socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Volker Kraft: Pädagogisches Selbstbewußtsein

Cover Volker Kraft: Pädagogisches Selbstbewußtsein. Das Konzept des "Pädagogischen Selbst". Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. 292 Seiten. ISBN 978-3-506-76732-5. 28,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Immer wieder neu wird die Frage gestellt, was denn nun eigentlich die Pädagogik gegenüber anderen Wissenschaften ausmacht. Soziologie, Psychologie und Philosophie sind Fächer, deren Erkenntnisse sich für pädagogische Überlegungen ebenso fruchtbar erweisen, wie sie bisweilen die Grenzen der Disziplin verschwimmen lassen. Außerfachliche Kontroversen wie der Positivismusstreit oder politische Tendenzen beeinflussten die Pädagogik immer in besonderem Maße und mangelnde fachliche Identität und fachliches Selbstbewusstsein lassen sie auch aktuell relativ leicht zum Spielball werden. Hinzu kommt die Ausdifferenzierung in viele Bindestrich-Pädagogiken, die dennoch unter dem Dach der Gesamtdisziplin vereinigt werden sollen. Der Autor unternimmt nun einen erneuten Versuch mit Hilfe des Begriffs des “Selbstbewusstseins” die sich wandelnde Identität des Faches neu auszumachen. Systemtheorie und Psychoanalyse bilden dabei zwei verschiedene theoretische Werkzeuge, die dieser Aufgabe dienlich sein sollen.

Aufbau

Das Buch besteht aus 14 für sich abgeschlossenen Aufsätzen des Autors und einer Einleitung (A). Die Aufsätze sind den Oberkategorien B bis D zugeordnet. Im folgenden soll knapp der Inhalt jedes Aufsatzes zusammengefasst werden.

A. Das Thema

1. Pädagogisches Selbstbewusstsein

Hier wird eine Zusammenführung der unterschiedlichen Aufsätze versucht, die alle auch das Problem erziehungswissenschaftlicher Identitätsfindung behandeln oder in einem Bezug dazu stehen.

B. Biographie und Theorie

2. Psychoanalyse pädagogischen Denkens am historischen Beispiel: Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Hier wird eine interessante Verknüpfung zwischen der Biographie Pestalozzis und seiner späteren Tätigkeit als Pädagoge hergestellt. Indem das Kindheitstrauma der “versagenden Mutter” Pestalozzis in der Methode, die auf der Entdeckung der “Mutterliebe” und “Mütteraufmerksamkeit” als wichtigste erzieherische Kraft setzt und in seinen Schriften immer wieder für Pestalozzi unbewusst zu Tage tritt, muss dieser sich nicht seiner eigenen Tragik stellen. Da die Identität des Faches der Pädagogik nicht zuletzt auch an der historischen Person Pestalozzis aufgerichtet wird, hat eine solche aufdeckende Analyse auch Konsequenzen für das Fach als solches.

3. Methodische Probleme der psychoanalytischen Biographik. Hier zeigt der Autor genauer auf, wie eine psychoanalytisch orientierte biographische Forschung zu bewerkstelligen wäre und macht insbesondere auf die Fehlerquelle des Interpreten selbst aufmerksam, die er darstellt, wenn er die Psychoanalyse als rigide Heuristik betrachtet, die immer zu einer eindeutigen Lösung führt oder sich zu vulgärpsychoanalytischen Überinterpretationen hinreißen lässt.

4. Möglichkeiten und Grenzen der Psychoanalyse für eine qualitative Wissenschaftsforschung der Pädagogik. Hier macht Kraft noch einmal die Bedeutung eines psychoanalytischen Ansatzes deutlich, wie er seinen Anfang für die Pädagogik bereits bei Bernfeld nahm. Die Psychoanalyse, die genuin auch Kultur- und gesellschaftskritisch angelegt war, stellt zugleich ein wichtiges Instrument dar den Prozess von “Erziehung” zu sezieren und könnte es der Pädagogik ermöglichen, dilemmatische Strukturen ihres Forschungsgegenstandes besser zu erfassen.

C. Phänomene der Allgemeinen Pädagogik

5. Operative Triangulierung und didaktische Emergenz: Zur Zeigestruktur der Erziehung. Der Autor führt nun ein zentrales Kernelement erzieherischen Handelns ein: Die Triangulierung bei der didaktischen Zeigestruktur, die sich aus den drei Elementen Kind, der andere und Welt ergibt.

6. Kränkungen in Lern- und Lehrprozessen. Hier wird auf einen Aspekt des Lernens aufmerksam gemacht, der meist wenig Beachtung findet. Lernen ist immer mit einem narzisstischen Kränkungspotential durch das Bemerken der eigenen Unzulänglichkeit verbunden, das entweder überwunden werden kann oder bei Scheitern einer Aufgabe als Kränkung zurückbleibt.

7. Erziehung zwischen Ausdifferenzierung und Entdifferenzierung (am Beispiel der Ganztagsschule). Die Ganztagsschule wird hier verstanden als “organisierte Entdifferenzierung”, da sie Aufgaben sowohl der Schul- als auch der Sozialpädagogik übernimmt.

8. Unwissenheit schmerzt nicht oder: Gesundheits- und Erziehungssystem in vergleichender Perspektive. In diesem Aufsatz betrachtet der Autor das Gesundheits- und Erziehungsystem und nimmt vor allem die Systemtheorie nach Luhmann als Mittel, um mit der Untersuchung struktureller Parallelen und komplementärer Aspekte beider Systeme die gesellschaftliche Funktion des Erziehungssystems schärfer herauszuarbeiten.

