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Ferdinand Sutterlüty, Peter Imbusch (Hrsg.): Abenteuer Feldforschung

Cover Ferdinand Sutterlüty, Peter Imbusch (Hrsg.): Abenteuer Feldforschung. Soziologen erzählen. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. 261 Seiten. ISBN 978-3-593-38768-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Ferdinand Sutterlüty und Peter Imbusch bieten mit ihrem Sammelband „Abenteuer Feldforschung“ intensive Einblicke in den ethnographischen Forschungsalltag von Soziolog/innen. Diese haben sich in die unterschiedlichsten sozialen Welten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und England vorgetastet, sie erschlossen, beschrieben und analysiert.

Herausgeber

Ferdinand Sutterlüty ist Professor für Soziologie an der Katholischen Hochschule in Paderborn sowie Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte sind soziale Ungleichheit, ethnische Beziehungen, Gewalt- und Kriminalsoziologie, Religionssoziologie, Sozialtheorie und qualitative Methoden der Sozialforschung

Peter Imbusch ist Privatdozent für Soziologie an der Universität Marburg und derzeit als Gastprofessor im Sonderforschungsbereich „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“ an der Humboldt-Universität Berlin tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politische Soziologie, Sozialstrukturanalyse, Soziologische Theorie, Konflikt- und Gewaltforschung, Entwicklungs- und Kultursoziologie.

Entstehungshintergrund

Die Idee zu dem Sammelband entstand, so berichten Sutterlüty und Imbusch in der Einleitung, „als wir uns eines Nachts unter den Zedern des Teutoburger Waldes Geschichten aus der Feldforschung erzählten“ (S. 9). Der Austausch persönlicher Erlebnissen aus dem Feldforschungsalltag habe den Anlass geboten, die ethnographischen Abenteuerepisoden festzuhalten über das Unvermutete, das im Kontakt mit Menschen entstehen kann; die fremden sozialen Welten, die auf einmal vertraut werden oder vertrautes Terrain, welches sich scheinbar verfremdet; vor allem aber das Eingebundensein der eigenen Person in das beforschte Feld.

Aufbau und Inhalt

Die von den beiden Herausgebern verfasste Einleitung beschreibt den Entstehungshintergrund, gibt einen obligatorischen Überblick über die einzelnen Texte und stellt in aller kürze die Besonderheiten ethnographischer Feldforschung heraus: Der/Die Forschende begibt sich als teilnehmende Person in das jeweilige Forschungsfeld und tritt mit Menschen, Organisationen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten unvermittelt in Kontakt. Hierbei muss er/sie „chamäleongleich“ (in Anspielung auf das Titelbild: ein Chamäleon vor städtischer Kulisse auf Fliegenfang) sich einerseits dem Forschungsfeld anpassen, öffnen, Vertrauensarbeit leisten sowie sich selbst als Akteur/in eines bestimmten gesellschaftlichen Milieus zur Verfügung stellen, um dieses zu ergründen. Andererseits geht es um „Beute“, d.h. wissenschaftlich auswertbare Beobachtungen und Informationen gewinnen. Als Ziel benennen sie, ganz in der Tradition ethnographischer Feldforschung, Sinnstrukturen sozialer Welten und sozialer Realitäten mit all ihren Regeln, Erwartungen, Wahrnehmungen oder Machtstrukturen zu erschließen.

Anschließend an die Einleitung finden sich 19 Beiträge verschiedener Autor/innen, die aus ethnographischen Feldforschungprojekten entstanden sind. Inhaltlich sind die Texte sechs Rubriken bzw. gesellschaftlichen Bereichen zugeordnet, in denen die Feldforschungsabenteuer stattgefunden haben. Im Folgenden werden in aller Kürze die Inhalte der Texte umrissen:

