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Anja Ranscht: Quantifizierung [...] der Gesundheitswirtschaft

Cover Anja Ranscht: Quantifizierung regionaler Wachstums- und Beschäftigungseffekte der Gesundheitswirtschaft - am Beispiel ausgewählter Metropolregionen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. 307 Seiten. ISBN 978-3-939069-83-6. D: 44,95 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 78,00 sFr.
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Thema

In vielen gesundheitsökonomischen Publikationen wird vom Megatrend und Wachstumstreiber Gesundheitswirtschaft geschrieben, denn trotz zahlreicher Unsicherheiten heutzutage bleibt der Gesundheitsmarkt – mit bundesweit ca. 4,2 Mio. Arbeitsplätzen - ein stabiler Wachstumsmarkt. In den HealthCapital Papers, Schriftenreihe der Gesundheitsregionen Berlin-Brandenburg (Hrsg.: Günter Stock) hat die Autorin diese oft propagierte Wachstumsidee der Gesundheitswirtschaft einer empirischen Überprüfung unterzogen. Im Zuge der Etablierung von bundesdeutschen Gesundheitswirtschaftsregionen – die durch die BMBF-Ausschreibung „Gesundheitsregionen der Zukunft“ in den Mittelpunkt vieler versorgungspolitischer Diskussionen gerückt ist – ist auch das Thema der vergleichenden Metropolen von Interesse. So soll die folgende zentrale Fragestellung der Arbeit beantwortet werden: „Gibt es regional unterschiedliche Wachstums- und Beschäftigungseffekte in der deutschen Gesundheitswirtschaft und wenn ja, auf welche Einflussfaktoren lassen sich diese zurückführen?“ Als Metropolregionen werden in der Analyse die überdurchschnittlich gewachsenen Regionen Berlin/ Brandenburg, Halle/ Leipzig- Sachsendreieck, Rhein-Main sowie Hamburg (Daten von 1996- 2005) berücksichtigt.

Autorin

Die Autorin veröffentlicht mit diesem Werk ihre Dissertation, die an der Universität Darmstadt, Fachbereich Finanz- und Wirtschaftspolitik, Prof. Bernt Rürup, entstanden ist. Rürup und auch Eberhard Wille (Mannheim) widmen diesem Buch ein kurzes Vorwort und betonen neben der Aktualität des Themas auch das „methodische Neuland“, an das sich die Autorin innerhalb der gesundheitspolitischen Debatten gewagt hat.

Aufbau und Inhalt

Nach einer knappen Einleitung mit Hinführung und kurzer Skizzierung der sieben Kapitel, folgt zunächst im zweiten Kapitel eine Analyse der „Regionalen Wachstumsbetrachtung der Gesundheitswirtschaft“. Dazu gehören Begriffsdefinitionen, das Konzept und die Funktion von Metropolregionen und typische interne und externe Determinanten regionalen Wirtschaftswachstums, (z.B. med.-techn. Fortschritt, demographische Entwicklung, Wirtschaftsstruktur), die wechselseitige Wirkungen herbeiführen können. Dabei wird betont, dass die bloße Darstellung des Gesundheitsbereichs als „reiner Kostenfaktor“ jedoch zu kurz greift, sondern er „vielmehr als produktiver „wertschöpfender“ Teil der deutschen Volkswirtschaft betrachtet“ werden sollte. Um einen theoretischen Rahmen der räumlichen Disparitäten darzulegen, werden zudem angebotsseitige Erklärungsansätze vorgestellt und in Bezug zur Branche gesetzt.

Das dritte Kapitel widmet sich der „Datenlage in Deutschland“ und zeigt auf der einen Seite die Gesundheitsberichterstattung/GBE des Bundes auf, die entscheidende statistische Themenfelder vorlegt. Auf der anderen Seite wird die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung/VGR hinzugezogen, die die Basis des Wertschöpfungsansatzes bildet und in dem gesamten Konzept des Buches ermöglicht, sie mit den Daten der GBE zu verknüpfen. Die Idee der VGR-Kategorien ist allerdings nicht neu, um die Gesamtwirkungen der Gesundheitswirtschaft im volkswirtschaftlichen Kreislauf erkennbar zu machen. Lobenswerterweise endet das Kapitel mit einem Zwischenfazit. Es gibt für fachfremde Leser kurz und verständlich wieder, welche Rolle die Gesundheitsausgabenrechnung, die Krankheitskostenrechnung und die Gesundheitspersonalrechnung der GBE des Bundes spielen, um bereits einen wichtigen Schritt zu einer erweiterten Betrachtung der Gesundheitswirtschaft zu unternehmen und darüber hinaus zu erklären, welche konzeptionellen und methodischen Unterschiede zur VGR bestehen. Es wird offensichtlich, dass die Daten des GBE nicht ausreichen, um Wachstums- und Beschäftigungseffekte für regionale Faktoren zu berechnen.

