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Friedrich W. Kron: Grundwissen Pädagogik

Cover Friedrich W. Kron: Grundwissen Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2009. 7. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 399 Seiten. ISBN 978-3-8252-8038-3. 29,90 EUR.

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Kontext und Intention

Der emeritierte Bonner Professor für Pädagogik, Friedrich W. Kron, hat mit der Neubearbeitung seines schon lange bewährten Standardwerkes zur Pädagogik erneut einen Meilenstein hochschuldidaktischer Arbeit vorgelegt. Wie jede Wissenschaft entwickelt sich auch die Pädagogik weiter. Das vorgelegte Werk unterscheidet sich von seinen Vorgängern dadurch, dass pädagogisches Handeln konsequent auch sozialwissenschaftlich begründet wird, dass die neuen Standards der Bildungswissenschaft und der wissenschaftlichen Lehrerbildung aufgenommen wurden und dass die anthropologische Dimension der Wissenschaft mit ihren Verbindungen zur Philosophie und zur Theologie und Ethik durchlaufend beachtet wird und nicht in einem Marginalkapitel z.B. am Schluss „verarbeitet“ ist. Kron geht es immer darum, „Strukturen, Funktionen und Funktionszusammenhänge herauszuarbeiten, die allem pädagogischen Handeln und Denken zugrunde liegen.“ (S. 11) Deutlich wird zudem, dass sich Kron einem kommunikationsorientierten und interaktionistischem Paradigma gegenüber Nutzern und Nutzerinnen des Buches verpflichtet weiß und so schreibt, dass Rezipierende das Buch mit großem Gewinn lesen und verstehen können. Die didaktische Grundstruktur erschließt sich ikonologisch als Marginalspalte am Rand des laufenden Textes. Symbole und Wörter erschließen und verweisen auf grundlegende Literatur. In den Schlüsselbegriffen werden komplexe Sachverhalte kurz und einleuchtend auf den Punkt gebracht, sodass sie für Studierende auch in Qualifikationsarbeiten verwendbar sind und sie in zentralen Inhalten des Faches auch gesprächsfähig werden. Definitionen stellen Begriffe dar und inventarisieren Merkmale; die angeführten Beispiele veranschaulichen das Gesagte. Die Beispiele könnten m.E. mitunter noch mehr aus den professionellen Feldern der verschiedenen Disziplinen der Pädagogik stammen. Sehr lesefreundlich sind zudem die kurzen Abstracts bzw. Zusammenfassungen vor den großen Kapiteln.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben große Hauptkapitel, die nicht chronologisch gelesen werden müssen, sondern sich als Art Baukasten gerieren, der sich immer wieder zu neuen Modellen pädagogischer Wirklichkeit zusammensetzen lässt, wobei zu betonen ist, dass z.B. das letzte Kapitel hohe qualitative Anforderungen stellt. Ein ausgezeichnetes Literaturverzeichnis, Namens- und Stichwortregister beschließen das Buch. Die Hauptkapitel sind wie folgt betitelt:

  1. Erste Begegnungen mit dem Fach (S. 17-36)
  2. Grundbegriffe der Pädagogik und ihrer Teildisziplinen (S. 37-77)
  3. Der Sozialisationsprozess (S. 78-152)
  4. Der Erziehungsprozess (S.153-208)
  5. Institutionen der Erziehung und Bildung (S. 209-256)
  6. Wissenschaftstheoretische Ansätze (S. 257-313)
  7. Forschungsmethodische Grundlagen (S. 314-377)

