socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Manfred Liebel: Kinderrechte – aus Kindersicht

Cover Manfred Liebel: Kinderrechte – aus Kindersicht. Wie Kinder weltweit zu ihrem Recht kommen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-8258-1855-5. 19,90 EUR.

Kinder – Jugend – Lebenswelten.Transnationale und interkulturelle Studien, Bd. 1.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

20 Jahre ist es her, dass sich außer den USA und Somalia die Staaten weltweit verpflichtet haben, Rechte von Kindern anzuerkennen. Aber wer formuliert die Rechte, von welchen Rechten ist die Rede, wem nützen sie und welche Berücksichtigung findet dabei, was Kinder selber sagen? Manfred Liebel geht in seinem neuen Buch der Frage nach, welche Voraussetzungen dazu führen können, dass gerade das machtlose Kind seine Rechte auch in Anspruch nimmt. Es geht um Ursachen dafür, warum der institutionalisierte Diskurs über Kinderrechte und eine sich daraus ergebende Praxis gerade denjenigen zu wenig nützt, deren Rechte täglich missachtet werden. Gestützt auf internationale Forschungsergebnisse begründet Liebel, wie es gelingen kann, dass sich Kinder ihre Rechte auch zu eigen machen.

Autor und Entstehungshintergrund

Manfred Liebel arbeitet heute als Direktor des Berliner Instituts für Globales Lernen und Internationale Studien (IGLIS, http://www.ina.fu-berlin.de/arbeitsbereiche/iglis/index.html) und ist Leiter des „European Network of Masters in Children‘s Rights“ (ENMCR). Seit vielen Jahren beforscht er soziale Bewegungen von Kindern und Jugendlichen. Durch seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten und praktischen Tätigkeiten als Projektberater, Forscher und Ausbilder für eine Arbeit vor allem mit marginalisierten Kindern, ist er eine bedeutende Stimme für diejenigen geworden, die für eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung junger Menschen als soziale Subjekte kämpfen.

Seine Veröffentlichungen weisen ihn als Vordenker aus, wie Gesellschaften von einer Mitsprache junger Menschen profitieren würden, wenn sie sich von einem eurozentrischen Kindheitsverständnis verabschiedeten.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn steht ein kurzer historischer Abriss zur Entstehung der Kinderrechte. Liebel verweist darauf, dass wir Kinderrechte keinesfalls bloß als eine europäische Errungenschaft im Zuge der Aufklärung vor ca. 250 Jahren betrachten können. Die Überzeugung, dass mit Kindern nicht beliebig verfahren werden dürfe, fand bereits Ausdruck in allen großen Weltreligionen. Und bereits Martin Luther (16. Jhdt.) und John Locke (17. Jhdt.) wollten die Verfügungsmacht der Eltern gegenüber ihren Kindern begrenzt sehen. Zweifellos war es noch ein weiter Weg hin zum heutigen Anspruch, Kinder als Träger individueller Rechte zu verstehen.

In der Geschichte der Kinderrechte werden zwei Haupttendenzen unterschieden. Diejenige, die den Schutz der Kinder und später auch die Gewährleistung menschenwürdiger Lebensbedingungen betont (Wohlfahrtsrechte). Liebel geht es in den folgenden Kapiteln um eine andere, weniger bekanntere Entwicklungslinie, in der Kinderrechte vornehmlich als Ausdruck und Mittel zur Emanzipation und Gleichberechtigung der Kinder verstanden werden (Handlungsrechte bzw. Freiheitsrechte).

Wie ein roter Faden zieht sich dieser Anspruch durch alle folgenden Kapitel des Buches. Wir erfahren etwas über die Ergebnisse der Resilienzforschung, die aufzeigt, dass eine Mitverantwortung für ihre Sicherheit viel eher geeignet ist, sogar Krisen zu bewältigen, als eine Abschottung vor Risiken. Ausführlich können wir lesen, welche noch ungeschriebenen Rechte sich Kinder wünschen, die sich in verschiedenen Ländern überall auf der Welt zusammentun und über ihre Lebenssituationen nachdenken. Erläutert und kritisiert wird das Konzept einer Bürgerschaft, die Kinder erst nach und nach als Bürger anerkennt. Liebel beschreibt, wie sich Kinder von Beginn an als Bürger begreifen, sich eigene Räume schaffen und in dem, was sie tun, immer auch auf andere beziehen. Der Grund dafür, diese Art der faktischen Partizipation zu übersehen, liege an den erwachsenenorientierten und normativen Annahmen über Partizipation und Bürgerschaft.

Als Beispiel für Partizipation wird ein Modellprojekt in Kindertagesstätten erwähnt. Partizipation heißt hier, „Entscheidungen zu teilen, die das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft betreffen, und gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden“ (S. 157). Partizipation ist hier nicht als Methode bedeutsam, sondern als wesentliche Voraussetzung zur Definition sozialer Probleme. Ganz konkret ermittelte die Projektgruppe fünf Bedingungen, die hierfür erfüllt sein müssen. 1. Die Beziehungen zwischen den Erwachsenen und den Kindern müssen ‚stimmen‘; 2. um nicht von einzelnen Erwachsenen abhängig zu sein, muss Partizipation in den Strukturen der Einrichtung verankert sein; 3. auch Eltern müssen mitwirken können und im Team selbst muss Partizipation stattfinden; 4. die Einrichtung muss zum Gemeinwesen hin offen sein und sich in die kommunale Politik einmischen; 5. die pädagogischen Fachkräfte müssen adäquat qualifiziert und vom Sinn der Partizipation der Kinder überzeugt sein.

