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Ludger Kolhoff, Iris Kolhoff-Kahl: Projektgebundene Kinder- und Jugendarbeit

Cover Ludger Kolhoff, Iris Kolhoff-Kahl: Projektgebundene Kinder- und Jugendarbeit. Das Modellprojekt Pro 11 in Wolfsburg. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. 135 Seiten. ISBN 978-3-8329-3733-1. 24,00 EUR, CH: 42,10 sFr.

Reihe: Forschung und Entwicklung in der Sozialwirtschaft - Band 5.
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Entstehungshintergrund

Zum Hintergrund: 2003 identifizierten die für die Jugendarbeit in Wolfsburg Verantwortlichen einen nachhaltigen Konzeptionsentwicklungsbedarf in der offenen Jugendarbeit. Grundlegend waren die Einschätzungen für Jugendliche mangelnd bekannter und transparenter Angebotsstrukturen, ein Verharren der in der offenen Arbeit tätigen Mitarbeiter/inne/n in Haltungen einer (abwartenden) „Komm-Struktur“, ein ungenügendes Sich-Auseinandersetzen und Reagieren auf gesellschaftliche Transformationsprozesse, eine unzureichende Orientierung auf die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen verbunden mit einer unterentwickelten Sozialraumorientierung und zudem die die Anforderungen der kommunalen Financiers im Kontext der Implementierung von Ansätzen der so genannten „neuen Steuerung“.

Der in weiten Teilen der Jugendarbeit alltägliche Rechtfertigungsdruck bzw. Zwang zur Legitimation hatte auch Wolfsburg erreicht. Auch in dem verhältnismäßig reichen VW-Standort Wolfsburg geriet die offene Kinder- und Jugendarbeit zunehmend unter finanziellen, gesellschaftspolitischen und fachlichen Legitimationsdruck. Die Stadt entschloss sich zu einem wissenschaftlich begleiteten Organisationsentwicklungsprozess, der alle Beteiligten einbeziehen sollte, um eine offene Kinder- und Jugendarbeit zu initiieren, die sich den Anforderungen der Zeit gewachsen zeigen, auf Flexibilität, fachliche Kompetenz und Effizienz angelegt und wissenschaftlich fundiert und evaluiert sein sollte. Hierzu wurde der Wolfenbütteler Hochschullehrer Ludger Kolhoff engagiert, diesen Prozess – unter dem Label „pro 11 in wob“ – wissenschaftlich zu begleiten und zu moderieren (vgl. dazu Kolhoff , L. (Hrsg.): Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Wolfsburg; vgl. die Rezension).

Autoren

  • Dr. Ludger Kolhoff ist seit 1993 Professor für Sozialmanagement am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel.
  • Dr. Iris Kolhoff-Kahl ist seit 1999 als Professorin für Textilgestaltung und ihre Didaktik an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paderborn tätig und in der Vergangenheit insbesondere in diesem Bereich in Erscheinung getreten.

Inhalt

Im Wesentlichen wurde das Projekt „pro 11 in wob“ zwischen dem Herbst 2003 und Mitte 2004 realisiert. Der vorliegenden Band ist als Evaluationsdokument des Prozesses in vier Abschnitte gegliedert:

  1. den Ausführungen zu Konzeption und Realisierung des Projektes (S. 11 – 15) folgen
  2. drei kurzen Selbstevaluationen am Projekt beteiligter Akteure der Jugendarbeit Wolfsburg und eine Projektübersicht (S. 17 – 31),
  3. die Fremdevaluationen durch Kolhoff und Kolhoff-Kahl (S. 33 -123) und schließlich
  4. ein zweigeteiltes Fazit (S. 125 – 134), das projektgebundene Erfolgsfaktoren und personengebundenen Nachsteuerungsbedarf in den Blick nimmt.

Mit dem Projekt wurde für eine nachhaltige Infragestellung der Strukturen der Jugendarbeit in Wolfsburg plädiert. Dies mag auch seinerzeit und dort richtig gewesen sein. Doch schimmert in der Veröffentlichung auch ein wenig Sorge, dass die über den Prozess im Ergebnis reduzierten Öffnungszeiten bei den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit und die Verlagerung von Fachkraftlichkeit auf andere Bereiche der Jugendarbeit zwar „traditionelle“, aber wichtige Zielgruppen der offenen Jugendarbeit verprellt worden sein könnten. Insoweit ist allem Zeugnis über das Gelingen des Prozesses auch ein leise zu nennender Zweifel an einzelnen Ergebnissen immanent. Damit wird illustriert, dass (sozial-) manageriell orientierte Prozesse und die Erfordernisse der sozialen Praxis – hier: zum Beispiel die Berücksichtigung zwar zahlenmäßig eher kleinerer Gruppen und in ihrer Nutzung offener Einrichtungen der Jugendarbeit zudem inkonstanter Jugendlicher mit sozialem und/oder kulturellerem Benachteiligungsmerkmalen – nicht immer in Einklang gebracht werden können, was im Ergebnis zum (Teil-) Ausschluss „beziehungsintensiver“ Zielgruppen führen kann, wenn Personalressourcen aufgrund von Organisationsentwicklungsprozessen neu verteilt und für andere Schwerpunkte – in Wolfsburg zum Beispiel einer intensivierten Projektarbeit – eingesetzt werden.

Aufschlussreich ist es auch, dass festgestellt wird, der durch „pro 11“-Projekt gewählte Fokus auf die 10- bis 18jährigen als Kernzielgruppe der Jugendarbeit habe sich womöglich als verengend herausgestellt, auch wenn diese Einschätzung in Bezug auf konzeptionelle Schlussfolgerungen nicht explizit weiter diskutiert wird. An dieser Stelle aber zum Beispiel entzünden sich die aktuellen Diskurse in der Kinder- und Jugendarbeit, was eine Auseinandersetzung lohnend erscheinen hätte lassen können.

Auch über andere, zwischenzeitlich in der Jugendarbeit intensiv diskutierte Aspekte – zum Beispiel Vernetzungen zwischen offener Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit, zwischen offener Jugendarbeit und Schule – erfährt die Leserschaft kaum etwas; der „pro 11“-Prozess verbleibt in seiner auf Wolfsburg beschränkten Perspektive und daher kaum rückgebunden an den fachlichen Diskurs in diesem Feld der Sozialen Arbeit insgesamt. Dies zeigt auch das kurze Literaturverzeichnis, das keine Verweise auf die seit etwa 2000 geführte fachliche Debatte zu Zielen in der Jugendarbeit enthält.

Zielgruppen

Es handelt sich, so wirbt der Verlag, um ein Buch, das sich an alle wende, die die Praxis der Sozialen Arbeit verändern wollten „und Möglichkeiten suchen, festgefahrene und ausbrennende Strukturen zu verändern. Ein Buch für alle, die sich theoretisch mit dem Sozialmanagement befassen und an einem praxisorientierten Beispiel erfahren, wie Theoriekonzepte und Praxisumsetzungen wiederum neue überraschende Handlungs- und Denkoptionen eröffnen“ (Klappentext). Damit ist das Spektrum möglicher Rezipient/inn/en recht zutreffend beschrieben. Der Band bietet Aufschlussreiches aus der Perspektive des wissenschaftlich begründeten Sozialmanagements. Einer wohlinformierten, selbstreflexiven Praxis der Kinder- und Jugendarbeit, insbesondere tätig in den unter Druck geratenen offenen Jugendhäusern, bietet der Band nur wenig neue Anregungen.

Diskussion

Ludger Kolhoff kommt aus dem Sozialmanagement (vgl. z. B. Analyse und Entwicklung von Organisationen im sozialen Sektor, vgl. die Rezension; ferner: Projektmanagement (vgl. die Rezension). Hier hat der Band daher ganz nahe liegend seine Stärke: Der Organisationsentwicklungsprozess wird als gut strukturiert, entwickelt und aufbereitet gekennzeichnet. Hier überzeugt die Veröffentlichung. Für Evaluationen, für Evaluatorinnen und Evaluatoren liefert der Band durchaus Hinweise zu in Wolfsburg im Prozess gesammelten Erfahrungen und Ansätzen, die an anderer Stelle einzubeziehen wären.

Aber die Vorschläge für die Entwicklung der offenen Jugendarbeit selbst sind nicht neu. Es entsteht so ein „Dazwischen“, das es den Praktikerinnen und Praktikern der Kinder- und Jugendarbeit jenseits von Strukturentwicklung nicht leicht macht, Impulse für die (Neu- bzw. Anders-) Gestaltung ihrer Praxis mitzunehmen. Fachlich aber liefern (zum Teil bereits seit einer Dekade auf dem Markt befindliche) andere Publikationen (z. B. Benedikt Sturzenhecker, Ulrich Deinet (Hrsg.): Konzeptentwicklung in der Kinder- und Jugendarbeit. Reflexionen und Arbeitshilfen für die Praxis, Weinheim 1998; Neuauflage 2007, vgl. die Rezension; und die Rezension) und jüngste Publikation (z. B. Ulrich Deinet, Marco Szlapka u.a.: Qualität durch Dialog, vgl. die Rezension) nachhaltigere Impulse. In diese Reihe vorzustoßen sind die praktischen Reflexionen nicht dicht genug: Die knapp neun Seiten für drei selbstevaluierende Beiträge von Wolfsburger Fachkräften (der für die offene Arbeit zuständigen Fachgebietsleiterin, einer pädagogischen Mitarbeiterin und einem pädagogischen Mitarbeiter) sind (zwei ausführlichere tabellarische Übersichten über den Projektverlauf mögen als Selbstevaluation nicht wirklich zu werten sein) interessant, aber eben auch entwicklungsfähig. Hier wäre ein „Mehr“ sehr wünschenswert gewesen.

Fazit

Als Bilanz ließ sich für den Vorgängerband noch feststellen, dass es sich bei dem Band „Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Wolfsburg“ um eine der Praxis hilfreiche und quer denkende Anregung handelt, Konzeptionsentwicklung in der offenen Jugendarbeit im Kontext von Legitimationsdebatten „etwas anders“ anzugehen. Dies lässt sich für das jetzt vorliegende Werk so uneingeschränkt nicht mehr sagen. Die Veröffentlichung eignet sich sicherlich vorzüglich als Muster auf gelingende Evaluationsprozesse, nicht aber zur Anreicherung einer kritikbedürftigen Praxis der Jugendarbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 25.02.2010 zu: Ludger Kolhoff, Iris Kolhoff-Kahl: Projektgebundene Kinder- und Jugendarbeit. Das Modellprojekt Pro 11 in Wolfsburg. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. ISBN 978-3-8329-3733-1. Reihe: Forschung und Entwicklung in der Sozialwirtschaft - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7396.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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