  • Kunst und Kultur. Ronald Hitzler wirft sich in „Ro on Rave“ mit Techno-Insidern in das Partygeschehen eines Rave. Die für ihn ausgesprochen fremdartige Welt beschreibt er mit ethnographischem Detailbewusstsein und gelangt zu Überlegungen von Rave als wertfreier Teilzeit-Gemeinschaft und Individualisierungsprodukt. Winfried Gebhardt fängt in „Der fremde Stamm der Wagnerianer“ fünf Szenen in Bayreuth während der Wagner-Festspiele ein. Diese Szenen präsentiert er, bevor er sie in den Kontext von Muße, Kult und Ritual stellt und als transzendentes Erlebnis der bürgerlichen, feinen Festgäste reflektiert. Robin Celikates betritt in „Schöner Wohnen“ als Gast eine Kunstsammlung in einer Berliner Privatwohnung. Nicht nur die Filzpantoffeln werden den Gästen aufgezwungen, auch geht es um kleinbürgerliche Ressentiments gegenüber moderner Kunst sowie rollenkonforme Verhaltenserwartungen an Ausstellungsbesucher/innen.
  • Religion und Geistesleben. Katharina Liebsch setzt sich in „Gottes Werk und Wille“ der moralischen Enge einer freikirchlichen Gemeinde aus, bis sie sich letztendlich ertappt, ihr eigenes Handeln unter deren Blickwinkel zu beurteilen. Karen Körber beschreibt in „Bilder einer schwierigen Ankunft“ die Integrationsbemühungen einer jüdischen Gemeinde, welche russische Einwanderer aufzunehmen sucht. Schauplatz ist ein bizarres Aufeinandertreffen russischer, hoch-dekorierter Ex-Generäle in Uniform mit einer jungen jüdischen Gemeinde. Ferdinand Sutterlütys „Markt der Nächstenliebe“ handelt von dem Wissenschaftler „Thomas“, welcher zu „Kuchen und Kaffe hinter den Kolonaden“ aufbricht, um dort von Ehrenamtlichen als „armer Student“ klassifizierter Bedürftiger in den Genuss kirchlicher Nächstenliebe zu gelangen. Das wohltätige Image wird jedoch in Mitleidenschaft gezogen, indem die mütterlichen Christenmenschen über Sozialmissbrauch oder das unerträgliche Feilschen der Türken klagen.
  • Stadt und Etablissement. Nigel Barley unternimmt in „Absolute Spitzel-Klasse“ einen Streifzug durch London, vorbei an zahlreichen offensichtlichen sowie verborgenen Überwachungskameras der insgesamt 4,2 Millionen im Vereinigten Königreich. Der ethnographische Blick auf die Kamera gerät hier in Kontrast zum Blick der Überwachungsbänder. Norbert Gestring und Jan Wehrheim schicken in „Nosing Around“ den Journalist Tammen auf der Suche nach Urbanität in „Bremens lebendigstes Stadtviertel“ (S.105). Die auf den ersten Blick auffallenden Punks, Junkies und Obdachlosen entpuppen sich schließlich als kontrolliertes und akzeptiertes Relikt vergangener sozialer Kämpfe um öffentlichen Raum. Roland Girtler berichtet in „Abenteuer bei Dirnen und Zuhältern“ von seiner Erforschung der Wiener Rotlichtszene, in die er von einem Zuhälter erfolgreich eingeführt und integriert wird. Die anschließenden Besuche von Prostituierten am Arbeitsplatz sind der beteiligten Universität dann doch nicht ganz geheuer.
  • Heimstatt und Fremde. Sophia Pick gibt in „Gefühlte Integration“ ein Gespräch zweier feministischer Freundinnen wider, die sich über die (Nicht-)Integration türkischer Frauen in Berlin-Kreuzberg unterhalten. Die Freundinnen stellen nicht nur selbstkritisch fest, dass sie selber über keinerlei Kontakte zu Türkinnen verfügen, sondern konsumieren auch – entsprechend dem Kreuzberger Akademikerinnen-Klischee – gemeinsam einen Joint. Jörn Lamla berichtet in „Der digitale Basar“ von seinen Erfahrungen beim Feldzugang zu Interviewpartner/innen über Online-Communities. Vor allem seine anfänglichen Misserfolge und Verstöße gegen ungeschriebene Verhaltenskodexe bringen Aufschluss über Kommunikationscodes, die weit über allgemein gängige Nettikette reichen. Ulrich Harbecke tauscht in „Kleiner Grenzverkehr“ mit einem Wohnungslosen für eine Nacht nicht nur die Rollen, sondern auch das Nachtquartier. Die Herausforderung in puncto Freundlichkeit sowie Dienstleistungsverständnis des beteiligten Luxushotels wird offensichtlich.
  • Arbeit und Ideologie. Stephan Voswinkel setzt sich in „WOW! Die amerikanische Anerkennung“ den Mitarbeitertrainings einer Hotelkette zum Thema Wertschätzung von Kunden aus. Die Ambivalenz zwischen geschäftsförderlicher Mitarbeitermanipulation und Chancen auf wertschätzende Personalentwicklung hinterlässt ein Fragezeichen. Chantal Magnin befasst sich in „Arbeitslose auf Erfolgsspur“ mit den fragwürdigen Auswirkungen eines neuen Controllingsystems auf die Beratung in Arbeitsvermittlungszentren. Warum muss ein Unternehmensberater, welcher an der Einführung des neuen Systems beteiligt war, als einziger keine messbaren Leistungen erbringen? Andreas Pettenkofer führt in „Ein Weg in die neue Bürgerlichkeit“ ein Interview mit einem Berliner Journalisten, welches seinen politischen Wandel nachzeichnet, von seiner Arbeit bei einer links-alternativen Tageszeitung hin zu einer melancholischen Neubürgerlichkeit.
  • Feld und Forschung. Doris Wohlrab, Marion Meyer-Nikele und Gertrud Nunner-Winkler beschreiben in „Die Zehn Gebote der Moralforscherinnen“ ihre eigene Arbeitsgruppenmoral und ihre kommunikativen Verständigungs- und Ermahnungsprozesse, sobald die Gefahr besteht, dass eine von ihnen aus vertrauten Strukturen brechen will oder sie gezwungen sind, forscherisches Neuland zu betreten. „Und die Moral von der Geschicht`? Wissen schützt vor Handeln nicht!“ (S. 231) Peter Imbusch tritt in „Der diskrete Charme der sozialen Distanz“ mit einem klaren Auftrag zu einem Interviewtermin an – doch was passiert, wenn der Interviewer dem aristokratischen Charme seiner ausgesprochen anmutigen Interviewpartnerin, die direkt aus den übernatürlichen Sphären der Schönheit, Geldes und Geschmacks entstiegen scheint, unterliegt? Marianne Rychner setzt sich in „Irritierende Begegnungen mit mir selbst“ einer gesundheitlichen Schnelldiagnose auf einer Gesundheitsmesse aus, welche sie zur Patientin werden lässt. Christoph Maeder wird in „Sehen, aber nicht schauen“ durch die beunruhigte Frage einer Studentin, „Können Sie denn überhaupt noch normal hinschauen?“ dazu gebracht, die Doppelrolle des Ethnographen im Feld als Beobachter sowie Teilnehmer zu buchstabieren.