In vielen Partizipationsmodellen schwingen Erwartungen darüber mit, was für ein Verhalten wünschenswert und angemessen ist, wie weit Partizipation gehen darf, worauf sie sich beziehen soll, welchen Zweck sie erfüllen und wer von ihr profitieren soll. Ziel der Partizipationsforschung müsse es sein, diese verborgenen Seiten sichtbar zu machen.

In den letzten Kapiteln entwirft Liebel eine Annäherung an eine Theorie der Kinderpartizipation, die zu einer Praxis führen kann, die den Einfluss von Kindern in der Gesellschaft erweitert und ihre Position als soziale Gruppe stärkt.

Diskussion

Das Buch ist ein Plädoyer für den aufrichtigen und ernsthaften Dialog zwischen Menschen jeden Alters. Er ist möglich und findet längst statt. Liebel spürt die Ursachen auf, warum die Sache mit den Kinderrechten immer schon eher eine Sache der Erwachsenen gewesen ist. Es sind Erwachsene, die Kindern einen Dialog nicht zutrauen, oder nicht bereit sind, ihre Machtansprüche aufzugeben. Es muss daher nicht verwundern, dass Kinder keinen Sinn darin sehen, sich auf ihre Rechte zu berufen oder eigene zu fordern, weil sie sich damit in der Welt der Erwachsenen ohnehin kein Gehör verschaffen würden.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass einer teils extrem normativen und abstrakten Diskussion über Kinderrechte kaum noch anzumerken ist, was sie mit den täglichen Lebenserfahrungen junger Menschen zu tun hat. Liebel holt die Debatte wieder ins Leben der Kinder zurück. Er betont, dass Rechte allein im Kontext des konkreten Lebensumfeldes von Bedeutung sind. Folgerichtig müssen sie auch hier diskutiert und formuliert werden.

Wichtig erscheint mir der Hinweis, dass nicht alle in gleicher Weise ihre Rechte in Anspruch nehmen können. Bestehende Abhängigkeiten, strukturelle Gründe für einen marginalen Status oder soziale bzw. generationale Benachteiligungen dürfen weder ausgeblendet noch unterschätzt werden. Für den Nutzen von Kinderrechten ist es entscheidend, sie in ihren kulturellen, politischen und strukturellen Zusammenhängen zu reflektieren und ihre möglichen Auswirkungen auf das Leben der Kinder abzuwägen. Betrachten wir z.B. das Verbot von Kinderarbeit vor diesem Hintergrund, ist offensichtlich, dass ein Umdenken erforderlich ist und ein allgemeines Verbot sicher nicht von Kindern gefordert würde.

Kinder bleiben auf die Anerkennung und Unterstützung der Lebensformen, für die sie sich entscheiden, angewiesen. Erst wenn Kinder im Dialog über ihre Lebenssituation als gleichwertige Mit-Akteure akzeptiert werden, werden sie auch (wieder) anfangen, sich für (ihre) Rechte zu interessieren. Letztlich werden Kinderrechte erst dann zu Rechten der Kinder, wenn diese über den Einfluss und die Mittel verfügen, ihre eigenen Prioritäten zu setzen und ihre Rechte nach eigenem Ermessen zu nutzen. Kinderrechte in Kinderhand könnte das Motto dieses Buches heißen.

Fazit

Während in Europa und Nordamerika zu Beginn der Menschenrechtsgeschichte die bürgerlichen Freiheiten standen, war es am Anfang der Kinderrechte nicht die Freiheit sondern der Schutz der Kinder. Vor dem Hintergrund dieser Tradition wird verständlich, warum bis heute gerade auf der Bühne (inter)nationaler Abkommen und Gesetze Kinderrechte eher als Staatenpflichten zum Schutz bzw. Wohle des Kindes begriffen werden und weniger als individuelle Rechte der Kinder. So wird z.B. das Recht auf Bildung nicht als Recht der Kinder verstanden, sich eine Bildung zu wählen, sondern als Pflicht ihrer Eltern bzw. des Staates, sich um die Bildung ihrer Kinder zu kümmern. In der gleichen Logik findet ein Recht zu arbeiten, wie es weltweit von Kindern und Jugendlichen gefordert wird, im internationalen Dialog keine Anerkennung, weil es mit der abstrakten Idee des Kinderschutzes als nicht vereinbar gilt. Erst im 20. Jhdt. setzten Bewegungen ein, die sich ausdrücklich für die Selbstbestimmungsrechte der Kinder einsetzten. Hier werden Kinder als Akteure verstanden, die sich selbst über ihre Rechte klar werden und für ihre Verwirklichung sorgen. Der Autor fasst Erfahrungen und aktuelle Ergebnisse internationaler Forschungsliteratur umfassend zusammen und entwirft am Ende eine Theorie der Partizipation von Kindern. Unter diesen Bedingungen könnten Kinder ihre Rechte zu ihrer Sache machen und sie als erreichbar und erstrebenswert begreifen.


Rezensent
Dipl.-Pädagoge Christoph Klein
Dipl- Pädagoge, Familientherapeut, systemischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, arbeitet in Berlin als Leiter einer Multifamilientherapeutischen Jugendhilfeeinrichtung, in freier Praxis und als Lehrtherapeut.
Homepage praxis.steinitz.net/de/kinder-und-jugendliche/
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Christoph Klein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christoph Klein. Rezension vom 28.11.2009 zu: Manfred Liebel: Kinderrechte – aus Kindersicht. Wie Kinder weltweit zu ihrem Recht kommen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. ISBN 978-3-8258-1855-5. Kinder – Jugend – Lebenswelten.Transnationale und interkulturelle Studien, Bd. 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7407.php, Datum des Zugriffs 17.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung