problembezüge aufzuzeigen. Bildungsphilosophische Überlegungen erfahren heute eine schwerwiegende Vernachlässigung. Eine Engführung von “Bildung” zeigt sich auch darin, dass der Begriff vielfach durch “Kompetenz” ersetzt wird, und somit seiner Tiefe verlustig geht. Die Studie ist daher auch ein wichtiger Beitrag, um einer ökonomischen Verflachung des Bildungsbegriffes beizukommen.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung, die die Fragestellung skizziert und erläutert, in welcher Weise der Bildungs- dem Erfahrungsbegriff entgegengestellt werden soll, folgt eine Beschreibung des Aufbaus der Studie, die zugleich einen gewissen inhaltlichen Einblick gibt.

Kapitel I - Grenzbestimmungen von Bildung und Erfahrung: Zur Signatur von “Bildung” im Rahmen einer ‘anderen Theorie der Moderne‘. Hier werden zunächst mit Kant und Hegel zwei mögliche Herangehensweisen an den Erfahrungsbegriff dargelegt, damit aber auch eine Grundlage für das Verständnis der noch folgenden Adorno-Lektüre geschaffen. Mit Humboldt folgt nun die Beschäftigung mit der Bildungstheorie schlechthin. Dies geschieht sehr differenziert, verschiedene Interpretationsweisen werden auf das Ziel der Studie hin ausgelotet. Dewey, Meleau-Ponty und Kokemohr bilden weitere Referenzpunkte, um eine Annäherung an die Problemstellung zu ermöglichen.

Kapitel II - Negative Dialektik der Bildung: Erfahrung im Zeichen des Nichtidentischen (Theodor W. Adorno). Die Autorin erläutert zunächst kurz die Relevanz Adornos für die heutige Erziehungswissenschaft und setzt sich anschließend mit seiner “Theorie der Halbbildung” auseinander, Es wird herausgearbeitet, dass Bildung nicht einfach als Gegenbegriff zur kulturindustriellen Halbbildung verstanden werden kann, sondern dass im Bildungsbegriff, wie er etwa bei Humboldt zu finden ist, bereits der Verfall von Bildung angelegt ist. Diese Art dialektischen Denkens, die eine identifizierende Beschreibung von Bildung unmöglich macht, wird anhand der “Negativen Dialektik” weiter verdeutlicht. Kant und Hegel treten hier in ihrer Rezeption durch Adorno wieder auf. Die Auseinandersetzung mit dem “Rätselcharakter “der Kunst und mit der eigentlich unmögliche Aufgabe der Philosophie, das Nichtidentische in Begriffe fassen zu müssen, tragen dazu bei, die aporetisch anmutende Argumentation Adornos im Gesamtkontext zu begreifen und auch seiner Auffassung von “Erfahrung” näher zu kommen.

Kapitel III - Erfahrung als Entsubjektivierung (Michel Foucault). Nach einer kurzen Einführung in die Eigenarten von Foucaults Denken und Werk im Horizont der vorliegenden Problemstellung folgt die inhaltliche Auseinandersetzung. Als erstes wird die Bedeutung von Foucaults Machtanalytik untersucht, wobei Macht gerade auch hinsichtlich ihrer produktiven Wirkweise in den Blick genommen wird. Arbeiten von Ricken geben wichtige Hinweise für eine “Genealogie der Bildung” und stellen schließlich die theoretische Verwendbarkeit des Bildungsbegriffs sogar gänzlich in Frage. Mit Lüders wird eine Gegenposition dargestellt. Es wird nun herausgearbeitet, dass die Foucault-Interpreten insgesamt hinsichtlich der Frage, ob am Bildungsbegriff festzuhalten sei oder nicht, keinesfalls zu einem Konsens gefunden haben.
Auf den Spuren Nietzsches wird dieser schließlich als Vordenker Foucaults in den Gedankengang miteinbezogen, wobei dieser jedoch bei seiner Genealogie-Konzeption von jenem abweicht. Inwiefern eine Subjektivierung durch Macht geschieht, wird anhand von Butler erörtert. Kritik, verstanden als “Ontologie der Gegenwart” und als eine bestimmte Haltung, verweist auf ein von Kant verschiedenes Verständnis von Aufklärung und zugleich auf einen Erfahrungsbegriff, der machtinduzierte Subjektivationen impliziert ohne vorab deren Qualität näher zu bestimmen. Bildung und Erfahrung offenbaren sich mit Foucault als machtaffiziert und nicht einfach greifbar.

Schlussbemerkungen. Die Schlussbemerkungen rekapitulieren noch einmal den Verlauf des bildungsphilosophischen Rundgangs. Die Haupteferenzpunkte der Kritischen Theorie nach Adorno und des Poststrukturalismus nach Foucault werden versucht zusammenzuführen zu einer Conclusio, die jedoch keinesfalls als abschließende Definition zu verstehen ist, was denn nun Bildung unter Einbeziehung des Erfahrungsbegriffs eigentlich sei. Vielmehr soll der Begriff der “Inszenierung” als Ausgangspunkt weiterer bildungsphilosophischer Überlegungen genommen werden, um so mit der paradoxalen und in Machtgefügen fluktuierenden Struktur von Bildung umzugehen und ihre Aufgabe in der Erschließung von Möglichkeitsräumen zu sehen.

Diskussion

Es handelt sich um ein Werk, das sich dem Leser keinesfalls bereits beim schnellen “Überfliegen” aufschließt. Einige Vorkenntnisse sind auch sicherlich von Nutzen. Verwendete Begriffe wie “tropologisch” und “katachretisch” brachten neben der Rezensentin auch einige Online-Fremdwörterlexika in Verlegenheit. Die Mühe einer eingehenden Lektüre lohnt sich jedoch, da die Gedankengänge sehr differenziert und bildungsphilosophisch fundiert erfolgen. Dass solche Mühen vielfach gescheut werden, ist angesichts der bereits oben kritisierten Verkürzung des Bildungsbegriffs auf “Kompetenzerwerb” schade, jedoch mit Blich auf eine entmündigende, ausufernde Didaktisierung und dem übergreifenden Postulat nach “Praxisorientierung” auch im Bereich der Hochschulbildung auch nicht allzu verwunderlich. Am Buch allenfalls in Frage zu stellen wäre, ob Adorno und Foucault tatsächlich so auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind, wie die Autorin dies vornimmt, oder ob Adorno, der mehr in kantischer (und natürlich hegelscher) Tradition steht, anders als Foucault, der in seinem Denken mehr Nietzsche folgt und daher eher einem Relativismusvorwurf (ob berechtigt oder nicht sei an dieser Stelle dahingestellt) ausgesetzt ist, hier nicht ein wenig Gewalt angetan wird, auch weil bei ihm das Subjekt nicht solcher Art wie bei Foucault von außen konstituiert wird. Der Versuch, beide Autoren übereinzubringen und nicht unverbunden nebeneinander stehen zu lassen, ist jedoch in jedem Falle zu würdigen.

Fazit

Das Buch ist lesenswert und wird hoffentlich auch auf entsprechendes Interesse stoßen.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 08.12.2009 zu: Christiane Thompson: Bildung und die Grenzen der Erfahrung. Randgänge der Bildungsphilosophie. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. ISBN 978-3-506-76721-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7381.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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