Damit erfolgt im vierten Kapitel ein knapper Stand der wissenschaftlichen Diskussionen zum Thema. Es werden relevante Publikationen analysiert, in denen auch die Regionalstudien von Hilbert et al. und Kollegen des IAT in Gelsenkirchen sowie von Henke et al. und Kollegen der TU Berlin nicht fehlen.Im Hinblick auf Regionen und auch Wirtschaftszweige – so wird durchgehend begründet - kann allerdings die Verwendung des Wertschöpfungsansatzes hilfreich und ein Rückgriff auf die Bruttowertschöpfung, Erwerbstätigenzahlen und Arbeitsproduktivitäten ergänzend von Nutzen sein.

Genau dieser Argumentationsstrang wird im fünfen Kapitel beschrieben sowie die Methodik des Wertschöpfungsansatzes explizit dargelegt, indem insbesondere die Kennzahlen für die Gesundheitswirtschaft der Metropolregionen hinsichtlich der Erwerbstätigenzahlen als Beschäftigungsindikator verdeutlicht werden. Aber auch einige Vorteile und Berechnungsfolgen des Wertschöpfungsansatzes kommen zum Tragen. Rekurriert wird hier, wie auch an anderen Stellen des Buches, auf Ostwald (2009), der - ebenfalls als ehemaliger Promovend in Darmstadt: „Wachstums- und Beschäftigungseffekte der Gesundheitswirtschaft in Deutschland“ - den Wertschöpfungsansatz analysiert hat und der einen Abgleich des Ansatzes mit den gängigen Statistiken des GBE des Bundes erstellte.

Bevor im siebten Kapitel die genauen Effekte der Beispielregionen gründlich erklärt werden, stellt der sechste Abschnitt die regionalen und ökonomischen Gegebenheiten mit graphischen und tabellarischen Übersichten dar. Welche enorme Bedeutung der Gesundheitswirtschaft für die deutsche Volkswirtschaft zukommt, wird auch dadurch unterstrichen, dass einige Teilbereiche der Gesundheitswirtschaft – im Vergleich zu anderen Branchen – kaum negativen globalen Trends unterliegen. Die dezidierten Betrachtungen der Regionaleffekte, mit Gegenüberstellungen, Gemeinsamkeiten und Trends, machen z.B. klar, welche Unterschiede in Bezug auf die Beschäftigungszahlen im stationären und ambulanten Versorgungsbereich herrschen. Nicht ausgesprochen überraschend im Ergebnis zeigt sich, dass „den Metropolregionen Berlin-Brandenburg und Rhein-Main der Gesundheitswirtschaft eine – im Vergleich zu Deutschland – überdurchschnittliche Bedeutung zukommt, während die Branche in Hamburg und in den Regionen Halle/Leipzig-Sachsendreieck unterdurchschnittlich vertreten ist“.

Zielgruppen

Wer sich tiefer mit dieser prosperierenden Branche der Gesundheitswirtschaft auseinandersetzen möchte und Interesse hat, einige Daten der GBE des Bundes unter anderen Vorzeichen zu berechnen sowie den Wertschöpfungsansatz als Werkzeug für die Berechnungen hinzuzuziehen, der wird Gefallen an dem Buch finden. Es bietet zudem wertvolle konzeptionelle Hinweise für Kenner der Branche, zahlreiche ergänzende Hintergrundinformationen und ggf. auch neue Aspekte in Richtung hoffnungsträchtiger Clusterbildung.

Fazit

Der beschriebene wirtschaftszweigspezifische Regionalvergleich für vier Metropolregionen nutzt sehr anschaulich die Kennzahlen der VGR, um auf die vielgepriesene Wachstums- und Beschäftigungsherausforderung in der heterogenen Gesundheitswirtschaft einzugehen. Von daher vervollständigt das Buch einen Bedarf und trifft den Zahn der Zeit.

Unter formalen Aspekten fällt auf, dass zwar nicht alle angegebenen Autoren im Verzeichnis wiederzufinden sind, die kommentierten Abbildungen und Grafiken aber eine gute Unterstützung beim Lesen bieten und besonders Wissenschaftlern und Studierenden der Branche dieses zukunftsträchtige Thema Freude bereiten und kritisch diskutiert werden wird.


Rezension von
Prof. Dr. Johanne Pundt
Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft GmbH, Dekanin Fachbereich Gesundheitsökonomie
Homepage www.apollon-hochschule.de
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Zitiervorschlag
Johanne Pundt. Rezension vom 05.01.2011 zu: Anja Ranscht: Quantifizierung regionaler Wachstums- und Beschäftigungseffekte der Gesundheitswirtschaft - am Beispiel ausgewählter Metropolregionen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. ISBN 978-3-939069-83-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7427.php, Datum des Zugriffs 27.01.2022.


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