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Frank Häßler (Hrsg.): Das ADHS-Kaleidoskop

Cover Frank Häßler (Hrsg.): Das ADHS-Kaleidoskop. State of the art und bisher nicht beachtete Aspekte von hoher Relevanz. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. 196 Seiten. ISBN 978-3-939069-66-9. D: 29,95 EUR, A: 30,85 EUR, CH: 52,30 sFr.
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Autoren

Der Herausgeber Prof. Dr. med. Frank Häßler ist Klinikdirektor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Medizinischen Fakultät Universität Rostock. Bis auf wenige Ausnahmen rekrutierte der Herausgeber den Großteil der weiteren Autoren aus seinem direkten Umfeld, der Universitätsklinik Rostock.

Thema und Entstehungshintergrund

Der rezensierte Band fasst die Vorträge eines ADHS-Symposiums, das im April 2007 in Rostock gehalten wurde, zusammen. Anspruch des Symposiums und somit auch der Veröffentlichung sei „viele relevante Fragen auf der diagnostisch-therapeutischen Seite, bei den am Gesamtbehandlungskonzept beteiligten Kooperationspartnern und den Betroffenen und Angehörigen“ (S. VII) die offen blieben, zu klären. Die bearbeiteten Themen kämen „in fast allen Standardwerken zu kurz“ (ebd.). Das „ADHS-Kaleidoskop“ solle dem Leser die Möglichkeit bieten, über den so genannten "Tellerrand“ zu schauen und sich fundiert über die zahlreichen Facetten von ADHS zu informieren.

Aufbau und Inhalt

Die Themen des Symposiums werden in folgender Reihenfolge abgearbeitet:

  1. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen – State of the Art (Prof. Dr. Dr. T. Banaschewski).Hier beschreibt der Autor vor allem die „State of the Art“ der medikamentösen Behandlung. Auf psychotherapeutisches Vorgehen und Elternberatung wird nur am Rande eingegangen.
  2. ADHS und umschriebene Entwicklungsstörungen (Prof. Dr. med. W. von Suchodoletz). Umschriebene Entwicklungsstörungen gehen häufig mit ADHS einher. Der Autor beschreibt, warum dies so ist und wie Erfolg versprechend eine medikamentöse Behandlung ist.
  3. ADHS und Bindung (Dr. rer. nat. U. Schulze). Es gebe keinen kausalen Zusammenhang zwischen Bindung und der ADHS-Manifestation. Dennoch sei eine stabile Bindung wichtig um eine günstige Prognose zu gewährleisten und vor allem einer dissozialen Entwicklung vorzubeugen. Insofern seien Elterncoachings, wie sie lt. Leitlinien gefordert werden, ein unverzichtbarer Bestandteil einer ADHS-Therapie.
  4. ADHS und bipolare Störungen im Kindes- und Jugendalter (PD Dr. med. H. Braun-Scharm). In der aktuellen Literatur wird immer häufiger ein fraglicher Zusammenhang zwischen ADHS und bipolarer Störung diskutiert. Der aktuelle Diskussionstand wird vorgestellt. Die Kontroverse sei bislang noch ungelöst.
  5. ADHS und KISS-KIDD-Syndrom (PD Dr. med. J. Buchmann). Das nicht unumstrittene Konzept des KISS-/KIDD-Syndroms wird im Zusammenhang mit Erklärungsmodellen hyperkinetischen Verhaltens diskutiert. Auf die Kontroverse dieser Diagnose (vgl. beispielsweise Publikationen in der „Laienpresse“ ) geht der Autor nicht näher ein. Den Zusammenhang und die damit verbundene Prognose in der Therapie einer hyperkinetischen Störung diskutiert er jedoch kritisch.
  6. ADHS und Epilepsie (Prof. Dr. med. C. Ettrich). Beide Krankheitsbilder träten häufig gemeinsam auf. Diesem Umstand werde in der Fachliteratur immer noch zu selten Rechnung getragen. Eine Behandlung mit Methylphenidat erhöhe entgegen der häufigen Befürchtungen nicht die Anfallsgefahr.
  7. ADHS und Sucht Prof. Dr. med. F. Häßler Menschen mit ADHS seien deutlich gefährdeter, süchtig zu werden. Entgegen der Laienmeinung habe sich die durchschnittliche Mediennutzung nicht erhöht. Zudem sei Suchtgefahr kein Ausschlusskriterium für die Behandlung mit Methylphenidat (was als Argument für eine Medikation mittels Atomoxetinpräperaten immer wieder argumentativ verwendet wird).
  8. ADHS und Teenager-Mutterschaft (Dr. med. S. Bohne-Suraj &Dr. phil. O. Reis). Da an ADHS erkrankte Mädchen per Definitionem Probleme der Impulskontrolle haben, komme es häufiger zu ungeschütztem Verkehr und in der Folge zu unerwünschten Schwangerschaften. Die Autoren propagieren die „Babybedenkzeit“, in der junge Mädchen auf die Folgen früher Elternschaft vorbereitet werden.
  9. ADHD und Elternarbeit (Dr. med. C. Göhre, A. Lohrmann-Haase & J. Dollek). Bei der Elternarbeit handelt es sich um den wichtigsten Teil der Therapie hyperkinetischer Störungen. Die Autoren stellen ein Elternschulungsprogramm, das in der Tagesklinik der Klinik Rostock implementiert wurde, vor. Bei der Auswertung handelt es sich nicht um eine klinische Studie. Die Daten sind lediglich deskriptiver Natur und erheben vor allem die Zufriedenheit der Eltern mit der Behandlung.
  10. ADHS und Jugendhilfe (Prof. Dr. med. J. M. Fegert). Dieser anspruchsvolle Artikel setzt sich intensiv mit Möglichkeiten und Rahmenbedingungen der Antragsstellung zur Jugendhilfe auseinander. Ein wichtiges Thema mit hoher Relevanz für alle Betroffenen.
  11. ADHS im forensischen-psychiatrischen Kontext (J. Engel, M. Neumeyer, PD Dr. med. E. Habermeyer & Prof. Dr. med. D. Schläfke). Menschen mit ADHS sind gefährdet, eine dissoziale Entwicklung zu nehmen. Diese Tatsache hänge weniger direkt kausal mit dem Vorliegen eines ADHS zusammen, als vielmehr mit sozialer Prägung durch das soziale Umfeld. Insofern sei es immens wichtig, einen ADHS frühzeitig zu diagnostizieren und angemessen zu behandeln.
  12. HKS/ADHS und rechtliche Aspekte (Prof. Dr. med. F. Häßler, Dr. phil. O. Reis, PD Dr. med. J. Buchmann & Dr. med. S. Bohne-Suraj). Wie bereits im vorangegangen Artikel wird auf den Zusammenhang zwischen ADHS und einer delinquenten Entwicklung hingewiesen. Es gebe international immer noch keine einheitliche Rechtsprechung. Zum Teil wirke sich die Diagnose ADHS strafmindernd, manchmal strafverschärfend aus.
  13. Adulte ADHS und Persönlichkeitsstörungen (Dr. med. V. Habermeyer, PD Dr. med. E. Habermeyer & Prof. Dr. med. S. Herpertz). Dass sich ADHS nicht „auswachse“ sondern vielmehr in mindestens einem Drittel der Fälle auch im Erwachsenenenalter persistiere, ist mittlerweile bekannt. Problematisch ist traditionell immer noch die diagnostische Abgrenzung zu den Persönlichkeitsstörungen. Die Autoren heben hervor, dass es sich hinsichtlich der Therapie (medikamentös und psychotherapeutisch) lohne, hier differenzialdiagnostisch genauer hinzusehen.
  14. Substanzgebundene Alternativen in der Therapie des ADHS (Prof. Dr. med. F. Häßler). Der Herausgeber fasst hier die aktuelle Studienlage zur medikamentösen Behandlung der ADHS zusammen. Die Behandlung mit Methylphenidat (oder Atomoxetin) sei immer noch die Behandlung der Wahl. Alternative Behandlungsformen zeigten entweder keine nennenswerten Erfolge (z. B. homöopathische Behandlungsformen) oder sie seien der leitlinienkonformen Behandlung deutlich unterlegen. Da jedoch ca. 30% der ADHS-Patienten auf die leitlinienkonforme Behandlung nicht anspreche, lohne es sich, im Einzelfall auf alternative medikamentöse Behandlungen zurückzugreifen. Dass es sich evtl. in diesen Fällen auch um Fehldiagnosen handeln könnte, bleibt leider unerwähnt.
  15. ADHS und tiergestützte Therapie (Dr. med. C. Göhre & D. Horn). Abschließend wird kurz der Alltag des Therapiebegleithundes „Buster“ beschrieben, der sehr erfolgreich in der bereits genannten Tagesklinik in Rostock lebe.