ad 1. Die Gegenstandsfelder Pädagogik sind vielfältig, allen gemeinsam ist jedoch der Aufbau nach Kerncurricula. Das Studium der Erziehungswissenschaft ist in Bachelor- und Masterstudiengänge nach der sogenannten Bolognaformel eingeteilt, um europaweit einheitliche und vergleichbare Berufs- und Wissenschaftsstandards zu erreichen; die deutschen Studiengänge sind über die Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften (KMK 2004) vergleichbar; hinzu gesellen sich die Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Kron listet (S. 19) Gegenstandsbereiche auf, die selbstverständlich beliebig erweiterbar sind, denn die Pädagogik als Wissenschaft ragt in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein. Die Liste ist deswegen aufschlussreich, weil die Gegenstandsbereiche mit Fragestellungen verbunden sind. Grundsätzlich muss sich jeder Studierende des Faches mit Anthropologie und Erziehung, Sozialisation und Erziehung, Institutionen und Organisationsformen, Entwicklung und Lernen, Erziehung in früher Kindheit, Theorien der Erziehungswissenschaft, Denktraditionen und Forschungsmethoden, Geschichte der Pädagogik und Erziehung, Vergleichender Erziehungswissenschaft, Pädagogischer Diagnostik, Medienarbeit beschäftigen. Ich würde als gesellschaftlich wesentlichen Bereich noch Interkulturalität und Interreligiosität im Sinn der Klafkischen Schlüsselqualifikationen hinzunehmen. Allen Gegenstandsbereichen ist gemeinsam, dass sie grundsätzlich interdisziplinär strukturiert sind und philosophischer Reflexion bedürfen und sie allgemein-gesellschaftlichen normativen Vorgaben folgen. Als wissenschaftliche Einzeldisziplinen haben sich seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts folgende Dimensionen der Pädagogik etabliert: Didaktik als die Wissenschaft der Denk- und Handlungsmodelle von Lehr- und Lern- und Unterrichtsprozessen (vgl. Petersen 1996). Zur Didaktik gehört noch die empirische Erforschung von Unterricht und der Lehrpläne. In der Schulpädagogik geht es allgemein um den Bereich der Schule als Organisation und der Akteure im Bereich der Schule. Die Fragen nach den vielfältigen Formen von Behinderung werden in der Disziplin der Sonderpädagogik behandelt. Eng benachbart ist die Sozialpädagogik. Berufs-, Wirtschafts- und Betriebspädagogik bedienen die vielfältigen Felder der beruflichen Qualifikation und Weiterbildung. Die Erwachsenenbildung insgesamt ist für die Weiterbildung von Erwachsenen außerhalb der Schule und ihres Angebots zuständig. Kron fügt noch als Disziplinen die Hochschuldidaktik, die Freizeitpädagogik, Pädagogik der Dritten Welt, Interkulturelle Pädagogik, Friedenspädagogik, Entwicklungspädagogik, ökologische Pädagogik und die feministische Erziehungswissenschaft hinzu. Sachgemäßer anstelle der letzten Dimension wären m.E. die Genderforschung und ihre pädagogischen Konsequenzen gewesen. Wie oben schon angedeutet, ist die Pädagogik eng vernetzt mit Nachbarwissenschaften wie z.B. Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie, Theologie usw. Den pädagogischen Handlungsfeldern gemeinsam ist die intersubjektive Konstruktion von Sinn und Handeln in der Tradition z.B. des symbolischen Interaktionismus und die Gebundenheit an organisatorische Sozialformen und Agenturen. Das aus der ökologischen Theorie nach Uri Bronfenbrenner und Dieter Baacke bekannte Modell wird von Kron übernommen und danach eine makrosoziale, institutionelle, mikrosoziale und eine intrapersonale Ebene pädagogischen Handelns unterschieden. Damit schließt sich Kron einer Perspektive an, die in der Pädagogik eine „interdisziplinär arbeitende Sozial- bzw. Handlungswissenschaft“ sieht (S. 35) und er definiert Pädagogik „als eine Wissenschaft…, die erzieherisches Handeln deutend verstehen und in seinem Ablauf, seinen Wirkungen, Strukturen und Funktionen ursächlich erklären will. Darüber hinaus muss sie in ideologiekritischer Absicht diesen Gesamtzusammenhang immer wieder ebenso prüfen wie ihre pädagogischen Zwecksetzungen. Pädagogik kann so … als erklärende und verstehende Sozialwissenschaft bestimmt werden.“ (S. 36)

ad 2. In diesem Kapitel werden die wesentlichen Begriffe der Erziehungswissenschaft erschlossen. Kron beginnt mit der Enkulturation als einem soziologischen Grundbegriff. In Anlehnung an Fend (1971, S. 44f.) versteht er, „dass alle Menschen im Lauf ihres Lebens kulturelle Kompetenzen erwerben müssen, um kulturell handlungsfähig zu sein.“ (S. 37) Pädagogisch geht es in einem Enkulturationsprozess immer um einen Personalisationsprozess, denn Kultur wird als der Raum umfassender menschlicher Lebenstätigkeit angesehen, in dem das Individuum zur Person wird. Eng verwandt mit Enkulturation ist Sozialisation, denn ein Individuum wird im Prozess der Sozialisation handlungsfähig und bildet dabei seine Grundpersönlichkeit aus. Das bedeutet, dass Sozialisation als ein Teilprozess der Enkulturation verstanden werden kann: „Im Enkulturationsprozess lernt der Mensch die kulturellen Inhalte überhaupt, z.B. die materialen Inhalt, z.B. im Unterricht die Sprache, die Geschichte, die Mathematik; im Sozialisationsprozess lernt er die moralischen Ordnungen, z.B. den Gebrauch der Sprache in den verschiedenen Lebens- und Handlungsfeldern zur Regulierung von sozialen Interaktionen.“ (S. 41)
Der dritte Basisbegriff ist „Erziehung“, die als „die bewusste und/oder geplante Beeinflussung von Personen, insbesondere von Heranwachsenden“ charakterisiert wird. (S. 44) Kron unterscheidet im Bereich der Erziehung sieben verschiedene Inhalte, die auch in der Alltagssprache verwendet werden:

  1. Erziehung bezeichnet einen Prozess.
  2. Erziehung steht für das Resultat eines Prozesses (=Erzogenheit.Kompetenz).
  3. Erziehung als Bezeichnung für eine Tätigkeit des Educanden (Selbsterziehung).
  4. Erziehung als Bezeichnung für eine Tätigkeit des Erziehers.
  5. Erziehung als Einfluss auf die Verhältnisse.
  6. Erziehung als Umschreibung des Zusammenwirkens von Erzieher und Educanden
  7. Erziehung als Zielbeschreibung des professionellen Pädagogen

Erziehung im Sinn Krons ist immer ein Teilprozess von Sozialisation und als symbolische Interaktion zu verstehen: „Erziehung sei ein dem Sinne nach aufeinander bezogenes gegenseitiges soziales Handeln oder ein Prozess symbolischer Interaktion zwischen mindestens zwei Personen – im Regelfall einer älteren, wissenderen oder kompetenteren Person und einer jüngeren, weniger wissenden oder nicht kompetenten – , in welcher es um die gegenseitige Aufhellung und Aufklärung von Rollen, Positionen und Wertorientierungen, Normen, Intentionen und Legitimationen des sozialen Handelns und des dieses mitbedingenden sozialen und gesellschaftlichen Feldes geht.“ (S. 47) Erziehung ist eng mit der Institution verbunden, in der erzogen wird. Unter Institutionen lassen sich gesellschaftliche Einrichtungen verstehen, „in denen Menschen aufgrund von vorgegebenen und vereinbarten Regeln und Rollen dauerhaft und vorhersehbar handeln.“ (S. 47) Kron gebraucht in seinem Lehrbuch die Begriffe System, Institution und Organisation synonym, weil auch eine Organisation als Regelsystem begriffen werden kann, das auf einem Regelwerk von Normen beruht. In diesen Systemen wird gehandelt, wobei unter sozialem Handeln ein Sich-Verhalten von Personen und Gruppen gemeint ist. Handeln kann zweckrational, wertrational, affektuell oder traditionell sein; vorausgesetzt ist eine kognitive Entwicklung von Handlungskonzepten. Wenn die Fähigkeit zur Bildung von Handlungskonzepten erworben ist, ist ein Individuum handlungskompetent. Handeln ist von Verhalten unterschieden, denn „mit Verhalten werden alle beobachtbaren Aktivitäten eines Organismus (einschließlich Mensch) bezeichnet, die aufgrund von Reizkonstellationen der Umwelt entstehen.“ (S. 53) Einer der wichtigsten Basisbegriffe der Pädagogik ist Lernen, d.i. die „innere Organisation von Wissen und Fertigkeiten, die sich das Individuum in Interaktion mit seiner Umwelt aneignet, um handlungs- und leistungsfähiger zu werden.“ (S. 55)
Drei Teilprozesse sind im Lernen miteinander verwoben: Aneignung neuen Wissens, Umwandlung des Wissens und Bewertung des Wissens. In der Bewertung und Bedeutungszumessung von Wissen erweitert sich Lernen um das soziale Lernen, das sich ebenfalls wieder in verschiedene Dimensionen differenziert. Bemerkenswert ist die Aufnahme neurobiologischer Erkenntnisse zum Lernbegriff, die einen konstruktivistischen Lernbegriff nahe legen. Auch die Empfehlungen zu Lerntechniken (S. 64) sind für AnfängerInnen hilfreich. Ausführlich diskutiert Kron die Komplexität und die geistesgeschichtliche Herleitung des Begriffs Bildung. Kron versteht unter Bildung: „Unter Bildung werden unterschiedliche gesellschaftlich anerkannte Qualifikationen verstanden, die die Mitglieder einer Gesellschaft in verschiedenen Institutionen erwerben und durch die ihre Stellung in der Gesellschaft bestimmt wird.“ (S. 66)
Der letzte Basisbegriff ist Entwicklung, unter der die „ständige Differenzierung eines Organismus bei immer höherer Integration verstanden“ wird (S. 73) Sehr aufschlussreich die differenzierte Darstellung von Forschungs- und Erklärungsansätzen zur Entwicklung (interaktionistisch, konstruktivistisch, exogenistisch, endogenistisch).

