Johanna Radenbach: Aktiv trotz Demenz. Handbuch für die Aktivierung und [...]
Rezensiert von Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann, 04.09.2009
Johanna Radenbach: Aktiv trotz Demenz. Handbuch für die Aktivierung und Betreuung von Demenzerkrankten. Schlütersche Fachmedien GmbH (Hannover) 2009. 152 Seiten. ISBN 978-3-89993-219-5. 26,90 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89993-243-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Aufbau
Das Handbuch ist in fünf Kapitel unterteilt.
1. Einleitung
Ausgehend von der Annahme, dass Betätigung ein menschliches Grundbedürfnis darstellt, will das Handbuch gezielt Anregungen für die Aktivierung von Menschen mit Demenz vorstellen. Eben diese Aktivierung, und nicht Therapie, steht dabei im Vordergrund. Zielgruppen des Buches sind sowohl Ergotherapeuten und Altenpfleger, als auch ehrenamtliche Helfer und Angehörige.
Das Buch basiert bewußt nicht auf einem speziellen Konzept zur Betreuung und Therapie von demenziell veränderten Menschen. Die Autorin geht davon aus, dass die Individiualität der von einer Demenz betroffenen Menschen es erfordert, dass aus allen existierenden Konzepten jeweils die im speziellen Fall passenden Elemente ausgewählt werden. Gleichwohl gäbe es aber bei der Aktivierung auch allgemeingültige Prinzipien. Als notwendig wird auf jeden Fall erachtet, dass dass Betreuungskräfte nicht ohne Fachwissen und Vorüberlegungen Tätigkeiten ausführen.
2. Demenz
Auf fünf Seiten werden komprimiert die in einschlägigen Fachbüchern obligatorischen Ausführungen zur Demenz gemacht: Von der Begriffsbestimmung und Aussagen zur Diagnostik bis hin zur Benennung von vermuteten Ursachen und Rsikofaktoren.
3. Grundlagen zur Aktivierung von Demenzerkrankten
Als unerlässlich wird gesehen, vor einer Betätigung mit einer demenziell veränderten Person deren Fähigkeiten und Kompetenzen zu ermitteln. Während Ergothetherapeuten dies anhand von Befundbögen oder eines ergotherapeutischen Modells tun, stellt die Beobachtung das Mittel der Wahl für Altenpfleger, Angehörige und ehrenamtliche Personen dar.
Die angebotenen Aktivitäten sollen unbedingt ein Ziel verfolgen. Eine Beschäftigung oder Aktivität, die sich selbst genügt, hält die Autorin für nicht ausreichend.
Informationen aus der Biografie der demenziell veränderten Person inclusive Kenntnissen über Rituale wird große Bedeutung zugesprochen.
Von Betreuern wird verlangt, dass sie demenzgerecht motivieren und kommunizieren können. Für beide Aspekte (Motivation, Kommunikation) werden praktische Vorschläge unterbreitet.
Auch den organisatorischen Rahmenbedingungen für Aktivitäten wird großes Gewicht beigemessen. Hier werden zu den Aspekten Gruppenzusammensetzung und –größe, Zeitplanung und Gestaltung des Gruppentraums Ausführungen gemacht.
4. Aktivitäten
Das vierte Kapitel stellt mit seinen über 80 Seiten den Kern des Handbuchs dar. Zu insgesamt acht Themenbereichen werden konkrete Aktivierungsvorschläge eunterbreitet. Die Themenbereiche sind hierbei:
- Biografiearbeit
- Gedächtnistraining
- Bewegungsangebote
- Musizieren
- Anregen der Sinne
- Kreatives Gestalten
- Aktivitäten des Alltags sowie
- weitere Angebote.
Die jeweiligen Aktivitätsangebote werden sehr praktisch vorgestellt. Neben einer Erklärung der jeweiligen Aktivität werden Ausführungen zur Durchführung und zum benötigten Material und zu der Vorbereitung gemacht.
5. Vorschläge für themenorientierte Gruppenstunden
Handelte es sich bei den im vorangehenden Kapitel vorgsetellten Aktivitäten um solche, die ohne größeren Zeietaufwand und variabel für einzelne Personen(gruppen) ausgeführt werden können, werden im fünften Kapitel Vorschläge für die themenorientierte Arbeit in Gruppen gemacht. Diese erfordern eine jeweils größere Vorbereitungszeit. Anhand von acht Beispielen, orientiert an Themenkreisen (z.B. Blumen, Tiere, Kleidung), werden sehr detaillierte Vorschläge unterbreitet.
Diskussion
Das Handbuch von Johanna Radenbach hat eine starke und eine schwache Seite. Als „stark“ kann sicherlich gewertet werden, dass mit ihm eine sehr dichte Zusammenstellung konkreter Aktivierungsvorschläge vorgelegt wird, auf die man – eben ganz im Sinne eines Handbuchs oder Nachschlagwerkes – schnell zugreifen kann. Das macht es sicherlich attraktiv für Praktiker, die Betreuungs- und Beschäftigungsangebote organisieren müssen oder denen irgendwann einmal vielleicht auch die Ideen auszugehen drohen.
Seine Schwäche teilt das Buch mit den meisten anderen Veröffentlichungen dieser Art: Es reiht Vorschläge für Aktivitätsangebote aneinander, die leicht als „Rezept“ übernommen werden können und in einem mehr oder minder konventionellen Beschäftigungskanon verbleiben. So berechtigt und erfolgreich diese auch im Einzelfall sein mögen, so wenig werden sie jedoch in Beziehung zu den folgenden, nach Ansicht des Rezensenten unerlässlichen, Fragen gestellt:
- Was sind eigentlich „sinnvolle“ Aktivitäten und wer legt fest, was als sinnvoll gilt?
- Wie soll mit Handlungen von demenziell veränderten Menschen umgegangen werden, die nicht als Aktivitäten im konventionellen Sinn (Basteln, Gedächtnistraining, Singen usw.), sondern oft als sinnleeres oder gar störendes Verhalten betrachtet werden?
- Wie können solche Impulse stärker als Ausdruck von Selbstäußerung und Eigenaktivität in den Blick der Betreuenden gerückt werden?
- Warum müssen eigentlich, wie von der Autorin gefordert, alle Aktivitätsangebote ein spezifisches Ziel haben?
Ein Handbuch muss sein Thema nicht aus allen theoretischen Perspektiven grundlegend beleuchten. Es sollte jedoch mit reflektieren, dass viele Menschen mit Demenz sich nicht durch konventionelle Aktivierungsangebote von Dritten ansprechen lassen und Gefahr laufen, in iher spezifischen Kompetenz übersehen zu werden.
Fazit
Praktikern in der Begleitung von Menschen mit Demenz kann das Handbuch von Johanna Radenbach eine wertvolle Hilfe sein – wenn sie es nicht als Rezeptbuch missverstehen und die oben genannten, als kritische Anmerkungen und gleichzeitig auch als Wunsch an noch zu schreibende Bücher gedachten, Fragen nicht aus dem Auge verlieren.
Rezension von
Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann
Geschäftsführer
Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Website
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