Diskussion

Der Duden (2006) definiert ein Kaleidoskop als ein „optisches Spielzeug“, bzw. als „lebendig-bunte Bilder“. Dieser poetische Titel ist ein wenig irreführend. Lebendig oder optisch kommt das Buch nicht daher. Es handelt sich vielmehr um ein buntes Spektrum an relevanten Themen, die in der Fachliteratur in dieser Form meines Wissens nach noch nicht besprochen wurden. Da es sich um die zusammenfassende Publikation von Symposiumsvorträgen handelt, bleiben gewisse Redundanzen nicht aus; so beginnt fast jeder Abschnitt mit einer kurzen Erläuterung des Krankheitsbildes. Am Ende des Bandes hat man die Prävalenzraten ca. 15x gelesen – das schult. Qualitativ stellen sich die Artikel ebenfalls unterschiedlich dar. Einige bieten interessante Denkanstöße (tiergestützte Therapie, differentialdiagnostische Überlegungen), andere dienen der konkreten Antragsstellung (Jugendhilfe) und wieder andere verfolgen originär wissenschaftliche Ansätze. Insofern ist der Begriff „Kaleidoskop“ doch wieder zutreffend. Das ganze Buch ist sicher nicht für jeden relevant. Es sollte jedoch für jeden, der mit ADHS etwas zu tun hat, etwas dabei sein.

Zielgruppe und Fazit

Als Zielgruppe nennt der Verlag: Kinder- und Jugendpsychiater, Psychiater, Kinder- und Jugend- Psychologen, Psychotherapeuten, Soziologen, Pädagogen und Sozialarbeiter, Lehrer, Einrichtungen der Jugendhilfe, forensisch tätige Kinder- und Jugendpsychiater, Juristen (Rechtsanwälte, Staatsanwälte, Richter), Jugendgerichtshilfe, Bewährungshilfe, Kriminologen, Kriminalisten, Angehörige, Patienten. Grundsätzlich macht das Sinn, diese Liste lässt sich jedoch auch hierarchisch lesen. Das doch streng wissenschaftlich geschriebene und strukturierte Buch ist vor allem Betroffenen, Angehörigen und Lehrern nur eingeschränkt zu empfehlen. Hier bieten sich bessere Alternativen,vgl. z. B. die Rezension zu Leutzinger-Bohleber et al. 2006, die Rezension zu Neuhaus 2007, und die Rezension zu Neuy-Bartmann 2007. Den Autoren bietet der Verlag eine Publikationsmöglichkeit. Anderen Fachleuten bietet er die Möglichkeit, an dem verpassten qualitativ hochwertigen Symposium rückwirkend teilzuhaben.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Institutsleitung LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlicheverhaltenstherapie), Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 10.10.2009 zu: Frank Häßler (Hrsg.): Das ADHS-Kaleidoskop. State of the art und bisher nicht beachtete Aspekte von hoher Relevanz. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. ISBN 978-3-939069-66-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7431.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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