Ad 3. Der Sozialisationsprozess ist Gegenstand des dritten Hauptkapitels, in dem Kron die 5 gebräuchlichsten Lernmodelle (behaviouristisches, psychoanalytisches, Lernen am Modell, Lernen als Strukturierungsprozess, gestaltpsychologisches) und die wesentlichen Erklärungsansätze zur Komplexität des Sozialisationsprozesses vorstellt. Das Kapitel ist sehr lesenswert, sowohl für Anfänger und Anfängerinnen als auch für Profis, denen an einer wissenschaftlichen Zusammenfassung des jeweiligen Modells gelegen ist. Kron schließt sich dabei der Sichtweise von Sozialisation innerhalb der Systemtheorie an: „Der pädagogisch interessante Punkt ist also nun, dass die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft allmählich lernen müssen, die Perspektiven, die die Gesellschaft festgelegt hat und die sie über ihre gestuften und interdependenten Systeme anbietet, zu lernen oder, …, zu „internalisieren“. Dabei muss die Persönlichkeit sich so zu organisieren lernen, dass ihre inneren Motivationen den äußeren Erwartungen entsprechen und dass sieh ihre Persönlichkeitsstruktur, d.h. auch ihre Identität so ausbildet, dass sie mit den gesellschaftlichen Erwartungen konform ist.“ (S. 100)

Ad 4. Im vierten Kapitel diskutiert Kron sehr anschaulich und gut nachvollziehbar die verschiedenen alltagssprachlichen Bilder von Erziehung und führt diese jeweils auf theoretische Grundannahmen und Menschenbilder zurück. Diese werden wiederum in einer Art pädagogischen Gesamtschau von Anthropologie reflektiert. Kron ist dabei wichtig, das Kinder und Jugendliche als erste Zielgruppe von Pädagogik nicht als defizitäre Wesen betrachtet, sondern als Lernwesen verstanden werden: „Das Kind wird als ein Wesen gesehen, das von Anfang an lernfähig ist, das offen in dieser Welt steht und auf das sich die Erzieher und primären Bezugspersonen freudig einlassen können, weil sie seine Lernfähigkeit konkret und tagtäglich erfahren können.“ (S. 167)
Sehr wichtig scheinen mir die Ausführungen Krons über die „pädagogische Liebe“ zu sein, denn ohne elementare Zuneigung zum Menschen ist pädagogisches Handeln nicht möglich (S. 177). Gleichzeitig ist die pädagogische Beziehungsarbeit immer wieder auch von Machtmissbrauch usw. bedroht. Zur Persönlichkeitsentwicklung des Menschen gehören förderliche Faktoren wie Achtung, Wärme, Rücksichtnahme, einfühlendes und nicht wertendes Verstehen, Echtheit und fördernde, nicht dirigierende Einzeltätigkeiten (S. 190). Die Grundstruktur von Erziehung ist kommunikatives Handeln, das sich Kron anhand der fünf pragmatischen Axiome der Kommunikation nach Watzlawick u.a.(1972, S. 50ff.) erschließt:

  1. „Man kann nicht nicht kommunizieren.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt
  3. Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.
  4. Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommunikationen erforderliche logische Syntax.
  5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder auf Unterschiedlichkeit beruht.“ (S. 196)