Auf ein abschließendes Resümee des Sammelbandes wird verzichtet. Am Ende werden die Autor/innen in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt und der Forschungskontext für ihren jeweiligen Beitrag genannt.

Diskussion

Im Vergleich zu wissenschaftlicher Fachliteratur liest sich Abenteuer Feldforschung mit einer überraschenden literarischen Leichtigkeit. Außer in der Einleitung und bei Christoph Maeder wird darauf verzichtet, Grundlagen ethnographischer Feldforschung darzustellen, geschweige denn, theoretisch zu begründen. Aber dies ist auch nicht Sinn und Zweck dieses Sammelbandes - schließlich geht es den Autor/innen darum, genau jene ethnographischen Episoden festzuhalten, die i.d.R. in Abschlussberichten von Forschungsprojekten nicht mehr auftauchen. Gleichzeitig sind in diesem Sammelband Autor/innen vertreten, die Ethnographie durchaus bereits wissenschaftlich abgehandelt haben.

Andererseits drängt sich nach dem Lesen des Bandes, ganz in der ethnographischen Manier der Autor/innen, die Frage auf: Wie geschieht es, dass den meisten Texten anzusehen bzw. abzulesen ist, dass sie von Sozialwissenschaftler/innen verfasst wurden? Liegt es lediglich an den kontinuierlichen Zwischentönen von verstecktem soziologischem Konsens? Ist dies „narrative Soziologie“ (S. 14)? Die Auswirkungen, die langjähriges wissenschaftliches Schreiben scheinbar nach sich zieht, treten (ungewollt?) in diesen explizit „fernab von Schreibtisch und wissenschaftlicher Abhandlung“ (S. 9) geschilderten Erfahrungen deutlich zutage. Denn keiner der Beiträge verzichtet darauf, Fragestellungen aufzuwerfen oder zu reflektieren, die von sozialwissenschaftlicher Bedeutung sind, ob es nun bei Ronald Hitzler um das „ambivalente Dasein unter Individualisierungsbedingungen“ (S. 28) oder bei Katharina Liebsch um ein „Garfinkel‘sches Krisenexperiment“ (S. 65) geht. Zu einer inhaltsreichen Ethnographie bedarf es folglich doch einiges mehr, als – wie von der Frankfurter Rundschau angenommen – „etwas Neugier und die Begabung, sich überraschen zu lassen.“ (Rezension der FR vom 25.11.2008)

Fazit

Die Beiträge des Sammelbandes, die allesamt soziale „Abenteuer um die Ecke“ beschreiben, entpuppen sich nicht nur als exotische, unterhaltsame oder skurrile ethnographische Episoden, sondern gleichzeitig als aufschlussreiche und anschlussfähige Beispiele von Feldforschung. Somit liefert der von Soziolog/innen verfasste Sammelband „Abenteuer Feldforschung“ auch für Sozialwissenschaftler/innen, Pädagog/innen und Politikwissenschaftler/innen einen unkonventionellen, lebendigen Einblick in die Erforschung sozialer Welten.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Iris Männle
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Zitiervorschlag
Iris Männle. Rezension vom 12.03.2009 zu: Ferdinand Sutterlüty, Peter Imbusch (Hrsg.): Abenteuer Feldforschung. Soziologen erzählen. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-593-38768-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7426.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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