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Luise Hartwig, Gregor Hensen: Sexueller Missbrauch und Jugendhilfe

Cover Luise Hartwig, Gregor Hensen: Sexueller Missbrauch und Jugendhilfe. Möglichkeiten und Grenzen sozialpädagogischen Handelns im Kinderschutz. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 183 Seiten. ISBN 978-3-7799-0735-0. 15,00 EUR.

Reihe: Grundlagentexte soziale Berufe.
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Thema

Mit dem Buch wird eine Qualifizierung des Hilfesystems im Umgang mit sexuellem Missbrauch angestrebt. Dieser wird "nicht als isoliertes Phänomen betrachtet, sondern in Zusammenhang mit aktuellen Verfahrens- und Handlungsweisen der Jugendhilfe kritisch und auch im Hinblick auf zukünftige Handlungsstrategien dargestellt" (S. 14).

Autorin und Autor

Luise Hartwig, Jg. 1955, ist Professorin für Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster. Gregor Hensen, Jg. 1972, ist dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Beide beschäftigen sich seit längerem mit Kindeswohlgefährdung und häuslicher Gewalt.

Entstehungshintergrund

In den fünf Jahren seit Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches sind Verstöße gegen das Kindeswohl zunehmend in den Medien und in der Fachdiskussion thematisiert worden. Bei vielen Fällen wurde deutlich, dass Behörden versagt haben. Zudem wurde im Jahr 2005 das Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz (KICK) verabschiedet, durch das u.a. der § 8a SGB VIII "Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung" eingeführt wurde und die vorläufigen Schutzmaßnahmen (§ 42 SGB VIII) neu gestaltet wurden. Aufgrund dieser Entwicklungen wurde die erste Auflage des Buches aktualisiert und erweitert.

Aufbau und Inhalte

Im ersten Teil des Buches werden wissenschaftliche Erkenntnisse über den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen vorgestellt. Nach der Diskussion verschiedener Definitionskriterien und Begriffsbestimmungen von sexueller Gewalt erfolgt deren juristische Einordnung. Dann werden sechs theoretische Erklärungsmodelle kritisch erörtert, wobei vor allem der feministische Ansatz als wegweisend gesehen wird, da er auf die "rigiden und geschlechtshierarchischen Machtstrukturen aufmerksam gemacht" habe (S. 31). Des Weiteren wird auf das Ausmaß sexuellen Missbrauchs, die Geschlechts- und Altersstruktur von Opfern und Tätern, sexuelle Gewalt gegen behinderte Kinder und in Institutionen der Jugendhilfe sowie auf die Folgen für die Betroffenen eingegangen.

Im zweiten Teil des Buches werden der gesetzliche Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe in Fällen sexuellen Missbrauchs und die Notwendigkeit einer offensiven und parteilichen Handlungsorientierung erörtert. Dann wird der Frage nachgegangen, wie sich Jugendämter, ASD, freie Träger, Erziehungsberatungsstellen, Heime, Pflegefamilien, Spezialberatungsstellen und Kinderschutzdienste im Umgang mit sexuellem Missbrauch verhalten (sollen). Ferner wird auf relevante Hilfen zur Erziehung verwiesen, bei deren Auswahl der Schutz des jeweiligen Kindes bzw. Jugendlichen vor weiterer Gefährdung und seine pädagogische bzw. therapeutische Begleitung ausschlaggebend sein sollten. Problematisiert wird zum einen die gesetzlich geforderte Meldung an das Jugendamt, da z.B. Beratungsstellen u.U. die Vertrauensbasis zu Opfern sexueller Gewalt verlieren würden (was das Ende der helfenden professionellen Beziehung bedeuten könnte), und zum anderen, dass bei (teil-) stationären Erziehungshilfen der sexuelle Missbrauch bei den Einweisungsgründen und in der Alltagsbetreuung verschleiert würde, da zumeist die Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Probleme des Kindes bzw. Jugendlichen im Vordergrund ständen.

Im dritten Teil des Buches wird auf Interventionsmöglichkeiten der Jugendhilfe eingegangen, insbesondere auf unmittelbare Hilfen in Krisen und Notsituationen, auf den präventiven Kinderschutz, die Verdachtsabklärung, die Hilfeplanung, geschlechtsspezifische Angebote und verschiedene Therapieansätze.

Der vierte Teil des Buches ist den Problemen und Perspektiven der gegenwärtigen Jugendhilfepraxis gewidmet. Zunächst wird erörtert, wieso sich Mitarbeiter/innen so schwer in der Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt tun – weil sie traditionell auf die Wahrung familialer Strukturen ausgerichtet seien. Stattdessen sollten sie sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche als eigenständige "Kunden" ansehen. Dann werden flexible Arbeitsansätze (z.B. im Kontext von Jugendhilfestationen) vorgestellt, wird die Tendenz zur "Universalpädagogik" kritisch hinterfragt, werden Konzepte einer modernen Jugendhilfe wie Lebensweltorientierung, Dezentralisierung, Partizipation und Parteilichkeit diskutiert. Deutlich wird, dass sexuell missbrauchte Kinder nur zum Teil von diesen Entwicklungen profitieren. So sei eine besondere Professionalisierung von Fachkräften hinsichtlich ihrer Belange vonnöten. Schließlich wird noch ausführlich die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Familiengerichten behandelt: die Kooperation im Vorfeld zivilrechtlicher Maßnahmen, die Opfer- und Zeugenbegleitung im Strafverfahren sowie die Begutachtungspraxis.

Im fünften und letzten Teil des Buches werden mögliche Qualitätsmerkmale fachlichen Handelns bei Fällen sexuellen Missbrauchs erörtert. Dabei geht es auch darum, "den Konflikt im Bereich des Kinderschutzes zwischen Hilfe und staatlichem Wächteramt" zu mildern (S. 139). Neben einer reflektierten Vorgehensweise bei Anfangsverdacht werden kollegiale Beratung, Hilfekonferenz und Hilfeprozessmanagement als sinnvoll erachtet, aber auch das Stärken der Handlungskompetenz und -sicherheit von Professionellen, die Klärung von Verantwortlichkeiten und Entscheidungsstrukturen sowie die Regelung von Kooperation und Vernetzung.

Im Anhang des Buches befinden sich mehrere Schemata, eine Präventionsvereinbarung nach § 8a Abs. 2 SGB VIII, zwei exemplarische Handlungskonzepte für den Umgang mit Kindeswohlgefährdung durch ASD bzw. Erziehungsberatungsstelle sowie das Literaturverzeichnis.

Fazit

Das Buch von Luise Hartwig und Gregor Hensen bietet einen umfassenden, fundierten, detailreichen und kritischen Überblick über den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Jugendhilfesystem. Obwohl es nicht den richtigen Weg oder das klassische Verfahren gäbe, wird aufgezeigt, wie durch ausgefeilte Handlungskonzepte die Interventionspraxis optimiert werden könnte. Im Gegensatz zum Klappentext würde ich das Buch aber nicht so sehr Studierenden und beruflichen Einsteigern empfehlen als vielmehr Fachkräften, die mit sexuellem Missbrauch konfrontiert sind, und deren Vorgesetzten.


Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 04.05.2009 zu: Luise Hartwig, Gregor Hensen: Sexueller Missbrauch und Jugendhilfe. Möglichkeiten und Grenzen sozialpädagogischen Handelns im Kinderschutz. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-0735-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7412.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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