Ad 5. Wesentliche Institutionen der Erziehung und Bildung, in denen sich Enkulturations-, Sozialisations-, Erziehungs-, und Unterrichtsprozesse ereignen, werden in diesem Kapitel vorgestellt. Hierzu zählen die Familie, der Kindergarten, die Schule, die Gleichaltrigen-Gruppe (Peer-Group), die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit der Verbände, freien Träger und Kirchen, das Berufsleben, die Erwachsenenbildung. Überblicksmäßig sind diese Agenturen und Institutionen auf S. 213 dargestellt, die als streaming systems (nicht gestufte Bildungssysteme) und setting systems (gestufte Bildungssysteme) differenziert werden. Die außerschulische Jugendarbeit differenziert sich weiter in die klassische Jugendhilfe, Jugendpflege, Jugendfürsorge. Am Beispiel der öffentlichen Schule werden Organisationsformen, Organisations- und Transformationsprozesse diskutiert; organisationstheoretische, systemtheoretische, interaktionistische und soziogenetische Perspektiven werden hierbei angeführt. Am umfassendsten sind die drei klassischen Funktionen von Schule dargestellt, die Qualifikations-, Selektions- oder Allokations-, die Integrations- oder Legitimationsfunktion. Pädagogisch relevante Struktur- und Funktionsmerkmale dieser Institutionen sind einmal Rolleninterpretation, Leistungserbringung und Leistungsmessung (vor allem im Bereich der Schule), Kompetenzvermittlung und Kompetenzaufbau, vor allem was den Bereich der Handlungskompetenzen angeht.

Ad 6. Wie wissenschaftliche Erkenntnis sich im Bereich der Pädagogik begründet, ist Aufgabe des recht abstrakten und theoretischen Kapitels 6 im Feld der Unübersichtlichkeit von pädagogischen Konzeptionen. Kron definiert vorab wesentliche Begriffe wie Wissenschaftstheorie, Methodologie, Theorie, Modell, Konzept, Wissenschaft, Erkenntnistheorie, Konzepte von Erkenntnis und leitet dann über zu den wichtigsten wissenschaftstheoretischen Positionen der letzten Jahrzehnte. Das sind insgesamt 14 voneinander abzugrenzende Positionen, die von Kron jeweils von einem Hauptzeugen dargestellt werden. Er selbst rechnet sich wohl zur hermeneutischen bzw. phänomenologischen Position.

Ad 7. Personen, die eine pädagogische Qualifizierungsarbeit vor sich haben, ist unbedingt die gründliche Lektüre des letzten Kapitels über forschungsmethodische Grundlagen anzuraten. Der Zusammenhang zwischen Gegenstand und Methode wird hier besonders deutlich herausgearbeitet; besonders intensiv sollen sich angehende Pädagogen und Pädagoginnen mit den empirischen Methoden befassen, die eine spezifische Wirklichkeitskonstruktion pädagogischer Beziehungen nahe legen. Klar ist, dass das Unterkapitel zu quantitativen und qualitativen Sozialforschung nur ein erster Lektüreschritt sein kann – hilfreich ist vor allem die angegebene Literatur, wobei einige der angegebenen Bücher inzwischen Neuauflagen usw. erfahren haben

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kron mit seinem Buch in Neuausgabe ein herausragendes Standardwerk gelungen ist, das sich für wissenschaftliches Arbeiten, als Lexikon, für das Selbststudium, zum Nachschlagen und als Werk zur Prüfungsvorbereitung hervorragend eignet und dem ein großer Verbreitungsgrad zu wünschen ist.

Erwähnte Literatur

  • Baacke, Dieter (2000): Die 13- bis 18jährigen. Einführung in die Probleme des Jugendalters. Unveränd. Nachdr. der 7. Aufl. 1994. Weinheim: Beltz.
  • Bronfenbrenner, Urie (1993): Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Natürliche und geplante Experimente. Ungekürzte Ausg. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl.
  • Fend, Helmut (1971): Sozialisierung und Erziehung. Eine Einführung in die Sozialisierungsforschung. 4., unveränd. Aufl. Weinheim: Beltz.
  • Konferenz der Kultusminister (2004): Standards Lehrerbildung KMK. Bildungswissenschaft. KMK. Online verfügbar unter http://sts-bs-darmstadt.bildung.hessen.de/gesetze_und_verordnungen/kmk_standards.pdf, zuletzt aktualisiert am 04.11.2005, zuletzt geprüft am 01.06.2009.
  • Petersen, Peter (1996): Der kleine Jena-Plan einer freien allgemeinen Volksschule. 61. Aufl., (Neuausg.). Weinheim: Beltz.
  • Watzlawick, Paul; Beavin, Janet H; Jackson, Don D (1972): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 3., unveränd. Aufl. Bern: Huber.

Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 16.07.2009 zu: Friedrich W. Kron: Grundwissen Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2009. 7. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8252-8038-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7408.php, Datum des Zugriffs 11.04.2021.


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