D. Das Formproblem der Erziehung am Beispiel der Beratung

9. Probleme einer pädagogischen Theorie der Beratung. Beratung ist ein wichtiges Aufgabenfeld der Pädagogik geworden. Kraft verweist auf die auch der Beratung zugrundeliegende didaktische Form und auf die problematische Tendenz der Erziehungswissenschaft, den emotionalen Bezug zum Klienten dem theoriegeleiteten Handeln überzuordnen.

10. Beratung. Der Autor geht hier auf die Phänomenologie von Beratung ein, die einen “Ernstfall” des Lernens darstellt und auf Entwicklungen bei der Professionalisierung von Beratung.

11. Beratung als Form der Erziehung. Hier wird der Versuch unternommen, das Spezifikum von Beratung im erziehungswissenschaftlichen Kontext herauszuarbeiten. Es wird dafür wieder auf die bereits vorher beschriebene Zeigestruktur in der Pädagogik verwiesen, wobei Beratung eine der vor allem in primären Sozialisation stattgefundenen Erziehung nachgeordnete “Selbst-Erziehung” initiieren soll

.E. Das Disziplinproblem der Pädagogik

12. Über Schwierigkeiten der Pädagogik, nicht populär zu sein. Dieser Text läuft darauf hinaus, die Didaktik als Kern der Erziehungswissenschaft zu verstehen, also alles, was der “Zeigestruktur” entspricht, didaktisierbar ist, auch als Gegenstand der Erziehungswissenschaft zu betrachten, um so nach Innen auf eine stabile Identität vertrauen und nach außen Wirksamkeit vorweisen zu können.

13. Standardisierung zwischen Wissenschaft und Organisation. Erneut kommt Kraft in diesem Beitrag darauf zu sprechen, dass sich die Erziehungswissenschaft auf ihr Proprium, die Didaktik, konzentrieren solle, um zu einer Lösung ihres Identitäsproblems zu gelangen und dilemmatische Spannungen zu entschärfen, wie auch um ihre gesellschaftliche Funktion festzulegen.

14. Erziehung im Schnittpunkt von Allgemeiner Pädagogik und Sozialpädagogik. Hier wird speziell das Problem behandelt, wie mit den Emanzipationsbestrebungen der Sozialpädagogik umzugehen sei. Da sich die Erziehungswissenschaft auf ihren genuinen Gegenstand, die Erziehung konzentrieren solle, wäre es eventuell zu erwägen, ob die soziale Arbeit, die nach dem Durchlaufen des Erziehungssystems stattfindet, als eigene Wissenschaft etabliert werden kann. Dies bleibt jedoch eine offene Frage.

15. Erziehung zwischen Funktion und Reflexion oder: Die Erziehung der Erziehungswissenschaft. Hier geht es vor allem um die Ambivalenz funktionaler Differenzierung in der Erziehungswissenschaft. Kraft sieht eine systemtheoretische Selbstbeschreibung der Erziehungswissenschaft als Forschungsdesiderat, um dem Druck weiterer Differenzierung von außen und innen sinnvoll begegnen zu können. Eine Rückbesinnung auf das Proprium der Erziehungswissenschaft und eine Stärkung der Allgemeinen Pädagogik wäre von Nöten.

Diskussion

Der Autor versucht mittels Systemtheorie und Psychoanalyse, dem Kern des Faches auf den Grund zu gehen. Die Systemtheorie soll dazu beitragen, die gesellschaftliche Funktion der Pädagogik zu analysieren, die Psychoanalyse soll auf problematische Implikationen hinweisen, die insbesondere bei der unhinterfragten Stützung der Fachidentität auf einzelne Koryphäen bestehen, jedenfalls solang deren biographischen Ursachen bestimmter Theorieaspekte unaufgedeckt bleiben. Die Psychoanalyse kann weiterhin dazu beitragen, Ambivalenzen bei pädagogischen Themen wahrzunehmen, ohne sie sogleich einseitig aufzulösen. Ein weiteres wichtiges Element bildet nach Kraft die “Zeigestruktur”, also die didaktische Beschaffenheit der Erziehungswissenschaft, um einer Verwischung der disziplinären Grenzen entgegenzuwirken. Ob diese Lösung nicht zu simpel ist, bleibt hierbei ein wenig als Frage zurück, auch wie sie sich insbesondere mit dem psychoanalytischen Ansatz “vertragen” kann. Es fehlt ein wenig der “rote Faden” den der Autor in der Einleitung zu knüpfen versucht. Dieser scheint sich jedoch ein wenig serpentinenhaft durch die verschiedenen Aufsätze zu schlängeln, was bei der Zielsetzung, eine “runde“ Lösung für das Identitätsproblem zu finden, ein wenig kontraproduktiv erscheint. Dies schmälert jedoch nicht den Gehalt der Aufsätze jeweils für sich genommen.

Da die einzelnen Abschnitte abgeschlossene Einheiten darstellen, muss das Buch nicht von vorne bis hinten gelesen werden, sondern kann auch als eine Art Fundgrube genutzt werden. Es findet sich auch ein längerer Abschnitt in zwei verschiedenen Aufsätzen, was im Kontext der Einzelaufsätze aber auch angemessen sein mag.

Fazit

Das Buch liefert viele interessante Denkanstöße und analytische Einsichten und verwendet dabei verschiedene theoretische Zugangswege zur Grundproblematik. Es mangelt zwar daher ein wenig an Kohärenz, jedoch handelt es sich auch zweifelsohne um ein wertvolles Werk, da vielfach neue und überraschende Sichtweisen ermöglicht werden.


Rezension von
Dr. Lena Becker
E-Mail Mailformular


Alle 43 Rezensionen von Lena Becker anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 22.01.2010 zu: Volker Kraft: Pädagogisches Selbstbewußtsein. Das Konzept des "Pädagogischen Selbst". Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. ISBN 978-3-506-76732-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7425.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung