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Ludwig A. Pongratz: Bildung im Bermuda-Dreieck

Cover Ludwig A. Pongratz: Bildung im Bermuda-Dreieck. Bologna - Lissabon - Berlin. Eine Kritik der Bildungsreform. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. 220 Seiten. ISBN 978-3-506-76728-8. 24,90 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Es finden derzeit einige Reformen im Bildungsbereich statt, die immer wieder von der gleichen Rhetorik begleitet werden und die im selben Kontext stehen. Pongratz hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Rhetoriken zu entlarven und über verschleierte Zusammenhänge aufzuklären. Hintergrund seiner Kritik sind die Kritische Theorie und in ihrer Nachfolge stehende Erziehungswissenschaftler einerseits sowie Foucault und die von ihm initiierte Gesellschaftskritik andererseits.

Autor

Ludwig A. Pongratz ist Professor an der TU Darmstadt im Bereich Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik. Er habilitierte 1984 zu einem bildungstheoretischen Thema.

Aufbau

Das Buch enthält vier Kapitel und zwei Exkurse, sowie einen Epilog.

1. Bildung im Bermuda-Dreieck: Bologna-Lissabon-Berlin

In diesem Kapitel werden zunächst die wichtigsten bildungspolitischen Eckpunkte vorgestellt. Dies erfolgt durch die Darstellung des Bologna-Prozesses, der Lissabon-Strategie und der Entscheidungen der Berliner Regierung, die mit der Agenda 2010 der Lissabon-Strategie folgt und auch das ihrige tut, um im Bologna-Prozess mitzueifern. Bereits im ersten Kapitel spart Pongratz nicht mit kritischen Hinweisen und verweist auf die Grundproblematik der Ökonomisierung von Bildung.

2. Rolle rückwärts: Philanthropine – Gymnasien-„Glücksritterakademien“

In diesem Kapitel wird der utilitaristische Ansatz der Philanthropen dem idealistischen der Neuhumanisten gegenüber gestellt und so werden einige Parallelen, aber auch Unterschiede zur heutigen Kontroverse aufgezeigt. Es wird dargestellt, wie „Plastikwörter“ jede Hinterfragung aktueller Reformen unterbinden wollen und der Terror unablässiger Evaluationen und der Zwang zur Selbstvermarktung die Bildung und das Subjekt in Bedrängnis bringen.

3. Die Reform der Reform: Kommerzialisierung – Technologisierung – Subjektivierung

Pongratz vergleicht hier die Bildungsreform der 60er/70er-Jahre mit der aktuellen Bildungsreform. Deutlich werden Parallelen, aber auch, dass ein ehemals am Taylorismus orientiertes Bildungssystem nun eine „Transformation in Modelle[…] der Selbstorganisation“ erfährt und seine Macht damit noch mehr im Individuum selbst verankert. Wenn dennoch Bildung möglich sein soll, so muss sie sich mit den von Pongratz aufgezeigten Widerspruchslagen der Gesellschaft beschäftigen.

Erster Exkurs: Heydorn reloaded: Reformkritik gestern und heute. Hier wird die in der Tradition Kritischer Theorie stehende Auffassung Heydorns als erklärende Folie für aktuelle Tendenzen der Bildungspolitik hinzugezogen und gewürdigt.

4. Bildungsregime: Subjektivierungspraktiken – (Selbst-) Führungstechniken – Wahrheitsmaschinen

Hier wird eine eng an Foucault angelehnte Kritik an den Bildungsreformen entfaltet, die auf deren Subjektivierungspraktiken, d.h. auf die Transformation liberaler Strategien hin zur machtkonformen Selbststeuerung des Individuums abzielen. Der PISA-Test gewinnt dabei neben anderen bildungspolitischen, international wirksamen Initiativen Bedeutung durch die diskursive Festlegung von einem ökonomisch motivierten Bildungsbegriff.

Zweiter Exkurs: Fluchtgefahr: Kritik der Befreiung als Befreiung von Kritik? In diesem Exkurs wird ausgelotet, ob es Möglichkeiten gibt, aus dem allumfassenden Machtgeflecht, wie Foucault es beschreibt auszubrechen. Widersprüche lediglich einseitig auflösende Konzepte der „De-Gouvernementalisation“ werden aufgedeckt. Die Frage, wie Kritische Theorie auf der einen mit Foucault auf der anderen Seite in Verbindung gebracht werden könnte, wird (leider nur) kurz angerissen.

5. Lernen lebenslänglich: Lernende Gesellschaft – Flexibilisierung – Selbstoptimierung

In diesem Abschnitt wird der Begriff des „lebenslangen Lernens“ untersucht. Pongratz sieht hierin eine Strategie, Verantwortung auf den einzelnen abzuwälzen, dem suggeriert wird, Erfolg sei nur davon abhängig, wie effektiv man aus dem ausufernden Informationsfluss Relevantes herauszufiltern und zu verwerten vermag. „Lebenslanges Lernen“ bedeutet, heute Informationen nachzujagen, die morgen schon an Aktualität verloren haben. Die Substanz von Bildung geht verloren.

Epilog

Ein längeres Zitat verweist im Epilog auf die Idee humanistischer Bildung.

Diskussion

Bildungsphilosophie und Kritische Bildungswissenschaft scheinen zunächst nicht im Zentrum von Gesellschaftskritik zu liegen. Es ist hier jedoch unumgänglich Bildung nicht nur im Sinne von rhetorischen Fertigkeiten und argumentativ nützlichen Faktenwissen, sondern sie in ihrer permanenten Verhinderung als Bedingung der Resistenz missständiger Gesellschaftslagen zu begreifen. Wie der Versuch, Bildung zu ermöglichen, die am Prinzip der Freiheit orientiert ist, immer wieder scheitert, so muss auch notwendig gesellschaftliche Veränderung scheitern. Das Bestehende seiner Ideologien zu entkleiden, sich der aktuell besonders widrigen Umstände bewusst zu werden und im Unmöglichen Möglichkeiten zu suchen, muss Aufgabe eines Werkes sein, das sich kritisch mit bildungspolitischen Initiativen auseinandersetzt.

Fazit

Pongratz erkennt selbst, dass die unterschiedlichen theoretischen Zugänge und die sehr verschiedenen beleuchteten Aspekte rhetorisch retuschierte Nahtstellen gebildet haben. Die Verknüpfung von Foucault auf der einen und der Kritischen Theorie auf der anderen Seite gelingt ihm so nur ansatzweise. Dies bleibt jedoch der einzige Kritikpunkt am Gesamtwerk. Es erweist sich als Steinbruch analytischer Einzelleistungen, die historische Aspekte, einzelne Begrifflichkeiten ebenso wie die Gesamtperspektive aufgreifen. Plastische Metaphern erfreuen zudem immer wieder beim Lesen. Pongratz stellt heraus, dass sowohl die Kritische Theorie als auch Foucault keine einfache, positiv gewandte Auflösung der von ihm in aller Deutlichkeit herausgearbeiteten Problemlagen zulassen. Ohne die Aporien zu übergehen sucht er dennoch nach Auswegen und hinterlässt den Leser weder in einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, noch mit einem todsicheren Rezept. Dass die Suche nach Bildung, die nicht in Macht verstrickt oder zur Halbbildung verkommen ist, kaum vollendet werden kann und dennoch nicht sinnlos ist, könnte das Fazit des Buches sein.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 13.07.2009 zu: Ludwig A. Pongratz: Bildung im Bermuda-Dreieck. Bologna - Lissabon - Berlin. Eine Kritik der Bildungsreform. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. ISBN 978-3-506-76728-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7424.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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